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Solar-Interview mit Apricum-Principal Florian Mayr: Erfolgreiche Geschäftsmodelle für die Solar-plus-Speicher-Industrie

Apricum-Chef Florian Mayr

Energiespeicher ziehen derzeit viel Aufmerksamkeit auf sich: Die Technologie entwickelt sich rasch, die Kosten sinken, und daraus ergeben sich innovative Geschäftsmodelle.

In diesem Interview erläutert Florian Mayr, Speicherexperte bei Apricum – The Cleantech Advisory (Berlin), wie die Solar-plus-Speicher-Landschaft in Europa aussieht, wo sie ihr Zentrum hat und welches die wichtigsten Erfolgsfaktoren sind.

In jeder neuen Branche entwickeln sich eine Reihe von Geschäftsmöglichkeiten für Proaktive, die bereit sind, die neuen Technologien umzusetzen. Einige Unternehmen positionieren sich bereits früh in der Solar-plus-Speicher-Industrie und fordern das traditionelle Paradigma „Stromversorger versus Kunde“ grundsätzlich heraus. Die Solar-plus-Speicher-Branche braucht langfristige rentable Geschäftsmodelle und ein klares Leistungsversprechen an den Kunden.

 

Welche Geschäftsmodelle gibt es derzeit für Photovoltaik plus Speicher in Europa?

Florian Mayr: Hier in Europa wird die Sparte hauptsächlich vom privaten Segment angetrieben. Sinkende oder auslaufende Einspeisevergütungen für selbst erzeugten Solarstrom, fallende Batteriekosten und steigende Strompreise beim Energieversorger sorgen dafür, dass der erhöhte Eigenverbrauch mittels Heimspeichern für Endkunden immer attraktiver wird.

Die Wirtschaftlichkeit kann durch zusätzliche Erlöse gesteigert werden, zum Beispiel durch die Teilnahme am Primärregelleistungsmarkt über ein virtuelles Kraftwerk oder über den Peer-to-Peer-Handel, wie ihn die deutsche Sonnen GmbH anbietet.

 

Rund 29.000 Photovoltaik-Speicher in Deutschland installiert

Mit diesem Modell und staatlicher Förderung wurden allein in deutschen Haushalten bereits rund 29.000 Photovoltaik-Speicher installiert, womit Deutschland der größte europäische Markt in diesem Segment ist. Deutsche Unternehmen wie Sonnen, E3DC und Senec sind prominente Beispiele, die von diesem Boom profitieren, aber auch internationale Akteure wie Tesla und Panasonic wollen inzwischen einen Teil des Kuchens haben.

Im europäischen Photovoltaik-Kraftwerkssegment wurden noch nicht sehr viele Speichersysteme installiert. Das bedeutet, dass die Anlageneigentümer die Vorteile der Solarstrom-Speicherung vor Ort nicht nutzen können. Und es gibt einige Vorteile: Abregelungen aufgrund von Engpässen an den Umspannwerken werden vermieden, die Produktion kann geglättet werden, so dass sie innerhalb des vorgegebenen Rahmens bleibt, oder die Stromabgabe wird einfach stabilisiert. Außerdem könnten die Solar-Speicher nachts auch Strom aus anderen Quellen aufnehmen.

Dort wo der Großhandelspreis für Strom über den Tagesverlauf erheblich schwankt, zum Beispiel wenn um die Mittagszeit sehr viel Solarstrom produziert wird, kann das Solarstrom-Angebot mit einem Speicher auf eine Tageszeit verschoben werden, wo der Preis höher ist. Auch Dienstleistungen wie die Frequenzregelung oder Netzentlastung könnten an Netzbetreiber verkauft werden. In diesem Kontext hat der britische Verteilnetzbetreiber Western Power Distribution einen EPC-Vertrag mit RES für einen Batteriespeicher mit einer Kapazität von 640 kWh abgeschlossen. Projektziel ist es, die Vorteile von dezentralen Solar-Speichern für den Betreiber/Eigentümer der Solar-Farm (in diesem Fall British Solar Renewables) und den Netzbetreiber aufzuzeigen.

 

Welche neuen Geschäftsmodelle ergeben sich aus der Verbreitung von Photovoltaik-Speicher-Systemen?

Florian Mayr: Der Anteil dezentraler Energieerzeugungs-Anlagen, die auch Photovoltaik-Speicher-Systeme beinhalten – aber zum Beispiel auch Windenergie und Elektromobilität – steigt ständig. Das eröffnet ein großes Potenzial für Unternehmen, die Dienstleistungen anbieten, die das Energiesystem flexibler machen.

Wenn es beispielsweise mehr dezentrale Anlagen zur Stromerzeugung gibt, wird deren Koordination komplexer, und es wird in der Regel schwieriger, einen zuverlässigen Netzbetrieb aufrecht zu erhalten. Die schwankende Stromerzeugung mit Photovoltaik z. B. führt dazu, dass Netze immer rascher und flexibler reagieren müssen, etwa mittels Energiespeichern oder Demand-Response-Management.

Außerdem können Branchenakteure oft große Einsparungen erzielen, indem sie das Flexibilitäts-Potenzial im Energiesystem von Unternehmen erkennen und die Interaktion dezentraler Erzeugungsanlagen, Speichereinheiten und Verbraucher entsprechend optimieren. Wenn die Gesamteffizienz gesteigert wird, kann der Strombedarf deutlich gesenkt und Stromausfälle vermieden werden.

 

„Big Data“-Software ist Voraussetzung

In beiden Fällen ist ein Netzwerk notwendig, das vorausschauend und in Echtzeit auf technische Erfordernisse, Stromverbrauch und Erzeugungsmuster reagieren kann. Idealerweise reagiert das System auf Preissignale, kauft Netzstrom, wenn der Preis am niedrigsten ist, und verkauft Solarstrom, wenn der Preis am höchsten ist.

Das Management von solchen „Big Data“ erfordert eine leistungsfähige Software, die oft als „Distributed Energy Resource Management Software” (DERMS) bezeichnet wird. Dies sind üblicherweise cloudbasierte Plattformen, die verschiedene komplexe Anlagen verbinden und deren Daten zentral oder dezentral managen können.

Während der Markt für DERMS in Nordamerika vorwiegend von Stromversorgungs-Unternehmen angetrieben wird, die Demand-Response-Systeme integrieren, zielen Startup-Unternehmen wie Blue Pillar mehr und mehr auf andere Kundensegmente ab, wie Krankenhäuser, Universitäten und Datenzentren.

In Deutschland gibt es Kiwigrid, ein Unternehmen, das Stromversorgern ermöglicht, ihren Kunden neue Dienstleistungen wie z.B. flexible Tarife anzubieten. Erst kürzlich haben BMW und Viessmann ein Gemeinschafts-Unternehmen angekündigt, um Energiemanagement-Dienstleistungen für mittelgroße Akteure in Deutschland und Österreich anzubieten.

 

Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Voraussetzungen für die weitere Verbreitung von Solar-plus-Speicher-Systemen?

Florian Mayr: Ihre Wirtschaftlichkeit muss gesichert sein. Die wichtigste Voraussetzung dafür ist, dass die Kosten auf die gesamte Laufzeit der Speicherlösung gerechnet sinken.

Mögliche Einsparungen können entlang der gesamten Wertschöpfungskette erzielt werden: Bei netzgekoppelten Großspeichern z. B. könnten die Systemkosten, die die Hardware wie Wechselrichter sowie weiche Kosten umfassen, laut einer Studie von GTM bis 2020 um 41 % sinken.

Ebenso wichtig ist es, die optimale Leistung des Energiespeicher-Systems zu sichern, was wie oben beschrieben über eine geeignete Management-Software geschehen kann.

Aus finanzieller Perspektive ist das Problem bei Solar-Speicher-Projekten, dass es noch nicht so viele Erfolgsbeispiele gibt und Finanzinstitute noch keine Erfahrung mit deren Leistungsfähigkeit, Wartung und geeigneten Geschäftsmodellen haben. Verkäufer und Entwickler solcher Vorhaben können einen Beitrag leisten, indem sie die Investitionsbedingungen verbessern: eine Standardisierung der Garantien, einen Strukturierung der Transaktionen oder Batterietests könnten dabei sehr helfen.

Neue Batteriestandards und erfolgreiche Praxisbeispiele sind ebenfalls wichtige Maßnahmen, um die Bankfähigkeit von Solar-Speicher-Projekten zu verbessern. Der Netzbetreiber GL hat erst kürzlich eine Studie zu diesem Thema im Internet veröffentlicht.

Auch günstige regulatorische Rahmenbedingungen ohne Hindernisse spielen eine Rolle beim Erfolg solcher Projekte. Zuverlässigkeit ist hier ein wichtiger Aspekt. Wie das Beispiel Deutschland vor kurzem gezeigt hat, ist ein Hin und Her bei der Fortführung der Speicherförderung extrem kontraproduktiv für einen sich selbst tragenden Speichermarkt. Behörden sollten die Vorteile von Photovoltaik-plus-Speicher-Systemen erkennen und mit einer klaren regulatorischen Struktur fördern.

Die Konferenz Monetising Solar + Storage EU (03.03.2016, Mailand) behandelt Geschäftsmodelle und Finanzierungsmöglichkeiten für netzgekoppelte Solar-Speicher-Projekte in Europa.