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Solar-Interview zum Photovoltaik-Markt in Lateinamerika mit José Ma Llopis, Senior Vice President Project Business der IBC SOLAR AG

Im Solarserver-Interview spricht José Ma Llopis (IBC SOLAR AG) über die Potenziale und Probleme der Photovoltaik-Märkte in Lateinamerika.

Schwerpunkte des Interviews sind die Einsatzmöglichkeiten der Photovoltaik in Chile, Netzintegration und Direktverbrauch sowie die Finanzierung von Großprojekten.

 

 

José Ma Llopis: Die Regierungen in Lateinamerika gehen dazu über, erneuerbare Stromerzeugungsprojekte zu fördern, insbesondere mit Solar und Wind

 

Solarserver: Herr Llopis, beim Ausbau der Solarstrom-Kapazitäten wird dieses Jahr voraussichtlich Lateinamerika mit einem Wachstum von 35 % vorne liegen. Was sind die Gründe für den verstärkten Einsatz der Photovoltaik?

Llopis
: Der steigende Energiebedarf in Lateinamerika, aber auch die Abhängigkeiten von importiertem Öl und Gas veranlassen die Regierungen dazu, eigene Stromerzeugungsprojekte, insbesondere mit Solar und Wind, zu fördern. Die neue Energie-Agenda der chilenischen Regierung sieht beispielsweise vor, dass bis zum Jahr 2025 rund 20 Prozent der verfügbaren Stromkapazität von erneuerbaren Energien bereitgestellt werden sollen.

Als eine der tragenden Säulen im Erneuerbare-Energien-Mix profitiert natürlich auch die Photovoltaik von diesem Ausbau. Grundsätzlich kann man sagen, dass durch die gesunkenen Systempreise nun die Photovoltaik für viele Politiker und Entscheidungsträger interessant wird, da es sich mittlerweile um eine sehr kostengünstige Art der Stromerzeugung handelt.

 

Solarserver: Welche Länder treiben den PV-Markt in Lateinamerika an?

Llopis: Für unser Projektgeschäft ist Chile der derzeit stärkste potenzielle Markt in Lateinamerika. Das Land verfügt über nahezu ideale Einstrahlungswerte bei gleichzeitig steigender Energienachfrage und traditionell hoher Abhängigkeit von importierten fossilen Energien. Derzeit sind 5.700 MW Photovoltaik-Leistung in Planung, die auch bereits von der chilenischen Regierung genehmigt wurden.

Für das Handelsgeschäft, also kleine und mittelgroße Anlagen, sind auch andere Länder in Süd- und Mittelamerika attraktiv – hier sind vor allem Mexiko, Peru, Brasilien und die Karibik zu nennen, wobei wir hier genau die Entwicklung beobachten. Mexiko, Peru und die Karibik sind bereits heute auch interessante Projektmärkte.

 

Solarserver: Chile kam nach Zahlen des chilenischen Zentrums für erneuerbare Energien (CER) Ende April 2014 auf eine installierte PV-Leistung von weniger als 200 Megawatt. Insgesamt wurden jedoch Projekte mit mehreren Gigawatt genehmigt. Was ist der Grund für diese Diskrepanz und den langsamen Ausbau?

Llopis: In Chile gibt es aufgrund fehlender Erfahrungswerte mit PV-Projekten bislang kaum standardisierte Finanzierungsmodelle. Der komplizierte Netzanschluss, besonders im Norden Chiles, behindert die Errichtung von PV-Kraftwerken zusätzlich. Auch gut ausgebildete technische Fachkräfte für Installation, Wartung und Instandhaltung fehlen zum Teil noch.

Ein weiterer sehr wichtiger Grund ist, dass der Bau der Vorhaben an keinerlei Endtermine gebunden ist. PV-Anlagen werden wie normale Kraftwerke behandelt und sind an recht komplexe PPA-Strukturen (Power Purchase Agreement) gebunden. Die Projekte sind meist auch recht groß, und dadurch ergibt sich ein längerer Zeithorizont bei der Realisierung bzw. Entwicklung des Projektes.

 

Solarserver: Für welche Einsatzgebiete und Wirtschaftszweige eignet sich die Photovoltaik in Chile besonders?

Llopis: Die im Norden ansässige Bergbauindustrie kann durch ihren hohen Energiebedarf besonders von Eigenverbrauchsmodellen profitieren. Die gut entwickelte Infrastruktur macht die Region besonders interessant für uns und erleichtert den Bau und die Wartung von Anlagen. Im städtischen Umfeld sind der Einzelhandel und die Lebensmittelverarbeitung ideale Zielkunden mit hohem Energiebedarf, in ländlichen Gebieten die Agrarindustrie – auch hier kommen reine Eigenverbrauchsmodelle in Frage.

Allerdings fehlt jedoch noch die politische Regelung des Netzzuganges. Grundsätzlich sind die PV-Kraftwerke als Stromerzeugungskraftwerke geplant, die über individuelle PPA-Abkommen den Strom über die Strombörse handeln. Wir erachten dies als die generelle Zukunft der Photovoltaik: Ein Markt ohne jegliche Förderung, in der sich die PV gegen alle anderen Arten der Stromerzeugung durchsetzt. Für mich persönlich ist das eine Revolution der Industrie schlechthin!

 

Solarserver: Unterscheiden sich die technischen Rahmenbedingungen von anderen Märkten, z.B. im Hinblick auf die Stromnetze?

Llopis: Das Stromnetz in Chile ist zweigeteilt, in eine Nord- und eine Südhälfte. Der Norden mit seinen großen Bergbauminen verfügt über ein autonomes Versorgungsnetz und eine Stromproduktion, die zu mehr als 90 % fossile Quellen nutzt. Der Süden verfügt über einen hohen Prozentteil erneuerbarer Energiequellen, vor allem Wasserkraft. Die chilenische Regierung bemüht sich seit einigen Jahren um eine Diversifikation im Energiemix.

Allerdings ist es eine große Herausforderung, geeignete Netzanschlusspunkte für dezentral und erneuerbar erzeugten Strom zu finden – das ist vor allem im nördlichen Stromnetz der Fall, wo mit den Minen aber gleichzeitig die größten potenziellen Abnehmer für Solarstrom ansässig sind. Man darf hier auch nicht vergessen, dass Chile ein Land mit vielen und starken Erdbeben ist. Eine nukleare Lösung scheidet dann grundsätzlich aus.

 

Solarserver: Wie werden PV-Projekte in Chile finanziert?

Llopis: Wichtige lokale Geldgeber sind so genannte Familienfonds, die in den Bau von Erneuerbare-Energien- und Kombikraftwerken in Multi-Megawatt-Größe investieren. Doch auch Direktinvestitionen internationaler Unternehmen spielen in Chile eine wichtige Rolle. Diese lassen sich relativ einfach tätigen, da es kaum staatliche Beschränkungen gibt. Wichtig ist, dass jetzt standardisierte Finanzierungsmodelle gefunden werden, die den Investoren Sicherheiten bieten.

 

Solarserver: IBC SOLAR hat kürzlich ein Vertriebsbüro in Santiago de Chile eröffnet und kooperiert mit dem dort ansässigen Energiedienstleister IMELSA. Welche Bedeutung haben Partnerschaften mit Unternehmen vor Ort?

Llopis: Unser Geschäftsmodell ist immer individuell auf die Gegebenheiten des jeweiligen Landes abgestimmt – da gehören lokale Partnerschaften zwingend dazu, im Projektgeschäft mit Entwicklern, Bauunternehmern oder Investoren, im Handelsgeschäft mit lokalen Installateuren und Händlern. Grundsätzlich braucht man einen langen Atem, um einen Markt zu bearbeiten, und die personellen Ressourcen, um langfristig Präsenz zu zeigen und die Geschäftskultur des Landes zu verstehen. Beziehungsmanagement mit Partnern und Kunden ist das A und O, um vertrauensvolle Kooperationen aufzubauen, die die Grundlage für eine langfristig angelegte Marktpräsenz bilden.

Solarserver: Herzlichen Dank für diese Auskünfte, Herr Llopis.

 

Das Interview mit José Ma Llopis führte Solarserver- Chefredakteur Rolf Hug