Im Jahr 1991, wenige Wochen nach der zweiten Wiederwahl Baakes zum Vize-Landrat in Marburg-Biedenkopf, wurde Hans Eichel (SPD) zum Hessischen Ministerpräsidenten gewählt. Er ernannte
Joschka Fischer zum Staatsminister für Umwelt und Energie. Fischer brauchte als Vize-Ministerpräsident nun einen Fachmann an seiner Seite im Ministerium. Die tägliche Kärrnerarbeit in der
Umwelt- und Energiepolitik - mit der Zuständigkeit für die Atomaufsicht - musste er seinem Staatssekretär anvertrauen: Rainer Baake, der sein Amt als Vize-Landrat von Oberhessen "mit
einem weinenden Auge" aufgab.
Atomausstieg auf Raten?
Gleich zu Beginn der rot-grünen Amtszeit mussten Fischer und Baake eine weitreichende Entscheidung treffen: die Stilllegung der Hanauer Nuklearbetriebe. Am 16. Juni wurde ein
Mitarbeiter in Hanau schwer kontaminiert. "Beim Einsetzen eines Transportbehälters mit Plutonium ist radioaktive Strahlung ausgetreten. Wir mussten den Betrieb sofort dicht machen",
sagt Rainer Baake. In dieser Zeit machte die Parole des "ausstiegsorientierten Vollzugs des Atomgesetzes" die Runde, in der CDU und bei Atomkraftfreunden. Damit war der Vorwurf an
Fischer/Baake verbunden, mit ihren Entscheidungen zu Hanau und später zum Kernkraftwerk Biblis bewusst gegen das Atomgesetz zu verstoßen. "Damals war das Atomgesetz ein Gesetz zur
Förderung der Atomenergie", sagt Baake. "Wir konnten es deshalb nicht ausstiegsorientiert vollziehen und haben es auch nicht getan. Unser Vollzug war rechtmäßig, das haben uns die
Gerichte bestätigt - denn wir haben alle Prozesse gewonnen." Genauso konsequent trat Baake für den Schutz der südhessischen Bevölkerung rund um das Kernkraftwerk Biblis ein.
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Reaktorsicherheit wurde gegen den Widerstand gewichtiger, auch finanzieller Interessen in der Atomwirtschaft groß geschrieben. Noch zu Zeiten der hessischen CDU-Regierung Wallmann wurde
ein schwerer Zwischenfall in Biblis totgeschwiegen: 1987, kurz nach der Katastrophe von Tschernobyl, wich dort radioaktives Wasser aus dem Primärkreislauf aus.Dies erfuhr die
Öffentlichkeit erst ein Jahr
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später in einem Bericht der Frankfurter Rundschau, die wiederum einen Artikel einer US-Zeitschrift zitierte. Der damalige Umweltminister Weimar (CDU) sah sich darauf hin gezwungen gegen
die RWE eine Auflage zur Behebung der Sicherheitsdefizite zu erlassen. Doch deren Umsetzung dauerte. "Verschiedene Störfälle im Kraftwerk Biblis waren Anlass, die Anlage vorübergehend
stillzulegen. Ohne lückenlose Ursachenklärung und Behebung aller Sicherheitsdefizite haben wir das AKW nicht wieder ans Netz gelassen", sagt Baake. Doch die RWE ließ nicht locker und
kämpfte für den Betrieb: "Eines Nachts musste ich auf der Bettkante die Fortdauer der Stilllegung verfügen - als der Atomkonzern die Anlage wieder hochfahren wollte." RWE klagte auf
millionenschweren Schadenersatz, um die Atomaufsicht einzuschüchtern, konnte diesen aber vor Gericht nicht durchsetzen. Das Ergebnis des rechtmäßigen Vollzugs des Atomgesetzes unter
Rot-Grün in Hessen ist die dauerhafte Stilllegung der Hanauer Nuklearbetriebe und ein neuer Standard in der Reaktorsicherheit.
Der Wiesbadener Einstieg in das Solarzeitalter
Der Landespolitiker Baake hatte nun ganz andere Möglichkeiten, die Wende hin zu erneuerbaren Energien voranzutreiben. Mit der Kraft des zu rot-grünen Zeiten finanzstärksten Bundeslandes
in Deutschland wollte die Regierung Eichel/Fischer den Wettbewerbsnachteil der erneuerbaren Energien aufheben. Groß angelegte Förderprogramme, finanziert aus der hessischen "Öko-Steuer"
- der Grundwasserabgabe - sorgten für den Aufschwung der Windkraft und der Solarthermie in Hessen. Die ersten Windkraftanlagen auf dem Vogelsberg seien zu Ausflugszielen geworden, nicht
nur der Branchenvertreter, erzählt Baake. Denn das Volk habe mitgemacht beim Einstieg in das Solarzeitalter, zum Beispiel im Landkreis Kassel: Dort wuchs die Solarkollektorfläche pro
Kopf am schnellsten in ganz Hessen und dort entstand auch einer der ersten Bürgerwindparks. Besonders stolz ist Baake auf die Gründung der HessenEnergie - einer landesweiten
Energieberatungsagentur, die das Engagement privater Investoren und der Kommunen im Lande koordiniert hat. "Mit unserer Energiepolitik haben wir zwei Wettbewerbsnachteile der
Erneuerbaren behoben: die anfänglich hohen Kosten und das Informationsdefizit", sagt Baake. So sei Hessen vorangekommen auf dem Weg ins Solarzeitalter.
Nun weiter im Bund
Im Oktober 1998, wechselte Rainer Baake von Wiesbaden nach Bonn. Denn Gerhard Schröder und Joschka Fischer bildeten die erste rot-grüne Koalition auf Bundesebene. Der neue Ressortchef
Jürgen Trittin holte Rainer Baake in das Bundesumweltministerium. Denn Baake war Experte für das grüne Topthema: den Atomausstieg. Als habe Baake den Regierungswechsel geahnt, bereitete
er vor der Bundestagswahl mit einem Expertengremium das Konzept für den Ausstieg vor (siehe unten "Eckpunkte von Baakes Ausstiegskonzept"). "Auch wenn wir bei den Laufzeiten der AKW
schmerzhafte Kompromisse schließen mussten, die Eckpunkte dieses Konzepts wurden zur Grundlage für den Atomkonsens", betont Baake. Bundeskanzler Schröder hatte in seiner ersten
Regierungserklärung den Atomausstieg als eines der wichtigsten Projekte der rot-grünen Bundesregierung angekündigt. Trittin und Baake machten sich daran, dieses Ziel zu verwirklichen.
Das frühere Fördergesetz zur Nutzung der Kernenergie hat Rot-Grün mittlerweile in ein Gesetz zu deren "geordneten Beendigung" umgestrickt (siehe § 1 Nr. 1 Atomgesetz). "Wir wollten
kürzere Laufzeiten für die Atomkraftwerke", räumt Baake ein. Doch ein Drittel des Atomausstiegs sei geschafft. Denn der Ausstieg bemisst sich nach der erzeugten Menge atomaren Stroms.
Und die Atomkraftwerke laufen zur Zeit auf Hochtouren. "Deshalb muss nach dem AKW Stade auch das AKW Obrigheim in zwei Monaten geschlossen werden. Im Jahr 2020 ist endgültig Schluss mit
der Atomenergie in Deutschland", sagt der Staatssekretär. Und ein weiteres wichtiges Etappenziel des rot-grünen Atomausstiegs rücke immer näher: Ab dem 1. Juli 2005 darf kein einziger
Brennstab mehr zur Wiederaufbereitung nach La Hague oder Sellafield gebracht werden. "Wir entziehen dem Plutoniumkreislauf dadurch seine Nahrung und beenden einen Weg der
Zwischenlagerung von Atommüll im Ausland", sagt Baake und ergänzt: "Wenn Sie aus der Kernenergie aussteigen wollen, müssen Sie zuerst den Plutoniumkreislauf stoppen. Das haben wir
gemacht."
Atomausstieg ist Voraussetzung für den Einstieg ins Solarzeitalter
Atomausstieg und Klimaschutz seien kein Widerspruch, erklärt der Umwelt-Staatssekretär das Konzept seines Hauses. Umgekehrt werde ein Schuh daraus. "Das Schlüsseljahr ist 2020", so
Baake. "Auf diesen Zeitpunkt arbeiten wir hin, denn dann wird das letzte Atomkraftwerk vom Netz gehen und dann werden wir 20 Prozent des Stroms aus Erneuerbaren gewinnen." Diese beiden
Ziele stehen im Gesetzblatt. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz sei unmissverständlich. "An die Stelle der Atomkraft treten Erneuerbare Energien und effiziente
Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen." Und ein weiteres Ziel sei gesetzlich verankert: durch den Emissionshandel werde es einen riesigen Modernisierungsschub bei den Kohlekraftwerken geben:
"Alte werden abgeschaltet, neue energieeffiziente Kraftwerke gebaut."
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Neuer Horizont: Solarstrom statt Kohle, Öl und Atom. Quelle: GEOSOL
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Vor diesem Hintergrund wirkt Rainer Baake sichtlich entspannt, wenn er mit Vorwürfen aus der Opposition konfrontiert wird, Rot-Grün habe kein abgestimmtes Energiekonzept. "Das berührt
mich nicht. Unser Energiekonzept steht bereits im Bundesgesetzblatt - mit Ausnahme des Energiewirtschaftsgesetzes, das bis zur Sommerpause novelliert werden soll." Dieses Gesetzesvorhaben
ist dem gelernten Volkswirt ein ganz besonderes Anliegen. "Nach meiner ordnungspolitischen Überzeugung führt nur Wettbewerb zu guten und effizienten Lösungen. Und fairen Wettbewerb am
Strommarkt gibt es nur mit einem diskriminierungsfreien Netzzugang für alle Marktteilnehmer. So schaffen wir Arbeitsplätze im Mittelstand. Wir brauchen eine Energieversorgung, die auf
erneuerbaren Energien und effizienten Kraftwerken in einer dezentralen, wettbewerbsorientierten Netz- und Unternehmenslandschaft aufbaut." Und niemand komme an der Tatsache vorbei, dass
noch in diesem Jahrhundert der vollständige Umstieg auf erneuerbare Energien geschafft werden muss, sagt Rainer Baake und entschwindet in das nächtliche Berlin, "um noch ein paar Akten
für morgen vorzubereiten".
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Der Staatssekretär im BMU
Beim Staatssekretär im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) laufen alle Fäden zusammen. Er entscheidet über fast alle Vorgänge, die ihm aus den sechs
Abteilungen des Ministeriums vorgelegt werden. In der Hierarchie über dem Staatssekretär befindet sich nur noch der Minister. Dieser trifft die politischen Grundsatzentscheidungen in
Absprache mit dem Staatssekretär, er vertritt das Ministerium im Bundeskabinett und in den Debatten des Deutschen Bundestags sowie gegenüber der Öffentlichkeit. Die Aufgabe des
Staatssekretärs besteht hingegen darin, die Politik des BMU nach innen zu managen. Der Staatssekretär konzentriert sich auf die tägliche Sach- und Personalpolitik des BMU.
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Die Energiepolitik des BMU
Die Energiepolitik hat im BMU vor allem in zwei Abteilungen ihren Platz:
- in der Abteilung Z, wie Zentral, hier besonders in der dritten Unterabteilung "Klimaschutz und Erneuerbare Energien", sowie
- in der Abteilung RS, wie Reaktorsicherheit.
Die Energiewende-Gesetze wie das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) und das Atomausstiegsgesetz (AtomG) werden von Referaten in den Abteilungen Z und RS betreut. Die Zuständigkeit für
erneuerbare Energien hat das BMU erst nach der Bundestagswahl 2002 vom Wirtschaftsministerium erhalten.
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Die Eckpunkte von Baakes Ausstiegskonzept
- Gesetzliche Befristung der (bis dahin unbefristeten) Genehmigungen für die deutschen Atomkraftwerke
- Verbot der Errichtung neuer Atomkraftwerke
- Ausstieg ohne Entschädigungszahlungen an die AKW-Betreiber
- Regelmäßige Sicherheitsüberprüfungen während der Restlaufzeiten
- Verzehnfachung der Versicherungspflicht für Nuklearunfälle bei unbeschränkter Haftung der Betreiber
- Beendigung der Wiederaufarbeitung von Brennstäben
- Dezentrale Zwischenlagerung der Brennstäbe an den Standorten der Atomkraftwerke
- Beendigung der innerdeutschen Atomtransporte nach Gorleben und Ahaus
Alle Eckpunkte sind nach Angaben von Rainer Baake Grundlage des Atomkonsenses geworden und in der Novelle des Atomgesetzes umgesetzt. Schmerzhafte Kompromisse hätten bei den Laufzeiten
geschlossen werden müssen. Der Atomausstieg wird laut Baake um das Jahr 2020 abgeschlossen sein.
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