Solaranlagen und Produkte der Vormonate:

08 / 2004

Stadt Traunstein setzt auf Sonnenstrom: Solargewerbepark verbindet Umweltschutz und Wirtschaftlichkeit

Solar-Pflichten sind nichts Neues: In Spanien, aber auch in Deutschland sorgen Städte und Gemeinden mit sanftem Druck dafür, dass Sonnenkollektoren zur Warmwasserbereitung auf Neubauten installiert werden. Solarverordnungen und Städtebauliche Verträge sollen die Markteinführung der Technik zur Nutzung der Sonnenenergie unterstützen. Aus gutem Grund: Solarwärmeanlagen sind ein konkreter Beitrag zum Umweltschutz und eine Möglichkeit zur lokalen Wertschöpfung. Das gilt auch für Photovoltaikanlagen. Die Umwandlung der Sonnenstrahlung in elektrische Energie mit Solarzellen hat darüber hinaus den Vorteil, das sie aufgrund der Rahmenbedingungen wirtschaftlich ist. Und die Module auf Dächern oder an Fassaden bringen einen hohen Image-Gewinn, denn 80 Prozent der Bürger - glaubt man den Umfragen - wünschen sich, dass die Sonne zum Energielieferanten Nummer Eins wird.

Solarstromanlage (69 kWp) im Solargewerbepark "Die Kaserne" in Traunstein.
Solarstromanlage (69 kWp) im Solargewerbepark "Die Kaserne" in Traunstein. Quelle: Planungsgruppe Strasser + Partner GbR Traunstein.

Die bayerische Stadt Traunstein in der sonnenreichen Ferienregion Chiemgau weiß um das positive Image, aber auch um die ökologischen und beschäftigungspolitischen Effekte der innovativen Solarstromtechnik. Da ist es nur konsequent, der Photovoltaik in der kommunalen Umwelt- und Energiepolitik Vorrang einzuräumen. Bei der Umwandlung eines ehemaligen Militärareals spielt die Solarstromproduktion eine zentrale Rolle: "Neben der Nutzung des ehemaligen Kasernengeländes, der Prinz-Eugen-Kaserne, ist uns bei diesem städtebaulichen Vorhaben nicht nur der Erhalt eines prägenden Lindenbestandes ein zentrales Anliegen sondern auch die Photovoltaik", so Traunsteins Oberbürgermeister Fritz Stahl. "Der neue Gewerbepark soll ein zukunftorientiertes Image bekommen, von dem die Betriebe profitieren", so das Stadtoberhaupt weiter.

Notiz September 2009:
"Die Verwirklichung des geplanten Solargewerbeparks scheiterte nicht am fehlenden Willen der Stadt, sondern letztlich daran, dass sich damals keine Interessenten fanden, die bereit waren, in den Kaufverträgen die Vorgaben der Stadt Traunstein zu akzeptieren."

Gewerbepark mit Solarstrom-Pflicht

Damit dieses Leitbild nicht nur auf dem Papier steht, verpflichtet die Stadt als Eigentümerin der Grundstücke die Betriebe dazu, entweder eine eigene Solarstromanlage zu bauen oder das Dach einem Betreiber zur Verfügung zu stellen. Mit den Einspeisevergütungen nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) rechnen sich diese Anlagen auch wirtschaftlich, so dass eine Solar-Pflicht eigentlich gar nicht nötig wäre. Die Bauherren sind nach dem kommunalen Beschluss zur Liegenschaftsvergabe verpflichtet, das Ziel des Solargewerbeparks aktiv zu unterstützen. Die konkrete Umsetzung ist damit aber noch nicht garantiert. Eine verankerte Vertragsstrafe von 300 Euro pro Quadratmeter möglicher Solarnutzungsfläche ist an die Stadt Traunstein zu zahlen, wenn keine Anlage realisiert wird. Die Stadt wird diesen zweckgebundenen Betrag für ein Solarprojekt verwenden.

LDI-Solarstromanlage in Traunstein ALDI-Solarstromanlage in Traunstein; Leistung: 15 kWp. "Würde jede zweite der über 3.000 Filialen in Deutschland so viel Solarstrom erzeugen, wäre der Discounter mit 22,5 Megawatt Leistung der größte Solarstromproduzent in Deutschland", beschreibt Peter Rubeck vom Forum Ökologie Traunstein die Perspektiven der Solarenergie-Nutzung auf den Dächern gebwerblicher Bauten. Quelle: Planungsgruppe Strasser + Partner GbR Traunstein.

Innovation und Image-Gewinn

Der Umsetzungswille der Stadt bezüglich des einstimmig gefassten Beschlusses trägt erste Früchte: Die Solarstromanlagen auf den Dächern von zwei Lebensmittelmärkten beziehungsweise -Discountern speisen bereits Strom in das öffentliche Netz ein. Städtebaulich besonders gelungen ist die Anlage der EDEKA-Chiemgau eG mit einer Leistung von rund 69 Kilowatt, die auf dem Flachdach installiert und mit einer Dachbegrünung kombiniert ist. Sie ist zur Zeit die größte Photovoltaikanlage in Traunstein. Die Anlage von ALDI SÜD mit 15 Kilowatt Leistung ist demgegenüber sehr gut einsehbar. In diesem Jahr sollen auch eine fassadenintegrierte Photovoltaikanlage - erste ihrer Art südlich von München - und eine weitere Anlage auf einem Flachdach hinzukommen.

Bebauungsplan des Solargewerbeparks

"Das Engagement und die Zielstrebigkeit der Stadt Traunstein bei der Umsetzung des Solargewerbeparks dürfte auch bundesweit Anerkennung finden. Wichtig ist aber vor allem, dass mit den Solarstromanlagen Umweltschutz und Wirtschaftlichkeit sinnvoll verbunden und ein Imagegewinn für die Betriebe erzielt wird, wenn diese damit auch aktiv werben", so Diplomingenieur Peter Rubeck, der die Projektentwicklung seitens der Planungsgruppe Strasser + Partner GbR Traunstein betreut.

Bebauungsplan des Solargewerbeparks. Auf zwei Grundstücken arbeiten bereits Solarstromanlagen; Auf einem Grundstück soll ein Bürogebäude mit einer Solar-Fassade entstehen. Ein Grundstück ist verkauft, über weitere Grundstücke wird verhandelt. Quelle: Planungsgruppe Strasser + Partner GbR.

Die Chance, mit der Solarstromproduktion vorbildlich zu wirken, wird nicht von allen Betrieben gleichermaßen genutzt: Während der Lebensmitteldiscounter mehr oder weniger nur seine Pflicht erfülle, präsentiere EDEKA ihren Kunden die Solarstromernte per Display, so Rubeck. Das passt zu der zunehmend ökologischen Ausrichtung des Sortiments.

Solarstrom rechnet sich wirtschaftlich und bringt dazu noch einen Image-Gewinn.

Mit Naturkost-Angeboten und Ökostrom profiliert sich EDEKA als Umweltpartner und weitsichtiges Unternehmen.

Solarstrom rechnet sich wirtschaftlich und bringt dazu noch einen Image-Gewinn. Quelle: Planungsgruppe Strasser + Partner GbR.

Kommunales Engagement für erneuerbare Energien

Der solare Gewerbepark ist ein weiterer Schritt der Stadt Traunstein zur Förderung der Sonnenenergie. Bereits 1996 beschloß der Stadtrat eine kostendeckende Vergütung für Solarstrom, und bei kommunalen Neubauten zu prüfen, ob eine PV-Anlage installiert werden soll. Im Rahmen der Agenda 21 wurde das erste Bürgersolarkraftwerk mit einer Leistung von 56 kWp auf einem Parkhaus gebaut und eine Solarstromtankstelle eingerichtet. Die Kommune bietet ein umfangreiches Beratungsangebot zum rationellen Energieeinsatz und zur Nutzung erneuerbarer Energien und wird auch selbst aktiv: Im Jahr 2005 soll ein Biomasse-Heizwerk für das Neubaugebiet Geißing gebaut werden, für ein weiteres Neubaugebiet wurde ein ökologisches Förderprogramm erarbeitet.

Photovoltaikanlagen im Gewerbepark "Die Kaserne" Wie auf dem Dach des Traunsteiner "Solarparkhauses P 4" sollen auch die Photovoltaikanlagen im Gewerbepark "Die Kaserne" wirtschaftlich rentabel Strom aus Sonnenlicht erzeugen. Quelle: 1. Traunsteiner Solarstrom GbR Schrag / Schenk.

Sonnenstrom vom Watzmann bis zum Wendelstein

Unterstützt wird die städtische Umweltbeauftragte und Agenda-Koordinatorin Barbara Rassek vom Traunsteiner Forum Ökologie, das 2003 von EUROSOLAR für die Initiative "Sonnenstrom vom Watzmann bis zum Wendelstein" mit dem Deutschen Solarpreis ausgezeichnet wurde. Die enge Kooperation zwischen Umweltinitiativen, Handwerk und Kommunalpolitik ist charakteristisch für das Solar-Engagement der Region. "Die Initiative ist ein Musterbeispiel dafür, wie man vor Ort sinnvoll und effektiv zusammenarbeiten kann, um erneuerbare Energien stärker einzusetzen. Durch das innovative Engagement der Solarinitiativen ist Bayern inzwischen das Solarstromland Nummer eins in Deutschland", lobte der Präsident von EUROSOLAR Deutschland, Hans-Josef Fell, anläßlich der Preisverleihung.

Preisverleihung, EUROSOLAR Auszeichnung für solares Engagement. Von links: Martin Winter (1. Vorsitzender RoSolar), Hans-Josef Fell (MdB, Präsident von EUROSOLAR-Deutschland), Reter Rubeck (Forum Ökologie Traunstein), Sigfried Eschelberger (für die Handwerkerschaft)
Welche wirtschaftlichen Perspektiven die Solarstromproduktion auch für die ortsansässigen Handwerksbetriebe bietet, zeigen die Erfolge der letzten Jahre: In den Jahren 2001 bis 2003 wurde die installierte Solarstromleistung in der Tourismusregion vom Watzmann bis zum Wendelstein auf mehr als 7.500 Kilowatt verzwanzigfacht. Viele Handwerker beteiligten sich engagiert und bauten weit über 1.500 Solarstromanlagen auf die Dächer. Der Umsatz des heimischen Elektrohandwerks stieg inzwischen auf über 40 Millionen Euro. Mittlerweile zählt die Region vom Watzmann bis zum Wendelstein in Sachen Solarstrom mit einer installierten Gesamtleistung von über 35,7 Megawatt zu den aktivsten Regionen im Bundesgebiet.

Signalwirkung erwünscht

"Mit unserem neuen Gewerbepark wollen wir ein besonderes Image verbinden. Die Solarstromnutzung soll als gemeinsames Markenzeichen der Betriebe für Innovation und zeitgemäßes Handeln stehen", erklärt Traunsteins Oberbürgermeister Fritz Stahl. "Wir erwarten uns für die Betriebe ein besonderes Image und wollen auf diese Weise den Gewerbepark über die Region hinaus bekannt machen", so Stahl weiter. Mit der "Solar-Pflicht" hat sich Traunstein auf neues Terrain begeben und geregelt, was Städten und Gemeinden mit der Novelle des Bundesbaugesetzes in ihrer Bauleitplanung nun auch ausdrücklich und weiter reichend gestattet wird: Das neue BauGB sagt eindeutig, dass die Kommunen im Bebauungsplan Gebiete festsetzen können, in denen "bei der Errichtung von Gebäuden bestimmte bauliche Maßnahmen für den Einsatz erneuerbarer Energien wie insbesondere Solarenergie getroffen werden müssen" (Abs. 1 BauGB, § 9, 23b). Was in Traunstein angestoßen wurde, wird auch in Japan diskutiert, dem Photovoltaik-Weltmarktführer. Dort soll die Einschränkung der staatlichen Förderprogramme auch durch Solar-Pflichten kompensiert werden. Die Diskussion in Japan sei so weit fortgeschritten, das ernsthaft erwogen werde, Solarstromanlagen bei Neubauten im Baurecht zu verankern, berichtet die Zeitschrift Sonne Wind & Wärme (7/2004).

Lesen Sie zum Thema Solar-Pflichten auch: "Solare Pflichten im Siedlungsbau: neue Impulse für den Wärmemarkt" artikeldezember2003.html

Über Bürger-Solarkraftwerke informiert der Bericht "Lokale Agenda-Gruppe gibt Anstoß für Bürgersolarkraftwerke" anlagemai2004.html

Text: Rolf Hug, Material und Bilder: Forum Ökologie Traunstein, Große Kreisstadt Traunstein.

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