Ökologische Modellstadt Ostritz:
Energie-Vorreiter am östlichen Rand der Republik
von Astrid Deilmann (DBU)
22.08.2005
Ostdeutschland steckt in der Krise, aber zwischen Görlitz
und Zittau gibt es Hoffnung: die ökologische Modellstadt Ostritz
setzt auf erneuerbare Energien.
Minutenlang starrt Bernd Dittrich aus dem Fenster. Nur einen Katzensprung
von hier ist es passiert. Er sieht, wie dicke Wolken aus Staub,
Ruß und Schwefel gelb-giftig aus den gigantischen Schloten
von Hagenwerder und Hirschfelde quellen. 16 Tonnen sind es aus Hagenwerder.
Pro Stunde. Von Osten kommt dieselbe ätzende Fracht aus dem
polnischen Braunkohle-Großkraftwerk Turow. Mitten durch das
3.000-Seelen-Dorf Ostritz wabert die Neiße, ein ungenießbarer
Abwasser-Cocktail, zusammengemixt von der Textilindustrie flussauf-
und flussabwärts. Ungeklärte Altlasten, Waldsterben, Luftverschmutzung:
Lässt sich das irgendwo besser begreifen als hier, am Zipfel
von Sachsen?
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| Kernstück der Wärmeversorgung in Ostritz ist
das Biomasse-Heizkraftwerk auf Basis der nachwachsenden Rohstoffe
Holz und Pflanzenöl. |
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Mit einem Ruck drückt Dittrich seinen Bürostuhl vom Schreibtisch
zurück. Reibt sich durch sein Gesicht, als wolle er einen Albtraum
verscheuchen. Hagenwerder, Hirschfelde? Historie! Ostritz, gelegen
in der Oberlausitz zwischen Görlitz und Zittau in Nachbarschaft
zu Polen und Tschechien, hat die Kurve gekriegt. Und der stille
Bernd Dittrich mit ihr. Bis zur Wende war er Ingenieur in Hagenwerder.
Nun ist er Herr über das Holz. In seinem Reich duftet es nach
Sägespänen und gehäckselten Tannen. Aus Wald macht
Dittrich Wärme. Er ist Leiter des Biomasse-Heizkraftwerks von
Ostritz, das vom Öko-Saulus zum Öko-Paulus bekehrt wurde.
Neubeginn im "Schwarzen Dreieck"
Einer der Missionare ist Günter Vallentin, 51 Jahre alt, hoch
aufgeschossen mit ruhigen braunen Augen hinter großen Brillengläsern.
Der Landrat von Löbau-Zittau ist nach der Wende Bürgermeister
von Ostritz. Es geht ihm wie vielen Ostritzern: Er hat die Nase
voll von der stinkenden Neiße, vom sauren Regen, von der schwarzen
Ascheschicht auf Haaren und Kleidung nach jedem Spaziergang, die
so schlecht wieder runter zu kriegen ist.
Die Öko-Wende beginnt für Ostritz Ende 1989 - und hat
ihre Schattenseiten. "Die ansässige Industrie hatte nach
dem Zusammenbruch der DDR keine Chance," sagt Vallentin. Zwei
Jahre halten die Betriebe unter den Bedingungen der freien Marktwirtschaft
durch. Danach hat Ostritz 450 Arbeitslose. Und nun? Die Bürger
wollen ihre Stadt vom Kopf auf die Füße stellen. Machen
Pläne, wie Ostritz aussehen soll, vom Kanalnetz bis zum Bebauungsplan.
Auch eine Studie zum Energiebedarf wird in Auftrag gegeben. Damit
geht es los: Neubeginn im so genannten "Schwarzen Dreieck".
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Ostritz, ein 3.000-Seelen-Dorf
in Sachsen an
der Grenze zu Polen. Foto: DBU |
Von der DBU geförderte
Solaranlage. Foto: DBU |
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Die von Schadstoffen geplagten Ostritzer beschließen, die
alten Staustufen der Neiße wieder zu aktivieren, um Strom
zu erzeugen.Damit kommt ein Stein ins Rollen. Wenn das Kloster Sankt
Marienthal in Ostritz, in dem seit über 770 Jahren Zisterzienserinnen
leben, einen ertragreichen Weinberg hat - dann muss ja wohl genügend
Sonne da sein, um Energie zu gewinnen. Und warum soll man nicht
die böhmische Brise und den nachwachsenden Rohstoff Holz nutzen,
um Ostritz Licht und Wärme zu geben?
Energie-Vorreiter Ostritz
Inzwischen versorgen vier Windräder, zwei Staustufen der Neiße,
unzählige Solardächer und ein Biomasse-Heizkraftwerk den
Ort mit Strom und Wärme aus erneuerbaren Energiequellen. Das
Abwasser wird in einer Pflanzenkläranlage auf einem Hügel
über dem Kloster sauber. Der Wald, der 1990 zu achtzig Prozent
geschädigt war, ist aufgeforstet. Selbst aus Pflanzenöl
wird in Ostritz Strom gewonnen.
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| Windräder
versorgen Ostritz mit Strom. Foto: DBU |
Romantisch und
praktisch: Staustufen
der Neiße bei Ostritz. Foto: DBU |
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Das Herz der energieökologischen Modellstadt schlägt
in der Nähe des Bahnhofs. Hier steht das Biomasse-Heizkraftwerk,
aus dem die Wärme durch Fernleitungen unter Asphalt und Pflastersteinen
in die Haushalte kriecht. Unscheinbar, klein und fast unecht: ein
Kraftwerk ohne Lärm und Dreck. Gerade mal drei Männer
überwachen den Betrieb. Holz hat Hochkonjunktur im Zittauer
Gebirge. Die Forstwirte liefern regelmäßig Abfälle,
aus den Schreinereien und Sägewerken der Umgebung kommen ganze
LKW-Ladungen. "Bei der Verbrennung von Holz entsteht nur so
viel Kohlendioxid, wie die lebende Pflanze vorher gebunden hat",
sagt Leiter Bernd Dittrich. "Das ist ein ausgeklügelter
Kreislauf auf der Basis nachwachsender Rohstoffe." 270 Haushalten
liefert das Biomasse-Heizkraftwerk Wärme und Warmwasser. Neben
den zwei Holzkesselanlagen gibt es ein mit Pflanzenöl betriebenes
Blockheizkraftwerk und einen Ölkessel, der mit Heiz- oder Pflanzenöl
gefeuert wird und einspringt, falls das Holz mal nicht ausreicht.
Dittrichs Computer verrät auf einen Blick, falls es irgendwo
in der Stadt hakt. Doch bislang arbeitet das Bio-Kraftwerk mit seinen
Spezial-Filtern ohne größere Probleme. "Ohne die
Unterstützung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt wäre
das nicht möglich gewesen", sagt Dittrich, "dafür
sind Fernwärmeleitungen einfach zu teuer." Die Osnabrücker
Stiftung hat den Aufbau der energieökologischen Modellstadt
mit fast zwölf Millionen Euro unterstützt. Inzwischen
macht das Muster Schule; in der Umgebung wachsen nicht erst seit
der Teilnahme an der EXPO 2000 in Hannover Nachahmerprojekte heran.
Kreativität gegen die Krise- Umweltschutz auf dem Stundenplan
Dennoch: Ostritz ist noch nicht über den Berg. 120 Dauer-Arbeitsplätze
haben der Ausbau zur Modellstadt und die Einrichtung eines Internationalen
Begegnungszentrums (IBZ) im Kloster Sankt Marienthal gebracht, doch
das reicht nicht. Tausend Menschen sind seit 1990 aus Ostritz weggegangen,
ein Viertel der Bevölkerung. "Die Grundschule musste mangels
Schülern geschlossen werden, nun ist die Mittelschule in Gefahr",
sagt Josefine Schmacht, auf deren Visitenkarte "Ortschronistin
von Ostritz" steht. Die Sorge ist ihr anzusehen. Aber Ostritz
wäre nicht Ostritz, wenn es sich so leicht unterkriegen ließe.
Gemeinsam mit der polnischen Nachbarstadt jenseits der Neiße
hat die Stadt ein Konzept für eine Grundschule umgesetzt, an
der deutsche und polnische Schüler gemeinsam lernen sollen.
Der Clou: Umweltschutz soll auf dem Stundenplan stehen. Einen deutsch-polnischen
Kindergarten gibt es schon. Damit der Weg von hüben nach drüben
künftig kürzer wird, läuft die Planung für einen
Brückenschlag über die Neiße.
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| Ökologische Modellstadt Ostritz. Foto:
DBU |
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"Wir sind auf kreative Lösungen angewiesen, um die massiven
Folgen von Geburtenrückgang und Abwanderung abzufedern",
sagt Vallentin. "Wir exerzieren im Schnelldurchlauf vor, was
der deutschen Gesellschaft insgesamt bevorsteht." Auch darin
ist Ostritz Vorbild. Doch alles Engagement der Bürger nütze
nichts, wenn der Bund den Kommunen enge Grenzen setze: "Hartz
IV erwartet von jungen Leuten bundesweite Flexibilität bei
der Jobsuche", sagt der Landrat, "das könnte sich
wie ein Wegzugsprogramm auswirken."
Hoffen auf Tourismus
Trotz der hohen Arbeitslosigkeit sehnt sich kaum ein Ostritzer
nach Braunkohle und Textilindustrie zurück. "Wir haben
die Eingriffe in die Natur jeden Tag am eigenen Leib erlebt. Wir
wollten endlich eine bessere Lebensqualität", sagt Vallentin
ernst. "Dass wir 1989 auch für Umweltschutz auf die Straße
gegangen sind, wird heute oft vergessen." Die Ostritzer hoffen
auf Touristen. Inzwischen hat sich herumgesprochen, dass es im Neißetal
romantisch ist. Immer mehr Radwanderer aus Deutschland, den Niederlanden
oder Skandinavien kommen hierher. 15.000 Übernachtungen verzeichnete
allein das Kloster Sankt Marienthal im vergangenen Jahr.
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| Die Bewohner der ökologischen Modellstadt
hoffen auf Touristen. Foto. DBU |
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Viele der Gäste kehren zurück: In der Oberlausitz herrscht
kontinentales Klima, die Sommer sind warm, im Winter lockt der Schnee
im Zittauer und im Isar-Gebirge zum Skilaufen. Die typischen historischen
Umgebindehäuser der Region werden nach und nach auf Vordermann
gebracht. Aus dem "Schwarzen Dreieck" ist ein "Rotes"
geworden: Achtung, hier geben sich Menschen nicht auf. Kurz: Ostritz
putzt sich heraus. Die Menschen hier geben nicht auf.
Die Autorin: Dr. Astrid Deilmann arbeitet im Presseteam der Deutschen
Bundesstiftung Umwelt (DBU)
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| Solar-Magazin 
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