Solar-Reports:

Denkmalintegrierte Solaranlagen: Kompromisse statt Kontroversen

von Rolf Hug
17.06.2003

Werden Denkmäler im Zuge des ökonomischen und ökologischen Fortschritts durch Windenergieanlagen, Funkantennen und Solaranlagen "bis zur "Unkenntlichkeit" verändert? Das jedenfalls befürchtet Günther von Lojewksi in der WELT vom 3. Mai 2002 unter der Überschrift "Wenn der Kirchturm hinter dem Windrad versinkt". Mobilfunkmasten, Windräder und Solaranlagen würden über Jahrhunderte gewachsene Zeugnisse der Vergangenheit, Landschaftsbilder und -strukturen verändern, klagt der Autor. Ein Konfliktpotenzial zwischen Denkmalschutz und erneuerbaren Energien ist ohne Zweifel vorhanden. Wenn von Lojewski feststellt, die Denkmalschützer hätten sich mit dem Fortschritt in Wirtschaft und Umweltschutz noch nicht arrangiert, mag er Recht haben - auch im Hinblick auf Solaranlagen. Er verkennt aber die Perspektiven und Chancen der Zusammenarbeit von Umwelt- und Denkmalschutz.

Solarstromanlage, Herz-Jesu-Kirche in Plauen

In der Tat wird immer wieder von Auseinandersetzungen zwischen Denkmalschutzbehörden und den Betreibern von Solaranlagen berichtet (s. Report "Photovoltaik im Schatten des Denkmalschutzes?"). Doch gerade die Kirchen, welche von Lojewski im Schatten der Windräder sieht, orientieren sich zunehmend an der Sonne. Dass sich Klima- und Denkmalschutz nicht ausschließen, zeigen zahlreiche Kirchengemeinden, die Solaranlagen betreiben und tragfähige Kompromisse mit den Denkmalschützern erarbeitet und teilweise auch erstritten haben.

Herz-Jesu-Kirche in Plauen: Denkmalschutz plus High-Tech: 220 Solarmodule auf 192 Quadratmetern produzieren jährlich rund 21.500 Kilowattstunden Solarstrom. Foto: Solarwatt

Einige Beispiele präsentiert der Solar-Report. Weitere Solaranlagen auf Kirchendächern finden sich in dem Programm "Kirchengemeinden für die Sonnenenergie" der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), die über 700 Projekte mit einer Gesamtsumme von 12 Millionen Euro gefördert hat.

Bewahrung der Schöpfung, Nutzung der Sonnenenergie

Solarwärme- und Solarstromanlagen auf den Dächern kirchlicher Einrichtungen erforderten oft den persönlichen Einsatz der Betroffenen: Umweltbeauftragte, Gemeindemitglieder und Pfarrer machten sich stark für die Sonne. "Gottes Schöpfung bewahren, heißt für uns: Die durch moderne Technik gewonnenen Möglichkeiten so zu nutzen, dass wir auch unseren Kindern die Schöpfung als Lebensgrundlage weitergeben können". In diesem Kontext sieht die Gemeinde der Nikolauskirche im bayerischen Nersingen bei Ulm ihre Solarstromanlage.

Photovoltaikanlage, Nikolauskirche in Nersingen

Als erste denkmalgeschützte Kirche der Freistaats hat sie seit April 2002 eine dachintegrierte Photovoltaikanlage. Für die kleine, eher dezente Solarstromanlage in Nersingen gilt ganz besonders, was auf alle kirchlichen Solaranlagen zutrifft: Sie sind nicht nur eine Baumaßnahme, sondern vor allem ein Zeichen.

Nikolauskirche in Nersingen. Foto: Solarwatt

Solaranlagen auf Kirchendächern stehen für einen anderen Umgang mit Energie und für aktiven Klimaschutz. Dass die PV-Anlage in Nersingen so klein ausgefallen ist, obwohl genügend Dachfläche vorhanden war, ist ein Tribut an die denkmalpflegerischen Belange. Ihre Existenz verdankt sie langen, letztendlich erfolgreichen Diskussionen. Das kennen die meisten Kirchengemeinden, die sich am DBU-Programm beteiligt haben. Doch immerhin konnten für zwei Drittel der geplanten Solaranlagen einvernehmliche Lösungen gefunden werden.

Klimaschutz als aktiver Denkmalschutz

Für Franz Alt sind Denkmalschutz und Klimaschutz keine Gegensätze: "Es gibt keinen Denkmalschutz, wenn wir nicht lernen, das Klima zu schützen", sagte der Autor des Buches "Der ökologische Jesus" in einem Interview in dem Online-Magazin "Telepolis". Alt weist darauf hin, dass die Kirchen schon heute Jahr für Jahr Millionen ausgeben müssen, um die Steine, die von Abgasen weggeätzt werden zu restaurieren. Auch die "Verrechnungsstelle für Katholische Kirchengemeinden", ein wichtiges Verwaltungsorgan der Erzdiözese Freiburg, liefert auf ihren Internetseiten Argumente für Solaranlagen auf kirchlichen Gebäuden. Sie betont, dass Solaranlagen durch die Vermeidung von Emissionen aktiver Denkmalschutz sein können. Das Freiburger Münster beispielsweise sei seit Jahrzehnten permanent eingerüstet, um die Schäden durch Luftverschmutzung und Sauren Regen zu beseitigen. Das verändere den Charakter des Kulturdenkmals und sein Erscheinungsbild wirklich: Die Kirche würde zu fortwährenden Baustelle, hält die Verrechnungsstelle konservativen Denkmalschützern entgegen. Durch eine PV-Anlage werde an der Kirche baulich nichts verändert, und schon gar nichts zerstört. Sie könne zudem in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt werden, wenn dies einmal gewünscht werde.

Nikolaikirche: Der politischen Wende folgt die Sonnen-Wende

Auch das Pfarramt St. Nikolai in Leipzig hatte große Widerstände auszuräumen: Als auf dem Dach der Nikolaikirche, dem Wahrzeichen der friedlichen Revolution zur Zeit der Wende, eine PV-Anlage montiert werden sollte, ging erst mal gar nichts. Der Kirchenvorstand der Leipziger St. Nikolai-St. Johannis- Gemeinde wollte mit der Anlage vor allem ein Zeichen setzen. Er wollte signalisieren, dass die Wende hin zu erneuerbaren Energien unerlässlich ist, wenn die Bewahrung der Schöpfung kein trostvolles Versprechen bleiben soll. Das kirchliche Büro für Baupflege und das Leipziger Landesamt für Denkmalpflege wollten die Solaranlage mit aller Macht verhindern, berichtet die DBU. Nur durch gemeinsames Vorgehen von Kirchenvorstand, Superintendent und Landeskirchenamt sowie der Denkmalschutzbehörde des Regierungspräsidiums als letztverantwortlichem Gremium konnte das Projekt durchgesetzt werden - trotz massiver Behinderung durch die Denkmalschützer des Landes, betont die Kirchengemeinde.

Solarstromanlage, Leipziger Nikolaikirche

Die Denkmalschutzbehörde hatte zunächst ihre Zustimmung verweigert, stimmte dem Bau aber doch noch zu mit der Auflage, die PV-Anlage an einer Stelle anzubringen, an der sie von der Straße aus so gut wie nicht zu sehen ist. Das war nicht im Sinne der Gemeinde, die ein deutlich sichtbares Zeichen setzen wollte. Die dunklen Module an Stelle des Schieferdaches sind ohnehin kaum wahrzunehmen. Deshalb hat die Kirchengemeinde eine Anzeigetafel mit den Leistungsdaten der Anlage an einer stark frequentierten Stelle der Innenstadt angebracht und konnte so dem Wunsch der Befürworter und Unterstützer nach einer möglichst weithin sichtbaren Präsentation Rechnung tragen.

Zu den bekanntesten Gotteshäusern im DBU-Förderprogramm "Kirchengemeinden für die Sonnenenergie" gehört die Leipziger Nikolaikirche. Foto: DBU.

Die Solarstromanlage mit 5 Kilowattstunden Maximalleistung wurde im Juli 2000 in Betrieb genommen. Die in das Dach integrierten monokristallinen Solarmodule mit einer Fläche von 40 m2 speisen durchschnittlich 3.500 Kilowattstunden pro Jahr in das Netz der Stadtwerke Leipzig ein. Der Ertrag der Anlage liegt etwa 10 % unter dem mittleren Ertrag anderer Kirchen. Die Gründe dafür sind das extrem steile Dach der Kirche und der dadurch bedingte relativ ungünstige Einfallswinkel der Sonnenstrahlen im Hochsommer.

Die Kirchengemeinde habe sich vor allem davon leiten lassen, dass Umweltschutz und die Hinwendung zu erneuerbaren Energien - zugleich Denkmalschutz bedeute, heißt es in der Internetpräsentation der Nikolaikirche. Auch Sie verweist auf die "katastrophalen Auswirkungen" des Sauren Regens auf beinahe alle zu schützenden "alten Gemäuer". Die verwendeten Solarmodule seien in Form, Farbe und Gestaltung auf die optimale Dachintegration ausgelegt worden. Die Umkehrbarkeit des "Eingriffes" in das altehrwürdige Bauwerk habe höchste Priorität gehabt: Ohne den geringsten bleibenden Schaden könnten die Module nach Ablauf der Nutzungsdauer vom Dach demontiert und durch herkömmliche Dachziegel ersetzt werden. Die PV-Anlage bedeute für das Denkmal lediglich eine sinnvolle "Sondernutzung" über 25 Jahre. Sie könne nur "allzu gestrengen Ästheten" beziehungsweise "überaus vorschriftsgetreuen Beamten" ein Dorn im Auge sein. Das wiederum sei die Bewahrung der Schöpfung aber wert, so die Nikolai-Gemeinde. Es gelte in Zukunft, sich im Verzicht zu üben - eventuell auch beim Denkmalschutz.

Auch in Burgwalde (Thüringen) sperrte sich das Landesamt für Denkmalpflege (Erfurt) gegen eine Solarstromanlage auf dem Dach der Kirchengemeinde St. Georg. Mit der Begründung, dafür gebe es in Deutschland keine generelle Regelung. Erst nachdem die Untere Denkmalbehörde zu einer Ausnahmeregelung bewegt werden konnte, gab auch die Erfurter Behörde grünes Licht für den Sonnenstrom vom Kirchendach.

Solardachziegel auf der Katholische Kirche in Rohrberg/Burgwalde (Thüringen)

Und schon bald bekam St. Georg als erste denkmalgeschützte Kirche eine Photovoltaikanlage. "Die weitgehende Integration der Solar-Module verändert den Charakter des Kirchengebäudes nicht", erinnert sich Pfarrer Michael Ipold an den letztlich ausschlaggebenden Grund für die Ausnahmegenehmigung.

Katholische Kirche in Rohrberg/Burgwalde (Thüringen), die mit Solardachziegeln gedeckt wurde. Foto: DBU.

Dass die Anforderungen der Denkmalschützer durchaus widersprüchlich ausfallen können, zeigen Beispiele aus Stuttgart-Möhringen und Sinzing in Bayern).

Dünnschichtzellen auf dem Dach der Kath. Kirche St. Hedwig in Stuttgart-Möhringen

Dünnschichtzellen bedecken die gesamte Südseite des Dachs der Stuttgarter Gemeinde St. Hedwig (420 Quadratmeter). Damit hatten die Möhringer Bedenken des bischöflichen Bauamts zerstreut, das Dach des Sakralbaus könne sich durch die Module in einen "Flickenteppich" verwandeln.

Zu den flächenmäßig größten Solarstromanlagen im DBU-Programm gehört das Projekt der Kath. Kirchengemeinde St. Hedwig in Stuttgart-Möhringen. Foto: DBU.

Gegenteilige Auswirkungen hatte der Einspruch des Denkmalamtes beim Sinzinger Pfarramt St. Leonhard Viehausen. Dort sollte die Solarstromanlage auf dem Dach des Klosterstadls erweitert werden. Die Denkmalschutzbehörde lehnte aber ab - mit der Begründung, man solle nicht das gesamte Dach mit Solarmodulen bedecken.
Solarstromanlage, Klosterstadl beim Kath. Pfarramt St. Leonhard Viehausen in Sinzing (Bayern)

 

Solarstromanlage auf dem Dach des Klosterstadls beim Kath. Pfarramt St. Leonhard Viehausen in Sinzing (Bayern). Foto: DBU.

Dresden: Denkmäler mit Solardach

Zwinger, Frauenkirche, Semperoper, Residenzschloss und viele weitere historische Baudenkmale prägen das Bild der sächsischen Landeshauptstadt. Für Freunde der Sonnenenergie gibt es weitere Sehenswürdigkeiten: drei Denkmäler mit Solaranlage. Dass die 1923 errichtete St. Antonius-Kirche Solarstrom produziert, verdankt sie der Hartnäckigkeit von Pfarrer Johannes Osterholt. Trotz offizieller Ablehnung seitens der Denkmalpflege wandte sich die Gemeinde von Pater Osterholt an den Leiter des Landesamtes für Denkmalpflege in Sachsen, Prof. Dr. Gerhard Glaser. Dieser wollte jedoch "keinen Dammbruch zulassen", so Pater Osterholt. Doch der engagierte Pfarrer hatte sich mit seinen Pfadfindern die Fertigung denkmalgerechter, schwarzer Photovoltaikmodule beim ortsansässigen Hersteller Solarwatt angesehen und gute Argumente gesammelt. Auch in Dresden wurde schließlich ein Kompromiss geschlossen. Die PV-Anlage auf dem extrem steilen Dach der St. Antonius-Kirche mit einer Spitzenleistung von 3,45 Kilowatt wurde am 30. Januar 2002 mit dem Preis des Vereins "Dresdner Agenda 21 e.V." ausgezeichnet.

Solardach der Dresdener St.Antonius-Kirche

Solarstromanlage, Apostelkirche in DresdenTrachau

Links: Dach der Dresdener St.Antonius-Kirche. Rechts: Apostelkirche in DresdenTrachau. Fotos: Solarwatt

Eine weitere Solarstromanlage befindet sich auf dem Dach der Apostelkirche in Dresden-Trachau. Seit Dezember 2002 speist die 26,5 Quadratmeter große Anlage Solarstrom in das öffentliche Netz ein. Die bisher größte Photovoltaikanlage in Dresden ist ein Gemeinschaftsprojekt von 8 Privatpersonen beziehungsweise Firmen: 264 Polykristalline Module mit kristallblauen Solarzellen vom Typ Solarwatt P100-72 und 43 Klarglas-Module sind auf 282 Quadratmeter auf dem Dach der Atelierhäuser in den Deutschen Werkstätten Hellerau installiert.
Gemeinschafts-Solarkraftwerk Hellerau mit 30 kWp in Dresden

Die Solarstromanlage mit 30 Kilowatt Spitzenleistung speist pro Jahr zirka 25 Megawattstunden Solarstrom in das Netz der DREWAG ein und vermeidet mehr als 15 Tonnen CO2-Emissionen.

Gemeinschafts-Solarkraftwerk Hellerau mit 30 kWp in Dresden. Foto: Solarwatt

Kirchengemeinden als Vorbild: Integration vermeidet Konfrontation

Die Erfolgsbilanz des DBU-Förderprojekts ist interessierten Kirchengemeinden auf einer Internetplattform zugänglich unter http://www.kirchendaecher.de. Der weiteren Verbreitung der Solarenergienutzung dient auch eine neue Broschüre, die über 50 herausragende Beispiele für kirchliches Engagement im Rahmen des Förderprogramms "Kirchengemeinden für die Sonnenenergie" enthält. Im Sinne eines Ratgebers will sie weiteren interessierten Kirchengemeinden Mut machen und Hilfestellung geben, die Vorteile der Sonnenenergie verstärkt zu nutzen. Die Vorbildfunktion der Kirchen in Umwelt- und Energiefragen sowie bei der Auseinandersetzung mit dem Denkmalschutz setzt auch Zeichen für private Bauherren von Solaranlagen. Ihr überwiegend erfolgreicher Kampf um die Integration von Solaranlagen belegt, dass Denkmalschutz und Sonnenenergienutzung vereinbar sind, wenn beide Seiten sich bewegen - und wenn ästhetisch überzeugende Lösungen gefunden werden. Hier sind Architekten, Installateure und Denkmalschützer gefordert, die von den Herstellern angebotenen Module und Kollektoren kreativ und zugleich konservativ in das Gebäude zu integrieren.

Weitere Informationen:

Photovoltaik im Schatten des Denkmalschutzes? Solar-Report Januar 2002 artikeljanuar2002.html

DBU-Programm "Kirchengemeinden für die Sonnenenergie": http://www.kirchendaecher.de

"Gute Gründe für Solaranlagen auf kirchlichen Gebäuden": http://www.kath-vst-rastatt.de/Solaranl.htm

"Jede Solaranlage ist ein Friedenszeichen", Interview mit Franz Alt. Telpolis http://www.heise.de/tp/deutsch/special/zen/14019/1.html

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