Solar-Reports:

Mit der Sonne gestalten: 20 Jahre Solarkunst

von Jürgen Claus und Rolf Hug
15.03.2004

Solarenergie ist an sich eine alltägliche Erfahrung. Doch meist beschränkt sich die menschliche Wahrnehmung auf den Unterschied zwischen gutem und schlechtem Wetter. Um die Bedeutung der Sonnenenergie für den Menschen zu erkennen, ist es nötig, sich zu vergegenwärtigen, dass die Sonne das Leben auf der Erde ständig und in jeder Hinsicht prägt. Der ästhetischen Erfahrung der Sonne und des Lichts widmen sich die Künstler des SolArt Global Network. Zwei Ausstellungen in München und Dillingen/Saar präsentieren in diesem Jahr solare Kunstwerke aus den vergangen beiden Jahrzehnten. Der Solar-Report stellt Künstler und Werke vor.

NASA-Aufnahmen eines Sonnensturms
Das "Sonnenschiff" von Odile Mir
Solare Ästhetik. Links: NASA-Aufnahmen eines Sonnensturms. Rechts: Das "Sonnenschiff", Autobahnskulptur nahe Montpellier in Südfrankreich, als riesige Sonnenuhr 1993 von Odile Mir gestaltet. Bildquellen: soho.nascom.nasa; Jürgen Claus.

Energie und Ästhetik

Die Energie, welche der 150 Millionen Kilometer entfernte Gasstern schickt, ist die einzige Energiequelle der Erde. Der Gedanke beispielsweise, dass die tiefste Temperatur nicht 0° Celsius beträgt oder etwa -20° in einem kalten Winter, sondern dass sie bei -270° liegt, drängt sich nicht unbedingt auf. Doch alle höheren Temperaturen sind auf die Sonnenenergie zurückzuführen. Die kostenlose, ohne jede technische Umwandlung genutzte Solarenergie wird meist völlig falsch bewertet und wahrgenommen. Eine Tatsache, an die Hermann Scheer immer wieder erinnert, wenn er vorrechnet, dass fossile und atomare Energiequellen so gesehen nicht mit 94% sondern nur mit etwa einem Prozent in die globale Energiebilanz eingehen.

"Sonnenpyramide" von Nora und Jürgen Claus

Schon die frühen Zivilisationen des Alten Ägypten erkannten, das alles Leben auf der Erde von der Sonne aufrechterhalten wird: Der Pharaoh Echnaton (1365-1347 v. Chr.) stellte die Sonne Gott gleich. "Fiat lux! - es werde Licht", heißt es am Anfang der Bibel: Mythen, Religion und Kunst sind Ausdruck der Position des Menschen im "kosmischen Organismus" (Jürgen Claus).
"Sonnenpyramide" von Nora und Jürgen Claus. Foto: Jürgen Claus.

Alle Kulturen und die Kunst aller Zeiten gestalteten und gestalten mit der Sonne, von den Solarstädten an Euphrat und Tigris über die theatralischen Lichtinszenierungen mittelalterlicher Kirchen bis zur Solararchitektur der Gegenwart. Neu ist, dass die solar konzipierten Kunstwerke von heute ihre Sensoren unmittelbar in das Licht der Sonne strecken und daraus Energie gewinnen können - künstlerische, bildnerische Energie und konkret: solare Energie. Die Ausstellung "Mit der Sonne gestalten: 20 Jahre Solarkunst" gibt einen knappen, intensiven Überblick über Kunstwerke, die sich in diesem Sinne mit dem Thema Solarenergie auseinandersetzen.

SolArt Global Network: Kunst für das Solarzeitalter

Vor 10 Jahren gründeten Jürgen und Nora Claus das SolArt Global Network, es verbindet weltweit Künstler, für die das Sonnenlicht ein wichtiges Gestaltungselement darstellt. 1995 erhielten sie dafür den "Europäischen Solarpreis". Die Ausstellung zeigt Bilder, Modelle, Zeichnungen, Fotos und Videos von Jürgen Claus, der Mayer'schen Hofkunstanstalt, von Otto Piene, der Solarstiftung Ulm/Neu-Ulm und von Sally Weber. "Mit der Sonne gestalten: 20 Jahre Solarkunst" ist zu sehen vom 12.-20. März 2004 im "RaumSolar", Lachnerstr. 3 in 80639 München sowie vom 15.-24. April 2004 im Alten Schloß in Dillingen/Saar.

Solar-Lichttänzer von Seth Riskin
Glaspavillon von Bruno Taut mit virtuell eingefügten dreieckigen Photovoltaik-Modulen
Links: Der amerikanische Tänzer und Künstler Seth Riskin, bekannt durch seine Lichttänze, zeichnet hier einen Menschen im solaren Spektrum. Er ist Teilnehmer an dem von Jürgen und Nora Claus 1993 gegründeten "SolArt Global Network".(Foto: Jürgen Claus) Rechts: Der 1914, also vor 90 Jahren, zur Werkbundausstellung in Köln gebaute Glaspavillon von Bruno Taut mit virtuell eingefügten dreieckigen Photovoltaik-Modulen mit farbigen Solarzellen. Computerentwurf von Jürgen Claus für das EU-Projekt "Bimode". Foto: Jürgen Claus.

Skulpturen und Solarstrom: Jürgen Claus

Eine mit Strom aus einem fahrbaren Solargenerator betriebene "Sonnenpyramide" aus Leuchtstoffröhren stellten Jürgen und Nora Claus 1984 bei dem Symposium "Nordseeküste" in Cuxhaven vor. Im gleichen Jahr war das Werk Teil der Ausstellung "Kunst und Technologie" in Bonn. Damit begannen Realisationen, die in den neunziger Jahren unter anderem zum "Solar-Kristall" vor der Fachhochschule Aachen-Jülich und zu dem "Solar-Ikosaeder" vor dem Albwerk in Geislingen/Steige führten.

"Solar-Ikosaeder" von Jürgen Claus "Solar-Ikosaeder" von Jürgen Claus Der "Solar-Ikosaeder", eine energieautarke Sonnenskulptur von Jürgen Claus, ist im oberen Bereich mit 5 Photovoltaik-Fenstern belegt. Die gewonnene und in Batterien gespeicherte Energie wird dazu benutzt, den oberen Glasteil langsam zu drehen und ab der Dämmerung von Innen zu beleuchten. Die 6 Meter hohe Skulptur steht vor dem Albwerk in Geislingen/Steige. Foto: Jürgen Claus.
Modelle des "Solar-Ikosaeders" werden in der Ausstellung gezeigt. Außerdem stellt Jürgen Claus neue Entwürfe für Solarskulpturen in Form von Zeichnungen und Modellen aus. Diese "möglichen Skulpturen" stellen Konstruktionsvorgaben und freie künstlerische, malerische Bezüge in einen stimulierenden Kontext. Ebenfalls zu sehen ist ein Glasfenster-Prototyp, mit dem Claus 1998 erstmalig eine Verbindung von Fenster und Solarzellenintegration demonstrierte. Der Prototyp entstand im Rahmen des EU-Projektes "Bimode" und wurde von der Firma Dr. Oidtmann in Linnich, ausgeführt.

"Solare Informationssysteme": Mayer'sche Hofkunstanstalt

Der britische Architekturtheoretiker Martin Pawley charakterisierte die Glasfenster der Gotik als solare Informationssysteme, die auf dem ins Innere dringenden farbigen Licht beruhten. Glasfenster sind noch immer solare Informationssysteme, auch wenn sie mittlerweile anders definiert werden. 1997 feierte die Franz Mayer'sche Hofkunstanstalt in München ihr 150jähriges Jubiläum. Ihre aktuelle Leistungsfähigkeit zeigte sie etwa, als es vor einigen Jahren darum ging, die architektonische Glaskunst Alexander Beleschenkos für die neue Münchener Herz-Jesu-Kirche auszuführen. In der Ausstellung "Mit der Sonne gestalten" sind auf verschiedenen Techniken beruhende prototypische Glasfenster mit Arbeiten verschiedener Künstler und verschiedene Glastechniken zu sehen.

Herz-Jesu-Kirche in München-Neuhausen

Beispiel für die Arbeit der Mayer'schen Hofkunstanstalt ist die riesige Glasfront von Alexander Beleschenko für die neue Herz-Jesu-Kirche in München-Neuhausen, hier die Südfassade. Foto: Florian Holzherr.

"Die Sonne kommt näher": Otto Piene

Der 1928 geborene Otto Piene lebt in Groton, USA, und in Düsseldorf. Die Sonne spielt bereits in seinen frühen Bildern und Skulpturen eine zentrale Rolle. "Die Sonne brennt" und "Die Sonne vor Sonnenaufgang" sind zwei kennzeichnende Bildtitel von 1966. Die Dia-Installation "The Proliferation of the Sun" ("Die Sonne kommt näher"), uraufgeführt 1966 in New York, wurde später auch in einer Münchener Galerie und im Museum für Gegenwartskunst in Siegen 2003 gezeigt. "Der Titel verdeutlicht, dass Piene der zerstörerischen Kraft der Atombombe die Idee einer positiven Kraft der Sonnenenergie entgegensetzen wollte", so Museumschefin Barbara Engelbach. "Licht wurde im Kontext der Umwälzungen und Neubewertungen künstlerisch, biologisch, metaphysisch und technisch-wissenschaftlich zum Stoff der Hoffnung", sagt Piene im Rückblick auf die frühen Arbeiten der fünfziger und sechziger Jahre. In der Ausstellung werden der Öffentlichkeit erstmalig Entwürfe für einen geplanten Lichtturm in Moers/NRW gezeigt.

"Solarbesonnen ins nächste Jahrtausend": Solarstiftung Ulm/Neu-Ulm

Seit ihrer Gründung im Jahr 1995 ist die Solarstiftung Ulm/Neu-Ulm mit mehreren solaren Projekten hervorgetreten, von denen in der Ausstellung Modelle gezeigt werden. Dass Ulm 2002 mit dem Deutschen Solarpreis im Bereich Städte und Gemeinden ausgezeichnet wurde, war auch Ergebnis des von der Solarstiftung ausgeschriebenen Wettbewerbs "Solarbesonnen ins nächste Jahrtausend". Den ersten Preis erhielt der damalige Student der Stuttgarter Akademie für Bildende Künste, Sven Baacke, für zwei Solar-Triples aus dreieckigen Säulen. Die Solar-Stelen stehen seit 2002 an viel befahrenen Straßen. Der Sonnenbaum (Arbor Solaris), den Dorea Mundel, ebenfalls von der Stuttgarter Akademie, zum Wettbewerb eingereicht hatte, zeigt an einem Metallstamm 14 PV-Module, die wie Äste eines Baumes ausgefahren werden. 1996 hatte Ulm ein viel beachtetes "Solarjahr" initiiert, in dessen Rahmen eine Ausstellung mit bewegten Skulpturen durchgeführt wurde , die mit erneuerbaren Energien versorgt wurden.

Die Neu-Ulmer "Solarstelen" an der Europastrasse

Die Solarstelen in Neu-Ulm wurden im Juni 2002 an der Kreuzung Europastraße / Memminger Straße errichtet. Die drei Säulen bestehen aus insgesamt 27 senkrecht angeordneten Solarmodulen, die eine maximale Nennleistung von 1.965 Watt haben. Damit ergibt sich eine Solarstromproduktion von rund 800 Kilowattstunden pro Jahr, die abzüglich der Energie für die Beleuchtung in das Netz der Ulmer Stadtwerke (SWU) eingespeist wird.

Die Neu-Ulmer "Solarstelen" an der Europastrasse. Quelle: Solarstiftung Ulm/Neu-Ulm.

Die Solarstelen sind mit 54 blauen Leuchtstäben bestückt. Diese haben eine elektrische Leistung von 48 Watt. Bei einer durchschnittlichen täglichen Beleuchtungsdauer von 12 Stunden, ergibt sich ein Jahresenergiebedarf von 210 kWh. Die Solarmodule erzeugen also rund das dreifache der Energie, die für ihre Beleuchtung benötigt wird.

Licht leiten: Sally Weber

Die in Austin, Texas, lebende Künstlerin Sally Weber wurde durch ihre umfangreiche, experimentelle Arbeit mit Holographie und Licht international bekannt. In Deutschland zeigt das Karl-Ernst-Osthaus-Museum in Hagen seit 1997 ihre Permanent-Installation "Signature of the Source" und weitere Hologramme. "Als ich anfangs der frühen achtziger Jahre mit der Holographie zu arbeiten begann, war ich an der Natur des Lichtes und der Farbe selbst interessiert und deren Wirkung auf die menschliche Psyche", erklärt Weber. 1982 stellte sie durch Sonnenlicht beleuchtete Installationen her. Der Einsatz natürlicher Kräfte, des Windes, des Wassers und des Sonnenlichts, charakterisierte ihre Arbeit in den folgenden Jahren.

Licht-Installation "Terrain" von Sally Weber

Sally Weber arbeitete an holographischen Elementen, um Sonnenlicht in Gebäude zu leiten. In der Ausstellung ist sie mit dokumentarischen Arbeiten und Holographie vertreten.

"Terrain": Licht-Installation von Sally Weber (2003). Quelle: www.sallyweber.com.

"MIT DER SONNE GESTALTEN: 20 JAHRE SOLARKUNST"

Ausstellung kuratiert von Jürgen Claus.
E-Mail: jurclaus@euregio.net;

München: 12.-20. März 2004, RaumSolar, Lachnerstr. 3.

Dillingen/Saar: 15.-24. April 2004, Altes Schloß.
In Kooperation mit der Zukunftswerkstatt Saar e.V..

Die Öffnungszeiten der beiden Ausstellungen werden noch bekannt gegeben.

Links zu den Künstlern:

Jürgen Claus: http://www.juergenclaus.de;
www.khm.de/~SolArt

Mayer'sche Hofkunstanstalt: http://www.mayersche-hofkunst.de

NASA_Broschüre "The Sun as Art" (PDF; 9,8 MB) unter: http://sohowww.estec.esa.nl (Rubrik "free stuff)

SolArt Global Network: http://www.khm.de/~SolArt

Solarstiftung Ulm/Neu-Ulm: http://www.solarstiftung.de/

Sally Weber: http://www.sallyweber.com und http://www.keom.de/kuenstler/texte/weber_alignment.html

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