Solar-Reports:

Neue Photovoltaik-Fabriken und Kapazitäten in Deutschland

von Rolf Hug
15.10.2002

Nach dem Solar-Boom der vergangenen beiden Jahre, den Marktimpulsen durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) und das 100.000 Dächer-Programm und im Vorfeld der Bundestagswahl liegt die Photovoltaik-Nachfrage in etwa auf dem Vorjahresniveau. Die Verunsicherung der Hersteller vor der Wahl scheint mit der Bestätigung der rot-grünen Regierung ausgeräumt; die schwarz-gelben Pläne zur Einschränkung oder gar Streichung der Solarförderung sind fürs Erste vom Tisch.

High Tech-Solarzellenproduktion bei der Deutsche Cell GmbH High Tech-Solarzellenproduktion bei der Deutsche Cell GmbH
Bilder: High Tech-Solarzellenproduktion bei der Deutsche Cell GmbH; Freiberg/ Sachsen. Fotos: SolarWorld AG
Die Perspektiven für Sonne, Wind und Biomasse sind weiter erfreulich, die Wachstumschancen gut. Im Umfeld der Koalitionsverhandlungen regten die Abgeordneten Hermann Scheer (SPD) und Hans-Josef Fell (Grüne) ein 1 Million Dächer - Programm an, das die Ziele des 100.000. Dächer-Programms ausbauen soll. Neue Fabriken und erweiterte Produktionskapazitäten entstanden in 2002 und zeugen vom Engagement der Hersteller von Solaranlagen und Komponenten. RWE Solar in Alzenau, die SolarWorld AG in Freiberg/Sachsen, Flabeg Solar in Gelsenkirchen, die Solara AG in Wismar und Solvis (Solarwärme) haben neu gebaut. Shell will die Kapazität der Gelsenkirchener Solarfabrik in den kommenden Jahren deutlich erweitern.

Deutschland ist auf dem Weg zum High Tech-Solarstandort. Zusammen genommen entstanden mit den neuen Fabriken Produktionskapazitäten von - vorsichtig geschätzt - etwa 50 Megawatt Spitzenleistung für Silizium-Solarzellen und rund 20 Megawatt für Module. Darin nicht enthalten sind die Neu- beziehungsweise Ausbaupläne von BP Solar in Hameln, Isofoton in Nordrhein-Westfalen (jeweils 20 MWp Module) und der SolarWorld-Tocher Solar-Factory GmbH (2 x 25 MWp) in Freiberg, die ab 2003 realisiert werden sollen. Mit dem Ausbau der Wafer-Kapazität der Deutsche Solar AG auf 120 MW bis Jahresende und der neuen Produktionslinie der Deutsche Cell GmbH in Freiberg (zunächst 30 MW) sowie der Solar-Factory wird Sachsen ein bedeutender Solar-Standort.

Integration auf höchsten technischem Niveau

Das sächsische Freiberg ist auf dem Weg zu einem "Solar Valley" des Ostens. In der ehemaligen Bergwerksstadt konzentriert die SolarWorld AG mit Sitz in Bonn Kompetenz und Know-how. Das neue Silber heißt Silizium. Mit Europas größter integrierter Solarzellenfabrik deckt SolarWorld die gesamte Wertschöpfungskette der Photovoltaik ab. Am 16. September eröffnete das Unternehmen die hochmoderne neue Solarzellenfabrik der Deutsche Cell GmbH, deren Kapazität zunächst 30 Megawatt beträgt. Diese setzt mit ihrer technischen Ausstattung und der Fertigung unter Reinraumbedingungen Maßstäbe in der Solarzellentechnologie. Eine lückenlose Prozess- und Materialflussüberwachung, die Verfolgung der Produkte über den gesamten Fertigungsvorgang und Qualitätskontrollen in allen Verarbeitungsschritten schaffen die Voraussetzungen für qualitativ hochwertige kristalline Solarzellen mit einem Wirkungsgrad von über 14 %. Gleichzeitig wird die Ausschussquote im Vergleich zu herkömmlichen Verfahren deutlich gesenkt. Durch das neue, voll integrierte Produktionskonzept ist es außerdem möglich, den Einsatz aller für die Fertigung notwendigen Hilfsstoffe flexibel zu steuern und den Materialeinsatz während des Betriebes kontinuierlich zu optimieren. Das senkt nicht nur die Produktionskosten, sondern verschafft dem SolarWorld-Konzern auch zusätzliches Know-how für die Fertigung von Solarzellen.

Solarzellenfabrik der Deutsche Cell GmbH Inbetriebnahme der Solarzellenfabrik
Bilder: Solarzellenfabrik der Deutsche Cell; Inbetriebnahme: Dipl.-Ing. Boris Klebensberger (Geschäftsführer Deutsche Cell GmbH), Prof. Dr. h.c. Lothar Späth (Vorstandsvorsitzender Jenoptik AG) und Dipl.-Ing. Frank H. Asbeck (Vorstandsvorsitzender der SolarWorld AG) am roten Knopf. Fotos: SolarWorld AG
Die Deutsche Cell GmbH beschäftigt in der ersten Stufe der Zellenfertigung zunächst rund 85 neue Mitarbeiter. Der Ausbau der Kapazität auf 60 Megawatt ist bis 2004/2005 geplant. Dafür sind entsprechende Flächen in dem neu errichteten Gebäude sowie die notwendige Infrastruktur bereits geschaffen worden. Den Ausbau der Produktion will der Vorstand der SolarWorld AG in Abhängigkeit von der Markt- und Ertragslage einleiten. Den Startschuss für die Produktion gab Professor Dr. h.c. Lothar Späth, Vorstandsvorsitzender der Jenoptik GmbH, deren Tochtergesellschaft "M+W Zander Facility Engineering GmbH" maßgeblich an der schlüsselfertigen Errichtung der High-Tech-Fabrik in nur neun Monaten Bauzeit beteiligt war. Die Investitionssumme betrug 40 Millionen Euro.

RWE Solar, Alzenau

Bereits am 27. August 2002 ging die erste Solarzellen-Fertigungsstraße der integrierten Solarfabrik der RWE Solar im unterfränkischen Alzenau in Betrieb. Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber drückte den roten Knopf zum Start der ersten Fertigungslinie (15 MWp) der von der RWE Solutions AG errichteten Anlage. Mit der so genannten SmartSolarFab® entstand eine integrierte Solarfabrik mit 20.000 Quadratmetern Produktionsfläche. Bis 2004 will die RWE Solar GmbH (früher Angewandte Solarenergie - ASE GmbH) die Produktion bis auf 60 Megawatt Solarzellen ausbauen. 150 Millionen Euro will das Unternehmen insgesamt investieren, um die komplette Wertschöpfungskette der Solarenergie zu verwirklichen.

PV-Produktion RWE Solar SmartSolarFab Alzenau
Bilder: links PV-Produktion RWE Solar; rechts SmartSolarFab Alzenau: das lange Gebäude in der Bildmitte ist das etwa 350 Meter lange Produktionsgebäude. Fotos RWE Solar.
Außer hoch effizienten Solarzellen sollen in der "SmartSolarFab" auch Wafer produziert werden, das Ausgangsmaterial für Solarzellen. Auch das weltweit patentierte und bislang nur von der amerikanischen Tochtergesellschaft der RWE Solar GmbH hergestellte "EFG-Foliensilizium" wird künftig in Deutschland produziert. Zudem baut RWE Solar eine Modullinie auf, in der ein großflächiges Modul der 300-Watt-Klasse gefertigt wird. Im Endausbau werden in Alzenau insgesamt 400 neue Arbeitsplätze rund um die Herstellung von umweltfreundlichen Solarprodukten geschaffen. In der SmartSolarFabÒ entstehen nicht nur umweltfreundliche Produkte, die Produktion selbst setzt in der Umweltfreundlichkeit neue Maßstäbe, erklärte Dr. Winfried Hoffmann, Geschäftsführer der RWE Solar: "Im Vergleich zum Weltstandard sparen wir deutlich an Material und Energie." In Zukunft werde RWE Solar an ihren vier Firmenstandorten insgesamt 100 Megawatt produzieren. Dies entspreche dem jährlichen Strombedarf von 25.000 Haushalten.

Mehr Module

Der Flabeg-Konzern, Hersteller von technischen Gläsern, Spiegeln und Glas für die Architektur, weitet seine Solar-Aktivität aus: In Gelsenkirchen produziert eine nahezu voll automatisierte, im Drei-Schicht-Betrieb auf eine Jahreskapazität von 10,5 Megawatt ausgelegte Anlage bis zu 70.000 Solarmodule - wenn es der Markt verlangt. Zurzeit fertigen, rahmen, verpacken und versenden 8 Mitarbeiter die unter dem Namen MULTISOL erhältlichen Module, bis zu 300 Stück pro Tag. Im kommenden Jahr könnten es 30 Mitarbeiter mehr werden - wenn die Nachfrage stimmt. 6,5 Millionen Euro hat die Flabeg Solar International investiert, 2,6 Millionen Euro steuerten das Land Nordrhein-Westfalen und die Europäische Union bei. Auch hier stand die Senkung der Fertigungskosten bei höchster Qualität an erster Stelle. "Mit der neuen Produktionsstraße werden wir die Ausschussquote auf unter ein Prozent drücken, kündigte der Geschäftsführer von Flabeg Solar gegenüber der Tageszeitung DIE WELT an. Damit könnten die Kosten der Veredelungsarbeiten pro Modul von 1,8 Dollar auf unter einen Dollar gesenkt werden.

Modulproduktion bei Flabeg Solar International Modulproduktion bei Flabeg Solar International
Bilder: Modulproduktion bei Flabeg Solar International in Gelsenkirchen. Fotos: Flabeg Solar.
Mit den Fraunhofer-Instituten für Silicatforschung (ISC) und solare Energiesysteme (ISE) hat Flabeg ein Spezialglas entwickelt, das als Abdeckung von Sonnenkollektoren und Solarstrom-Modulen beträchtliche Energie-Gewinne bringt und den Einsatz von Solartechnik rentabler macht. Das Solarglas verbessert die Lichtdurchlässigkeit der Modul- und Kollektorabdeckung über das gesamte energetisch genutzte Spektrum des Sonnenlichts. Die Leistung von PV-Modulen steigt damit um 3 %, der Wärmegewinn solarthermischer Kollektoren sogar bis zu 15 %.

Solara AG, Wismar

Aufbauhilfe Ost hat die Hamburger Solara AG geleistet: Am 29. August 2002 weihte sie die erste und zweite Fertigungslinine der neuen Sonnenstromfabrik Wismar GmbH ein. Die aktuelle Kapazität von 6 Megawatt Spitzenleistung entspricht etwa 2.000 Solarstromanlagen für Eigenheime. Dafür sind bereits 31 Mitarbeiter eingestellt worden. Die geplante Kapazitätserweiterung bis Ende 2004 liegt bei 24 MW. Die Fertigungspalette reicht von Kleinstmodulen mit einer Leistung ab 1,5 Watt peak bis hin zu Großmodulen mit 450 Watt Spitzenleistung.

Solara Sonnenstromfabrik Wismar Prüfung der Solarzellen vor dem Laminieren
Bilder: Solara Sonnenstromfabrik Wismar. Prüfung der Solarzellen vor dem Laminieren. Fotos: Solara Sonnenstromfabrik Wismar GmbH.
Anlässlich der Einweihung dankte der Wirtschaftsminister von Mecklenburg Vorpommern, Dr Otto Ebnet, für das Engagement der Sonnenstromfabrik im Land lobte die Zukunftstechnologie: "Der Markt wächst beständig und bietet damit Chancen für neue Arbeitsplätze für Mecklenburg-Vorpommern", sagte der Minister. Thomas Leidreiter, Finanzvorstand der Solara AG erläuterte die Entscheidung für den Standort im Osten: "Hier in Wismar haben wir sehr kompetente, leistungswillige und motivierte Leute gefunden, die es mit ihrem Engagement und mit ihrer Leidenschaft ermöglicht haben, die hier in Wismar vorgefundene Technologie optimal zu nutzen, weiterzuentwickeln und zu etablieren." Mit der Produktion von 6 MW Solarstrommodulen trage die Wismarer Fabrik zur Vermeidung von 6.000 Tonnen Kohlendioxid-Emissionen bei, betonte Leidreiter. Bedenke man die Garantie auf 26 Jahre Nutzungsdauer, welche das Unternehmen gewährt, bedeute dies, dass in diesem Zeitraum insgesamt 156.000 Tonnen CO2 vermieden werden.

Börse, Pläne, Perspektiven

Die an der Börse notierte Solar-Fabrik AG (Freiburg) und die Berliner Solon AG verfolgen ebenfalls Ausbaupläne. Ob und wann diese umgesetzt werden, hängt sowohl von der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung als auch jener des PV-Marktes ab. Derzeit haben es jedenfalls auch Solar-Aktien schwer, auch nach dem Wahlergebnis vom 22. September, als die Kurse der Ökostrom-Produzenten im Vergleich zu anderen Wertpapapieren immerhin einen Sprung nach oben machten. Die Solar-Fabrik musste ihr Wachstumsziel merklich nach unten korrigieren; die Solon AG strebt nach einer Neustrukturierung der Unternehmensspitze eine verstärkte Präsenz im Markt an. Solar-Aktien sind an der Börse noch weit vom Zenit entfernt: Die Solar-Fabrik ist gegenwärtig um 2,30 Euro notiert (Höchststand 8,05 Euro); Solon Aktien liegen bei 0,6 Euro (Höchststand 20,8 Euro). Erfreulicher hingegen das Ergebnis der SolarWorld AG: Sie konnte das Vorjahresergebnis bereits in den ersten 9 Monaten des Jahres erzielen - nun tendiert der Kurs der SolarWorld Aktien wieder nach oben. Zeit also für ein ambitioniertes Solarstrom-Förderprogramm: Mit dem Ziel einer Million Photovoltaik-Dächer könnten der Markt und die technologische Spitzenstellung der deutschen Produzenten gesichert oder gar ausgebaut werden. Dann würde es vermutlich auch BP Solar leichter fallen, in das geplante Solarzellen-Werk in Hameln zu investieren. Aus dem Unternehmen verlautete bislang, die Entscheidung würde zum Jahresende getroffen und von der Marktsituation abhängig gemacht. Anders bei Shell Solar: Der Ausstoß der Gelsenkirchener Zellenfabrik steige von aktuell 10 MWp ab Januar 2003 auf eine geplante Gesamtleistung, kündigte Shell im Magazin der Landesinitiative Zukunftsenergien NRW an. Bei einer Fortschreibung ihrer derzeitigen Entwicklung könnte Shell im Jahr 2008 sogar Zellen mit einer Gesamtleistung von 100 MWp herstellen, heißt es dort.

Licht am Horizont auch für die Solarthermie: Die Diskussion um ein "Rgenerative-Wärme-Gesetz" könnte Impulse für die solare Warmwasserbereitung und Heizungsunterstützung geben und den Markt ankurbeln.

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