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1. Der Solarserver: Nachdem Utz Claassen Ihr Konzept aufgegriffen hat, werden nun auch kritische Stimmen laut: Fabio Longo, Vorstandsmitglied der Europäischen Vereinigung
für Erneuerbare Energien EUROSOLAR, sprach in einem Interview mit der Hessisch/Niedersächsischen Allgemeinen von dem "technokratischen Monstrum" eines Super-Verbundnetzes zwischen
Europa und Afrika, der "dem Kartell der großen Energiekonzerne langfristig seinen Einfluss absichern" solle. Wie stehen Sie zu diesem Einwand?
Dr. Knies: Ich bin seit über 15 Jahren Mitglied von EUROSOLAR. Es gibt dort viele Mitglieder, auch Vorstandsmitglieder, die das TREC Konzept positiv bewerten und
auch aktiv an dessen Entwicklung mitgearbeitet haben. Herr Longo spricht hier also nicht für die gesamte Organisation.
Wir sehen in diesem Super-Verbundnetz eine wertvolle Infrastruktur zur Nachhaltigkeit, die uns im Kampf gegen den Klimawandel entscheidende Vorteile bringen wird. Und wenn die
Großkonzerne beim dringend nötigen Klimaschutz mitwirken wollen, sehen wir keinen Grund sie auszugrenzen. Im Unterschied zu Herrn Claassen fordert TREC jedoch nicht, dass die
Wind- und Photovoltaik-Förderung reduziert werden soll. Ganz im Gegenteil: das TREC Konzept baut auch auf Beiträge von Wind, Wasserkraft, Biomasse und Photovoltaik zur
Gesamtversorgung. Allerdings ist man bei TREC der Meinung, dass die Erschließung der weltweiten Solarpotentiale der Wüsten durch solarthermische Kraftwerke für unsere Energie- und
Klimasicherheit bisher sträflich vernachlässigt worden ist.
2. Der Solarserver: Kann beziehungsweise soll der Wüsten-Strom die Nutzung erneuerbarer Energien hierzulande ersetzen?
Dr. Knies: Sauberer Strom aus den Wüsten soll nicht die hiesigen erneuerbaren Energien ersetzen, sondern die fossilen und nuklearen. Hierzu ist Strom aus
solarthermischen Kraftwerken besonders geeignet, da er dank thermischer Speicherung der Solarenergie nach Bedarf erzeugt werden kann: auch nachts. Wir erwarten, dass Wüsten-Strom
in Europa bis 2050 einen Anteil von 10 bis 25 Prozent haben könnte. So ähnlich scheint Herr Claassen das auch zu sehen.
3. Der Solarserver: Fabio Longo argumentiert, das Wüstenstromkonzept könne benutzt werden als "Hebel gegen das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG)", das den vielen
kleinen Produzenten von Strom aus erneuerbaren Quellen in Deutschland eine feste Vergütung garantiert. Die Stromkonzerne würden nur dann in der Wüste investieren, wenn die
Förderung für Sonnen- und Windenergie in Deutschland abgeschafft wird - also das EEG wegfalle. Teilen Sie diese Befürchtung?
Dr. Knies: Herr Claassens Vorschlag der Umleitung von PV- und Wind-Förderung in die Erforschung fehlender Speicher- und Übertragungstechnologien ist überflüssig,
da es diese Technologien bereits gibt. Herr Claassen hat außerdem mit keinem Wort geäußert, dass eine Abschaffung des EEG Vorraussetzung für ein Engagement der EVU für Strom aus
Nordafrika ist. Zur Beschleunigung der Erschließung der Wüsten zur sauberen Stromerzeugung schlagen wir sogar Einspeisevergütungen nach dem Vorbild des EEG in Nordafrika vor.
4. Der Solarserver: Mit dem EEG sorgte Deutschland für einen Boom, der in erster Linie der mittelständischen Wirtschaft zum Aufschwung verhalf (z.B. Solarbranche,
Windenergie, Bioenergie). Longo erwartet zum Beispiel, dass die "vielen kleinen Solar-Wechselrichter, wie SMA sie weltweit exportiert, kaum noch gebraucht würden, weil kleine und
mittelgroße Solaranlagen auf Dächern viel seltener gebaut würden." Beschäftigung für heimische Handwerker, die Solaranlagen installieren und warten, würde durch den Import von
Wüstenstrom zerstört; die Chancen regionaler Wertschöpfung von der Landwirtschaft bis hin zu mittelständischen Solarbetrieben zunichte gemacht. Können Sie diese Sorge
nachvollziehen?
Dr. Knies: Die Kollektoren für solarthermische Kraftwerke sind in Deutschland von kleinen und mittelständischen Unternehmen entwickelt worden. Sowohl in Europa
als auch in den Standortländern können sie von mittelständischen Unternehmen produziert werden. Und der deutsche Photovoltaikmarkt ist schon deshalb nicht gefährdet, weil
Wüsten-Strom nicht vor 2020 importiert werden wird und der Photovoltaikmarkt bis dahin nicht mehr auf finanzielle Unterstützung angewiesen sein dürfte. Landwirtschaftlich erzeugte
Biomasse ist aus unserer Sicht ebenfalls nicht gefährdet: sie ist zur Verstromung zu schade und viel besser als Ersatz fossiler Treibstoffe geeignet.
5. Der Solarserver: Last not least ist in dem Longo-Interview die Rede von einem "technokratischen Welt- und Menschenbild mit kolonialem Einschlag" das den
Afrikanern vorschreibt, wie sie Energie erzeugen sollen. Wie passt das zusammen mit den Vorstellungen des Club of Rome, auf dessen Initiative TREC entstand?
Knies: Im Unterschied zu EUROSOLAR kommt bei TREC etwa die Hälfte der Mitglieder aus Nordafrika und dem Nahen Osten, und der Präsident des Club of Rome ist
Jordanier. In der nachkolonialen Welt entscheiden diese Regionen selbst was sie wollen: tatsächlich wollen sie ihre Wüsten zur Überwindung ihrer katastrophalen Energie- und
Trinkwasserversorgung nutzen und außerdem sauberen Strom als hochwertiges Exportgut erzeugen. Das ist für diese Länder eine der ganz wenigen Möglichkeiten eine nachhaltige
Volkswirtschaft und regionale Arbeitsplätze zu schaffen . Dazu suchen sie aktiv die Unterstützung der Europäer.
Dezentrale Stromerzeugung durch importierte Solarzellen brächte dort viel weniger Arbeitsplätze. Auch konzentriert sich die Bevölkerung überwiegend in großen Städten, in denen
eine dezentrale Stromversorgung teurer und schwieriger als eine Netzversorgung wäre. Zudem kann die Abwärme der solarthermischen Kraftwerke als billige Energie zur dringend
benötigten Meerwasserentsalzung dienen.
Der Solarserver: Herr Dr. Knies, wir danken für dieses Gespräch.
Das Solar-Interview führte Rolf Hug
Weitere Informationen über TREC im Solar-Report 2/07 "Solarstrom aus der Wüste statt Wüste in Deutschland: Erneuerbare Energien im
transeuropäischen Verbund" und unter www.TREC-EUMENA.net
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22.03.2007
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