Jim Marzilli: "Ich glaube nicht, dass der nächste Präsident
Blankoschecks für die Ölindustrie unterschreibt"
Das Image des Energie und Ressourcen verschwendenden
Amerikas beginnt sich zu bessern. Bündnisse unterschiedlicher gesellschaftlicher
Gruppen erkennen die Gefahr des Klimawandels und fordern nicht
nur ein rasches Handeln, sondern gehen selbst mit gutem Beispiel
voran. Während sich Washington bislang vornehm zurückhält,
erweisen sich einige Bundesstaaten als Wegbereiter einer progressiven
Klima- und Energiepolitik. Ein Gespräch mit dem demokratischen
Abgeordneten Jim Marzilli.
punkt.um: Wie nehmen die US-AmerikanerInnen derzeit die Gefahren
des Klimawandels wahr?
Jim Marzilli: Sie bemerken, dass der erste Frost mit jedem Jahr
etwas später und der letzte Frost etwas eher einsetzt. Und
viele AmerikanerInnen begreifen allmählich, dass unsere Energiepolitik
unsere Wirtschaft schwächt, indem wir Öl im- und Dollars
exportieren. Dagegen investieren wir bei Photovoltaik oder Windtechnologie
in unsere eigenen Arbeitskräfte und unsere Industrien. Die
weltweit führenden Anbieter in der Photovoltaik und Windkraft
kamen einst aus Massachusetts, aber sie sind abgewandert, weil
wir sie nicht ausreichend unterstützt haben.
Eine neue Generation von Republikanern macht beim
Umwelt- und Klimaschutz
gemeinsame Sache mit Demokraten
punkt.um: Was unternehmen die Bundesstaaten gegen den Klimawandel?
Jim Marzilli: 2003 haben beispielsweise acht
nordöstliche Staaten die "Regional
Greenhouse Gas Initiative", abgekürzt RGGI, gegründet.
Die Staaten legen Obergrenzen für Emissionen von Kohlendioxid
fest und reduzieren sie allmählich, indem sie mindestens 25
Prozent der Emissionsrechte versteigern. Einige versteigern sogar
alle. Die Initiative ist außergewöhnlich, weil sie mehrheitlich
von republikanischen Gouverneuren ins Leben gerufen wurde. Die
Republikaner in Washington haben den Klimawandel bisher immer abgestritten.
Jetzt sehen wir eine neue Generation von Republikanern, die beim
Umwelt- und Klimaschutz gemeinsame Sache mit Demokraten macht.
punkt.um: Welche Wirkung erhoffen Sie sich von der RGGI?
Jim Marzilli: Wir brauchen einen nationalen Emissionshandel, der
die Treibhausgase signifikant reduziert. Genau das fordern die
Vorstände der Energiekonzerne aus den RGGI-Staaten jetzt von
den Politikern in Washington: "Klimaschutz ist ein Problem,
wir packen es an. Aber alleine schaffen wir es nicht."
punkt.um: Welche Beispiele gibt es auf lokaler Ebene?
Jim Marzilli: Beide Kommunen, die ich vertrete,
Arlington und Medford, nehmen am CCP, dem "Cities for Climate
Protection Program" teil. Indem wir die Beleuchtung der Bibliothek
in Arlington verändert haben, spart die Kommune jährlich
35.000 Dollar Energiekosten. Bei der Straßenbeleuchtung haben
wir in effizientere Glühbirnen investiert und sparen so 125.000
Dollar.
Konkrete Vorteile von Investitionen
in erneuerbare Energien und
Effizienz aufzeigen
punkt.um: Sollte man klimafreundlicheres Handeln über praktische
und finanzielle Vorteile bewerben?
Jim Marzilli: Wenn Sie einen Schulverwalter für den Klimaschutz
gewinnen wollen, brauchen Sie ihm nicht zu erzählen, wie traurig
es ist, dass die Eisbären wegen der schmelzenden Eisschollen
sterben müssen. Aber wenn Sie ihm klarmachen, dass er mit
einer moderaten Investition 20.000 Dollar pro Jahr Energiekosten
einsparen kann, klappt es. Viele AmerikanerInnen nehmen Natur nicht
als Teil ihres Lebens wahr. Deshalb muss man ihnen konkrete Vorteile
von Investitionen in erneuerbare Energien und Effizienz aufzeigen – etwa
die bessere Luft, die ihre Kinder atmen.
punkt.um: Inwiefern hat der Sturm "Katrina" gezeigt,
dass es beim Klimawandel nicht nur darum geht, mit effizienteren
Glühbirnen Geld zu sparen?
Jim Marzilli: Viele Menschen in den USA haben verstanden, dass
sich die Welt verändert hat. Stürme gab es immer schon,
aber sie sind mehr und heftiger geworden. Leute in niedrig gelegenen
Gegenden wie Florida oder Cape Cod in Massachusetts sorgen sich
nun um ihre Ferienhäuser. Und die Versicherungen weigern sich,
diese Häuser gegen Schäden zu versichern. Auch wenn wir
den steigenden Meeresspiegel kaum bemerken – der Versicherungsmarkt
tut es.
Nicht "Klimaerwärmung" sondern "Klimazerstörung"
ist
der richtige Begriff
punkt.um: Wie erzieht man Menschen zu klimabewusstem Handeln?
Jim Marzilli: Das ist kompliziert. Vieles am Klimawandel ist sehr
technisch und weit von dem entfernt, was die meisten wissen wollen.
Wir müssen die Sprache ändern, in der wir das Klimaproblem
und die Auswirkungen beschreiben. Es geht nicht darum, ob die Menschen
im März Golf spielen können, sondern darum, ob ihr Ferienhaus
bald vom steigenden Meeresspiegel aus dem Weg geräumt wird.
Dass Umweltschützer den Begriff "Klimaerwärmung" ins
Spiel gebracht haben, war ein großer Fehler. Er erlaubt den
Menschen, die große Bedrohung zu bestreiten. "Klimawandel" ist
etwas besser, obwohl jeder weiß, dass sich das Wetter ständig ändert
und deshalb noch längst nicht verstanden hat, was warum falsch
läuft. "Klimazerstörung" beschreibt am treffendsten,
was wirklich passiert: Es wird immer mehr Stürme geben und
der steigende Meeresspiegel wird nicht nur eine halbe Million Menschen
aus New Orleans, sondern Milliarden KüstenbewohnerInnen weltweit
bedrohen.
Umwelt und Energiesicherheit werden
im Wahlkampf immer bedeutsamer
punkt.um: Wie erfolgreich lässt sich das vermitteln?
Jim Marzilli: Das beste Beispiel für die Aufbruchsstimmung
in den USA ist die Apollo Alliance, ein breites Bündnis von
Umweltaktivisten, Unternehmen, Gewerkschaften, Finanzinstituten
und Kirchen. Sie fordern eine massive Förderung von erneuerbaren
Energien. Wenn wir den Klimawandel in den Griff bekommen, stärkt
das auch unsere Wirtschaft. Natürlich gibt es immer noch viele
Menschen, die einfach nicht verstehen, worum es geht oder die ihre
kurzfristigen egoistischen Interessen über wissenschaftliche
Erkenntnisse stellen. Den Vorstand von Exxon wird man kaum davon überzeugen,
seine Politik zu ändern. Aber man kann versuchen, eine politische
Mehrheit zu finden, um neue Regeln für Unternehmen wie Exxon
aufzustellen.
punkt.um: Welche Rolle wird der Klimawandel bei der nächsten
Präsidentschaftswahl spielen?
Jim Marzilli: Ich glaube, Umweltthemen, insbesondere das Problem
der Energiesicherheit, werden im Wahlkampf immer bedeutsamer werden.
Wer auch immer gewinnen wird – ich bezweifle, dass der nächste
Präsident Blankoschecks für die Ölindustrie unterschreiben
würde, wie es der jetzige getan hat und tut.
Weitere Informationen in englischer Sprache:
Regional Greenhouse Gas Initiative: http://www.rggi.org
Apollo Alliance for Good Jobs and Clean Energy: http://www.apolloalliance.org
Kontakt: Rep.JamesMarzilli@hou.state.ma.us
Zeitschrift punkt.um, der Infodienst für Umwelt und Nachhaltigkeit: http://www.oekom.de/zeitschriften/punktum.html
oekom-Verlag: http://www.oekom.de/
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