"Selbstverständlich gehen wir davon aus, dass wir im neuen Bundestag nur aus einer neuen Oppositionsrolle heraus agieren werden"
Craig Morris: Stimmt es, dass Sie sich nur als Oppositionspartei sehen, oder würden Sie an einer Koalition teilnehmen?
Wolfgang Methling: Selbstverständlich gehen wir davon aus, dass wir im neuen Bundestag nur aus einer neuen Oppositionsrolle heraus agieren werden. Das hat damit zu tun, ob
es Koalitionspartner geben kann. Wir schätzen das so ein - und im Übrigen die anderen auch -, dass eine Koalition mit der Linkspartei.PDS nicht zustande kommen kann. Das ist
sowohl vom Programm ablesbar als auch von den Kommentaren der anderen Parteien.
Craig Morris: Sie wollen als Linkspartei für mehr Arbeitsplätze sorgen. Welche Rolle spielt dort die Energiepolitik?
Wolfgang Methling: Es gibt sicherlich Verschiebungen in diesem Bereich. Laut Berechnungen der Bundesregierung hat die Nutzung der Windkraft und der Biomasse 120.000 Arbeitsplätze
geschaffen. Es gibt eine Verlagerung in andere Bereiche wie die Solarenergie. Auf jeden Fall generiert unsere Energie- und Umweltpolitik Arbeitsplätze.
Wenn Sie in den nächsten Jahrzehnten die Kohlekraftwerke neben der Kernkraft abbauen wollen, gehen Arbeitsplätze verloren. Können auf dem erneuerbaren Sektor genügend
Arbeitsplätze entstehen?
Wolfgang Methling: Ich bin davon überzeugt, dass sowohl in der dezentralen als auch in der zentralen erneuerbaren Energieversorgung genug Arbeitsplätze entstehen werden.
Das bringt eine Neuorientierung mit sich, selbstverständlich.
Craig Morris: Braunkohle: Wärme und Strom können auch anders erzeugt werden
Da Sie im Osten sehr stark vertreten sind: Wie steht die Linkspartei zur Braunkohleindustrie, die gerade im Osten sehr viel Potenzial hat - rund 200 Jahre Reserven bei gleich
bleibendem Konsum.
Wolfgang Methling: Auf jeden Fall bleiben diese Ressourcen begrenzt. Aber auch wenn die Effizienz bei den Braunkohlekraftwerken steigt: Jeder Bergbau stellt einen Eingriff
in die Natur dar. Und auch wenn die Braunkohle weiterhin genutzt wird, muss eine Neuorientierung auf die stoffliche Nutzung erfolgen. Das richtet sich nicht gegen die Nutzung der
einheimischen Rohstoffe, sondern sie sollen verstärkt der stofflichen Nutzung zugeführt werden.
Wir müssen darauf achten, dass wir die fossilen Ressourcen dort verbrauchen, wo sie unersetzlich sind: in der chemischen Industrie und als Rohstoff. Wärme und Strom können auch
anders erzeugt werden. Nur durch die Biomasse können fossile Rohstoffe ersetzt werden, was in Anfängen bereits praktiziert wird.
Beim Braunkohleabbau müssen wir außerdem bedenken, dass kommunalpolitische Fragen eine große Rolle spielen, weil dies große Eingriffe sind. Es ist schwieriger, hier einen
gesellschaftlichen Konsens zu finden, als in anderen Bereichen, denn es sind großflächige Eingriffe.
Craig Morris: Im Gegensatz zur Steinkohle, meinen Sie.
Wolfgang Methling: Ja.
Craig Morris: Wie steht die Linkspartei zu den neuen Gerüchten über Pläne, neue Braunkohlegebiete in Mecklenburg-Vorpommern zu entwickeln?
Wolfgang Methling: Wir haben eine sehr skeptische bzw. ablehnende Haltung. Die Braunkohlevorräte dort sind sehr begrenzt, da sie bereits im vorigen Jahrhundert ausgebeutet
wurden. Der Abbau wurde eingestellt, weil die Effizienz zu gering war. Im Moment zielen die Pläne eher darauf, diese Diatomeenkohle nicht energetisch, sondern stofflich zu
verwerten.[Diatomeenerde - auch Kieselgur und Diatomit - wird seit langem als Trägersubstanz in Dynamit verwendet; heute wird Diatomit aufgrund seines Absorptionsvermögens auch in
Filtern verwendet - CM]
Wir sind der Auffassung, dass es zu einem nicht vertretbaren Eingriff in das Ökosystem kommen würde. Im Übrigen hat die Mitteldeutsche Braunkohlegesellschaft ("Mibrag" - die
Betreiberfirma der Braunkohleabbaugebiete, Anm. d.Verf.) kein wirtschaftliches Konzept vorgelegt.
Große gemeinsame Schnittmenge mit Grünen, Unterschiede zur SPD
Craig Morris: Ich sehe viele Gemeinsamkeiten zwischen Ihrer Energiepolitik und der von Rot/Grün. Warum sollte man die Linkspartei wählen, wenn man von der Energiepolitik
ausgeht? Gibt es hier überhaupt große Unterschiede? Sie wollen auch den Atomausstieg.
Wolfgang Methling: Wir sind uns sicherlich in großen Bereichen der Energiepolitik einig. Was die konsequente Nutzung der erneuerbaren Energien betrifft, gibt es auf jeden
Fall Unterschiede zur SPD. Herr Scheer, der Träger des Alternativen Nobelpreises, vertritt sicherlich keine mehrheitliche Position in der SPD. Wir liegen aber in seiner Nähe.
Was die Grünen betrifft, haben wir eine große gemeinsame Schnittmenge, und das ist auch gut so. Es ist auch gar nicht verwunderlich, wenn man die Umwelt- und Energiepolitik auf
der Basis von Naturgesetzen betreibt. Ich sehe das eher als Chance, nicht als Problem.
100% Strom- und Wärmeversorgung in Haushalten
Craig Morris: Sie unterstützen auch das Erneuerbare-Energien-Gesetz?
Wolfgang Methling: Selbstverständlich, wir möchten, dass es fortgesetzt wird und auf einigen Bereichen noch konsequenter -- wie beispielsweise bei der Biomasse und der
Geothermie. In einigen Bereichen sind wir konsequenter. Die 100% Strom- und Wärmeversorgung in Haushalten ist ein Konzept, das ich von anderen noch nicht gehört habe. Aber in der
Richtung sind wir uns einig. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz ist mit das Beste, was Rot-Grün auf den Weg gebracht haben.
Craig Morris: Was passiert denn, wenn in wenigen Wochen Schwarz-Gelb auf 48% kommt, und Rot-Grün dann lieber mit Ihnen koalieren will als Opposition spielen? Kann es eine
52% Mehrheit aus Rot-Grün-Rot geben?
Wolfgang Methling: Dazu habe ich mich schon geäußert. Die Wahrscheinlichkeit ist gering. Und es reicht nicht aus, Gemeinsamkeiten in der Energiepolitik zu haben. Ich halte
es nicht für möglich, dass wir uns an einen Tisch setzen und über eine mögliche Koalition sprechen. Wenn man sich das gesamte Programm anschaut und nicht nur die Energiepolitik,
dann reicht das nicht aus. Bei der Energiepolitik hätten wir weniger Probleme. Aber was die Sozialpolitik betrifft - das Gesamtprojekt der Agenda 2010 -, das ist unvereinbar mit
dem, was die Linkspartei.PDS vertritt.
Deswegen haben sich alle so dazu geäußert. Ich halte es für ein Hirngespinst, von einer rot-grün-roten Koalition nach den Bundestagswahlen zu sprechen.
Craig Morris: Ich bedanke mich für das Gespräch.
|
Craig Morris übersetzt für Petite Planète Translations und ist Autor des Buches Zukunftsenergien: Die Wende zum nachhaltigen Energiesystem, das in der
Telepolis-Buchreihe erschienen ist. Das Buch räumt mit gängigen Missverständnissen bezüglich erneuerbarer Energien auf und beschreibt ein zukunftsfähiges Modell für
einen nachhaltigen Energiemix. Dabei werden fossile Energiequellen nicht verteufelt, sondern als Plattform für das erneuerbare System gesehen.
Wir danken dem Autor und dem Heise-Verlag für die Erlaubnis, die Interviews auf dem Solarserver zu publizieren.
|
|
|