Ein "Apollo-Projekt" zur Neuerfindung
der modernen Industriegesellschaft
Prof. Schellnhuber: Es ist tragisch, dass sich die Nation mit
dem größten Innovationspotenzial der Welt dem Klimaschutz
bisher verweigert. Immerhin ist ein großer Teil der dortigen
Bevölkerung, der Unternehmen und der Einzelstaaten heute bereit,
diese Haltung aufzugeben. Auch die Programme der aussichtsreichsten
Präsidentschaftskandidaten sprechen für eine Wende in
der US-Klimapolitik. Die größte Chance besteht wohl
darin, die USA durch technologische Herausforderungen, etwa in
der Richtung eines weltweiten "Apollo-Projektes", an
Bord zu bekommen. Diesmal geht es allerdings nicht um die Landung
auf dem Mond, sondern um die Neuerfindung der modernen Industriegesellschaft.
Germanwatch: Sie haben jüngst mit einer Gruppe von Wissenschaftlern
die bisher gründlichste Bestandaufnahme von Kippelementen
im Klimasystem unseres Planeten vorgelegt [1]. Wie hoch schätzen
Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass wir bei ungebremstem Klimawandel
die Schwellenwerte dieser Kippelemente überschreiten?
Prof. Schellnhuber: Wir haben zunächst Elemente des Systems
Erde identifiziert, die für den Erhalt der Lebensgrundlage
vieler Menschen unerlässlich sind und bei denen die Gefahr
besteht, dass die Grundlage für ihre Destabilisierung noch
in diesem Jahrhundert gelegt wird. Gefährdung und Bedeutung
für den Menschen waren die Hauptkriterien für unsere
Auswahl. Einige Kippprozesse, etwa das Abschmelzen des westantarktischen
Eisschildes, würden selbst bei ungebremster Erwärmung
erst in einigen Jahrhunderten zum Abschluss kommen. Andere Kippelemente
könnten dagegen schon im Laufe der nächsten Jahre sprunghafte
Veränderungen durchmachen. Dazu gehört etwa der Indische
Monsun, der beginnen könnte, jahresweise und unberechenbar
zwischen zu viel und zu wenig Regen zu schwanken. Um auf Ihre Frage
zurückzukommen: Bei ungebremstem Klimawandel ist die Kipp-Wahrscheinlichkeit
leider bei den meisten Elementen hoch: die kritischen Schwellen
liegen quasi alle innerhalb des vom IPCC projizierten Temperaturbereichs.
Germanwatch: Sie schreiben, dass Kipppunkte in der Arktis und
in Grönland bereits überschritten sein könnten oder
dass wir kurz davor stehen. Worauf stützen Sie diese Aussage?
Prof. Schellnhuber: Auf Beobachtungen. Die Eisbedeckung des Nordpolarmeeres
im Sommer hat in den letzten 16 Jahren deutlich abgenommen. Hier
hat ein sich selbst verstärkender Prozess eingesetzt: Wenn
auf dem Meer schwimmendes Eis schmilzt, wird darunter dunkles Wasser
freigelegt, das sich bei Sonneneinstrahlung stärker erwärmt
als die hellen Eisflächen und dadurch den Eisschwund wiederum
beschleunigt. Viele Wissenschaftler gehen davon aus, dass das Nordpolarmeer
noch im Laufe dieses Jahrhunderts im Sommer völlig eisfrei
sein wird. Beim Grönländischen Eisschild gibt es einen ähnlichen
Effekt: Wo das Eis schwindet, nimmt die Höhe des Schildes
ab, sodass die Eisoberfläche in wärmere Luftschichten
sinkt. Da die Erwärmung in der Nordhemisphäre besonders
stark ist, müssen wir davon ausgehen, dass dieser Prozess
den Eisschild schwinden lassen wird, schlimmstenfalls schon im
Laufe von dreihundert Jahren.
Frühwarnsysteme und Anpassungsstrategien entwickeln
Germanwatch: Sie stützen Ihre Aussagen auf Expertenstatements
führender Wissenschaftler. Doch einige Kollegen kritisieren
das Vorgehen. Es habe sich nur etwa ein Viertel der angefragten
Wissenschaftler beteiligt. Da ihre Namen nicht offen gelegt wurden,
sei nicht einschätzbar, wie viel Erfahrung sie haben. Was
entgegnen Sie solcher Kritik?
Prof. Schellnhuber: Angesichts der dramatischen Konsequenzen,
die das Kippen dieser Elemente für viele Menschen nach sich
ziehen würde, bleibt uns gar nichts anderes übrig, als
schon heute ein möglichst genaues Bild der Kippprozesse zu
erlangen, um Frühwarnsysteme und Anpassungsstrategien entwickeln
zu können. Computersimulationen sind bislang aber nur eingeschränkt
in der Lage, diese Entwicklungen genau abzubilden. Expertenbefragungen
sind ein bewährtes Mittel, künftige Entwicklungen abzuschätzen.
Das Einschätzungsvermögen von Forscherinnen und Forschern,
die sich seit Jahren intensiv mit der Funktionsweise des Klimasystems
auseinandersetzen, ist eine der wenigen Quellen, die uns derzeit
Erkenntnisgewinn im Zusammenhang mit den Kippprozessen verschaffen
kann. Wir können hierauf nicht verzichten. Im übrigen
werden alle Namen in einer Nachfolgepublikation veröffentlicht
und eine Umfragebeteiligung von mehr als 30 % ALLER führenden
Experten weltweit ist ein tolles Ergebnis: schließlich sind
das vielbeschäftigte Leute, und es gab keine Traumreise zu
gewinnen.
Nur ein Tor kann hoffen,
dass das Klimasystem träge in seinem Zustand verharrt
Germanwatch: Sie haben sich als Physiker auf den Umgang mit hochkomplexen
Systemen spezialisiert. Nicht-Fachleute und bis in die 70er Jahre
auch Physiker denken aber normalerweise in linearen Kategorien. "Die
Natur macht keine Sprünge" gehörte für Generationen
von Schulabgängern zu den Standardweisheiten. Welcher "Prothesen
der Vorstellungskraft" bedarf es, um für solche Prozesse
Verständnis zu wecken?
Prof. Schellnhuber: Seitdem die sogenannte "Nichtlineare
Dynamik" zu einem der vitalsten Gebiete der modernen Physik
geworden ist, laufen die jungen Menschen schon ziemlich gut ohne
die "Linearprothese". Wir müssen unseren Blick nur
in die Erdgeschichte richten: Dort wimmelt es von Ereignissen,
wo sich gewaltige Umweltveränderungen abrupt und großflächig
vollzogen haben. Oben drauf auf das zu starken Schwankungen neigende
natürliche Klimasystem kommt nun die vehemente Störung
durch die menschlichen Emissionen: Nur ein Tor kann hoffen, dass
das System das gutmütig wegsteckt und träge in seinem
Zustand verharrt.
Wollen wir das Risiko eingehen,
dass unbeherrschbare Folgen der Erwärmung eintreten?
Germanwatch: Wie sollte man mit der Situation umgehen, dass selbst
die Modelle des IPCC, etwa im Bereich der Eisschild-Dynamik, aber
auch bei der Temperaturentwicklung, bis heute nur sehr begrenzt
mögliche nicht-lineare Entwicklungen berücksichtigen?
Wie kann sichergestellt werden, dass dies im nächsten IPCC-Bericht
anders sein wird?
Prof. Schellnhuber: Die Klimamodelle werden ständig weiter
entwickelt. Zudem können uns die immer leistungsfähigeren
Computer immer höher aufgelöste Projektionen liefern.
Das heißt, wir werden immer besser abschätzen können,
mit welchen klimatischen Bedingungen in den Regionen der Erde zu
rechnen ist. Das ist unverzichtbar für die Anpassung an den
unvermeidbaren Klimawandel. Sichere Aussagen darüber, wann
und wo genau nicht-lineare Entwicklungen einsetzen, werden aber
weiterhin schwierig zu treffen sein - aber auch da werden wir in
10 Jahren viel klüger sein. Entscheidend ist, wie wir mit
den Szenarien umgehen. Wollen wir das Risiko eingehen, dass unbeherrschbare
Folgen der Erwärmung eintreten? Oder wollen wir unsere Anstrengungen
verstärken, die Erwärmung auf ein Maß zu begrenzen,
bei dem diese Folgen wahrscheinlich vermieden werden? Das IPCC
wird dazu weiterhin klar Position beziehen: Wenn wir die Lebensgrundlagen
künftiger Generationen erhalten wollen, können wir nicht
weiter wirtschaften wie bisher.
Das Interview führte Christoph Bals, Politischer Geschäftsführer
von Germanwatch, im März 2008. Der Solarserver dankt Germanwatch
(http://www.germanwatch.org) für die Erlaubnis zur Publikation
im Internet.
Fußnote: [1] Lenton, T. M., H. Held, E. Kriegler, J. W.
Hall, W. Lucht, S. Rahmstorf & H. J. Schellnhuber (2008): Tipping
elements in the Earth's climate system. PNAS 105: 1786-1793. http://www.pnas.org/cgi/reprint/0705414105v1.pdf
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