Michael Straub: Wir sind der Auffassung, dass international
vernetzte und dezentrale erneuerbare Energien nicht gegeneinander ausgespielt
werden dürfen. Aus Gründen des Klimaschutzes und der Strompreise
sollte man in jedem Fall beide Potenziale nutzen (und man wird
es auch). Sie ergänzen sich ideal, da solarthermische Kraftwerke
mit ihren thermischen Speichern Strom nach Bedarf liefern können;
auch nachts und wenn kein Wind weht. Auf teure und ineffiziente Stromspeicher
für
dezentrale Anlagen ist man somit nicht mehr unbedingt angewiesen,
was die dezentrale Stromerzeugung finanziell noch attraktiver macht.
Während
Wüstenstrom die Stromerzeugungskosten senkt, sorgen die sinkenden
Kosten für dezentrale Photovoltaik dafür, dass die Stromkonzerne
mit ihrer Preisgestaltung in Schranken gewiesen werden.
Eine Schlüsselrolle bei DESERTEC spielt der zügige Aufbau
eines verlustarmen, von den Energieversorgungsunternehmen unabhängigen,
Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsnetzes (HGÜ), ein "Supernetz".
Es wird also nicht nur EINE Leitung und EIN großes solarthermisches
Kraftwerk geben, sondern wie man auf unserer Karte sieht ein recht
dezentrales Netz mit genügend Reservekapazitäten für
den Ausfall von Leitungen und Kraftwerken. Da HGÜ-Leitungen ohne
wesentliche Mehrkosten unterirdisch verlegt werden können und
keine nennenswerte elektromagnetische Strahlung aufweisen, sind hier
im Gegensatz zu Wechselstrom keine größeren Widerstände
von Anwohnern zu erwarten.
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| Solarthermisches Parabolrinnenkraftwerk; geplante
Standorte für Kraftwerke (Konzentrierte Solarenergie; Photovoltaik,
Wasserkraft, Biomasse und Erdwärme. Hochspannungs-Gleichstromtrassen
(rote Linien), Quelle; Solar Millennium, TREC. |
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| Wenn südeuropäische Länder Einspeisegesetze für
Wüstenstrom schaffen und etwa fünf Jahre später der erste
Strom über das Mittelmeer importiert wird, kann der Klimaschutz
in Deutschland schon vor der Fertigstellung des europäischen Supernetzes
davon profitieren: Sobald deutsche Stromexporte nach Südeuropa nicht
mehr benötigt werden, können alte Atommeiler und Kohlekraftwerke
in Deutschland schneller vom Netz gehen. Von E.ON gibt es bereits eine
aktuelle Pressemeldung in der Investitionen in solarthermische Kraftwerke
in Südeuropa und Nordafrika angekündigt werden, während
man sich gleichzeitig darauf einstellt die Netze abzugeben.
Hermann Scheer: Die dezentrale Nutzung erneuerbarer
Energien führt zu stetigem und schnellem Ausbau. 2007 wuchs
die Stromproduktion aus erneuerbaren Energien um 16 Milliarden
Kilowattstunden, was der Produktionsleistung von zwei Atomkraftwerken
entspricht. Seit 2000, dem Jahr des Inkrafttretens des EEG, stieg
der Anteil erneuerbarer Energien in der deutschen Stromversorgung
von vier auf 16 Prozent. Ohne willkürliche Genehmigungsverweigerungen
bei Standortsuchen könnte dieser Anteil bis 2020 auf über
60 Prozent steigen. Dies ist auch notwendig, denn Klimawandel
und die Verknappung fossiler und atomarer Ressourcen und die
aus ihnen resultierenden ökologischen Schäden gebieten
ein schnelles Handeln. Das DESERTEC-Konzept würde hingegen
zu einer unverantwortlichen Verzögerung führen. Wie
lange soll es bis zur Realisierung dieses theoretischen Konzeptes
dauern? Zehn oder 20 oder mehr Jahre? Dabei halten die Argumente
der DESERTEC-Befürworter einer genauen Betrachtung nicht
stand, so auch das Kostenargument: Wirtschaftlich ist nicht das
Verhältnis von Solarstrahlung und Stromertrag die entscheidende
Rechnungsgröße, sondern das zwischen tatsächlichem
Gesamtinvestitionsbedarf und Stromertrag. Der unermessliche
Vorteil dezentraler Stromerzeugung ist, dass dadurch Systemkosten
vermieden werden können, die bei zentraler Stromerzeugung
unerlässlich sind. Es wäre auch das erste Großprojekt,
bei dem die am grünen Tisch errechneten Kosten mit den tatsächlichen übereinstimmen.
Schon jetzt werden die Pläne für die angeblich viel
effektivere Solarstromlieferung missbraucht, um die Solarstromerzeugung
in Europa zu denunzieren und möglichst zu kappen: Der nächste
Angriff der Stromkonzerne gegen das EEG und zur Diskreditierung
der Kosten und Potenziale des dezentralen heimischen Ausbaus
ist voraussehbar. Die Konzerne versuchen weiterhin die Energiewende
um 30 bis 40 Jahre hinauszuzögern und die Beschaffung erneuerbarer
Energien auf Kosten der Allgemeinheit zu ihren Gunsten zu organisieren.
Denn DESERTEC kann nur von wenigen Großkonzernen realisiert
und betrieben werden, die so auch die Strompreise bestimmen könnten.
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| Dezentrale Energieproduktion in Deutschland: Bioenergiedorf Jühnde
(Niedersachsen; Deutscher Solarpreis 2005) und 5 Megawatt-Solarkraftwerk
in Bürstadt (Hessen). Fotos: Bioenergiedorf Jühnde und Tauber
Solar. |
Was ist die Alternative zu Solarstrom-Importen?
Michael Straub: Ob es dem Industriestandort Deutschland nutzt, unter enormen
Mehrkosten für Strom energieautark zu sein, ist zu bezweifeln. Und selbst
wenn Deutschland dieses Ziel rechtzeitig erreichen sollte, ist die Welt damit
nicht gerettet. Andere europäische Länder sehen in Wüstenstrom
einen günstigen Beitrag zu ihrem Energiemix, der ihre Anstrengungen
für den Klimaschutz beschleunigen kann. Aufgrund der notwendigen Regelkapazität
(“Strom nach Bedarf“) wäre die einzig bezahlbare Alternative
zu Solarstrom-Importen der verstärkte Einsatz von Erdgas und "sauberer" Kohle,
selbst wenn die verfügbaren heimischen Wasserkraft-, Geothermie- und
Biomassepotenziale zur Stromerzeugung, wie von uns vorgeschlagen, ebenso
weitgehend genutzt würden.
Nach Ansicht von Hans-Josef Fell, einem der Väter des deutschen Erneuerbare-Energien-Gesetzes
(EEG), besteht durch die Einspeisung von Wüstenstrom keine Gefahr für
dieses vorbildliche Gesetz. Es müsste einfach ein weiteres Gesetz geschaffen
werden, das die Vergütung der Einspeisung von Wüstenstrom regelt.
Hermann Scheer: Desertec mit seinen technischen, finanziellen
und politischen Unwägbarkeiten ist keine Alternative zur Dezentralität.
Die Verlagerung der Energieversorgung zurück auf die Regional- und Siedlungsebene
findet hingegen heute schon beispielhaft in vielen Kommunen, Landkreisen
und Regionen
statt, die so in erheblichem Maße ihre regionale Wirtschaftskraft stärken.
Solarstromerzeugung in der Sahara ist ein Ansatz für die dortigen Staaten.
Wenn sie den Strom selber nutzen, und die EU ihnen dabei angemessen
hilft, haben sie die unmittelbare Chance zu dauerhaft kostengünstiger
Stromerzeugung.
Weitere Informationen zu DESERTEC: http://www.desertec.org/de/what-you-can-do/faq/
Solar-Report:
Solarstrom aus der Wüste statt Wüste in Deutschland:
Erneuerbare Energien im transeuropäischen Verbund
Informationen zu fesa e.V.:
www.fesa.de; www.solarregion.net; www.solarregion.eu und
www.geothermie-suedwest.de
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