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Jeremy Rifkin: Die H2-Revolution. Wenn es kein Öl mehr gibt...

Rifkin, Jeremy: Die H2-Revolution. Wenn es kein Öl mehr gibt... Mit neuer Energie für eine gerechte Weltwirtschaft. Aus d. Engl. v. Kleidt, Brigitte. Campus Verlag 2002. 304 S. Gebunden. 
ISBN/ISSN: 3-593-37097-2. 
Preis: ab EUR 15,00

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Kein Zweifel: Öl, Gas und Kohle sind endliche Ressourcen. Und sie haben ihren Preis: Die gegenwärtigen weltpolitischen Spannungen, Krisen und Kriege zeigen, dass er nicht nur an der Tankstelle oder auf der Strom- und Heizungsrechnung abzulesen ist. Die wirtschaftliche Entwicklung ist unmittelbar mit der Verfügbarkeit von Energie verknüpft. Ohne Energie kein Wachstum, ohne Energie kein Leben. Das gilt für Organismen und Systeme - ausnahmslos. Auf der Grundlage wissenschaftlicher Daten kommt Jeremy Rifkin zu einer völlig neuen Bewertung der fossilen Ressourcen: Das Fördermaxium für billiges Erdöl wird um das Jahr 2010 erreicht sein, beim Erdgas wird es nur wenige Jahre später folgen. Danach steuert die Menschheit auf einen Wendepunkt zu: Das Wechselspiel von unmittelbar bevorstehendem globalem Fördermaximum, wachsender Konzentration der verbleibenden Ressourcen in der politisch und sozial extrem instabilen Region des Nahen Ostens sowie die fortgesetzte globale Erwärmung ergeben eine brisante Mischung fasst Rifkin auf Seite 156 zusammen.

Nicht nur die systematische Überprüfung und Kritik der bisherigen Energieprognosen ist Rifkin gelungen. Seine kultur- und wirtschaftsgeschichtlichen Ausführungen sind eine weiter Stärke des Buchs. Rifkin schafft es, den historischen Zusammenhang von, Energie, Ökonomie und Gesellschaft verständlich zu machen. Zum Beispiel im Kapitel über den Aufstieg und Untergang von Kulturen nach den Hauptsätzen der Thermodynamik. Der erste Hauptsatz der Thermodynamik sagt, dass die Menge der Energie im Weltall unveränderlich ist, sie kann weder erzeugt noch zerstört werden. Das könnte beruhigen, wäre da nicht der zweite Hauptsatz, der so genannte Entropiesatz. Er besagt, dass die Umwandlung der Energie gerichtet ist. Aus verfügbarer, nutzbarer Energie wird nicht-verfügbare, nicht nutzbare Energie. Das gilt in erster Linie für die endlichen fossil-atomaren Ressourcen: Ein verbranntes Stück Kohle läßt sich nicht ein zweites Mal verbrennen. Die Sonne hingegen wird noch Milliarden Jahre strahlen und die Erde länger mit Energie versorgen als die Menschheit vorausplanen kann. Wenn die Ökonomie nichts anderes bedeutet, als die unumkehrbare Vernichtung verfügbarer fossiler Energie kann die Bilanz nach Rifkin nur negativ ausfallen. Das belegt er an Hand einer lehrreichen Untersuchung des Römischen Reichs, das daran scheiterte, sein Imperium mit genügend Energie zu versorgen -Parallelen zu den USA sind nur allzu augenfällig.

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Die Wasserstoff-Revolution

Wasserstoff ist das leichteste, einfachste und häufigste Element im Universum. Könnte er als Energiequelle genutzt werden, sagt Rifkin, würde der Vorrat "bis in alle Ewigkeit reichen". Und setzt auf eine globale, dezentrale Wasserstoffwirtschaft mit vernetzten Brennstoffzellen-Kraftwerken nach dem Vorbild des Internets. Doch Wasserstoff ist keine Energiequelle - er muss entweder aus fossilen Energieträgern, beispielsweise Erdgas, oder mittels Strom aus Wasser gewonnen werden. Stammt der Strom aus erneuerbaren Energien ginge die Rechnung auf. Brennstoffzellen könnten den durch Elektrolyse produzierten Wasserstoff umweltfreundlich in Strom und Wärme umwandeln.

Doch warum Strom mit Strom erzeugen? Solarzellen wandeln Sonnenlicht direkt in Elektrizität um, leise und ohne Emissionen. Kollektoren produzieren Wärme aus solarer Strahlung, zum Beispiel zur Heizungsunterstützung und Warmwasserbereitung. Das sind ausgereifte Techniken, die direkt genutzt werden können, ohne ein weiteres Glied in die Kette der Energieumwandlung einzufügen, zumal Wärme den größten Posten auf unserer Energierechnung darstellt. Wasserstoff ist ein Speicher, der Solarenergie verfügbar machen kann, wenn ihre direkte Nutzung nicht möglich ist, zum Beispiel um Schwankungen des Strahlungsangebots auszugleichen. Zu Recht kritisiert Hermann Scheer in seiner ZEIT-Rezension, dass Rifkin allzu einseitig auf die Wasserstoff-Option setze und die vielfältigen, dem Bedarf angepassten Nutzungsmöglichkeiten regenerativer Energiequellen nicht einbeziehe. Doch auch bei Rifkin klingt die zentrale Bedeutung eines Energie-Mix aus Solarenergie, Windkraft, Erdwärme und Biomasse an. In dem Kapitel "der Anbruch der Wasserstoffwirtschaft" nennt er explizit die Potenziale der unmittelbaren Nutzung der Sonnenenergie, geht aber zu schnell wieder zur Wasserstoffproduktion über.

Rifkins Vision eines weltumspannenden Wasserstoff-Netzes (Hydrogen Energy Net, kurz HEW) hat etwas verlockendes: Die Betreiber von Mini-Brennstoffzellenkraftwerken würden zu den Produzenten einer basisdemokratischen Energieversorgung. Diese Vorstellung ist nicht neu. Rifkin beschreibt sein Wasserstoff-Netz in Analogie zum Internet und hat zumindest in einer Frage Recht: Den spektakulären Erfolg des neuen Mediums und seine rasche Verbreitung konnte niemand voraussagen. Ob ein Netz die Autonomie und Gleichheit der Akteure begründet, ist aber auch nicht ausgemacht. Die Idee, das World Wide Web würde - neben all seinen bekannten Vorzügen - eine Gesellschaft autonomer und gleichberechtigter Nutzer hervorbringen, haben die Medienkonzerne in der Praxis widerlegt. Wie im Fall des Internets könnte sich auch beim Wasserstoff-Netz die Frage nach den Produktionsmitteln als zentral erweisen: Wer stellt den Wasserstoff her und auf welche Weise? Dieser Frage soll eine neue, hochrangig besetzte Expertengruppe nachgehen, der auch Jeremy Rifkin angehört. Rifkin wird künftig den Präsidenten der Europäischen Kommission, Romano Prodi, beraten. Für die EU arbeitet Rifkin an einem strategischen Langzeitplan, für den Übergang von der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zur Wasserstoffwirtschaft. "Die Entscheidung der EU, Europa innerhalb des nächsten halben Jahrhunderts in eine Wasserstoffwirtschaft umzuwandeln, wird vermutlich einen vergleichbar grundlegenden und weit reichenden Einfluss auf die Wirtschaft und Gesellschaft haben wie die Veränderungen, welche Dampfmaschine und Kohle zu Beginn der industriellen Revolution und die Einführung des Verbrennungsmotors und Elektrifizierung im 20. Jahrhundert", kommentiert Rifkin die EU-Pläne.

Eine brillante Analyse und systematische Kritik der herrschenden Energieszenarien. Rifkins neues Buch fordert ein radikales Umdenken und eine fundamentale Veränderung der Weltwirtschaft. Sonnenenergie und Wasserstoff sind die Antworten auf die globale Krise der fossil-atomaren Energieversorgung. (rh)