Wider die Pyromanen: Hermann Scheers "Solare Weltwirtschaft"
Hermann Scheer liefert keine leichte Lektüre: In seinem neuen Buch analysiert er die "fossile" Ressourcenpolitik und beschreibt den Weg zur solaren Weltwirtschaft, der in eine "ökologische Moderne" führen soll.
Die Probleme sind bekannt: Das "Entflammen" der fossilen Energien zerstört die Biosphäre der Erde und lässt Ressourcenkrisen und Verteilungskriege immer wahrscheinlicher werden. Die Wirtschaft entkoppelt sich zusehends von der ökologischen und gesellschaftlichen Basis. Der Mensch wird längst nicht mehr frei geboren, denn die Menschheit ist kollektiv in den fossilen Ressourcenketten gefangen - so die nüchterne Diagnose Scheers.
Scheer, Hermann: Solare Weltwirtschaft. Strategie für die ökologische Moderne. A. Kunstmann, 1999. - Gebundene Ausgabe. 344 Seiten. ISBN: 3888972280.
Preis: EUR 15,00
Der Weg aus den vermeintlichen Sachzwängen beginnt mit einer Dekonstruktion des "Mythos der fossilen Energiewirtschaft": Die "Fakten" werden als Produkte von Interessengruppen entlarvt. Akribisch widerlegt Scheer die "Legenden der konventionellen Energiestatistiken" und weist auf die Mängel der weit verbreiteten Energieprognosen hin: Die ideologisierte Energiepolitik mit ihrer Fixierung auf aktuelle Preise unterschlägt die wirklichen Kosten der verschiedenen Energiequellen, ihren schweren "ökologischen Rucksack" (F.Schmidt-Bleck). Denn sie setzt die Marktpreise mit den Gesamtkosten der konkurrierenden Energiequellen gleich. Die langen fossilen Ressourcenketten - von den Quellen bis zum Endverbraucher - werden ausgeblendet, die vermeintliche Produktivität der zentralisierten Energieversorgung wird zur Grundlage der "Produktivitätslüge atomarer/fossiler Energien".

- Hermann Scheer, Träger des Alternativen Nobelpreises 1999
Scheer setzt dagegen ganz auf dezentrale Lösungen: Kurze Transportwege sollen ökonomische und ökologische Kosten minimieren, zentrale Machtstrukturen aufgebrochen werden. Auch die politische Freiheit wird durch die fundamentale Wahl des energiepolitischen Paradigmas - fossile oder solare Ressourcen - determiniert. Der Umwelt-Philosoph Carl Amery betitelte deshalb seine Rezension in der ZEIT konsequent "zur Sonne, zur Freiheit". Werden Transport und Verteilung von Energie in einer Gesamtkalkulation berücksichtigt, wie Scheer es fordert, scheint solar erzeugter Strom die günstigste Alternative.
Der Weg von der Produktion zum Verbraucher kann kaum kürzer sein. Sogenannte "Insellösungen" wie z.B. Photovoltaikanlagen auf Berghütten aber auch solar betriebene Kleingeräte werden auch als ökonomische Alternativen bereits allgemein anerkannt. Konsequent denkt Scheer diesen Ansatz weiter und weist auf die Potenziale solarer Energiequellen in einem weiten Sinne des Begriffs hin.
Neben der Photovoltaik sind vor allem Biomasse, Kleinkraftwerke wie auch die Nutzung der Informationstechnologien in der Lage, die fossilen Ketten zu sprengen.
Im dritten Teil des Buches bietet der Autor einen aktuellen und anregenden Überblick über Forschung und Praxis im Bereich regenerativer Energien. Nicht technologische, sondern politische und soziale Innovation ist jedoch Scheers zentrales Anliegen. Er findet zahlreiche überzeugende Argumente für eine Energiewende und die Substitution fossiler durch solare Ressourcen.
Die "solare Weltwirtschaft" ist für Scheer ein notwendiger Schritt, der die politische "Sonnenstrategie" (Scheer, 1995) nicht nur ergänzen kann, sondern als unabdingbare Forderung erscheinen lässt. Das Buch ist, wie einleitend bemerkt, keine leichte Lektüre, aber ein wichtiger Begleiter auf dem Weg ins neue (solare?) Jahrtausend.

