Claudia Kemfert: Die andere Klima-Zukunft:
Innovation statt Depression
23.09.2008
Der Klimawandel ist mittlerweile eine wissenschaftlich und auch überwiegend allgemein anerkannte Tatsache. Wenn nichts unternommen wird, kann die durchschnittliche globale Temperatur in den nächsten hundert Jahren um vier bis fünf Grad steigen - mit dramatischen ökologischen und ökonomischen Folgen. Bedingt durch den wachsenden Energiebedarf werden die CO2-Emissionen weiter steigen, doch sie müssen deutlich reduziert werden, denn alles andere kommt uns teuer zu stehen. In der öffentlichen Klimadebatte herrscht jedoch große Verunsicherung. Einerseits geistern Horrorszenarien von schmelzenden Polen und Luftverschmutzung durch die Medien. Andererseits glauben Klimaskeptiker noch immer, dass dies reine Übertreibung und falscher Alarm sei. Und je länger wir überlegen, was zu tun ist, desto weniger werden wir eine andere Klima-Zukunft gestalten können.
Die Berliner Wirtschaftsprofessorin und Energieexpertin Claudia Kemfert hingegen zeigt in ihrem neuen Buch "Die andere Klima-Zukunft" Wege aus dem Klima-Dilemma und bringt die Debatte unabhängig und vorurteilsfrei auf den Punkt: Klimaschutz ist DER Wirtschaftsmotor für unser Land und sichert unseren Wohlstand, so ihr Fazit.
Anschaulich und ohne Rücksicht auf ideologische Lager liefert das Buch eine sachliche Diskussionsgrundlage, erklärt die vielschichtigen Zusammenhänge von Klimaforschung, Umweltökonomie und Energiemärkten und zeigt die Chancen für Deutschland und die Wirtschaft auf, wenn das Energiesystem sofort umgebaut wird
Zunächst macht Kemfert deutlich, dass Klimaschutz nicht nur ein Thema für Ökos, sondern auch für Ökonomen ist. Anschließend skizziert sie die Arbeit der Wissenschaftler des UN-Klimarates (IPCC), erläutert mit nachvollziehbaren Beispielen aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung, wie Klimaszenarien erstellt werden und begegnet skeptischen Argumenten der "Klima-Darwinisten", die sie als zynisch, arrogant und kurzsichtig bewertet.
Klimaschäden können Deutschland bis zu 800 Milliarden Euro kosten
Am Beispiel der Kosten von Wetterextremen wie dem Hurrikan Katrina in den USA, die sich auf rund 450 Milliarden Dollar belaufen, und einer volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung für Deutschland wird deutlich, dass es gilt, sofort zu handeln. Bis 2025 summieren sich die Klimakosten laut Kemfert auf insgesamt rund 290 Milliarden Euro - so viel wie Deutschland derzeit pro Jahr für das Gesundheitswesen ausgibt. In den kommenden 50 Jahren kostet der Klimawandel nach Kemferts Szenario etwa drei Prozent des Bruttosozialprodukts: bis zu 800 Milliarden Euro.
Weltweiter Emissionshandel als effizienteste Form von Klimaschutz
Claudia Kemfert belegt, dass und wie es möglich ist, das komfortable Leben in den Industrienationen weiterzuführen und auch künftig eine angenehme Lebensweise auf vergleichbar hohem Niveau zu ermöglichen. Ohne "Verzichtsreligion" oder "Ego-brutalismus". Die Autorin erläutert, wie der intelligente Energiemix im Jahr 2020 aussehen muss, der ein Optimum an Energiesicherheit, ein Maximum an Klimaschutz und mit Hilfe des weltweiten Emissionsrechtehandels auch ein Minimum an Kosten bereiten würde, denn die weltweite Einführung eines konsequenten Emissionshandels ist laut Kemfert die effizienteste Form von Klimaschutz. Die Autorin verweist auf die Untersuchung des ehemaligen Weltbank-Chefökonomen Nicolas Stern, welche die Alternative klar aufzeigt: Für jeden Euro, der in den Klimaschutz investiert wird, zum Beispiel in erneuerbare Energien und Energieeffizienz, werden im günstigsten Fall 20 Euro Klimakosten vermieden.
Energieversorger sollen Atom-Gewinne in Forschung für die Erneuerbaren investieren
Kemfert plädiert, um eine Strom- bzw. Energielücke zu vermeiden, für einen Energiemix, der zum einen auf der Verlängerung der Laufzeiten "sicherer" Kernkraftwerke um 15 Jahre beruht, zum anderen aber auch eine Verpflichtung der Energieversorger enthält, einen Teil der damit erzielten Gewinne - eine Million Euro pro Tag, betont die Professorin - in die Erforschung erneuerbarer Energien zu stecken. Hier stellt sich allerdings erstens die Frage, ob und in welchem Umfang die Stromversorger dazu bereit sind, oder ob der Ausbau der Erneuerbaren durch angemessene politische Rahmenbedingungen beschleunigt werden kann, wie die weltweite Erfolgsgeschichte des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) belegt. Die Dynamik, die von gesetzlich garantierten Einspeisetarifen für Strom aus regenerativen Quellen ausgelöst werden kann, illustriert zum Beispiel das Wachstum der Photovoltaik, das in Kemferts im September 2008 erschienenem Buch nicht adäquat dargestellt wird. Kemfert nennt das 5 Megawatt-Photovoltaikkraftwerk in Espenhain bei Leipzig als "weltgrößte Solaranlage", doch bis Ende 2009 wird mit dem Energiepark Waldpolenz ein 40 MW-Solarkraftwerk fertiggestellt sein, welches die in Espenhain installierte Leistung - und damit auch die C02-Erparnis - um 700 % übertrifft.

- 5 MW-Solarstromanlage in Espenhain (links); Energiepark Waldpolenz, gegenwärtig mit 24 MW größtes Solarkraftwerk der Welt. Ausbau auf 40 MW bis Ende 2008 vorgesehen.

- Quellen:GEOSOL; juwi-Gruppe
Gewinne für Volkswirtschaft, Unternehmer und Arbeitnehmer
Klimaschutz spart also Geld, rechnet die Professorin vor: Wenn jetzt die richtigen Schritte eingeleitet werden, kann Deutschland bis zum Jahr 2050 rund 800 Milliarden Euro sparen, die der Klimawandel sonst kosten würde. Und Klimaschutz lohnt sich - nicht nur für die Umwelt und für ein gutes Gewissen - sondern auch finanziell. Bei klugen Investitionen kann Klimaschutz nämlich sogar Gewinn bringen - volkswirtschaftlich ohnehin, aber auch für den einzelnen Unternehmer oder Arbeitnehmer. Voraussetzung dafür ist, dass die Politiker rasch die Energiewende einleiten und beispielsweise 1,3 Milliarden Euro aus der Kohlesubventionierung nehmen und direkt in die Erforschung erneuerbarer Energien umleiten.
Sofortmaßnahmen von Politik, Wirtschaft und Verbrauchern
Claudia Kemfert macht aber vor allen Dingen deutlich, dass der Emissionshandel nicht nur die Staaten betrifft, sondern auch für Verbraucher und Mittelständler funktioniert. Als Sofortmaßnahme müsste die Politik aber schon jetzt durch gezielte Maßnahmen die richtigen Anreize setzen, damit Klimaschutz attraktiver und ökonomisch interessanter wird und die Unternehmen sich auf klimabewusste Geschäftsmodelle einlassen. Denn die Klimamärkte der Zukunft, von innovativen Technologien über Klima-Produkte bis hin zu Immobilien und Finanzmärkten, sind schon längst Gegenwart. Die Erdatmosphäre braucht Klimaschutz. Und der Konsument will Klimaschutz. Zum Klima gibt es also reichlich Gutes zu berichten, resümiert Claudia Kemfert in "Die andere Klima-Zukunft". Wenn die Verbraucher klimabewusst konsumieren und jeden Tag nur 70 Cent für den Klimaschutz ausgeben - sei es durch Ökostrombezug, Energiesparlampen, durch ein Hybrid- oder Elektroauto oder regionale Produkte, ist ein klimaneutrales Leben möglich: "Wenn wir wollen, sofort!", betont Kemfert.
"Die andere Klima-Zukunft" ist Pflichtlektüre für alle Entscheider in Wirtschaft und Politik, die von unabhängiger Seite erfahren wollen, um welche wirtschaftlichen Interessen es bei Klimaschutz und Energie wirklich geht. Und eine besonders lohnende Lektüre für politisch Aktive, die sich fragen, wie sie Klimaschutz betreiben können, ohne die Wirtschaft in den Ruin zu treiben.
Nachdrücklich empfohlen werden kann das Buch für Verbraucher, die Lifestyle und Ökologie unter einen Hut bringen wollen, und die wissen wollen, wie der Emissionsrechtehandel eigentlich funktioniert. Last not least liefert Kemfert konkrete Argumente und Fakten für Manager, die nachhaltig Wirtschaften wollen.
Kemfert; Claudia: "Die andere Klima-Zukunft: Innovation statt Depression". Murmann Verlag 2008, 264 Seiten, 19,90 EUR.
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