Franz Alt und Jeremy Rifkin: Wege zur solaren Welt- und Wasserstoffwirtschaft
Der Afghanistan-Krieg ist in den Hintergrund gerückt. Die uneingeschränkte Solidarität des internationalen Bündnisses gegen den Terror wird zunehmend hinterfragt. Bürger, Politiker und Stimmen aus der Wirtschaft warnen nicht nur in Deutschland vor den Folgen eines Kriegs gegen den Irak. Das neue Buch des TV-Journalisten Franz Alt erschien zum richtigen Zeitpunkt. In "Krieg um Öl oder Frieden durch die Sonne" analysiert und kritisiert er die Interessen der globalen Energiekonzerne und die Politik der westlichen Industrienationen. Nur wenn wir vom Öl wegkommen, wird sich das politische Klima verändern. Nur mit sanften Energien können wir auf ein friedliche Zukunft hoffen, heißt Alts Credo.
Dass wir vom Öl wegkommen ist für den amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Jeremy Rifkin nur eine Frage der Zeit. Und die läuft ab. Der größte Vorzug seines Buchs "Die H2-Revolution" ist eine radikale Bestandsaufnahme und Kritik der Szenarien und Gutachten zur Verfügbarkeit fossiler Energiequellen, welche die Lektüre zur Pflicht macht.
Franz Alt: Krieg um Öl oder Frieden durch die Sonne
Alt, Franz
Krieg um Öl oder Frieden durch die Sonne. Bertelsmann, 2002.
250 S. Gebunden.
ISBN 3-570-50032-2.
Preis: EUR 17,90.
Das neue Buch des TV-Journalisten Franz Alt erschien zum richtigen Zeitpunkt. In "Krieg um Öl oder Frieden durch die Sonne" analysiert und kritisiert er die Interessen der globalen Energiekonzerne und die Politik der westlichen Industrienationen. Nur wenn wir vom Öl wegkommen, wird sich das politische Klima verändern. Nur mit sanften Energien können wir auf ein friedliche Zukunft hoffen, heißt Alts Credo. Krieg und Frieden Franz Alt holt weit aus: Blut für Öl, Bibel und Bomben, Bush-Krieger, Politiker und Banken, Dealer und Diktatoren tanzen um das ölige Kalb. Hinter seinen prägnanten und provokativen Formulierungen verbirgt sich eine brisante Sammlung aktueller und historischer Belege für die Zusammenhänge zwischen Energie- und Weltpolitik. Wenn Alt christlich-konservativ motiviert gegen Krieg, Umweltzerstörung und Energie-Imperialismus anschreibt, beeindruckt er durch viele - fast zu viele - Details, welche hinter der politischen Rhetorik Interessen und Interaktionen erkennen lassen. "Krieg um Öl" erweist sich als globaler Irrweg. Statt dessen ruft Alt zur Umkehr auf. Bürger zur Sonne, zur Freiheit, heißt sein Motto. Er stellt "Sonnenpäpste" und "Stromrebellen" vor, die neue Wege gehen. Und skizziert den solaren Energiemix aus Wind, Biomasse und Sonne als Grundlage einer solaren Weltwirtschaft der Zukunft, die "Reichtum für Alle" (Kapitel 7) verspreche. Auch wenn die vielen, teilweise missionarisch anmutenden, religiösen Untertöne und Zitate aus der Bergpredigt nicht jedem gefallen werden, überzeugt Alts leidenschaftliches Eintreten für Pazifismus, Menschenrechte und die solare Wende. "Wenn ich in diesem Buch immer wieder versuche, eine neue Technik auch mit einer ökologischen Ethik zu begründen, dann geht es dabei nicht um eine fromme Harmlosigkeit, sondern um die Überlebensfrage der Menschheit. Ohne ökologische Spiritualität können wir die Chance eines ökologischen Wirtschaftswunders, die ich hier aufzeigen möchte, nicht nutzen" schreibt er auf Seite 214.
Das ökologische Wirtschaftswunder
Dezentrale Energieproduktion auf der Basis erneuerbarer Quellen bedeutet einen vollkommenen Strukturwandel: die Befreiung aus den Fesseln der langen Ketten der fossilen Ressourcen und dem sich daraus ergebenden Globalisierungszwang. darin ist sich Alt mit dem Eurosolar-Präsidenten und Alternativ-Nobelpreisträger Hermann Scheer einig. Es liegt an den Wählerinnen und Wählern, den Energieverbrauchern, die Ketten der fossilen Energiewirtschaft zu sprengen und sich selbst zu befreien, argumentiert Alt. Erst wenige können sich die Möglichkeiten vorstellen, viele hätten noch ein "Brett vor der Sonne" , stellt Alt fest. Ein völlig neuer Energiemix aus Wasserkraft, Photovoltaik und Windkraft, passiver und aktiver Solarthermie, Biomasse und Geothermie, der im großen Stil Arbeitsplätze schafft und dem Klimawandel entgegenwirkt, ist noch nicht in Sicht. Doch es gibt Beispiele: Die expandierende Windkraftbranche, neue Solarfabriken in Deutschland, solare Großkraftwerke , zahlreiche Initiativen und engagierte Bürger. Und es gibt Visionen, berichtet Alt: Zum Beispiel Offshore-Windräder, so hoch wie der Kölner Dom, "Ökokathedralen" in der Nordsee, die laut einer Greenpeace-Studie gut die Hälfte des in Deutschland benötigten Stroms liefern könnten. Windräder auf hoher See könnten nicht nur Strom produzieren, sondern auch Wasserstoff gewinnen, den Treibstoff für die Mobilität von Morgen. Franz Alt zeigt, dass es an der Zeit ist, etwas zu tun. Individuell und kollektiv. Das provokative Buch ist mehr als lesenwert. Denn Alts Analysen und Perspektiven fordern eine intensive Diskussion. (rh)
Jeremy Rifkin: Die H2-Revolution. Wenn es kein Öl mehr gibt...
Rifkin, Jeremy: Die H2-Revolution. Wenn es kein Öl mehr gibt... Mit neuer Energie für eine gerechte Weltwirtschaft. Aus d. Engl. v. Kleidt, Brigitte. Campus Verlag 2002. 304 S. Gebunden.
ISBN/ISSN: 3-593-37097-2.
Preis: EUR 25,50
Kein Zweifel: Öl, Gas und Kohle sind endliche Ressourcen. Und sie haben ihren Preis: Die gegenwärtigen weltpolitischen Spannungen, Krisen und Kriege zeigen, dass er nicht nur an der Tankstelle oder auf der Strom- und Heizungsrechnung abzulesen ist. Die wirtschaftliche Entwicklung ist unmittelbar mit der Verfügbarkeit von Energie verknüpft. Ohne Energie kein Wachstum, ohne Energie kein Leben. Das gilt für Organismen und Systeme - ausnahmslos. Auf der Grundlage wissenschaftlicher Daten kommt Jeremy Rifkin zu einer völlig neuen Bewertung der fossilen Ressourcen: Das Fördermaxium für billiges Erdöl wird um das Jahr 2010 erreicht sein, beim Erdgas wird es nur wenige Jahre später folgen. Danach steuert die Menschheit auf einen Wendepunkt zu: Das Wechselspiel von unmittelbar bevorstehendem globalem Fördermaximum, wachsender Konzentration der verbleibenden Ressourcen in der politisch und sozial extrem instabilen Region des Nahen Ostens sowie die fortgesetzte globale Erwärmung ergeben eine brisante Mischung fasst Rifkin auf Seite 156 zusammen.
Nicht nur die systematische Überprüfung und Kritik der bisherigen Energieprognosen ist Rifkin gelungen. Seine kultur- und wirtschaftsgeschichtlichen Ausführungen sind eine weiter Stärke des Buchs. Rifkin schafft es, den historischen Zusammenhang von, Energie, Ökonomie und Gesellschaft verständlich zu machen. Zum Beispiel im Kapitel über den Aufstieg und Untergang von Kulturen nach den Hauptsätzen der Thermodynamik. Der erste Hauptsatz der Thermodynamik sagt, dass die Menge der Energie im Weltall unveränderlich ist, sie kann weder erzeugt noch zerstört werden. Das könnte beruhigen, wäre da nicht der zweite Hauptsatz, der so genannte Entropiesatz. Er besagt, dass die Umwandlung der Energie gerichtet ist. Aus verfügbarer, nutzbarer Energie wird nicht-verfügbare, nicht nutzbare Energie. Das gilt in erster Linie für die endlichen fossil-atomaren Ressourcen: Ein verbranntes Stück Kohle läßt sich nicht ein zweites Mal verbrennen. Die Sonne hingegen wird noch Milliarden Jahre strahlen und die Erde länger mit Energie versorgen als die Menschheit vorausplanen kann. Wenn die Ökonomie nichts anderes bedeutet, als die unumkehrbare Vernichtung verfügbarer fossiler Energie kann die Bilanz nach Rifkin nur negativ ausfallen. Das belegt er an Hand einer lehrreichen Untersuchung des Römischen Reichs, das daran scheiterte, sein Imperium mit genügend Energie zu versorgen -Parallelen zu den USA sind nur allzu augenfällig.
Die Wasserstoff-Revolution
Wasserstoff ist das leichteste, einfachste und häufigste Element im Universum. Könnte er als Energiequelle genutzt werden, sagt Rifkin, würde der Vorrat "bis in alle Ewigkeit reichen". Und setzt auf eine globale, dezentrale Wasserstoffwirtschaft mit vernetzten Brennstoffzellen-Kraftwerken nach dem Vorbild des Internets. Doch Wasserstoff ist keine Energiequelle - er muss entweder aus fossilen Energieträgern, beispielsweise Erdgas, oder mittels Strom aus Wasser gewonnen werden. Stammt der Strom aus erneuerbaren Energien ginge die Rechnung auf. Brennstoffzellen könnten den durch Elektrolyse produzierten Wasserstoff umweltfreundlich in Strom und Wärme umwandeln.
Doch warum Strom mit Strom erzeugen? Solarzellen wandeln Sonnenlicht direkt in Elektrizität um, leise und ohne Emissionen. Kollektoren produzieren Wärme aus solarer Strahlung, zum Beispiel zur Heizungsunterstützung und Warmwasserbereitung. Das sind ausgereifte Techniken, die direkt genutzt werden können, ohne ein weiteres Glied in die Kette der Energieumwandlung einzufügen, zumal Wärme den größten Posten auf unserer Energierechnung darstellt. Wasserstoff ist ein Speicher, der Solarenergie verfügbar machen kann, wenn ihre direkte Nutzung nicht möglich ist, zum Beispiel um Schwankungen des Strahlungsangebots auszugleichen. Zu Recht kritisiert Hermann Scheer in seiner ZEIT-Rezension, dass Rifkin allzu einseitig auf die Wasserstoff-Option setze und die vielfältigen, dem Bedarf angepassten Nutzungsmöglichkeiten regenerativer Energiequellen nicht einbeziehe. Doch auch bei Rifkin klingt die zentrale Bedeutung eines Energie-Mix aus Solarenergie, Windkraft, Erdwärme und Biomasse an. In dem Kapitel "der Anbruch der Wasserstoffwirtschaft" nennt er explizit die Potenziale der unmittelbaren Nutzung der Sonnenenergie, geht aber zu schnell wieder zur Wasserstoffproduktion über.
Rifkins Vision eines weltumspannenden Wasserstoff-Netzes (Hydrogen Energy Net, kurz HEW) hat etwas verlockendes: Die Betreiber von Mini-Brennstoffzellenkraftwerken würden zu den Produzenten einer basisdemokratischen Energieversorgung. Diese Vorstellung ist nicht neu. Rifkin beschreibt sein Wasserstoff-Netz in Analogie zum Internet und hat zumindest in einer Frage Recht: Den spektakulären Erfolg des neuen Mediums und seine rasche Verbreitung konnte niemand voraussagen. Ob ein Netz die Autonomie und Gleichheit der Akteure begründet, ist aber auch nicht ausgemacht. Die Idee, das World Wide Web würde - neben all seinen bekannten Vorzügen - eine Gesellschaft autonomer und gleichberechtigter Nutzer hervorbringen, haben die Medienkonzerne in der Praxis widerlegt. Wie im Fall des Internets könnte sich auch beim Wasserstoff-Netz die Frage nach den Produktionsmitteln als zentral erweisen: Wer stellt den Wasserstoff her und auf welche Weise? Dieser Frage soll eine neue, hochrangig besetzte Expertengruppe nachgehen, der auch Jeremy Rifkin angehört. Rifkin wird künftig den Präsidenten der Europäischen Kommission, Romano Prodi, beraten. Für die EU arbeitet Rifkin an einem strategischen Langzeitplan, für den Übergang von der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zur Wasserstoffwirtschaft. "Die Entscheidung der EU, Europa innerhalb des nächsten halben Jahrhunderts in eine Wasserstoffwirtschaft umzuwandeln, wird vermutlich einen vergleichbar grundlegenden und weit reichenden Einfluss auf die Wirtschaft und Gesellschaft haben wie die Veränderungen, welche Dampfmaschine und Kohle zu Beginn der industriellen Revolution und die Einführung des Verbrennungsmotors und Elektrifizierung im 20. Jahrhundert", kommentiert Rifkin die EU-Pläne.
Eine brillante Analyse und systematische Kritik der herrschenden Energieszenarien. Rifkins neues Buch fordert ein radikales Umdenken und eine fundamentale Veränderung der Weltwirtschaft. Sonnenenergie und Wasserstoff sind die Antworten auf die globale Krise der fossil-atomaren Energieversorgung. (rh)


