Netze BW vergibt Netzanschlüsse künftig nach Projektreife
Foto: Guido BröerAb dem 1. November 2026 öffnet Netze BW erstmals ein Anmeldefenster für das neue Vergabeverfahren. Es gilt für Netzanschlüsse und Leistungserhöhungen über 950 Kilowatt in der Mittel- und Hochspannung. Anträge können bis zum 31. Dezember eingereicht werden, die erste Vergabe ist für März 2027 vorgesehen. Das Verfahren hat der Verteilnetzbetreiber nach eigenen Angaben in Abstimmung mit dem Verband für Energie- und Wasserwirtschaft Baden-Württemberg (VfEW) entwickelt.
Punktesystem bewertet Reife der Anschlussprojekte
Für die Projektreife sind bis zu 50 Punkte vorgesehen. Dabei fließen die Sicherung der benötigten Fläche, der Genehmigungsstand und der Status der Übergabestation ein. Bei anerkannter Ortsgebundenheit vergibt Netze BW pauschal 34 Punkte, etwa für die Erweiterung bestehender Standorte oder für die Prozesswärmeauskopplung in Fern- und Nahwärmenetze. Die Frühzeitigkeit einer Anfrage bringt bis zu 16 weitere Punkte.
Mit dem stichtagsbezogenen Punktesystem will Netze BW verhindern, dass wenig konkrete Vorhaben Netzkapazitäten blockieren. Bisher war für die Reihenfolge grundsätzlich der Zeitpunkt der Anfrage entscheidend. „Wer sein Vorhaben gut vorbereitet, vollständige Unterlagen einreicht und ein konkretes Projekt nachweisen kann, bekommt schneller einen Netzanschluss”, erklärt Jörg Reichert, Vorsitzender der Netze BW-Geschäftsführung.
Projekte, die erst in mehr als drei Jahren umgesetzt werden sollen, können ihre Absicht bereits vorab anmelden. Diese frühe Interessenbekundung kann beim späteren Priorisierungsverfahren zu einer höheren Punktzahl beim Kriterium Frühzeitigkeit führen.
Ausnahmen für EEG-Anlagen und Daseinsvorsorge
Nicht für alle Anlagen ändert sich das Verfahren. Bei EEG-Anlagen einschließlich Grünstromspeichern bleibt weiterhin der Zeitpunkt des Antragseingangs maßgeblich. Dasselbe gilt für Anlagen der essenziellen Daseinsvorsorge. Dazu zählen laut Netze BW fast alle Anlagen unter 950 Kilowatt. Ausgenommen davon sind beispielsweise Stand-alone-Batteriespeicher, für die das neue Punktesystem gilt.
Krankenhäuser, Schulen, Rettungsdienste, Verwaltungen sowie Anlagen der Wasser-, Abfall- und Wärmeversorgung zählt Netze BW unabhängig von ihrer Leistungsgröße zur essenziellen Daseinsvorsorge. Ihre Anschlussanfragen werden weiterhin nach dem Windhundprinzip und damit vorrangig gegenüber Anfragen im stichtagsbezogenen Vergabeverfahren bewertet.
Mehr als 93 Prozent der Anfragen entfallen auf Batteriespeicher
Hintergrund für das neue Vergabeverfahren ist die stark gestiegene Zahl der Anschlussanfragen. Nach Angaben von Netze BW summieren sich die offenen Anschlussbegehren in der Hochspannung auf mehr als 20 Gigawatt. In der Mittelspannung kommen weitere 2,2 Gigawatt hinzu. Mehr als 93 Prozent der Anfragen entfallen demnach auf Speicherprojekte.
Zum Vergleich: Die höchste gleichzeitig benötigte Leistung im Netzgebiet lag laut Netze BW 2025 bei 7,3 Gigawatt. Die angefragte Anschlussleistung liegt damit um ein Mehrfaches über der bisherigen Spitzenlast im Netzgebiet.
Als Hemmnisse beim Ausbau der Netzinfrastruktur nennt Netze BW unter anderem begrenzte Fachfirmenkapazitäten, steigende Materialkosten, die Suche nach Standorten für Umspannwerke sowie aufwendige Genehmigungsverfahren für Hochspannungsleitungen. Das Unternehmen investiert nach eigenen Angaben bis 2030 jährlich einen hohen dreistelligen Millionenbetrag in Ausbau und Modernisierung seiner Stromnetzinfrastruktur.
Netze BW will das neue Verfahren regional einmal jährlich für einen bestimmten Zeitraum öffnen, wenn dort Anschlussmöglichkeiten vorhanden sind oder durch den Netzausbau entstehen.
Netze BW entwickelt Verfahren mit VfEW
Der VfEW hat das Verfahren gemeinsam mit Netze BW erarbeitet und die Bewertungskriterien in einer eigenen Handreichung veröffentlicht. „Wenn Netzkapazitäten knapp sind, brauchen Unternehmen klare Kriterien, verlässliche Prozesse und eine gemeinsame Orientierung”, sagt Torsten Höck, geschäftsführender Vorstand beim VfEW.
Quelle: Netze BW GmbH / VfEW | www.solarserver.de © Solarthemen Media GmbH