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Energiedorf Randegg - Solarnachrüstung für das Wärmenetz

Bene Müller, Vorstand der Solarcomplex AG, vor den Kollektoren, die künftig das Dorf Randegg samt des größten Industriebetriebs im Sommer komplett mit Wärme versorgen sollen.

In der Gemeinde Randegg rüstet die Solarcomplex AG zum zweiten Mal eines ihrer 16 Bioenergiedörfer mit Solarkollektoren aus. Weitere Solarwärmenetze sind geplant.

Hoch wie ein Haus ist der orange Holzkessel, der das Dorf Ran­degg seit 9 Jahren mit klimaneutraler Wärme versorgt. In der Maschine wummert ein Feuer mit 2 Megawatt Leistung. Bene Müller schaut durch das Guckloch der  Brennkammer und kontrolliert die lodernden Flam­men: „Das ist der Zustand, den wir künftig nicht mehr haben wollen, dass bei herrlichstem Sommerwetter der Kessel läuft“, sagt der Vorstand der Solarcomplex AG aus Singen.


Müllers aktuelles Projekt ist die „Solarisierung“ des Wärmenetzes von Randegg. Spätestens im August soll es soweit sein. Dann sollen neue Solarwärmekollektoren den Holzkessel während der Sommermonate komplett arbeits­los machen. „Bislang verbrau­chen wir hier etwa 6000 Schüttkubikmeter Holzbrennstoff pro Jahr“, berich­tet Müller. „Diese Men­ge wollen wir durch die Solaran­lage um 20 Prozent reduzieren.“


Holz sei zwar als Brennstoff wesentlich günstiger als fossile Brennstoffe wie Gas oder Öl, so Müller, aber in Baden-Württemberg seien die Preise für Holzhackschnitzel aufgrund der Nachfrage in den vergangenen Jah­ren deutlich gestiegen. Holz sei zwar klimaneu­tral, aber eben auch eine begrenzte Ressource. Deshalb betrachtet es Müller nicht nur als Frage der öko­lo­gi­schen, sondern auch der wirtschaft­lichen Vernunft, ei­nen Teil des Brennstoffs durch Solarwärme zu ersetzen. Deren Kilowattstundenpreis sei heute konkurrenz­fähig und er bleibe vor allem für Jahrzehnte stabil.

Günstige Bedingungen

In Randegg sind die Bedingungen für den Solarthermie-Einsatz tatsächlich besonders günstig. Denn hier wird im Sommer, dann wenn die Sonne viel Energie liefert, auch viel Wärme gebraucht. Zwar heizen die rund 150 Hausbesitzer, die sich an das Wärme­netz angeschlossen haben,  hauptsächlich im Winter. Doch der Wärmebedarf des größten Abnehmers im Ort, des Getränke-Abfüllbetriebs Randegger Ottilienquelle verläuft genau gegenläufig. Ihr Mineralwasser und ihre Limonade verkauft die Familie Fleischmann, die die Mineralquelle seit 126 Jahren betreibt, besonders gut im Sommer. Deshalb läuft die Leergutwaschanlage, für die die meiste Energie benötigt wird, in den Sommermonaten auf Hochtouren.
Für den Solarenergieeinsatz ist das ein Glücksfall. Und deshalb hatte das Solarcomplex-Team auch bereits in der Planungsphase für das Wärmenetz den Einsatz von Solarthermie in Erwägung gezogen – von der Investition hatte man jedoch zunächst Abstand genommen. „Vor 9 Jahren hatten wir einfach das Problembewusstsein noch nicht, dass Biomasse begrenzt sein könnte“, gibt Mül­ler freimütig zu.


Die Geschichte des Randegger Wärmenetzes reicht allerdings noch ein paar Jahre länger zurück und hat viel mit dem besonderen Draht zwischen Bene Müller und Clemens Fleischmann zu tun, einem der beiden Brüder, die sich die Geschäftsführung der Ottilienquelle teilen. Im Jahr 2005 überzeugte Müller den Unternehmer, seinen ge­sam­­ten Strom­bedarf von einem Wasser­kraft­­werk zu beziehen, das Solar­com­plex kurz zuvor reaktiviert hatte.

Ottilienquelle-Geschäftsführer Clemens Fleischmann (links) und Solarcomplex-Vorstand Bene Müller liegen auf einer Wellenlänge. Der Erfolg eines Energiedorf-Projektes hat immer auch mit Persönlichkeiten zu tun.

Für Fleischmann war das ein Wendepunkt: „Wir verfüllen ein Naturpro­dukt als Familienbetrieb, und das seit 126 Jahren. Aber mit der Entscheidung, erneuer­baren Strom aus der Region zu bezie­hen, fing bei uns das Nachdenken über ökologische Fragen als Grundlage unserer Zukunftsfähigkeit und Glaubwürdigkeit erst an.“
2006 nahm das Unternehmen dann für den Warmwasserbedarf der Flaschenwaschanlage eine 700 kW starke Holzpelletsanlage in Betrieb. Gebaut und betrieben wurde sie von der Solarcomplex AG als Contractor. „Ironie des Konzepts war, dass wir hier einen Heizkessel hatten, der hauptsächlich im Sommer lief; das kommt sonst eher selten vor“, sagt Müller. Um den Kessel auch im Winter besser auslasten zu können, initiierten Müller und Fleisch­mann Bürgerversammlungen, und warben für ihre Idee eines Dorfwärmenetzes.

Das Dorf macht mit

„Überrascht hat uns der Zulauf in der Gemeinde“, erzählt Fleischmann. Als schließlich fast 150 Gebäude angeschlossen werden sollten, musste eine neue Heizzentrale mit einem größeren Kessel geplant werden. Das Netz und der 2-MW-Kessel gingen 2009 an den Start, und seitdem reifte das Projekt Solarwärme. „Es entstand immer eine Idee aus der anderen“, sagt Fleisch­mann, "es war eine organische Entwicklung."


Inzwischen steht das Solarfeld 500 Me­ter von der Heizzentrale entfernt auf einer ehemaligen Ackerfläche. Mit sei­nen 2400 Quadratmetern Bruttokollektorfläche besetzt es etwa den Platz eines Fußballfeldes. Zwischen den Kollektoren werden sich mit der Zeit Gras und Wildblumen breit machen, die extensiv genutzt werden können.


Zur Zeit sieht das Kollektor­-Ensem­ble allerdings aus wie ein Werk des Künstlers Christo. Denn die Vakuumröhrenkollektoren der Marke Ritter XL sind noch mit reflektierenden Stoffbahnen abgedeckt, bis sie in Betrieb genommen werden. In Randegg werden Vakuumröhrenkollektoren eingesetzt, die teu­rer, aber bei hohen Temperaturen leistungsfähiger sind als Flachkollektoren. Der Grund ist das Temperaturniveau von 95 Grad, das für die Flaschen-Waschanlage benötigt wird, während das Wärmenetz des Dorfes mit geringeren Temperaturen auskommt.
Damit die Heizkessel im Sommer wirklich nicht anspringen müssen, wird die Heizzentrale jetzt um zwei große Speichertanks ergänzt. Der Energie­vor­rat in ihnen soll ausreichen, um einige Tage ohne Sonnenschein zu überbrücken. Anfang Juni kamen die jeweils 100 Kubikmeter großen Stahlbehälter über Nacht auf zwei Schwertransportern. Spektakulär bugsierten zwei Mobilkrä­ne die Ko­losse an ihren Aufstellort.

us
Der Aufbau der Wärmespeicher ist spektakulär.

Wenn es nach Bene Müller geht, dann wird dieses Schauspiel künftig häufiger zu besichtigen sein. Denn nachdem das erste Solar-Bioener­gie­dorf von Solarcomplex, Büsingen, bereits seit 2012 jährlich im Schnitt 3 Prozent mehr Ertrag bringt als vorab prognostiziert und nachdem Randegg bald solarisiert sein wird, steht schon das mit einer 3000-Quadratmeter-Solaranlage noch größere Netz in Schluchsee an. Es soll 2019 fertig werden.  Mittlerweile hat der Solarcomplex-Vorstand einen Grundsatzbeschluss gefasst: Künf­tig soll jedes neue Wärme­netz, bei dem keine Abwärme zu Verfügung steht – sei es aus einer Bio­gas­an­lage oder einem Industriebetrieb – mit einer großen Solarthermieanlage ausgestattet werden.   

Text und Foto: Guido Bröer

Der Arikel ist in der Zeitschrift Energiekommune (Ausgabe 7/2018) erschienen. Energiekommune, der Infodienst für die kommunale Energiewende wird im Abo vertrieben (12 Ausgaben pro Jahr). Bestellungen: hier

06.07.2018 | Quelle: Energiekommune 7/2018, Fotos: Guido Bröer (2) Clemens Fleischmann (1) | solarserver.de © EEM Energy & Environment Media GmbH

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