Photovoltaik in der MENA-Region: Interview mit ESIA Präsident Vahid Fotuhi über Solar-Potenziale und -Märkte in Nahost und Nordafrika

ESIA-Präsident Vahid Fotuhi. Foto: ESIA
ESIA-Präsident Vahid Fotuhi. Foto: ESIA

Vahid Fotuhi ist Mitbegründer und Präsident des Solar-Branchenverbandes der Vereinigten Arabischen Emirate (Emirates Solar Industry Association, ESIA). Die nichtstaatliche Organisation setzt sich für die Nutzung der Solarenergie ein.

Von 2004 bis 2007 war Fotuhi in Algerien für BP als politischer Berater und Vermittler in Sachen Öl und Gas tätig. Davor arbeitete er bei Energy Intelligence, dem World Economic Forum und Transparency International.

Der Solar-Experte wird regelmäßig zitiert von Reuters, Bloomberg, The National, Arab Gulf News und Arabian Business. Er referiert regelmäßig auf Konferenzen im Mittleren Osten über erneuerbare Energien.

SolarServer: Können Sie unseren Lesern einen kurzen Überblick über die aktuelle Photovoltaik-Marktentwicklung in der MENA-Region geben?

Vahid Fotuhi: Die Sonne geht über MENAs Solarindustrie auf, und die Wetteraussichten sind gut. Wir müssen noch einige wichtige Maßnahmen ergreifen, um unser volles Potenzial auszuschöpfen.

 

Solar Server: Was sagen Sie zur derzeitigen Entwicklung der Förderpolitik und Projekten?

Vahid Fotuhi: In gewisser Weise gehen die Projekte der Förderpolitik voraus. In den VAE zum Beispiel wurde bereits der Bau eines Solarthermie-Kraftwerks mit 100 MW Nennleistung beschlossen, und demnächst wird auch ein Photovoltaik-Kraftwerk mit 100 MW genehmigt werden. Saudi-Arabien hat in den letzten zwei Jahren auch einige solare Großprojekte vergeben. All dies geschieht im Rahmen einer übergeordneten Solar-Politik.

Aber die Lücke zwischen Projekten und Förderpolitik wird kleiner. In Abu Dhabi, Dubai, Saudi-Arabien und anderswo arbeiten Regulierungsbehörden an Förderprogrammen, in deren Rahmen die Branche wachsen soll.

 

Solar Server: Welche dieser Vorhaben sind am weitesten gediehen?

Vahid Fotuhi: Noch dieses Jahr soll das Shams-Projekt mit 100 MW fertig werden. Gleichzeitig soll in Saudi-Arabien ein Photovoltaik-Kraftwerk mit 10 MW und Dünnschichtmodulen in Betrieb gehen. Die Entwicklung schreitet gut voran.

 

Solar Server: Was sind Ihrer Meinung nach die größten Hürden für die Marktentwicklung?

Vahid Fotuhi: Früher bestand keine Notwendigkeit, auf die Sonnenenergie zurückzugreifen. Denn es gab neben der Sonne "von oben" auch immer große Kohlenwasserstoff-Vorräte unter der Erde. Und unsere Industrie ist eher daran gewöhnt, sich auf letztere zu verlassen. Daher hat die Region als Ganzes sich darauf konzentriert, ihre Öl- und Gasquellen zu erschließen, sowohl für das eigene Wirtschaftswachstum als auch für den Export.

Doch die Bevölkerung wächst weiter (in den meisten Ländern der MENA-Region sind 50 % der Einwohner jünger als 25 Jahre), und die Öl- und Gasvorräte erschöpfen sich allmählich. Daher wird nach alternativen Energiequellen gesucht. Die offensichtlichste Lösung ist die Sonne. In dieser Region gibt es 360 Sonnentage im Jahr!

 

Solar Server: Wie entwickelt sich die Solar-Förderpolitik in der MENA-Region?

Vahid Fotuhi: Langsam, aber sicher! Notwendige Förderprogramme und Gesetze werden eingeführt, um langfristig eine gesunde Solar-Industrie aufzubauen. Manche Länder sind da schon weiter als andere. Beispielsweise glauben wir, dass Dubai und Saudi-Arabien in den nächsten sechs bis zwölf Monaten umfassende Solar-Richtlinien einführen werden. In Marokko gibt es das schon: Dort wurde vor über einem Jahr die Solarenergie-Agentur MASEN (Moroccan Agency for Solar Energy) gegründet. In den nächsten ein bis zwei Jahren werden Abu Dhabi, Jordanien, Kuwait und andere MENA-Länder folgen.

 

Solar Server: Wie wirken sich Ihrer Meinung nach Großprojekte wie der Mohammad bin Rashid Al Maktoum Solarpark in Dubai auf die Entwicklung der nationalen Photovoltaik-Branche aus?

Vahid Fotuhi: Ich glaube, das wird sich sehr deutlich auswirken. Viele internationale Solar-Unternehmen haben bereits angefragt, ob sie hier eine Niederlassung gründen dürfen. Das sind gute Nachrichten, sowohl für einheimische Talente, die in der Solar-Branche Karriere machen wollen, als auch für örtliche Unternehmen, die mit etablierten Solar-Unternehmen zusammenarbeiten wollen.

Die Solarenergie bedeutet Wachstum und Wirtschaftswachstum in dieser Region. Studien ergaben, dass das Bruttoinlandsprodukt pro 100 Megawatt installierter Solar-Leistung um 600 Millionen US-Dollar wächst. Das zeigt, welche Vorteile die Solarenergie-Nutzung mit sich bringt.

 

Solar Server: Die Studie "Sunrise in the Desert" vergleicht die wirtschaftlichen Vor- und Nachteile von Solarenergie und fossilen Energiequellen in der MENA-Region. Können Sie kurz zusammenfassen, wie wettbewerbsfähig Photovoltaik im Kraftwerksmaßstab mit öl- und gasbetrieben Kraftwerken hinsichtlich der aktuellen Stromgestehungskosten in der Region ist? Und was bedeutet das mit Blick auf die Nutzung der Solarenergie großen Stil?

Vahid Fotuhi: Bereits bei einem Ölpreis über 80 US-Dollar pro Barrel ist Solarenergie wettbewerbsfähig. Deshalb ist es für Länder wie Saudi Arabien und Jordanien, die sehr viel Öl zur Stromerzeugung nutzen, sinnvoll, die Solarenergie in ihren Energiemix aufzunehmen.

In Märkten, in denen flüssiges Erdgas (LNG) importiert wird, wie beispielsweise Dubai und Kuwait, wird die Solarenergie zur Deckung der Grundlast wettbewerbsfähig, wenn eine Million britische Wärmeeinheiten Erdgas (BTU; entspricht ca. 293 kWh) 16 US-Dollar kosten. Und wenn Gas zur Deckung der Spitzenlast genutzt wird, ist Solarenergie bereits kostengünstiger, wenn der Gaspreis pro Million BTU 5 US-Dollar übersteigt.

Da der Öl- und Gaspreis in den kommenden Jahren vermutlich hoch bleiben wird, gehen wir davon aus, dass die Solarindustrie in der MENA-Region Jahr für Jahr wachsen wird. Das sind großartige Aussichten!

 

Solar Server: Können Sie kurz erläutern, wie sich die jüngsten politischen Entwicklungen in der MENA-Region auf die Entwicklung der Photovoltaik-Märkte auswirken?

Vahid Fotuhi: Der arabische Frühling hat dafür gesorgt, dass die von einem Umsturz betroffenen Länder ihre Solarpläne revidieren und notwendige Anpassungen vornehmen mussten. In den meisten Fällen führt dies zu Verzögerungen bei den Ausschreibungen und Genehmigungen. Aber nur vorübergehend. Sobald neue Regierungen ihre Arbeit aufgenommen haben, werden die Solar-Aktivitäten wieder in Gange kommen. Und bis dahin sind die Kosten hoffentlich noch niedriger und machen Investitionen in Solaranlagen noch attraktiver.

Die „heißen“ Solar-Märkte, von denen ich sprach, wie Dubai, Saudi-Arabien, Jordanien oder Abu Dhabi, wurden von der Instabilität nicht beeinträchtigt. Wir erwarten, dass ihre Solar-Initiativen weiterhin vorangehen.

 

Solar Server: Wie wird sich das Marktwachstum in der MENA-Region entwickeln? Welche Länder führen die Entwicklung an? Welche Marktsegmente (private, gewerbliche Anlagen oder Großkraftwerke)?

Vahid Fotuhi: Das kann ich jetzt noch nicht genau sagen. Auf jeden Fall werden es eher Anlagen im Kraftwerksmaßstab sein als private oder gewerbliche Anlagen. Die Kosten sind niedriger und das Ertragspotenzial höher; Das sind zwei wesentliche Argumente für politische Entscheider.

 

Solar Server: Welche Länder der Region liegen aus Ihrer Sicht vorne?

Vahid Fotuhi: Die VAE, Saudi-Arabien und Marokko sind wahrscheinlich die drei führenden Staaten.

Sie nutzen viele natürliche Energiequellen, und Marokko importiert besispielsweise  viel Öl, um fehlende eigene Vorräte auszugleichen. Wer keine Erdöl- oder Erdgasquellen hat, nutzt die natürliche Energiequelle Sonne. Deshalb machen wir mit unserer Agenda für erneuerbare Energien gute Fortschritte.

Saudi-Arabien verbrennt täglich mehr als 500.000 Barrel Rohöl zur Stromerzeugung. Der riesige Verbrauch entspricht bei heutigen Ölpreisen 6 Milliarden US-Dollar pro Monat. Dieses Geld könnte in die Solarstrom-Erzeugung fließen, die keine fossilen Treibstoffe benötigt. Und genau deswegen blicken die Verantwortlichen in Riad hoffnungsvoll in die Zukunft.

 

Interview: Christian Roselund, internationaler Korrespondent www.solarserver.com