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Erneuerbare Energien für Afghanistan: Interview mit dem afghanischen Vizeminister für Wasser und Energie, Dr. Ghulam Jelani Jelis

Mit einem Modellprojekt engagiert sich der Verein "Zukunft Afghanistan" für die Versorgung wichtiger Einrichtungen der 80 km nördlich von Kabul gelegenen Stadt Jabal os Saraj mit Elektrizität aus Sonne und Wind. In Zusammenarbeit mit der Universität der Stadt soll im Sommer 2005 auf dem dortigen Universitätsgelände eine kombinierte Pilotanlage zur Erzeugung von Energie aus Wind und Sonne errichtet werden.

Dr. Ghulam Jelani Jelis, afghanischer Vizeminister für Wasser und Energie

Zukunft Afghanistan sprach mit dem afghanischen Politiker über die Chancen des Aufbaus einer nachhaltigen Energieversorgung und die Rolle erneuerbarer Energien. Das Projekt "Zukunft Afghanistan" war "Anlage des Monats / Juni 2004" auf dem Solarserver.

Foto: Dr. Ghulam Jelani Jelis, afghanischer Vizeminister für Wasser und Energie.

ZA: Herr Minister, in Afghanistan haben Sie derzeit die einmalige Chance, den völlig neu zu gestaltenden Energiemarkt Ihres Landes zu einem grossen Teil mit erneuerbaren Energien aufzubauen. Wie steht die afghanische Regierung dazu?

Wenn Sie sich die geografischen und klimatischen Bedingungen des Landes ansehen, werden Sie erkennen, dass die Bevölkerung in den ländlichen Gebieten, und das sind immerhin ca. 80 % der Gesamtbevölkerung, nur durch dezentrale, auf erneuerbaren Energien basierende Erzeugungsanlagen mit Energie versorgt werden kann.

ZA: Auf welche Art und Weise können Sie als zuständiger Minister sich vorstellen, den Ausbau der EE in Ihrem Land konkret zu fördern? Zum Beispiel durch Marktbedingungen, die den Standort Afghanistan für westliche Investoren interessant machen.? Und wie könnten diese Bedingungen aussehen?

Von Seiten des Ministeriums ist die Schaffung spezieller Anreizsysteme für die Nutzung regenerativer Energien vorgesehen. Konkrete Förderpakete müssen noch mit den betroffenen Ministerien entwickelt und verhandelt werden.
Auch die zukünftige unabhängige Regulierungsbehörde für den Energiesektor, deren Etablierung bis 2007 geplant ist, wird eine wichtige Rolle bei der Förderung alternativer Energien spielen.
Konkret haben wir ein ganzes Massnahmenpaket geplant und teilweise mit der Umsetzung bereits begonnen. Im wesentlichen geht es dabei um:

- den Aufbau eines Finanzierungssystems
- die Aufklärung der Bevölkerung
- Informationskampagnen für Ministerien und untergeordnete Behörden
- die Förderung der Aus- und Weiterbildung von Handwerkern
- die Unterstützung beim Aufbau eines Produktions-, Vertriebs-, Installations- und Wartungssystems für Erneuerbare Energiesysteme

Afghanische Stadt "Jabal os Saraj":

 

Alltag in Afghanistan: Die Stromversorgung der Städte und Dörfer ist weitgehend zerstört, nicht einmal die Hauptstadt Kabul ist nur annähernd ausreichend elektrifiziert. Foto: Zukunft Afghanistan e. V.

Wenn unsere Bemühungen greifen und ich bin fest davon überzeugt, dass sie greifen, eröffnet sich ein erheblicher Markt für Investoren und private Stromproduzenten im Bereich erneuerbare Energien. Ökonomisch gesehen hat Afghanistan, das auf einem guten Weg ist, das wirtschaftlich liberalste Land in der gesamten Region zu werden, einiges für potentielle Investoren zu bieten. Schon jetzt kann Afghanistan mit seiner liberalen Steuer- und Investitionsgesetzgebung sichere makroökonomische Bedingungen vorweisen. Stabile Wechselkurse, eine zügige und solide Entwicklung des Bankensektors und geringe Zollsätze für importierte Investitionsgüter sind ein gutes Umfeld für ausländische Investitionen.
Darüber hinaus bietet Afghanistan die Gelegenheit zur Beantragung von Investitionsgarantien über die Weltbanktochter Multilateral Investment Guarantee Agency -MIGA.

ZA: Sehen Sie für die Elektrifizierung Ihres Landes durch EE Rückhalt in den Provinzregierungen und bei der Bevölkerung?

Die Provinzregierungen und die Bevölkerung sind an der wirtschaftlichen Entwicklung der Regionen sowie an einer Verringerung der Landflucht interessiert. Die Basis dafür ist eine ausreichende Energieversorgung. Und die ist, das wird auch ganz pragmatisch von den meisten Betroffenen so gesehen, nur mit erneuerbaren Energiequellen finanzierbar. Was vor Ort fehlt, ist eine umfassende Information über die technischen und ökonomischen Möglichkeiten der alternativen Energien. Aber genau daran arbeiten wir momentan.

ZA: Die Stromversorgung Afghanistans ist in staatlicher Hand. Werden die Bürger also Stromgebühren an die Gemeinden abführen? Den Strom von der örtlichen Verwaltung kaufen, die die Anlagen betreut, wartet und repariert?

Bis zum Jahr 2010 soll nach den Plänen unseres Ministeriums, der nationale Energieversorger Da Afghanistan Breshna Moassesa -DABM privatisiert sein. Im Rahmen dieses ehrgeizigen Plans soll, wie bereits gesagt, die gesamte Übertragungs- und Verteilungsinfrastruktur überarbeitet, die Erzeugungskapazitäten sowie die Anzahl der an das Versorgungsnetz angeschlossenen Stromkunden erhöht werden. Unabhängigen, privaten Stromerzeugern wird der Zugang zum Netz ermöglicht werden. Darüber hinaus sind eine Reform der Stromtarife und die Einführung eines effizienten Rechnungswesens geplant.
Als erster Schritt zur geplanten Reorganisation will das Ministerium DABM in vier ökonomisch selbständige Gesellschaften, je eine für die nördlichen, östlichen, südlichen und westlichen netzgebundenen Landesteile, umstrukturieren. Für alle nicht an das nationale Stromnetz angeschlossenen Gebiete soll eine fünfte Gesellschaft (Off-Grid Access Unit) zuständig sein. Hier wird auch das Department für Erneuerbare Energien und Energieeinsparung angegliedert werden. Die Bürger werden dann also ihre Stromgebühren an eine der privaten Versorgungsgesellschaften zahlen und von diesen auch beliefert und betreut werden.

ZA: Was halten Sie von unserem Pilotprojekt 'Zukunft Afghanistan'

Sehr viel. Es wird ein wichtiges Pilotprojekt sein, mit dem gezeigt wird, was unser Land von den neuen umweltfreundlichen und ressourcenschonenden Energiequellen erwarten kann. Und es wird für private Investoren einen Anreiz schaffen, den afghanischen Energiemarkt durch erneuerbare Energien mit neu aufzubauen.

ZA: Sie haben 'Zukunft Afghanistan' Unterstützung durch die afghanische Regierung zugesagt...

...und ich sichere Ihnen nochmals die tatkräftige Unterstützung unseres Ministeriums in allen den Bau und den Betrieb der Anlage betreffenden Fragen zu. Wir werden Sie vor Ort beraten oder z.B. bei den Zoll- und Steuerformalitäten helfen. Was konkret von unserer Seite an Service geliefert werden kann, muss dann im jeweiligen Fall besprochen werden.

ZA: Herr Minister, vielen Dank für das Gespräch.

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  • Hans-Josef Fell, (MdB) forschungspolitischer Sprecher; Bündnis 90/DIEGRÜNEN
  • Mechtild Rothe (MEP), Fraktion der Sozialdemokratischen Partei Europa
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  • Frithjof Staiß, Autor des "Jahrbuchs Erneuerbare Energien 2000"
  • Bernhard Dimmler, technischer Geschäftsführer der Würth Solar GmbH & Co
  • Fritz Link , Bürgermeister der "Solar-Kommune" Königsfeld
  • Max Deml, Chefredakteur des Informationsdienstes ÖKO-INVEST
  • Wolf von Fabeck, Geschäftsführer des Solarenergie-Fördervereins
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