Solar-Interviews:

Fabio Longo: Sahara-Strom gefährdet Erzeuger in der Region

Solar- und Windstrom aus Afrikas Wüsten oder den Steppen Sibiriens zur Komplettversorgung Europas aus erneuerbaren Quellen: Der Energiekonzern EnBW, viertgrößter Energieversorger in der Bundesrepublik, hat jetzt ein Projekt aufgegriffen, das der Kasseler Diplom-Physiker Gregor Czisch in seinen Forschungsarbeiten seit Jahren vorantreibt. Auch der Umweltbeirat der Bundesregierung unterstützt diese Idee. Teile der Ökostrom-Szene alarmiert allerdings der Vorstoß durch den EnBW-Chef Utz Claassen. Verfechter einer dezentralen Energiezukunft, die weg von Atomenergie, Großkraftwerken und Versorgermonopolen wollen, sehen das Nachdenken über Stromimporte aus afrikanischen Solar- oder Windparks als Flucht nach vorn - aber in die falsche Richtung. Das berichtet die Hessische/Niedersächsische Allgemeine in ihrer Internet-Ausgabe vom 18.03.2007.

Rechtsanwalt aus Vellmar (Kreis Kassel) und Vorstandsmitglied der Europäischen Vereinigung für Erneuerbare Energien "Eurosolar".

Fabio Longo, Rechtsanwalt aus Vellmar (Kreis Kassel) und Vorstandsmitglied der Europäischen Vereinigung für Erneuer-bare Energien "Eurosolar", sagte im Gespräch mit der HNA: Das "technokratische Monstrum" eines Super-Verbundnetzes zwischen Europa und Afrika solle "dem Kartell der großen Energiekonzerne langfristig seinen Einfluss absichern".

Hessische/Niedersächsische Allgemeine

Die großen Versorger, so Longo weiter, fürchteten die Konsequenzen aus den Beschlüssen der EU für 20 Prozent erneuerbare Energien bis 2020. Denn: "Geht der Zubau der erneuerbaren Energien so weiter wie in den letzten Jahren, können diese die 17 deutschen Atomkraftwerke bis zum endgültigen Atomausstieg 2021 komplett ersetzen." Das Import-Konzept stehe der dezentralen Stromerzeugung und -einspeisung in Deutschland entgegen, warnt der "Eurosolar"-Vorstand. Wachstumschancen gerade in der Region Nordhessen und Südniedersachsen "würden mit dem zentralistischen Netzverbund Afrika-Europa sterben".

Der Solarserver veröffentlicht das komplette Gespräch mit Fabio Longo mit freundlicher Erlaubnis der Tageszeitung "Hessische/Niedersächsische Allgemeine (HNA) aus Kassel. Das Interview führte HNA-Redakteur Wolfgang Riek.

"Hebel gegen kleine Einspeiser" - "Eurosolar"-Vorstand Fabio Longo äußert Bedenken gegen den Import von Öko-Strom aus Afrika

Als erster Chef eines der vier großen deutschen Energieversorger hat Utz Claasen für die EnBW laut über den Import von Solar- und Windstrom aus Afrika und den Bau eines riesigen europäischen Stromverbunds nachgedacht. Wolfgang Riek (HNA) sprach mit Fabio Longo, Rechtsanwalt aus Vellmar und seit 2005 Vorstandsmitglied der gemeinnützigen Europäischen Vereinigung für Erneuerbare Energien "Eurosolar".

HNA: "Eurosolar" macht sich seit Langem für die Nutzung erneuerbarer Energien stark. Zum Vorstoß des EnBW-Chefs sagen Sie: "Völlig falsche Richtung". Warum?

Fabio Longo: Claassen treibt nach den Beschlüssen der EU für 20% erneuerbare Energien bis 2020 die schiere Angst zu solchen Aussagen. Das schnelle Wachstum der dezentralen erneuerbaren Energien macht den Stromkonzernen große Sorgen, weil sie dadurch ihr Macht- und Strompreis-Kartell bei der Stromerzeugung aus Großkraftwerken verlieren.

HNA: Soll heißen: Es geht nicht nur um Öko-Strom sondern um Versorgungsstrukturen und Marktmacht?

Longo: Genau. Die gigantischen Kosten für den Bau neuer Hochspannungsleitungen quer durch Afrika und über Israel nach Europa und die Kosten für Windparks in Afrika werden Investoren nur in Kauf nehmen, wenn sie sicher sind, dass ihr Stromabsatz aus diesen Quellen gewährleistet ist.

HNA: Was heißt das für den boomenden Markt dezentraler erneuerbarer Energien in Deutschland, mit Windkraftanlagen, Solardächern auf immer mehr Häusern und Bioenergie-Anlagen bei Bauern?

Longo: Der Afrika-Plan soll zum Hebel gegen das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) werden, das den vielen kleinen Einspeisern von Strom aus erneuerbaren Quellen eine feste Vergütung garantiert. Die Stromkonzerne werden nur in der Wüste investieren, wenn die Förderung für Sonnen- und Windenergie in Deutschland abgeschafft wird - also das EEG wegfällt.

HNA: Die Abschaffung des EEG, das ist der Kern Ihrer Warnung, würde vorrangig auch unsere Region treffen ...

Longo: In der Solarregion Nordhessen sind bereits direkt 2.200 Arbeitsplätze im Bereich dezentrale erneuerbare Energien entstanden, vor allem bei der SMA, dem weltweit führenden Spezialisten für intelligente dezentrale Versorgungskonzepte. Es können allein in Nordhessen in den nächsten 15 bis 20 Jahren bis zu 20 000 Arbeitsplätze im Bereich erneuerbare Energien neu entstehen.

HNA: Die hängen aber am EEG, an der Förderung über den Strompreis, die der EnBW-Chef "teure Übersubventionierung" nennt ...

Longo: Das EEG hat die Massenproduktion für erneuerbare Energien ermöglicht und einen riesigen Innovationsschub ausgelöst. Dadurch werden diese Technologien um das Jahr 2015 herum ohne Zuschüsse auskommen und preisgünstige Energie liefern. Das EEG ist eine Erfolgsstory für Deutschland - immer mehr Staaten beschließen ähnliche Gesetze. Dadurch sind wir zum Exportweltmeister bei der Wind- und Sonnenenergie geworden - mit Technologie aus der Region. Die Wachstumschancen würden mit dem zentralistischen Netzverbund Afrika - Europa sterben.

HNA: Was hieße das für eine Firma wie SMA?

Longo: Die vielen kleinen Solar-Wechselrichter, wie SMA sie weltweit exportiert, würden kaum noch gebraucht, weil kleine und mittelgroße Solaranlagen auf Dächern viel seltener gebaut würden. Beschäftigung für heimische Handwerker, die Solaranlagen installieren und warten, würde zerstört; die Chancen regionaler Wertschöpfung von der Landwirtschaft bis zu mittelständischen Solarbetrieben würde zunichte gemacht.

HNA: Wieso sieht "Eurosolar" die Energieversorgung auch mit demokratischen Mitentscheidungsrechten verbunden?

Longo: Dezentrale Energiesysteme stärken den Einfluss der Regionen, Kommunen und Bürger, weil sie kleinteilig organisiert werden und Stadt- und Gemeindewerke wieder zum wichtigsten Player der Energieversorgung machen.

HNA: Sie kritisieren an den Stromimport-Plänen schließlich auch noch "ein technokratisches Welt- und Menschenbild mit kolonialem Einschlag". Was meinen Sie damit?

Longo: Wie würden wir Europäer das finden, wenn Afrikaner unsere Nordseeküste und die französische Atlantikküste für ihre Energiekonzepte verplanen würden? Unvorstellbar. Das ist eine Anmaßung, die nicht mehr in die heutige Zeit passt. Wir sollten den Afrikanern endlich jede Unterstützung zum Technologietransfer geben, damit sie selbst entscheiden können, wie sie ihre Windkraftpotenziale für ihre eigene Stromversorgung nutzen. Es gibt an jedem Ort auf der Welt genug erneuerbare Energie. Wer auf Strom aus Afrika wartet, verbaut unsere Chancen.

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18.03.2007

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  • Frithjof Staiß, Autor des "Jahrbuchs Erneuerbare Energien 2000"
  • Bernhard Dimmler, technischer Geschäftsführer der Würth Solar GmbH & Co
  • Fritz Link , Bürgermeister der "Solar-Kommune" Königsfeld
  • Max Deml, Chefredakteur des Informationsdienstes ÖKO-INVEST
  • Wolf von Fabeck, Geschäftsführer des Solarenergie-Fördervereins
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