Solar-Interviews:

Solar-Interview zur Klima- und Energiepolitik in den USA: vom Dreckspatz zum Klassenprimus?

Es gehe den US-Amerikanern nicht darum, ob sie im März Golf spielen können, sondern darum, ob der steigende Meeresspiegel ihre Ferienhäuschen an der Küste aus dem Weg räumen wird, sagt Jim Marzilli, Abgeordneter im US-Bundesstaat Massachusetts.

Jim Marzilli

Immer mehr Bürger hätten begriffen, wie hoch der Preis für ihren Energie und Ressourcen verschwendenden Lebensstil sein wird. Einigen Gouverneuren ist er schon zu hoch: Sie versteigern Klimaverschmutzungsrechte und fordern einen nationalen Emissionshandel.

Warum Republikaner und Demokraten plötzlich gemeinsam Druck auf Washington machen, erläutert Jim Marzilli in einem Interview mit der Zeitschrift "punkt.um". Marzilli ist Mitglied des "International Council on Local Environmental Initiatives".

Der Solarserver veröffentlicht das aufschlussreiche Gespräch mit freundlicher Erlaubnis des oekom-Verlags in München. Das Interview in punkt.um, Heft 12-1/2006-2007 führte Helena Obermayr.


Jim Marzilli: "Ich glaube nicht, dass der nächste Präsident Blankoschecks für die Ölindustrie unterschreibt"

Das Image des Energie und Ressourcen verschwendenden Amerikas beginnt sich zu bessern. Bündnisse unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen erkennen die Gefahr des Klimawandels und fordern nicht nur ein rasches Handeln, sondern gehen selbst mit gutem Beispiel voran. Während sich Washington bislang vornehm zurückhält, erweisen sich einige Bundesstaaten als Wegbereiter einer progressiven Klima- und Energiepolitik. Ein Gespräch mit dem demokratischen Abgeordneten Jim Marzilli.

punkt.um: Wie nehmen die US-AmerikanerInnen derzeit die Gefahren des Klimawandels wahr?

Jim Marzilli: Sie bemerken, dass der erste Frost mit jedem Jahr etwas später und der letzte Frost etwas eher einsetzt. Und viele AmerikanerInnen begreifen allmählich, dass unsere Energiepolitik unsere Wirtschaft schwächt, indem wir Öl im- und Dollars exportieren. Dagegen investieren wir bei Photovoltaik oder Windtechnologie in unsere eigenen Arbeitskräfte und unsere Industrien. Die weltweit führenden Anbieter in der Photovoltaik und Windkraft kamen einst aus Massachusetts, aber sie sind abgewandert, weil wir sie nicht ausreichend unterstützt haben.

Eine neue Generation von Republikanern macht beim
Umwelt- und Klimaschutz gemeinsame Sache mit Demokraten


punkt.um: Was unternehmen die Bundesstaaten gegen den Klimawandel?

Jim Marzilli: 2003 haben beispielsweise acht nordöstliche Staaten die "Regional Greenhouse Gas Initiative", abgekürzt RGGI, gegründet. Die Staaten legen Obergrenzen für Emissionen von Kohlendioxid fest und reduzieren sie allmählich, indem sie mindestens 25 Prozent der Emissionsrechte versteigern. Einige versteigern sogar alle. Die Initiative ist außergewöhnlich, weil sie mehrheitlich von republikanischen Gouverneuren ins Leben gerufen wurde. Die Republikaner in Washington haben den Klimawandel bisher immer abgestritten. Jetzt sehen wir eine neue Generation von Republikanern, die beim Umwelt- und Klimaschutz gemeinsame Sache mit Demokraten macht.

punkt.um: Welche Wirkung erhoffen Sie sich von der RGGI?

Jim Marzilli: Wir brauchen einen nationalen Emissionshandel, der die Treibhausgase signifikant reduziert. Genau das fordern die Vorstände der Energiekonzerne aus den RGGI-Staaten jetzt von den Politikern in Washington: "Klimaschutz ist ein Problem, wir packen es an. Aber alleine schaffen wir es nicht."

punkt.um: Welche Beispiele gibt es auf lokaler Ebene?

Jim Marzilli: Beide Kommunen, die ich vertrete, Arlington und Medford, nehmen am CCP, dem "Cities for Climate Protection Program" teil. Indem wir die Beleuchtung der Bibliothek in Arlington verändert haben, spart die Kommune jährlich 35.000 Dollar Energiekosten. Bei der Straßenbeleuchtung haben wir in effizientere Glühbirnen investiert und sparen so 125.000 Dollar.

Konkrete Vorteile von Investitionen
in erneuerbare Energien und Effizienz aufzeigen


punkt.um: Sollte man klimafreundlicheres Handeln über praktische und finanzielle Vorteile bewerben?

Jim Marzilli: Wenn Sie einen Schulverwalter für den Klimaschutz gewinnen wollen, brauchen Sie ihm nicht zu erzählen, wie traurig es ist, dass die Eisbären wegen der schmelzenden Eisschollen sterben müssen. Aber wenn Sie ihm klarmachen, dass er mit einer moderaten Investition 20.000 Dollar pro Jahr Energiekosten einsparen kann, klappt es. Viele AmerikanerInnen nehmen Natur nicht als Teil ihres Lebens wahr. Deshalb muss man ihnen konkrete Vorteile von Investitionen in erneuerbare Energien und Effizienz aufzeigen – etwa die bessere Luft, die ihre Kinder atmen.

punkt.um: Inwiefern hat der Sturm "Katrina" gezeigt, dass es beim Klimawandel nicht nur darum geht, mit effizienteren Glühbirnen Geld zu sparen?

Jim Marzilli: Viele Menschen in den USA haben verstanden, dass sich die Welt verändert hat. Stürme gab es immer schon, aber sie sind mehr und heftiger geworden. Leute in niedrig gelegenen Gegenden wie Florida oder Cape Cod in Massachusetts sorgen sich nun um ihre Ferienhäuser. Und die Versicherungen weigern sich, diese Häuser gegen Schäden zu versichern. Auch wenn wir den steigenden Meeresspiegel kaum bemerken – der Versicherungsmarkt tut es.

Nicht "Klimaerwärmung" sondern "Klimazerstörung"
ist der richtige Begriff

punkt.um: Wie erzieht man Menschen zu klimabewusstem Handeln?

Jim Marzilli: Das ist kompliziert. Vieles am Klimawandel ist sehr technisch und weit von dem entfernt, was die meisten wissen wollen. Wir müssen die Sprache ändern, in der wir das Klimaproblem und die Auswirkungen beschreiben. Es geht nicht darum, ob die Menschen im März Golf spielen können, sondern darum, ob ihr Ferienhaus bald vom steigenden Meeresspiegel aus dem Weg geräumt wird. Dass Umweltschützer den Begriff "Klimaerwärmung" ins Spiel gebracht haben, war ein großer Fehler. Er erlaubt den Menschen, die große Bedrohung zu bestreiten. "Klimawandel" ist etwas besser, obwohl jeder weiß, dass sich das Wetter ständig ändert und deshalb noch längst nicht verstanden hat, was warum falsch läuft. "Klimazerstörung" beschreibt am treffendsten, was wirklich passiert: Es wird immer mehr Stürme geben und der steigende Meeresspiegel wird nicht nur eine halbe Million Menschen aus New Orleans, sondern Milliarden KüstenbewohnerInnen weltweit bedrohen.


Umwelt und Energiesicherheit werden
im Wahlkampf immer bedeutsamer


punkt.um: Wie erfolgreich lässt sich das vermitteln?

Jim Marzilli: Das beste Beispiel für die Aufbruchsstimmung in den USA ist die Apollo Alliance, ein breites Bündnis von Umweltaktivisten, Unternehmen, Gewerkschaften, Finanzinstituten und Kirchen. Sie fordern eine massive Förderung von erneuerbaren Energien. Wenn wir den Klimawandel in den Griff bekommen, stärkt das auch unsere Wirtschaft. Natürlich gibt es immer noch viele Menschen, die einfach nicht verstehen, worum es geht oder die ihre kurzfristigen egoistischen Interessen über wissenschaftliche Erkenntnisse stellen. Den Vorstand von Exxon wird man kaum davon überzeugen, seine Politik zu ändern. Aber man kann versuchen, eine politische Mehrheit zu finden, um neue Regeln für Unternehmen wie Exxon aufzustellen.

punkt.um: Welche Rolle wird der Klimawandel bei der nächsten Präsidentschaftswahl spielen?

Jim Marzilli: Ich glaube, Umweltthemen, insbesondere das Problem der Energiesicherheit, werden im Wahlkampf immer bedeutsamer werden. Wer auch immer gewinnen wird – ich bezweifle, dass der nächste Präsident Blankoschecks für die Ölindustrie unterschreiben würde, wie es der jetzige getan hat und tut.


Weitere Informationen in englischer Sprache:

Regional Greenhouse Gas Initiative: http://www.rggi.org

Apollo Alliance for Good Jobs and Clean Energy: http://www.apolloalliance.org

Kontakt: Rep.JamesMarzilli@hou.state.ma.us

Zeitschrift punkt.um, der Infodienst für Umwelt und Nachhaltigkeit: http://www.oekom.de/zeitschriften/punktum.html

oekom-Verlag: http://www.oekom.de/

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  • Hans-Josef Fell, (MdB) forschungspolitischer Sprecher; Bündnis 90/DIEGRÜNEN
  • Mechtild Rothe (MEP), Fraktion der Sozialdemokratischen Partei Europa
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  • Frithjof Staiß, Autor des "Jahrbuchs Erneuerbare Energien 2000"
  • Bernhard Dimmler, technischer Geschäftsführer der Würth Solar GmbH & Co
  • Fritz Link , Bürgermeister der "Solar-Kommune" Königsfeld
  • Max Deml, Chefredakteur des Informationsdienstes ÖKO-INVEST
  • Wolf von Fabeck, Geschäftsführer des Solarenergie-Fördervereins
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