Solar-Interviews:

Solarserver-Interview mit dem neuen ESTIF-Präsidenten Gerhard Rabensteiner: "Zielvorgaben der EU werden einen sehr großen Einfluss auf die Solarthermie haben"

Gerhard Rabensteiner, Geschäftsführer der KIOTO Clear Energy AG, ist im April zum neuen Präsidenten der European Solar Thermal Industry Federation (ESTIF) gewählt worden. Er folgt auf Ole Pilgaard, der mehr als vier Jahre an der Spitze der europäischen Solarwärme-Industrievereinigung stand. European Solar Thermal Industry Federation (ESTIF)
Gerhard Rabensteiner, Präsident der European Solar Thermal Industry Federation (ESTIF).

Gerhard Rabensteiner war eines der Gründungsmitglieder der ESTIF und seit der Gründung des Verbandes im Jahr 2002 auch Vizepräsident. Er kann auf viele Jahre Erfahrung in der Solarthermie zurückgreifen als Geschäftsführer des österreichischen Unternehmens GREENoneTEC, das nun zur KIOTO Clear Energy AG gehört, einer Holding, die der Österreicher 2006 mit gründete. Mit dem Solarserver sprach der neue ESTIF-Präsident über die Perspektiven der Branche, die Politik für erneuerbare Energien und seine Pläne für die Zukunft.
Der Solarserver: Herr Rabensteiner, wir gratulieren herzlich zu Ihrer Wahl als Präsident der europäischen Solarwärme-Industrievereinigung ESTIF.

Sie übernehmen das Amt zu einem Zeitpunkt, an dem die Signale für die Solarthermie in Europa auf Grün stehen. Was sind Ihre Ziele für die kommenden Jahre?

Gerhard Rabensteiner: Wir sehen in der Tat im Allgemeinen die Zeichen auf Grün stehen, dürfen aber dabei nicht vergessen, dass bis zur Umstellung auf eine solare Energieversorgung viele Detailaktivitäten anstehen. So sind wir mit ESTIF zur Zeit intensiv im Konsultationsprozess für die neue europäische Richtline zur Förderung der erneuerbaren Energien beschäftigt, die - nicht zuletzt aufgrund der jahrelangen Lobbyarbeit von ESTIF - erstmals auch den Wärme- und Kältesektor erfassen wird. Wir erwarten noch in diesem Jahr einen entsprechenden Gesetzesvorschlag von der Europäischen Kommission. Von einer solchen Richtlinie müssen entscheidende, verbindliche Zielsetzungen für alle EU Mitgliedsländer kommen, die auch auf die Solarthermie einen großen Einfluss haben werden. Diesbezüglich müssen wir in enger Kooperation mit den nationalen Solarverbänden auch die spätere Umsetzung in nationales Recht so begleiten, dass die solaren Zielsetzungen dieser Richtlinie durch entsprechende Beschlüsse der Mitgliedsstaaten unterstützt werden.

Noch griffiger veranschaulichen, was Solarthermie leisten kann

In diesem Zusammenhang ist es für uns von größter Bedeutung das Potenzial der Solarthermie in den richtigen Kontext zu stellen und somit auch unsere Zukunftsvisionen allen Entscheidungsträgern zugänglich zu machen. Die Etablierung der Europäischen Solarthermie Technologie Plattform (ESTTP), welche durch ESTIF unterstützt wird, ist ein diesbezüglicher wichtiger Schritt. Wir müssen einfach noch griffiger veranschaulichen, was die Solarthermie bereits heute, und erst recht in Zukunft, zu leisten imstande ist - es kann und darf nicht sein, dass Solarenergie in breiten Kreisen der europäischen Bevölkerung (auch im politischen Entscheidungsfeld) reflexartig mit Photovoltaik gleichgesetzt wird. Hier gilt es wesentlich stärkere Akzente zu setzen und somit unserer solarthermischen Technologie auf breiter Ebene zum Durchbruch zu verhelfen.

Der Solarserver: Der Europäische Rat hat am 9. März verbindlich beschlossen, den Anteil der erneuerbaren Energien bis 2020 auf 20 % zu steigern. Was bedeutet das für die Solarwärme und wie soll das Ziel in den einzelnen Mitgliedsstaaten umgesetzt werden?

Gerhard Rabensteiner: Wir erwarten, dass diese längst überfällige Zielsetzung der Solarthermie kräftigen Rückenwind geben wird. Über die konkrete Umsetzung wird es naturgemäß noch längere politische Verhandlungen sowohl auf europäischer Ebene als auch in den Mitgliedsstaaten geben. Unsere diesbezügliche ESTIF Zielsetzung ist natürlich die Aufnahme von verbindlichen Maßnahmen für den regenerativen Wärme- und Kältesektor in die neue Erneuerbare-Energien-Richtlinie, an der die Europäische Kommission gerade arbeitet und die wahrscheinlich schon im kommenden Jahr vom Europäischen Rat und dem Europäischen Parlament beschlossen werden kann. Wir erwarten zudem, dass die Richtline die Mitgliedstaaten verpflichten wird, nationale Aktionspläne aufzustellen, die dann sektorielle Zielvorgaben enthalten, also auch ein separates Ziel für Wärme und Kälte.

Der Solarserver: Derzeit machen Deutschland, Ihre Heimat Österreich, Griechenland und Frankreich rund drei Viertel des europäischen Solarwärmemarktes aus. Scheint die Sonne in den übrigen Ländern nicht oder nur zu schwach?

Gerhard Rabensteiner: Für die unterschiedliche Nutzung thermischer Solarenergie in Europa beziehungsweise weltweit, gibt es eine ganze Reihe von Ursachen, wobei interessanterweise die Differenzen hinsichtlich der Sonneneinstrahlung die geringste davon ist. Hauptursachen dafür sehe ich vor allem in der Formung des öffentlichen und privaten Bewusstseins in Richtung erneuerbarer Energien. Energiepolitik ist ja per se "res publica" und wenn die energiepolitische Meinungsbildung der vergangenen Jahrzehnte in Ländern wie beispielsweise Frankreich von einer Förderung der Kernenergie geprägt war - und leider wie es aussieht auch in der Zukunft sein wird - dann ist dies ein sehr schwer änderbarer Status Quo. Hier hat sich die "normative Kraft des Faktischen" so stark manifestiert, dass nur gewaltige Anstrengungen breiter Allianzen dies zu ändern vermögen.

"Europäischer Tag der Sonne" soll positive Erfahrungen aus Österreich und Deutschland nach ganz Europa ausweiten

Letztendlich liegt es somit an uns allen selbst, uns für erneuerbare Energien (und Solarthermie insbesondere) zu engagieren und die alten, ausgedienten fossilen und nuklearen Denkmuster zu überwinden. ESTIF versucht in diesem Zusammenhang die "erneuerbare Bewusstseinsbildung" so weit wie nur möglich zu unterstützen und positiv zu verändern. So beschäftigen wir uns zur Zeit neben der täglichen Überzeugungsarbeit in Brüssel unter anderem auch mit einem Projekt, das sich "Europäischer Tag der Sonne" nennt, und mit welchem wir die positiven diesbezüglichen Erfahrungen aus Österreich und Deutschland nach ganz Europa ausweiten wollen. In Zukunft wollen wir auch versuchen, unsere Kontakte nach Osteuropa in die neuen Mitgliedsländer zu verstärken, um auch in diesen Ländern dem Zukunftsthema "Solarthermie" zum Durchbruch zu verhelfen.

Solarwärme-Kombisystem in Dänemark. solarthermische Fassade in Karlsruhe.
Solarwärme-Kombisystem in Dänemark, solarthermische Fassade in Karlsruhe (D).
Quelle: N. Batec / ESTIF; Sonnenkraft / ESTIF

Der Solarserver: Mit dem Solarthermie-Aktionsplan legt die ESTIF ein umfassendes Papier für den Ausbau der Heizung und Kühlung mit erneuerbaren Energien vor. Welche konkreten Schritte und Maßnahmen stehen an?

Gerhard Rabensteiner: Mit dem Solarthermie-Aktionsplan wollen wir den politischen Entscheidungsträgern vor Augen führen, welchen Beitrag die Solarthermie in einem zukünftigen europäischen Mix aus erneuerbaren Energien leisten kann und welche politischen Unterstützungsmaßnahmen dazu notwendig sind. Es hat sich ja herausgestellt, dass für die positive Entwicklung der Solarthermie ein kontinuierlicher und langfristiger politischer Unterstützungsprozess eine unabdingbare Voraussetzung ist - gerade in Österreich hat sich dies im Laufe der letzten beiden Jahrzehnte als Schlüssel zum Erfolg herausgestellt. Damit ergeben sich für alle Marktteilnehmer klar vorhersehbare und somit auch planbare Rahmenbedingungen, ohne die leider vielfach praktizierte "Stop-&-Go"-Politik. Dies schafft insgesamt einen positiven Regelkreis, in welchem Unternehmen wachsen und damit auch Skalenvorteile zum Vorteil der Konsumenten generieren können. ESTIF stellt in diesem Aktionsplan mögliche Unterstützungsmaßnahmen sowie begleitende Maßnahmen vor, wie z.B. Targetsetting & Monitoring oder auch die absolut notwendige Abschaffung von Marktbarrieren. Um letzteres zu erreichen, macht sich ESTIF insbesondere für die europaweite Implementierung und Anerkennung des "Solar Keymark" als harmonisiertes Zulassungs- und Qualitätskennzeichen stark.

Der Solarserver: Länder wie Spanien und Italien sind äußerst erfolgreich mit Solar-Pflichten. Verbindliche Richtlinien geben solare Deckungsgrade für Neubauten und bei der Sanierung vor. Ist dies ein Modell für ganz Europa?

Gerhard Rabensteiner: Ich bin überzeugt davon, dass dies ein richtiger Weg ist. Sie müssen sich ja vor Augen führen, wie viele unterschiedliche Bauvorschriften es in Europa gibt - mit teilweise völlig unterschiedlichen, historisch gewachsenen, Anforderungen an die Gebäudeausstattung, beziehungsweise -technik. Ich verwende in diesem Zusammenhang gerne ein Beispiel, welches ich während meiner Zeit als Expat in den Niederlanden erlebt habe: die dortigen Treppenhäuser sind ja wesentlich steiler und somit Raum sparender als jene in Deutschland oder Österreich - und trotzdem kommen die Menschen problemlos von einem Geschoß ins andere. Allein aus der Kosteneinsparung dieses kleinen gebäudetechnischen Unterschiedes (welcher ausschließlich auf unterschiedlichen baurechtlichen Vorschriften beruht) ließe sich bereits zumindest ein Teil einer solarthermischen Anlage finanzieren.

Energiepolitisch sinnvolle Bauvorschriften sind besser verständlich als viele andere bürokratische Vorgaben

Ich bin außerdem der felsenfesten Überzeugung, dass die Europäerinnen und Europäer energiepolitisch sinnvolle Bauvorschriften in einem erneuerbaren Sinn, in Zeiten unsicherer Versorgung mit fossilen Brennstoffen, ja sogar kriegerischer Auseinandersetzungen um Erdöl, wesentlich besser verstehen würden als viele andere bürokratische Vorschriften. Zumal der Einbau einer Solarwärmeanlage zur Zeit des Neubaus ja ohnehin viel kosteneffizienter ist als eine spätere Nachrüstung. Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Vorteil einer solchen Vorgehensweise, wäre die automatische Entlastung der doch chronisch leeren öffentlichen Haushalte durch die somit gegebene private Finanzierung von solarthermischen Anlagen, wobei selbstverständlich auch in einem solchen Modell öffentliche Unterstützungen zu einer schnellen Zielerreichung beitragen können.

Qualitätsstandards in den Vordergrund rücken

Dem in diesem Zusammenhang vorgebrachten Argument, dass bei Solarverpflichtungen mehrheitlich billige Anlagen von inferiorer Qualität verbaut werden, wollen wir mit der europaweiten Einführung des Qualitätskennzeichens "Solar Keymark" entgegnen, welches einen einheitlichen vernünftigen Qualitätsstandard auf der Hardware-Seite gewährleistet. Natürlich müssen wir uns als Solarwärmebranche auch um die handwerkliche Seite kümmern: Wir müssen zusammen mit den Handwerkerverbänden und der Politik praktikable Maßnahmen entwickeln, die auch die Qualität der Installation sicherstellen, ohne dabei unnötige neue Hürden für die Solarwärme zu errichten. Frankreich, z. B. ist da mit seinem "Qualisol"-Programm einen sehr interessanten Weg gegangen.

Der Solarserver: Im Juni treffen sich Solarwärmeindustrie, Handwerk und Politik auf der Konferenz estec2007. Neben der Marktentwicklung steht die Technologie im Mittelpunkt der Veranstaltung. Welche Trends sind in Sachen Solarwärme zu beobachten?

Gerhard Rabensteiner: Zunächst einmal: die ESTEC Konferenz hat sich in nur sehr kurzer Zeit zu der maßgebenden europäischen - man kann getrost auch sagen: weltweiten - Konferenz für Solarthermie entwickelt. Darauf sind wir bei ESTIF sehr stolz und dies zeugt auch vom ungebrochenen Interesse an unserer Technologie. Im Juni in Freiburg erwarten wir wiederum eine starke Steigerung der Teilnehmerzahl und können mit einer Fülle interessanter Fachvorträge aufwarten.

Solaranlagen, Biomassekessel und Wärmepumpen sind mittlerweile Standardkomponenten der Heizungshersteller

Dabei wird es auch um künftige technologische Trends gehen - man hat ja bereits anlässlich der ISH in Frankfurt einiges davon gesehen. Für mich war dabei der allgemeine Trend in Richtung erneuerbare Energien unübersehbar beziehungsweise im speziellen jener zur Kombination verschiedener erneuerbarer Bausteine, wie z.B. Solar und Wärmepumpe. Keine einzige der großen Heizungsfirmen kann es sich mittlerweile leisten, Solar, Biomasse oder Wärmepumpen nicht in ihrem Programm zu haben. Unsere Welt verändert sich langsam aber stetig - und es liegt an uns, die Solarthermie als klaren Sieger in diesem Wettkampf zu positionieren. Dafür werde ich mich im Rahmen meiner Möglichkeiten als ESTIF Präsident mit voller Kraft einsetzen.

Herr Rabensteiner, wir danken für dieses Gespräch und wünschen Ihnen viel Erfolg als Präsident der ESTIF. Das Solarserver-Interview führte Chefredakteur Rolf Hug.

Weitere Solar-Interviews:

  • Hans-Josef Fell, (MdB) forschungspolitischer Sprecher; Bündnis 90/DIEGRÜNEN
  • Mechtild Rothe (MEP), Fraktion der Sozialdemokratischen Partei Europa
  • Hans-Josef Fell, (MdB) forschungspolitischer Sprecher; Bündnis 90/DIEGRÜNEN
  • Frithjof Staiß, Autor des "Jahrbuchs Erneuerbare Energien 2000"
  • Bernhard Dimmler, technischer Geschäftsführer der Würth Solar GmbH & Co
  • Fritz Link , Bürgermeister der "Solar-Kommune" Königsfeld
  • Max Deml, Chefredakteur des Informationsdienstes ÖKO-INVEST
  • Wolf von Fabeck, Geschäftsführer des Solarenergie-Fördervereins
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