Solar-Interviews:

Das aktuelle Solarserver-Interview:

Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Initiativen
geben Auskunft

In loser Folge befragen wir Experten zu technischen und politischen Neuerungen im Umfeld der Solarenergie.
Neu ist die Form der Befragung: Unsere Interviewpartner erhalten den Fragenkatalog per E-Mail, können ohne Zeitdruck formulieren, ihre Aussagen überprüfen, und dennoch schnell zu drängenden Problemen Stellung nehmen.

Die Nutzung der Sonnenenergie
weist weltweit die größten Potenziale auf

Dr. rer.pol. Frithjof Staiß ist seit 1989 am Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden Württemberg (ZSW) tätig und leitet dort das Fachgebiet Systemanalyse. Schwerpunkte seiner Tätigkeit sind die technisch-wirtschaftliche Bewertung erneuerbarer Energien und die Entwicklung von Ausbaustrategien.

Frithjof Staiß
Dr. Frithjof Staiß, Autor des
"Jahrbuchs Erneuerbare Energien 2000".


Die Solarserver-Rezension
finden Sie im Bookstore


Der Solarserver:
Herr Dr. Staiß, mit dem Jahrbuch "Erneuerbare Energien 2000" haben Sie eine umfassende Bestandsaufnahme der letzten zehn Jahre vorgelegt. Was hat sich in den Bereichen Solarwärme und -strom getan?

Staiß: Erfreulicherweise hat sich die installierte Leistung in beiden Bereichen mehr als verzehnfacht und Deutschland ist heute weltweit der größte Markt für solarthermische Anlagen und - nach Japan - der zweitgrößte Markt für Photovoltaikanlagen. Aber es gab auch Unterschiede: Während wir bei solarthermischen Anlagen Dank der Förderung auf Länderebene ein kontinuierliches Wachstum hatten, gab es bei der Photovoltaik einige ups and downs.

Dennoch konnten beachtliche Fortschritte erzielt werden, die sich u.a. darin ausdrücken, dass Solarstrom heute nur noch etwa die Hälfte kostet wie vor zehn Jahren. Seit Umsetzung der neuen Fördermaßnahmen auf Bundesebene erlebt die Nutzung der Solarenergie einen deutlichen Sprung nach oben. Vergessen darf man gleichwohl nicht, dass sich ihr Beitrag zur Energieversorgung heute noch im Promillebereich bewegt. Es gibt also noch sehr viel zu tun.
Die nationalen und internationalen Klimaschutz-Studien fordern die Verdopplung des Anteils der regenerativen Energiequellen bis zum Jahr 2010.

Der Solarserver: In 50 Jahren sollen Sonne, Wind, Wasser, Geothermie und Biomasse die Hälfte des Energiebedarfs in Deutschland decken. Wie kann dieses ehrgeizige Ziel erreicht werden?

Staiß: Dafür gibt es mehrere Bausteine: Zunächst das Energiesparen, die Erhöhung der Umwandlungseffizienz und der Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung. Hier liegen noch erhebliche Potentiale brach. Konsequent umgesetzt, ließe sich der heutige Energieverbrauch etwa halbieren. Längerfristig muss eine deutlich verstärkte Nutzung erneuerbarer Energien hinzu kommen, wobei auch an einen Import zu denken ist; etwa in Form von Elektrizität oder Sekundärenergieträgern wie Methanol oder Wasserstoff. Technisch ist ein solches Szenario machbar, und wie ich meine, auch ökonomisch tragbar. Allerdings muss die Politik die Rahmenbedingungen setzen. Eine Vorreiterrolle kann für Deutschland aufgrund der guten Ausgangsbasis viele Vorteile bieten, ein Alleingang wird jedoch auf Dauer nicht möglich sein. Notwendig ist daher, dass zumindest in Europa vielmehr an einem Strang gezogen wird als dies bislang der Fall ist.

Der Solarserver: Welche Rolle werden Solarthermie und Photovoltaik im Energie-Mix der Zukunft spielen?

Staiß: Wir werden künftig einen vielfältigeren Energiemix haben, der die ganze Palette erneuerbarer Energien einbezieht. Klar ist, dass die Nutzung von Sonnenenergie weltweit die größten Potentiale aufweist, und vor allem ist sie überall verfügbar. Selbst in Deutschland entfallen etwa 40% des heute als technisch-strukturell nutzbar geltenden Potenzials der erneuerbaren Energien auf die Solarenergie. Allein auf den vorhanden Dachflächen könnten ungefähr 800 Quadratkilometer Solarkollektoren und Photovoltaikmodule installiert werden, was etwa um den Faktor zweihundert über dem liegt, was wir heute haben.

Während wir hierzulande unseren Energiebedarf nicht vollständig aus heimischer Solarenergie decken können - und dies auch nicht unbedingt tun sollten-, kann man sich leicht klar machen, dass die Potentiale in weniger dicht besiedelten Regionen des Sonnengürtels der Erde, z.B. in Nordafrika, groß genug sind um erhebliche solare Überschüsse für den Export zu produzieren. Dass sich der Solarmarkt auch künftig ausschließlich auf Warmwasserkollektoren und die Photovoltaik beschränken wird, glaube ich nicht. Denn wenn die Nutzung von Solarenergie weltweit nennenswerte Bedeutung erlangen soll, brauchen wir auch große Kraftwerke. Hier ist aus mehreren Gründen in erster Linie an die solarthermischen Technologien wie Parabolrinnen-, Solarturm- oder Aufwindkraftwerke zu denken.

Der Solarserver: In der Energiepolitik wurden bereits Zeichen gesetzt: Die Förderung der "Erneuerbaren" im Umfang von rund 2,6 Milliarden DM pro Jahr soll die Nachfrage nach Solaranlagen ankurbeln und auch Arbeitsplätze schaffen. Was kann die Forschung zur Weiterentwicklung der Solartechnik beitragen und wo sind zusätzliche Innovationen zu erwarten?

Staiß: Trotz aller Erfolge, die bislang in puncto Technik und Kosten erreicht wurden, darf man nicht vergessen, dass die Nutzung erneuerbarer Energien vielfach noch am Anfang ihrer technologischen Entwicklung steht. Besonders bei der Photovoltaik ist das Ende der Fahnenstange noch längst nicht erreicht.

Nehmen Sie zum Beispiel die neuen Dünnschicht-Solarzellen wie Kupfer-Indium-Selenid, die jetzt auf den Markt kommen und einiges versprechen. In den Labors wird aber auch an völlig neuen Konzepten gearbeitet, etwa an Solarzellen auf der Basis organischer Materialien. Technologische Sprünge sind in der Photovoltaik also durchaus möglich, wenn auch für die nächsten Jahre nicht sehr wahrscheinlich. Im Bereich der (Niedertemperatur-)Solarthermie sind die Entwicklungspotentiale insgesamt sicherlich nicht so groß. Dies heißt aber nicht, dass hier nichts mehr zu holen ist. So bietet die saisonale Wärmespeicherung erhebliche Entwicklungspotentiale. Sie lassen sich aber nur dann ausschöpfen, wenn wir auch Strukturveränderungen in der Wärmeversorgung vornehmen: weg von den Kleinanlagen hin zu Gemeinschaftsanlagen in Verbindung mit Nahwärmenetzen.

Der Solarserver: Photovoltaik und solarer Wasserstoff zum Betrieb von Brennstoffzellen wecken zur Zeit bei vielen Verbrauchern Hoffnungen auf effektive und emissionsfreie Alternativen für die Heizung oder den Antrieb von Kraftfahrzeugen. Ist das "Zukunftsmusik" oder eine echte Chance?

Staiß: Hier nennen Sie zwei der großen Hoffnungsträger. Was die Brennstoffzellen angeht, lassen Sie mich kurz zu den häufig etwas einseitigen Darstellungen in den Medien etwas sagen: Richtig ist, dass mit Brennstoffzellen besonders hohe (elektrische) Wirkungsgrade erreicht werden können. Richtig ist auch, dass die zurzeit am intensivsten diskutierten Polymerelektrolytmembran(PEM)- Brennstoffzellen selbst keine Luftschadstoffe oder Klimagase freisetzen, da sie mit Wasserstoff betrieben werden. Bei aller Euphorie muss allerdings die Frage gestellt werden: Wo kommt der Wasserstoff her? Sofern es fossile Quellen sind, verlagern sich die Emissionen auf die vorgelagerten Prozesse. Die Effizienz- und Emissionsvorteile des Gesamtsystems reduzieren sich dann sehr schnell. Global betrachtet müssen wir also versuchen, die Brennstoffe möglichst aus erneuerbaren Energien bereitzustellen. Erst dann kommt die hohe Effizienz der Brennstoffzellen richtig zum Tragen, und darin liegt die eigentliche Zukunftschance. Aber auch hier gilt, dass es die emissionsfreie Energiewelt nicht zum Nulltarif gibt.

Eine Kombination von Photovoltaik und Brennstoffzellen, um sich damit z.B. im Einfamilienhaus unabhängig von der klassischen Energieversorgung zu machen, scheidet aus Kostengründen aus. Denn auf der Stromseite würde die Brennstoffzelle dazu dienen, die tages- und jahreszeitlichen Abweichungen des Solarstromangebot vom Strombedarf auszugleichen, was die gesamte Infrastruktur zur Wasserstofferzeugung und -speicherung voraussetzt. Auf der Wärmeseite ließe sich der Bedarf ebenfalls sehr viel leichter aus Biomasse, solarthermischen Anlagen oder mit Wärmepumpen decken.

Der Solarserver: Herzlichen Dank für Ihre Auskünfte.

Die Fragen für den Solarserver stellte Rolf Hug.

Januar 2001

 

Weitere Solar-Interviews:

  • Hans-Josef Fell, (MdB) forschungspolitischer Sprecher; Bündnis 90/DIEGRÜNEN
  • Mechtild Rothe (MEP), Fraktion der Sozialdemokratischen Partei Europa
  • Hans-Josef Fell, (MdB) forschungspolitischer Sprecher; Bündnis 90/DIEGRÜNEN
  • Frithjof Staiß, Autor des "Jahrbuchs Erneuerbare Energien 2000"
  • Bernhard Dimmler, technischer Geschäftsführer der Würth Solar GmbH & Co
  • Fritz Link , Bürgermeister der "Solar-Kommune" Königsfeld
  • Max Deml, Chefredakteur des Informationsdienstes ÖKO-INVEST
  • Wolf von Fabeck, Geschäftsführer des Solarenergie-Fördervereins
2010 © Heindl Server GmbH