Solarserver-Standpunkt:

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Weiter Aufschwung oder Rezession?
Die Energiekosten werden mitentscheiden!

von Dipl.-Ing. Gunnar Böttger MSc

Dipl.-Ing. Gunnar Böttger, Energieberater.
Deutsche Gesellschaft für Sonnenergie (DGS)

Der Energieberater Dipl.-Ing. Gunnar Böttger beleuchtet im aktuellen Solarserver-Standpunkt die globalen Zusammenhänge zwischen der Energieproduktion und der wirtschaftlichen Entwicklung. Böttger zeigt die aus der Knappheit und den hohen Preisen für fossile Energieträger resultierenden Gefahren für den Einzelnen, die Unternehmen und die Volkswirtschaften.


Der zuerst in der Zeitschrift "Sonnenenergie" der Deutschen Gesellschaft für Sonnenenergie (DGS) veröffentlichte Beitrag thematisiert die Risiken einer durch den Ölpreis angeheizten Inflation, des Klimawandels und weitere Gefahren der herkömmlichen Energieversorgung. Er weist aber auch den Weg aus der Krise: Erneuerbare Energien und Energieeffizienz sind die einzige Alternative - sowohl für die Politik und die Unternehmen als auch für die Verbraucher.

"Es hat einen Paradigmenwechsel in der 'Energiewelt' gegeben, wonach die Ölproduzenten nicht länger geneigt sind, ihre Ressourcen mit großer Geschwindigkeit auszubeuten, nur um die zunehmend missbräuchliche Verwendung eines kostbaren und endlichen Rohstoffes zu unterstützen. Diese Wahrnehmung setzt sich innerhalb und außerhalb der OPEC-Länder durch, muss aber von den wesentlichen Energieverbraucherländern noch verinnerlicht werden", so der ehemalige Leiter der Exploration & Förderung bei Saudi Aramco, Sadad Al-Husseini, zu ASPO-USA im Juni 2007.

Die Gefahr einer Inflation steigt

Seine Voraussagen scheinen sich zu bestätigen. Eine Krise der Finanzmärkte und hohe Ölpreise schaden inzwischen der Konjunktur im Euroraum. Gleichzeitig keimen Inflationsängste auf. "Ja, dieses Risiko existiert", sagte kürzlich Jean-Claude Juncker, Vorsitzender Finanzminister des Euro-Gebiets und luxemburgischer Premierminister, mit Blick auf die Teuerung. Man müsse dabei aber zwischen zeitweiligen und dauerhaften Elementen unterscheiden. Das Wachstum leide dabei stärker als bisher bekannt. Die EU-Kommission stimme mit der neuen Einschätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) überein, wonach das Wachstum im kommenden Jahr bei knapp unter zwei Prozent liegen werde, bestätigte EU-Währungskommissar Joaquín Almunia in Brüssel nach Beratungen der Finanzminister des Eurogebiets.

Eine Rezession ist nicht mehr unwahrscheinlich

Die rosigen Zeiten sind nach jahrelangem Aufschwung fürs Erste wohl vorbei. Mit fast 50 Prozent beziffert die Deutsche Bank die Wahrscheinlichkeit einer "Mini-Rezession" in diesem Jahr. Die Chancen für eine Rezession, ähnlich derer Anfang der 70er- und 80er-Jahre, stehen nach ihrer Einschätzung immerhin eins zu drei.

Energiepreise belasten die Wirtschaft, fossile Energieträger heizen das Klima auf. Erneuerbare Energien liefern sauberen Strom und schaffen Arbeit.
Energiepreise belasten die Wirtschaft, fossile Energieträger heizen das Klima auf. Erneuerbare Energien liefern sauberen Strom und schaffen Arbeit.
Fotos: BMU / H.-G. Oed (links) und BMU / Edelhoff

Grund sind unter anderem die höheren Lebenshaltungskosten - vor allem für Heizöl, Kraftstoffe und Nahrungsmittel. Wie das Statistische Bundesamt berichtet, lag die Inflationsrate nach ersten Berechnungen aus sechs Bundesländern im November 2007 bei drei Prozent. "Dies ist die höchste Teuerungsrate seit Februar 1994", erklärten die Statistiker. Im Vergleich zum Vormonat ergebe sich ein Plus von 0,4 Prozent. Zuletzt hatte die Teuerung im Februar 1994 die 3-Prozent-Marke erreicht.

Die Dynamik der Entwicklung überraschte sogar Experten. "Wir hatten eine Beschleunigung des Preisanstiegs für November erwartet, aber nicht ganz so stark", meinte Roland Döhrn vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in einer ersten Reaktion. Die bisher für 2008 prognostizierte Teuerungsrate von rund zwei Prozent sei angesichts der jüngsten Entwicklungen zwar "noch im Bereich des Möglichen, aber weniger wahrscheinlich geworden". Realistischer sei wohl die Annahme einer "etwas höheren Preissteigerung".

Preisexplosionen bei Energie und Lebensmitteln

In den vergangenen sieben Jahren ist der Preis für Haushaltsstrom um 48 Prozent in die Höhe geschossen, für viele Industriekunden hat er sich sogar verdoppelt. Nochmals tiefer in die Tasche greifen mussten Verbraucher auch beim Tanken und Heizen. Heizöl verteuerte sich im Bundesgebiet im Vergleich zu November 2006 um durchschnittlich mehr als ein Viertel.

Auch an der Zapfsäule klettern die Preise seit Jahren unaufhörlich. So erreichte ein Liter Diesel im November 2007 den neuen Rekordpreis von 135 Cent. Wäre da nicht der starke Euro, läge der Preis noch um ein Vielfaches höher. Auch die Preise für Nahrungsmittel zogen um bis zu sieben Prozent an und rissen erneut Löcher in die Haushaltskassen.

Klimawandel und Nachfrage nach höherwertigen Lebensmitteln verschärfen die Situation

Verantwortlich für die steigenden Lebensmittelpreise sind in erster Linie die veränderte Nachfrage aus Schwellenländern wie China und Indien sowie der Klimawandel, wie das Nahrungsmittelpolitik-Forschungsinstitut IFPRI berichtete. Institutsdirektor Joachim von Braun sagte vor Journalisten in Peking, die Zeit fallender Nahrungsmittelpreise könnte nach mehreren Jahrzehnten vorbei sein. Die Agrarproduktion sei heute anfälliger für Klimaänderungen. Daher würden Hunger und Unterernährung in armen Ländern wie in Afrika wahrscheinlich weiter zunehmen. Diese seien durch die Erderwärmung vermehrt von Importen abhängig. Wegen der Erderwärmung könnte die Agrarproduktion bis zum Jahr 2020 weltweit um 16 Prozent sinken und zum Beispiel Weizen aus Afrika fast verschwinden.

Auch der Nachfrageboom nach höherwertigen Lebensmitteln in den Schwellenländern wird nicht so bald abebben. "Die Menschen dort wollen Weizen statt Reis, Rind statt Schwein", sagt der argentinische Ökonom Roberto Alemann. Seine Prognose: "Die Preise für Agrargüter werden sich auf einem höheren Niveau einpendeln". Dieses Jahr werden sie um durchschnittlich 31 Prozent steigen, schätzen die Experten der Investmentbank Goldman Sachs. Die Notierungen für Weizen (plus 56 Prozent) sowie Soja und Mais (jeweils plus 40 Prozent) führen dabei die Hitliste der Teuerung an.

Der aktive Klimaschützer sollte also auch der Wahl seiner Nahrungsmittel mehr Beachtung schenken, bewusster und im Einzelfall weniger essen, vor allem aber auch wieder mehr auf heimische, regionale Qualitätsprodukte setzen.

Raps und Mais lieber im Tank als im Topf

Ein weiteres Phänomen treibt die Lebensmittelpreise nach oben: Aufgrund des hohen Ölpreises verkaufen die Bauern rund um den Globus Raps und Mais lieber an die Hersteller von Biotreibstoffen als an die Lebensmittelindustrie, weil sie dabei höhere Gewinne kassieren. Die Folgen bekamen die Mexikaner schon im Sommer zu spüren: Weil sie das Maismehl für ihre Tortillas nicht selbst herstellen können, sind sie auf Importe aus den USA angewiesen. Dort verkaufen aber inzwischen immer mehr Farmer ihren Mais an die Ethanolfabriken. Die Folge: Zwischen Juli 2006 und April 2007 sprangen die Weltmarktpreise für Mais um 58 Prozent nach oben. Entsprechend stieg der Preis für Tortillas, die in Mexiko zur Grundnahrung gehören, und damit auch die Inflation. Neben den Armen protestierten sogar die Hausfrauen aus der Mittelschicht lautstark gegen diese immense Teuerungswelle.

Blühende Rapsfelder in Mecklenburg-Vorpommern

Blühende Rapsfelder in Mecklenburg-Vorpommern. Rohstoffe für die Nahrungsmittelproduktion und zugleich erneuerbare Ressource für ein nachhaltige Energieversorgung. Foto: BMU / Brigitte Hiss

Dürren in Folge des Klimawandels treiben die Getreidepreise in die Höhe

Auch der Klimawandel wird zu einem Treibsatz für die globale Inflation. Australien, nach den USA zweitgrößter Weizenexporteur der Welt, leidet schon seit mehr als fünf Jahren unter einer Jahrhundertdürre. Gerade erst hat das staatliche Amt für Landwirtschaft und Ressourcen seine Prognose für die kommende Getreideernte um ein Drittel auf 25 Millionen Tonnen gesenkt. Das schrumpfende Angebot dürfte den globalen Weizenpreis nach Ansicht von Analysten auf bis zu zehn US-Dollar je Bushel treiben. Schon jetzt handeln Broker an den Warenbörsen Weizen zu mehr als acht Dollar je Bushel - das ist fast doppelt so viel wie vor einem Jahr.

Öl wird knapp durch wachsende Nachfrage und Stagnation der Förderung

Der Hauptgrund für die Preissteigerungen und damit verbundenen Inflationsängste dürfte aber die beständig wachsende Nachfrage der Schwellenländer nach dem "schwarzen Gold" sein, während die globale Ölförderung bereits seit Anfang 2005 bei rund 85 Millionen Fass pro Tag stagniert. Da die Ölförderung in der Nordsee und im Golf von Mexiko sinkt und die Erschließung neuer Ölfelder große technische Schwierigkeiten bereitet, wird sich Öl in den nächsten Jahren weiter verknappen. "Selbst unter günstigen Umständen wird die Nachfrage im gesamten nächsten Jahr über den weltweiten Fördermöglichkeiten liegen", prophezeit Jochen Hitzfeld, Energieexperte von UniCredit. "Selbst ein Preis von über 100 Dollar kann bei unvorhergesehenen Störungen auf der Angebotsseite nicht ausgeschlossen werden."

Weil der Preis für Erdgas mit etwa sechsmonatiger Verzögerung dem Ölpreis folgt, ist auch bei Gas mit weiter steigenden Preisen zu rechnen. Auch Putins Coup, nicht nur russisches, sondern sämtliches Erdgas der ehemaligen Sowjetunion zu vermarkten, könnten wir mangels Konkurrenz bald negativ im Geldbeutel zu spüren bekommen.

Strompreissteigerungen gefährden weiteres Wirtschaftswachstum

Die Strompreise kennen seit der Liberalisierung nur eine Richtung: nach oben. So haben sich beispielsweise die Elektrizitätskosten für mittelständische Unternehmen seit dem Jahr 2000 fast verdoppelt (siehe dazu auch den Artikel "McKinsey wird Energiesparer" aus der letzten Ausgabe der "Sonnenenergie"). Für den Preisschub ist neben den gestiegenen staatlichen Abgaben und den anziehenden Kosten für fossile Brennstoffe auch der Mangel an Wettbewerb in der Strombranche verantwortlich.

Energiesparen bei der Beleuchtung Energiesparen bei der Beleuchtung und mit Steckdosenleisten zum Abschalten von Stand-by-Geräten:
Energiesparen mit Steckdosenleisten zum Abschalten von Stand-by-Geräten: Energieeffizienz für private Haushalte.
Die großen Energieversorger haben den deutschen Markt in vier Zonen unter sich aufgeteilt und kommen sich nicht ins Gehege. Hohe Durchleitungsgebühren, die sie von ihren Konkurrenten verlangen, sowie ihre Weigerung, durch bestimmte Gebiete Strom von günstigeren Anbietern durchzulassen, halten den Wettbewerbsdruck gering und die Preise hoch. "Ein Vergleich der Kosten und Preise mit liberalisierten Märkten zeigt, dass die Strompreise in Deutschland viel zu hoch sind", betont Uwe Leprich, Energieexperte an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Saarbrücken.

Die Politik handelt: Sonderfonds "Energieeffizienz" bietet Zuschüsse für Energieberatungen in KMU

Anfang 2008 starten das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie und die KfW-Förderbank den "Sonderfonds Energieeffizienz in KMU". Mit dem Programm wird die Steigerung der Energieeffizienz von kleinen und mittleren Unternehmen gefördert. Die Umsetzung von Energieeinsparmaßnahmen kann mit zinsgünstigen Krediten aus dem ERP-Energieeffizienzprogramm finanziert werden. Gefördert werden Energieberatungen sowie Maßnahmen, die eine Energieeinsparung von mindestens 15 beziehungsweise 20 Prozent erzielen. Mitfinanziert werden bis zu 100 Prozent der förderfähigen Investitionskosten, maximal mit zehn Millionen Euro. Über die vom Staat geförderte industrielle Energieberatung informieren die nächsten Ausgaben der "Sonnenergie".

Energieeffizienz und Energiesparen für zukünftige Wettbewerbsfähigkeit entscheidend

Sinnvolle, nachhaltige Energiegewinnung und das Einsparen von Energie werden in Zukunft darüber entscheiden, ob Unternehmen ihre Umsatzrendite erhöhen können oder ihre Gewinne wegen steigender Energiekosten dahinschmelzen. Energieeffizienz und Energiesparen werden somit wohl bald genauso zum Wortschatz eines Betriebswirts gehören wie Umsatzrendite oder "return on investment".

Private Solarwärmeanlagen Solarstrom vom eigenen Dach
Private Solarwärmeanlagen (links) und Solarstrom vom eigenen Dach schützen vor hohen Energiepreisen und senken CO2-Emissionen. Bildquellen: Solar Consulting (links); Frederik Arnold.
Aber nicht nur in der Industrie, sondern gerade auch im Privathaushalt wird es immer wichtiger, sparsam mit Energie zu wirtschaften, wollen wir unseren Lebensstandard nicht drastisch herunterschrauben. Das ist auch eine Überlebensfrage, denn mit dem damit verbundenen Konsum sichern wir letztendlich unser Wirtschaftswachstum und so auch unsere Arbeitsplätze.

DGS bietet kostenlose Abschätzung des persönlichen Stromeinsparpotenzials an

Die Privathaushalte machen inzwischen ein Viertel des gesamten Energieverbrauchs in unserem Land aus - das ist mehr als alle Industriebetriebe zusammen. Der heute größte Anteil an eingespeistem Strom wird noch immer aus nicht erneuerbaren Energieträgern wie Kohle, Öl und Gas gewonnen. Doch der Anteil der erneuerbaren Energien (Wind, Wasser, Sonne und Biomasse) steigt stetig. Die DGS will helfen, Strom ohne Komfortverlust einzusparen und effizienter zu nutzen. Die Verbraucher haben dadurch deutlich mehr Geld für sinnvollere Ausgaben zur Verfügung - und tragen auch noch aktiv zum Klimaschutz bei.

Neben den bekannten Anregungen und Abschätzungen zur Energieeinsparung unter www.dgs.de/altbausanierung bietet die DGS daher einen kostenlosen Schnell-Check des persönlichen Stromeinsparpotenzials an unter www.dgs.de/stromsparen. Diese innovative Methode wurde von der ALCION GmbH (www.alcion.de) entwickelt und zur Verfügung gestellt.

Deutsche Förderung von erneuerbaren Energien und Energieeffizienz als globales Vorbild

Geiz ist kein Schimpfwort mehr, zumindest wenn es um Energiesparen geht. Es wird in Zukunft nicht nur für Unternehmen immer interessanter werden, Energie intelligent zu erzeugen und effizient zu nutzen, sondern auch für den Privathaushalt. Letztendlich können nur so unser Wirtschaftswachstum und unser Lebensstandard garantiert werden, soll nicht ein großer Teil der Einnahmen für Energie ausgeben werden. Denn schon heute überweisen wir für Uran, Kohle, Gas und Erdöl pro Jahr über 100 Milliarden Euro ins Ausland. Deutschland könnte also mit seinen Förderprogrammen zur sinnvollen Energiegewinnung und Energieeinsparung weltweit zu einem Modell für nachhaltiges Wachstum und Wohlstand werden.

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