Solarserver-Standpunkt:

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Irm Pontenagel, Geschäftsführerin von EUROSOLAR

Irm Pontenagel ist Geschäftsführerin von EUROSOLAR, der Europäischen Vereinigung für Erneuerbare Energien e.V.
  • 100 % Erneuerbare Energien: solare Vollversorgung ist machbar und unausweichlich.
  • Solar-Pflicht für Neubauten und Totalsanierungen nach spanischem Vorbild.
  • Anteil von 20% Erneuerbarer Energien, der nach dem EEG bis 2020 "mindestens" erreicht sein soll, wird bei Fortbestehen des EEG und einem annähernd gleichen Ausbautempo wahrscheinlich schon 2012 erreicht sein.

1. Welchen Stellenwert haben die Erneuerbaren Energien und speziell die Solarenergie?

EUROSOLAR vertritt das Ziel, fossile und atomare Energieträger vollständig durch Erneuerbare Energien zu ersetzen.

Eine solare Vollversorgung ist machbar: Die Sonne liefert Deutschland pro Jahr viermal so viel erneuerbare Energie wie die gesamte Menschheit verbraucht. Das Energiepotenzial der Erneuerbaren reicht aus, um die Bundesrepublik dauerhaft und umweltfreundlich mit kostengünstiger heimischer Energie zu versorgen.

Eine solare Vollversorgung ist unausweichlich: Die endlichen fossilen und atomaren Energieträger schädigen Mensch und Umwelt. Nur der Umbau der herrschenden Versorgungsstrukturen hin zu dezentral genutzten Erneuerbaren Energien bietet eine Antwort auf den Energiebedarf der Länder des Südens. Erneuerbare Energien werden damit global zu einem zentralen Instrument zur Bekämpfung von Armut und Verschuldung.

In der aktuellen energiepolitischen Debatte zeigt Verantwortungsbewusstsein, wer die Importabhängigkeit reduziert durch den gezielten Ausbau Erneuerbarer Energien - bei gleichzeitigem Abbau der Subventionen für fossile und atomare Energieträger. Öl kann nur teurer werden, Erneuerbare nur billiger.

Zur Solarenergie im Stromsektor:

Mit einem Zubau von 300 MWp wurde Deutschland 2004 Photovoltaik-Weltmeister. Bei Stabilisierung des mittleren Wachstums der letzten drei Jahre geht EUROSOLAR von einem Photovoltaik-Kraftwerkspark von 10.000 MW im Jahr 2010 aus. Bis 2020 kann bei einem abgeschwächten Wachstum ein Zielwert von 30.000 MW erreicht werden. Damit werden dann - aufgrund des eingeschränkten Kapazitätseffektes 3.000 MW atomar-fossiler Kraftwerksleistung ersetzt, was etwa drei deutschen Atomkraftwerken entspricht. Das Potenzial der Photovoltaik ist jedoch wesentlich größer: Neuere Studien gehen in Deutschland von 2,3 Mrd. m2 nutzbarer Flächen auf Dächern und Gebäuden aus, welche bei einer theoretischen vollständigen Belegung bis zu 40.000 MW Kraftwerksleistung ersetzen könnten, d.h. den halben deutschen Kraftwerkspark.

Zur Solarenergie im Wärmesektor:

Während im Stromsektor mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) Planungssicherheit für Betreiber geschaffen werden konnte, stockt die Durchdringung des Wärmesektors mit Erneuerbaren Energien. Die geltende Energieeinsparverordnung (EnEV) setzt zu einseitig auf Wärmedämmung und bleibt kompliziert und sperrig. EUROSOLAR tritt daher ein für die Einführung einer Solar-Pflicht für Neubauten und Totalsanierungen nach spanischem Vorbild: auf jedes Dach gehört ein Sonnenkollektor. Das Marktanreizprogramm sollte dafür reformiert und zu einem dynamischen Instrument umgebaut werden: Die Anforderungen an die Leistungsfähigkeit der zu fördernden Anlagen müsste jedes Jahr steigen, die Fördersätze müssten jedes Jahr sinken. Der EUROSOLAR-Gesetzentwurf zur Förderung der Wärmeversorgung aus Erneuerbaren Energien ist in der aktuellen Ausgabe 2/05 unserer Zeitschrift "Solarzeitalter" dokumentiert.

2. Standpunkt zum EEG

Das heutige Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) geht auf eine fraktionsübergreifende Initiative für das Stromeinspeisegesetz von 1991 unter der Regierung Kohl zurück. Es hat sich als weltweit einzigartiges Erfolgsmodell zur breiten Einführung Erneuerbarer Energien bewährt: Seit 2000 wurden in Deutschland insgesamt 14000 Megawatt Stromerzeugungskapazitäten aus Erneuerbaren Energien hinzugebaut. Die jährliche Einführungsrate beträgt 3000 Megawatt. 130.000 Arbeitsplätze wurden geschaffen. Bis 2010 wird es bei gleich bleibender Einführungsrate wie seit dem Jahr 2000, bis 2010 etwa 35 Milliarden Euro Neuinvestitionen geben.

Durch die Umlagefinanzierung des EEG liegen die Mehrkosten für die Stromverbraucher bei nicht mehr als 0,35 Cent pro Kilowattstunde. Das ist weniger als die atomaren Rückstellungskosten für ihre Entsorgung, die bei über 0,50 Cent pro Kilowattstunde liegen. Neben fast allen EU-Mitgliedstaaten haben China, Indien und Brasilien das EEG-Modell übernommen.

Wer Erfolg hat, hat nun natürlich auch Neider. Die jüngsten Angriffe des Verbandes der Elektrizitätswirtschaft (VdEW) gegen das EEG kommen daher nicht überraschend. Innerhalb von zehn Jahren haben die Erneuerbaren ihren Anteil an der Stromversorgung auf mehr als 10% gesteigert und gleichzeitig die Kosten für eine Kilowattstunde Strom um bis zu 70% verringert. Ohne Subventionen, ohne Strompreiserhöhungen: Die feste Einspeisevergütung des EEG genügt. Was die großen Stromkonzerne aber am meisten ärgert: Bürger werden zu Stromproduzenten, Stadtwerke machen sich unabhängig, neue Anbieter übernehmen Marktanteile.

Gegner des EEG fordern ein Quotenmodell mit Zertifikatehandel. So sollen Wettbewerber ausgeschaltet werden. Es verhindert Investitionen in Erneuerbare: Der Ausbau stagniert, da durch schwankende Zertifikatpreise Planungssicherheit fehlt. Dies wird wiederum als Risikoaufschlag auf den Strompreis weitergegeben. Würde Windstrom in Deutschland nach dem britischen Quotenmodell vergütet, entstünden Mehrkosten von 370 Mio. € für die Verbraucher. Im Vergleich zum EEG-Tarif kostet Windstrom in Italien sogar fast doppelt so viel - wenn er überhaupt von den Großen ins Netz gelassen wird. Das Quotenmodell ist in den wenigen Staaten, die es noch anwenden, gescheitert. EU-Energiekommissar Piebalgs hat auf dem diesjährigen VdEW-Kongress dem Quotenmodell eine deutliche Absage erteilt und für die Beibehaltung des EEG plädiert.

Nichtsdestotrotz versuchen Stromkonzerne, Teile von CDU/CSU und die FDP, gegen das EEG Stimmung zu machen. EUROSOLAR hat daher im Juni den Aufruf "Deutschland bleibt erneuerbar" gestartet. Mit Anzeigen in überregionalen Tageszeitungen wird im Bundestagswahlkampf ein klares Zeichen gesetzt: Nur mit dem Ausbau Erneuerbarer Energien durch das EEG kann es in Deutschland eine ökonomisch und ökologisch zukunftsfähige Energieversorgung geben. Die Anzeigenkampagne finanziert sich selbst durch die Bürgerinnen und Bürgern, die den Aufruf mit Ihrer Unterschrift unterstützen.

3. Entwicklung der Versorgung durch Erneuerbare Energien

EUROSOLAR hat seit Ende der 80er Jahre in zahlreichen Studien und Konzeptionen den Weg zu einer solaren Vollversorgung Deutschlands aufgezeigt, zuletzt z.B. mit der Studie "Das deutsche Ausbaupotenzial Erneuerbarer Energien im Stromsektor" vom Januar 2005: Der Anteil von 20% Erneuerbarer Energien, der nach dem EEG bis zum Jahr 2020 "mindestens" erreicht sein soll, wird bei Fortbestehen des EEG und eines annähernd gleichen Ausbautempos wahrscheinlich schon 2012 erreicht sein. Im Jahr 2025 wären wir dann schon bei über 35%. Schon deshalb gibt es keinen Grund, die Laufzeit der Atomkraftwerke zu verlängern. Schon jetzt ist absehbar, dass viele der bis 2020 geplanten neuen fossilen Kraftwerke überflüssig werden, womit die großen Stromkonzerne ihr Erzeugungsmonopol verlieren und einen Teil ihrer Renditen einbüßen.

Wird dagegen das EEG gekippt, wäre dies europaweit ein fatales Signal, das den Ausbau der Erneuerbaren Energien in ihrem Vorreiterland beenden würde. Die Erreichung der von EU vorgegebenen Ausbauziele Erneuerbarer Energien im Strom-, Wärme- und Treibstoffsektor wäre damit hinfällig.

Weitere Informationen:

Lesen Sie die aktuellen Standpunkte im Solarmagazin:

Marco Bülow (SPD): Wärme aus Erneuerbaren ist ein schlafender Riese
Eva Bulling-Schröter (Linkspartei.PDS): Vollversorgung mit erneuerbarer Energie bis 2050
Horst Friedrich (FDP): Energie- und Klimapolitik sachgerecht verknüpfen
Michaele Hustedt (Bündnis 90 / Die Grünen): Festhalten am EEG
Dr. Peter Paziorek (CDU): Deutschland muss bei der Solartechnik vorne bleiben
Irm Pontenagel (EUROSOLAR): Solare Vollversorgung ist machbar

 

 

 

 

 

Weitere Solarserver-Standpunkte:

 

 

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