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Mit Energieautonomie zur solaren Vollversorgung

Keine leichte, aber eine besonders lohnende Lektüre ist das neue Buch von Hermann Scheer "Energieautonomie: Eine neue Politik für erneuerbare Energien".

Die Zuwachsraten der fossilen Energienutzung sind noch immer höher als bei aktiv genutzten erneuerbaren Energien. Das bedeutet laut Hermann Scheer, dass die Welt mit wachsendem Tempo auf ein Debakel zuläuft und die "Feuerwehr" der erneuerbaren Energien dieser Entwicklung hinterherhinkt, weil sie mit zu langsamen Fahrzeugen und mit zu wenig Personal und Feuerlöschern ausgestattet ist. Auch Scheer leitet sein Buch mit einem bildhaften Vergleich ein, um zu zeigen, dass den Initiativen für erneuerbare Energien eine den tatsächlichen Gefahren entsprechende Dynamik und Radikalität fehlt.

Der Träger des Alternativen Nobelpreises plädiert für ein radikales Konzept: politische, technologische und wirtschaftliche Energie-Autonomie.

Erneuerbare sind keine Ergänzung der herkömmlichen Energien, sondern deren Ersatz

Autonomie ist die Fähigkeit, sich selbst Gesetze zu geben und danach zu handeln. "Der Leitbegriff der Energieautonomie bedeutet, dass eine selbst- statt fremdbestimmte Verfügbarkeit über Energie das Ziel sein muss - frei und unabhängig von äußeren Zwängen, Erpressungs- und Interventionsmöglichkeiten, nach eigenen Entscheidungskriterien", erläutert Scheer das Konzept. Durch die autonome Aneignung erneuerbarer Energien seitens einer Vielzahl von Akteuren soll eine durchgängig neue Struktur der Energienutzung geschaffen werden - neben und nicht innerhalb der fossil-atomaren Energiewirtschaft. Die Erneuerbaren sind demnach keine Ergänzung der herkömmlichen Energien, sondern deren Ersatz. Erneuerbare Energien machen die traditionelle Struktur der Energieversorgung schließlich überflüssig, so Scheer.

Mentale Barrieren überwinden

Auf dem Weg zu dieser Autonomie müssen zunächst mentale Barrieren überwunden werden, die "Macht des tradierten Energiedenkens". Auch gilt es, eine Renaissance der Atomenergie zu verhindern und die Energiegewinnung sowie ihre Nutzung lokal oder regional zu verknüpfen. Scheer sucht nicht die Integration, sondern die Konfrontation, besonders mit den Energie-Konzernen. Der Markt und die großen Stromversorger werden keine Energiewende einleiten, betont Scheer, sondern kleine oder mittlere Unternehmen und Privatpersonen. Statt einer Konzentration auf angeblich besonders wirtschaftliche Standorte und Großprojekte, plädiert Scheer für eine breit gestreute unabhängige Verfügbarkeit. An Stelle internationaler Institutionen und einer "Marktharmonisierung" setzt Scheer auf die politische Dezentralisierung. Und statt staatlicher und energiewirtschaftlicher Investitionsplanungen spricht er sich für die Stimulierung autonomer Investitionen aus.

Rund 3.000 Megawatt jährlicher Kapazitätszuwachs der Erneuerbaren durch das EEG

Detailliert beschreibt Scheer, warum die Stromkonzerne politisch gegen Instrumente wie das Erneuerbare-Energie-Gesetz (EEG) ins Feld ziehen, dessen Erfolg geeignet sei, Panik auszulösen: "Die ersten fünf Prozent Marktanteile, die der Energiewirtschaft von erneuerbaren Energien weggenommen werden, sind von ihr zu verschmerzen. Steigt der Anteil auf zehn oder 20 Prozent, gerät sie immer schneller in den Strudel gleichzeitiger Mengendegression und Kostenprogression". Sinken die Anteile der herkömmlichen Energien und steigen gleichzeitig deren Kosten, wie gegenwärtig der Ölpreis, breche Panik aus - wie in Deutschland bereits der Fall. Und deshalb werde versucht, Druck auf die Regierung auszuüben, das "unverantwortliche" Treiben zu beenden. Laut Scheer liegt der gegenwärtig durch das EEG geförderte Kapazitätszuwachs der Erneuerbaren bei jährlich rund 3.000 Megawatt. Bei einem gleich bleibenden Zuwachs in den kommenden Jahren würden es 2015 bereits 48.000 MW sein. Bis 2025 errechnet Scheer eine installierte Kapazität von 78.000 MW. In Deutschland müssen bis zum Jahr 2020 rund 40.000 Megawatt an Kraftwerkleistung neu gebaut werden. Dieser Bedarf ist demnach vollständig durch erneuerbare Energien zu decken.

Lokale oder regionale Initiativen

Laut Scheer bleibt keine andere Wahl, als die "Strukturmacht des etablierten Energiesystems zu brechen". Dazu müssen - wie er im II Teil zeigt - Handlungsblockaden und überkommene Denkmuster überwunden werden. Zum Beispiel die "Scheinliberalisierung der Energiemärkte" oder die "Illusion globaler Verhandlungslösungen". Am Beispiel der kostendeckenden Vergütung für Solarstrom - in den 90-er Jahren von rund 30 Kommunen eingeführt - zeigt Scheer, wie die industrielle Basis für das 100.000 Dächer-Programm und die anschließende massive Erhöhung der gesetzlichen Einspeisevergütung durch das EEG im Jahr 2000 geschaffen wurde. Der Autor erinnert auch an die Notwendigkeit einer Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA), die nur durch die Initiative einer Staatengruppe realisiert werden könne, nicht aber durch die UN-Organisationen, welche das Missverhältnis zwischen internationalen Regierungsorganisationen wie der IAEA, EURATOM und IEA auf der einen und einer ausstehenden Organisation für die Erneuerbaren auf der anderen Seite auf sich beruhen ließen.

10 Leitsätze für die Energiewende

"Energieautonomie" endet mit zehn Maximen des Energiewechsels, mit denen die keinesfalls leichte Beschäftigung ebenso lohnt, wie mit den zahlreichen Beispielen, mit denen Scheer seine Analysen untermauert. Zu diesen Leitsätzen zählt in erster Linie die "Wiedergewinnung der geistigen Autonomie", das heißt den Selbstbetrug zu beenden, dass die herkömmliche Energieversorgung zukunftsfähig sei oder gemacht werden könnte. Weiter fordert Scheer unter anderem den prinzipiellen Marktvorrang heimischer Ressourcen, die reale Entflechtung der Energiewirtschaft, eine staatliche Vorreiterrolle als Nutzer erneuerbarer Energien, die Orientierung der Stadtplanung an erneuerbaren Energien und die Überwindung des Wissensdefizits. Dazu trägt sein nachdrücklich empfohlenes Buch entschieden bei (RH).

Scheer, Hermann: Energie-Autonomie
Der Durchbruch zu erneuerbaren Energien. Gebunden, 320 Seiten (Kunstmann, A) ISBN 3-88897-390-2. Preis: EUR 19,90