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Buchtipp April 2003

Luftgeschäfte oder Wie der Handel mit Treibhausgasen die Energiepolitik verändert


Dies sei kein Buch für Menschen, die nach einfachen Antorten suchen, kündigen die Autoren im Vorwort an. Der EU-Parlamentarier Dr. Rolf Linkohr, die Dipl.-Verwaltungswirtin Beatrix Widmer und die Dipl.-Biologin Alexandra Kriegel wollen ein schwieriges Thema mit Augenmaß betrachten und im Zweifelsfall auch mal "schöne Hypothesen mit häßlichen Tatsachen erschlagen". Das ist ihnen gelungen: Auf knapp 200 Seiten beschreiben sie den fälligen Paradigmenwechsel in der europäischen Klimapolitik, verständlich und nachvollziehbar. Und sie plädieren für ein Experiment mit ungewissem Ausgang: den CO2-Emissionshandel als kostengünstigste Form der Minderung von Treibhausgasemissionen.

Luftgeschäfte: von Rolf Linkohr (Autor), Alexandra Kriegel (Autor), Beatrix Widmer (Autor)
Luftgeschäfte: von Rolf Linkohr (Autor), Alexandra Kriegel (Autor), Beatrix Widmer (Autor)

Linkohr, Rolf /Kriegel, Alexandra /Widmer, Beatrix:
Luftgeschäfte oder Wie der Handel mit Treibhausgasen die Energiepolitik verändert.
176 S. 10 Abb., 7 Tab. Energiewirtschaft u. Technik Verlagsgesellschaft Essen 2002.
ISBN/ISSN: 3-925349-39-1
Preis: ab Euro 27,80


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Letzte Gewissheiten gibt es in der Klimadiskussion nicht. Immer weiter verbesserte Klimamodelle und die Jahr für Jahr um Bruchteile von Graden steigende Temperaturkurve sind jedoch Grund genug, über eine vorausschauende Klimapolitik nachzudenken - weltweit, in Politik und Wirtschaft. Nach einem Kapitel zu den natürlichen und vom Menschen verursachten (anthropogenen) Klimaveränderungen liefern Autoren einen historischen Abriss der Klimapolitik vom Protokoll von Montreal (1987) über Kyoto (1997) bis zur Konferenz von Marrakesch (Ende 2001).

Was unter den "flexiblen Mechanismen" des Kyoto-Protokolls zu verstehen ist, erklärt Kapitel 3: Den internationalen Handel mit Emissionsrechten, die gemeinsame Umsetzung klimarelevanter Maßnahmen (Joint Implementaion) und den so genannten Clean Development Mechanism (Investitionen von Industrieländern in Entwicklungsländern zur globalen Minderung der Co2-Emissionen). Auch die so genannten "Senken" (Wälder, Aufforstung) und die Schwierigkeiten bei der Messung solcher Mittel und Maßnahmen zur Entfernung von CO2 aus der Atmosphäre werden beschrieben.

Detailliert geht das Buch auf die Treibhausgasbilanzen der EU-Mitgliedsstaaten ein und analysiert die Aktionen der Europäischen Union. Anschließend wird die Klimapolitik der USA beleuchtet und erklärt, warum die Vereinigten Staaten das Protokoll von Kyoto nicht ratifizieren (Skepsis hinsichtlich der These der anthropogenen Klimaerwärmung, Fixierung auf Kohle und Öl, Ablehnung internationaler Verpflichtungen).
 

 

 

Bundesumweltministerium
Foto: Bundesumweltministerium

Wenn CO2 einen Preis erhält und Emissionsfreiheit zum Kostenvorteil wird, ändern sich die Rahmenbedingungen des Energiemarktes, so die Autoren. Jene Energietechniken, die wenig oder kein CO2 freisetzen, werden besser gestellt. Dazu zählt die politisch und wirtschaftlich umstrittene Kernenergie; dazu zählen aber in erster Line die von der EU gewollten und geförderten erneuerbaren Energien.

 

Hier schlagen die Autoren eine Ergänzung der staatlichen Förderung vor: Gutschriften für vermiedene Emissionen sollen die Kosten der Investitionen in Sonne, Wind, Wasserkraft, Biomasse und Erdwärme verringern - eine Lösung, die nicht Teil des Vorschlags der EU-Kommission zum Emissionshandel ist, aber auch nicht ausgeschlossen wurde.

Relativ nüchtern stellt das Buch die Risiken und Kosten erneuerbarer und fossiler Energien, der Kernenergie und der thermonuklearen Fusion dar. Wobei in Bezug auf die Fusion ein Optimismus erkennbar ist, den der Text in Frage stellt. Denn die Autoren sagen selbst, dass für deren Machbarkeit noch kein praktischer Beweis vorliege. Die Risikoabwägung ist und bleibt eine politische Entscheidung, so die Autoren. Eine Atomkatastrophe oder drei überdurchschnittlich heiße Jahre hintereinander könnten die Wahrnehmung der Kernenergie wie auch der fossilen Ressourcen grundlegend verändern. Die "Erneuerbaren" haben noch immer mit hohen Investitionskosten und -risiken zu kämpfen, ein Problem besonders für die hoch verschuldeten Entwicklungsländer. Hier seien die reicheren Industrieländer gefordert, die Markteinführung durch Subventionen und Forschung zu beschleunigen und damit Kostensenkungen möglich zu machen.

Für Europa und die Welt sehen die Autoren eine völlig neue Priorität der Energiepolitik: Die Emissionsminderung. Die Wahl der Mittel stehe uns frei, nicht jedoch das Ziel. Erneuerbare Energien und die Kernenergie werden Punkte sammeln, so die Verfasser. Gas werde lange Zeit der bevorzugte Energieträger sein - wenn der Preis stimmt. Und die Kohle könnte in ernsthafte Schwierigkeiten kommen, wenn es nicht gelingt, den Wirkungsgrad der Kraftwerke zu steigern, das CO2 abzutrennen und sicher zu lagern.

Klimapolitik heiße globale Verantwortung, so das Fazit von Linkohr, Kriegel und Widmer. Die USA müssten von ihren europäischen Handelspartnern zum Mitmachen bewegt werden. Den Zwang zu ökologischen Innovationen sehen die Autoren als wichtigsten Wettbewerbsvorteil der EU. Und eine gemeinsame Klimapolitik als Stärkung des inneren Zusammenhalts der Gemeinschaft. Das empfehlenswerte und pragmatische Buch ist keine einfache, aber eine lohnende Lektüre, vermittelt es doch die Grundlagen für die anstehenden Diskussionen über den richtigen Weg. (rh)