Helfen Sie uns

Haben Sie weitere Literatur und Ratgeber, die wir hier aufführen sollten? Bitte teilen Sie uns diese mit. Wir freuen uns. Eine E-Mail genügt.

E-Mail senden

Anzeige
Unser Buchtipp des Monats Mai 2001:

"Geht uns aus der Sonne!"
Amery, Carl; Hermann Scheer: Klimawechsel: Von der fossilen zur solaren Kultur.
Ein Gespräch mit Christiane Grefe. München: Kunstmann, 2001. - 142 S. 20,5 cm. - ISBN: 3-88897-266-3. Preis: EUR 9,90

Buch bei amazon.de bestellen

Die globale und nationale Energiewirtschaft ist noch immer auf atomare und fossile Energieträger fixiert. Doch sind ihre Interessen der einzige Grund, weshalb die Energiewende noch nicht stattgefunden hat?

Klimawechsel. Von der fossilen zur solaren Kultur
Klimawechsel. Von der fossilen zur solaren Kultur

Dieser Frage gehen der Schriftsteller Carl Amery und der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Hermann Scheer nach. Moderiert von der ZEIT-Redakteurin Christiane Grefe führten der ökologisch orientierte Autor Amery ("Die Botschaft des Jahrtausends", 1995) und der Alternativ-Nobelpreisträger Scheer ("Solare Weltwirtschaft", 2000) sechs Gespräche über mentale Hindernisse auf dem Weg zu einer "solaren Kultur".

Die beiden radikalen Ökologen wenden sich gegen Konventionen und Traditionen in Wirtschaft und Politik, Wissenschaft und Gesellschaft: Scheer und Amery suchen nach den Wurzeln von Weltbildern und Werten; sie fragen, wie Denken, Wahrnehmung und Sprache durch die fundamentale Wahl der Primärenergiequellen mitgeformt werden.

Die globale und nationale Energiewirtschaft ist noch immer auf atomare und fossile Energieträger fixiert. Doch sind ihre Interessen der einzige Grund, weshalb die Energiewende noch nicht stattgefunden hat? Dieser Frage gehen der Schriftsteller Carl Amery und der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Hermann Scheer nach. Moderiert von der ZEIT-Redakteurin Christiane Gräfe führten der ökologisch orientierte Autor Amery ("Die Botschaft des Jahrtausends", 1995) und der Alternativ-Nobelpreisträger Scheer ("Solare Weltwirtschaft", 2000) sechs Gespräche über mentale Hindernisse auf dem Weg zu einer "solaren Kultur". Die beiden radikalen Ökologen wenden sich gegen Konventionen und Traditionen in Wirtschaft und Politik, Wissenschaft und Gesellschaft: Scheer und Amery suchen nach den Wurzeln von Weltbildern und Werten; sie fragen, wie Denken, Wahrnehmung und Sprache durch die fundamentale Wahl der Primärenergiequellen mitgeformt werden.

Auch an die Adresse der rot-grünen Bundesregierung, die sich mit ihren Aktivitäten in die richtige Richtung bewege, wendet sich Scheers Kritik in punkto Ökologie-Verständnis. Die Regierungen hätten die Bedeutung dieser Frage noch immer nicht verstanden. Die Politik habe nicht erkannt, dass Ökologie kein Ressort neben anderen sei, sondern über allem stehe und auch die wirtschaftlichen Ziele determiniere. Die politische Kultur blockiere den solaren Umbruch, da sie in der Energiefrage auf Konsens statt Konflikt setze. Amery und Scheer fordern die Ökologiebewegung auf, "ihre intellektuellen Batterien aufzuladen", und die Auseinandersetzung mit den traditionellen Begriffen von Arbeit und Energie sowie der Verschleierung der ökologischen Fakten durch die Sprache zu führen: Warum sind Energieformen, die wenig zusätzlichen Arbeitsaufwand bedingen, "irgendwie verrucht"? Warum nennt man ein Haus, das durch rationelle Energieumwandlungsformen, intelligente Konstruktion und überlegte Materialauswahl aktiv an der Senkung von Emissionen mitwirkt ein "Passivhaus"? Wäre es nicht sinnvoll bei den regenativen Quellen vom Energiegebrauch statt -verbrauch zu reden? Wer räumt eigentlich Emissionsrechte ein?

Die beiden Autoren werden nicht müde, darauf hinzuweisen, dass Dogmen und Lehrsätze der Natur- und Wirtschaftswissenschaften die solare Wende behindern: Ökonomische Theoreme ("There are no free lunches" - Mittagessen kriegt man nicht umsonst) und "lineare Denktraditionen" in den Naturwissenschaften (mangelnde Energiedichte der "Erneuerbaren", Zentralisierung, Effizienzdenken) blockierten den solaren Aufbruch und führten in einen "ökonomischen Fundamentalismus". Der Aufruf "Geht uns aus der Sonne!" richtet sich an alle, die das Paradigma der fossilen Energieträger aufrechterhalten. Am Beispiel der Landwirtschaft und deren Krise wollen die streitbaren Autoren zeigen, dass Ökonomie nur ein Teilaspekt der Ökologie ist. Doch nicht nur die Gegner müssten umdenken: Auch der romantische Naturbegriff der Intellektuellen bedürfe einer Korrektur. Ökologischer Nachholbedarf bestehe sowohl in den Geisteswissenschaften als auch in der Kunst.

Die "große Konversion" ruht nach Amery auf der Substitution der fossilen Energien, einer Effizienz- und Suffizienzrevolution. Die Frage, "warum brauche ich das Objekt x oder die Dienstleistung y überhaupt?" fordere im Gegensatz zu den "technischen" Aspekten der ersten beiden Faktoren auch Wertungen. Die "solare Revolution" soll jedoch nicht Verzicht, sondern Umkehr bedeuten: "Sonnenenergie braucht man nicht unbedingt zu sparen" (Scheer). Die Gespräche münden in einen Appell zur "Aufklärung des Horizonts", zur fantasievollen Auseinandersetzung mit den Chancen einer solaren Gesellschaft und - wenn nötig - auch zum praktischen Dissens: Die Spaltung der Wirtschaft in dezentrale Energieanbieter, autonome Energieerzeuger und die Produzenten von Energietechniken soll uns aus der strukturellen Gefangenschaft der Energiekonzerne befreien.

Die tief schürfenden Diskussionsbeiträge sind dank der Moderation von Christine Grefe weitgehend strukturiert und im Wesentlichen nachvollziehbar - auch wenn Scheer und Amery auf hohem wissenschaftlichem und sprachlichem Niveau nachdenken. Die Befreiung aus der "fossilen Kultur" ist keine einfache Übung, und der schmale Band keine leichte Lektüre. Eine systematischere und breiter angelegte Darstellung bietet Scheers "Solare Weltwirtschaft" ; den Einstieg in die solare Ökologie und Ökonomie erleichtert das allgemein verständliche und leicht lesbare "Solarbuch" .(rh)


Buch bei amazon.de bestellen