Solar-Interview mit Dr.-Ing. Rolf Sohrmann über den Photovoltaik-Boom in Großbritannien

Dr.-Ing. Rolf Sohrmann
Dr.-Ing. Rolf Sohrmann

Die Photovoltaik ist weltweit weiter auf dem Vormarsch. Von den in Europa zugebauten 8,5 Gigawatt PV-Leistung entfielen 4 GW auf Großbritannien. Das UK erlebte im vergangenen Jahr einen regelrechten Photovoltaik-Boom.

Vor allem im Süden des Landes wurden zahlreiche Solarstrom-Anlagen in Betrieb genommen. Über dieses Thema spricht Dr.-Ing. Rolf Sohrmann, Head of Business Unit Energy Solutions bei der Weidmüller Interface GmbH & Co. KG (Detmold), im aktuellen Solar-Interview.

 

Herr Dr. Sohrmann, der Photovoltaik-Boom im Vereinigten Königreich ist für viele sicherlich überraschend. Wie kommt es, dass gerade in Großbritannien ein massiver Zubau von Photovoltaik-Anlagen stattfindet?

Bis 2011 hat Solarenergie in Großbritannien nur einen unbedeutenden Teil der elektrischen Energieerzeugung ausgemacht. Den Wandel haben dann im Wesentlichen zwei Faktoren bewirkt. Die Einführung eines Einspeisetarifs für Strom aus Photovoltaik (PV) im April 2010 und der anhaltende Preisverfall, insbesondere bei den PV-Modulen und damit die Reduzierung der Gestehungskosten für PV-Kraftwerke insgesamt.

Seit Einführung der Förderung erfolgt eine regelmäßige Absenkung der Förderung. Das führt zu einem zyklischen Zubau, vor allem im ersten Quartal eines jeden Jahres. Während im Februar 2012 insgesamt etwa ein Gigawatt PV-Leistung installiert war, waren es bis Ende 2015 schon über 8,4 GW – eine rasante Entwicklung.

Dabei sind die solaren Einstrahlungswerte im Süden der Insel  vergleichbar mit den Strahlungswerten in der nördlichen Hälfte Deutschlands. Hinzu kommen in den Küstenregionen teilweise kräftige Winde, welche die PV-Module kühlen und darüber die Effizienz steigern. In Summe ist also wider Erwarten der Süden Englands ein attraktiver Standort für Solarkraftwerke.

 

Wie macht sich der Photovoltaik-Boom auf der Insel für Weidmüller bemerkbar?

Die erste Einspeisevergütung zielte auf Kleinanlagen, typischerweise sogenannte „Aufdachanlagen“ für Gebäude. Die Ausweitung der ROC (Renewables Obligation Certificates), eine Art Umweltzertifikate für Erneuerbare Energien, brachte schließlich den Markt für Großanlagen in Schwung. Für uns wurde dieser Markt ab Mitte 2012 interessant, als zunehmend PV Freiland-Parks über 5 MW Größe gebaut wurden. Projektierer aus ganz Europa wurden im Zuge der zurückgehenden Märkte im Rest Europas, einschließlich Deutschlands, auf den UK-Markt aufmerksam.

Weidmüller verfügte bereits früh über ein gutes Engagement mit führenden Projektentwicklern und den umsetzenden Projektierern, sowohl in UK als auch in Resteuropa. Aufgrund unserer langjährigen Erfahrung im PV-Geschäft als einer der führenden Anbieter weltweit konnten wir unser Wissen und unsere Erfahrung schnell auf den britischen Markt transferieren. Als Unternehmen ist Weidmüller schon seit Jahrzehnten auf dem britischen Markt aktiv. Wir verfügen dort über bestehende Beziehungen zu unseren Kunden, die der Marke Weidmüller vertrauen.

 

Welche Projekte haben Sie vor Ort begleitet?

Nach unseren Berechnungen sind knapp 1,5 GW der installierten PV-Leistung in UK mit Weidmüller-Produkten ausgestattet, einschließlich einiger der größten Anlagen des Landes. Dabei steht die Überwachung der Parks im Mittelpunkt. Hier helfen unsere Lösungen dabei, die Leistung der PV-Parks auf String-Ebene zu überwachen – also auf Ebene der einzelnen Modulreihen. Dadurch hat der Betreiber die Möglichkeit, Anomalien und Mindererträge sehr schnell zu lokalisieren und entsprechende Maßnahmen zur Fehlerbehebung im Park einzuleiten.

Eine Besonderheit des UK-Marktes sind dabei oft kurze Bauzeiten, auch für sehr große Kraftwerke. Nach langen Genehmigungsverfahren und Klärung der Finanzierung muss es dann gerade mit dem effektiven Bau der Anlage sehr schnell gehen, weil die Frist für den Netzanschluss am Ende dann häufig eng ist. Entsprechend müssen wir als Unternehmen in der Lage sein, kurzfristig große Mengen unserer anlagenspezifischen Schaltschränke zu liefern.

Mit der erneuten Absenkung der Förderung zum April 2016 haben wir in den letzten Monaten außerdem wieder einen Auftragsboom erlebt, so dass auch über die Jahreswende die Fertigung auf Hochtouren weiter gelaufen ist.

 

Welche Komponenten wurden dabei besonders stark nachgefragt?

Unsere Lösungen im Bereich Photovoltaik liegen auf der Gleichspannungsseite der Anlage, zwischen Modul und Wechselrichter – neben den Steckverbindern speziell die sogenannten Generator-Anschluss-Kästen (GAK), im PV-Umfeld auch Combiner Boxen genannt.

Die richtige Auslegung eines GAK erfordert viel Applikationswissen und Erfahrung, welches wir in unserem globalen Applikationszentrum für Erneuerbare Energien in Barcelona gebündelt haben.

Insbesondere in den großen PV-Parks, die heute auch in UK einen wesentlichen Teil der installierten Leistung ausmachen, sind diese GAK das Herzstück der Verbindungstechnik und der Leistungsüberwachung des PV-Kraftwerks.

 

Was sind derzeit die Zukunftstechnologien der Branche?

Auch im Photovoltaik-Bereich gibt es natürlich Markttrends, die Branche ist sogar sehr dynamisch. Ein aktueller Technologietrend geht in Richtung 1.500 Volt zulässige Spannung. Bisher ist der Großteil des Marktes im Gleichspannungsbereich bis 1.000 Volt angesiedelt. Höhere Spannungen erlauben jedoch ein geändertes Design des PV-Parks, z.B. längere Modulreihen und geringere Kabelquerschnitte. Darüber ergeben sich Einsparungen beim Material und beim Installationsaufwand.

Voraussetzung für die breitere Einführung dieser Technologie war die Verfügbarkeit der Komponenten für den erhöhten Spannungsbereich, insbesondere von Modulen und Wechselrichtern, die nun zunehmend verfügbar sind. Weidmüller bietet natürlich auch für diesen Markt die entsprechenden Lösungen.

 

Die Analysten von Bloomberg rechnen für 2016 mit einer weltweit installierten Gesamtleistung von 57GW. Gepaart mit dem erwarteten Wachstum der Windkraft auf 64GW könnte damit ein neuer globaler Investitionsrekord von 392 Milliarden US-Dollar erreicht werden. Die Branche wird also weiter wachsen. Welche Herausforderungen gilt es momentan zu bewältigen?

Die PV-Branche wird zweifellos weiter wachsen, aber gleichzeitig muss jede Möglichkeit genutzt werden, um Solarkraftwerke noch wettbewerbsfähiger zu machen. Ein beherrschendes Problem der Branche bleibt das Überangebot an PV-Modulen und den Vormaterialien bis zum Rohstoff Silizium. Das wird auch in 2016 den Kostendruck weiter erhöhen.

Bei den Erzeugungskosten pro kWh Strom steht die Photovoltaik darüber hinaus im Wettbewerb mit allen anderen Energiequellen. Das verstärkt den Druck der Investoren auf die Projektierer und Zulieferer zusätzlich, was in vielen Fällen den Bau von PV-Parks verzögert oder auch unwirtschaftlich werden lässt.  Am Ende steht weiterhin das Ziel der Netzparität. Photovoltaik muss nicht nur eine umweltfreundliche, sondern auch eine wirtschaftliche Lösung sein, die ohne Förderung auskommt.

Ein weiteres großes und oft typisches Problem des Marktes, das aktuell auch im UK-Markt besteht, ist die unklare Haltung der Regierung zu den Erneuerbaren Energien und die damit einhergehende Unsicherheit für Investoren. Verlängerte Genehmigungszeiten und ein unsicherer Ausblick auf die Förderbedingungen führen auch dazu, dass die Finanzierung der PV-Kraftwerke zunehmend schwieriger wird und der weitere Ausbau damit ins Stocken gerät. Dabei hat sich auch Großbritannien zu den EU-Klimazielen verpflichtet und sollte den Ausbau der Erneuerbaren nachhaltig antreiben. 

 

Wo wird die Nachfrage Ihrer Meinung nach in den nächsten Jahren steigen? Welche Länder besitzen das größte Potenzial für die Photovoltaik?

Klar ist, dass der Gesamtmarkt weiter wachsen wird. Die etablierten Märkte wie China, die USA und Japan werden auch in den nächsten Jahren einen Großteil des Marktes ausmachen. Das größte Marktwachstum weltweit erwarte ich aber aus den „PV-Schwellenländern“.

Da ist beispielsweise Indien zu nennen, wo die Regierung ein Ausbauziel der PV-Leistung bis 2022 auf sagenhafte 100GW festgelegt hat. Vielversprechend ist auch eine Kombination wie wir sie beispielsweise in Chile vorfinden. Dort treffen gute Klimabedingungen auf Energie-hungrige Industrien wie den Bergbau. Das ist eine attraktive und vielversprechende Kombination für den Ausbau des PV-Marktes. Schließlich werden weltweit immer mehr Länder die Vorteile der Photovoltaik als wesentlichen Bestandteil ihres Energiemixes erkennen und in der Folge ausbauen.

 

Quelle: Weidmüller Interface GmbH & Co. KG