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Solar-Interview mit Frank Niendorf, Jinko Solar, Direktor für Europa

Im Solar-Interview spricht Frank Niendorf, Direktor für Europa bei Jinko Solar, über veränderte Strategien chinesischer Photovoltaik-Produzenten als Reaktion auf Handelsuntersuchungen und Anti-Dumping-Zölle sowie über die Entwicklung der europäischen Photovoltaik-Märkte und speziell des PV-Marktes in Deutschland.

Frank Niendorf: „Ohne die künstliche Verteuerung der chinesischen Module … würde sich das europäische Marktumfeld trotz EEG-Reform deutlich positiver darstellen.“

 

 

Solarserver: Herr Niendorf, der globale Photovoltaik-Markt wächst kräftig. Und auch die Anbieter von Produktionstechnologie melden wieder große Aufträge, vor allem aus Asien. Dennoch scheint das internationale Geschäftsumfeld für chinesische Hersteller schwieriger zu werden, da immer mehr Handelsuntersuchungen durchgeführt werden und Anti-Dumping-Zölle erhoben werden. Wie gehen die chinesischen Produzenten damit um?

Frank Niendorf: Es ist richtig, dass die künstliche politische Regulierung regionaler Märkte wie in Europa oder in den USA zu einer Wettbewerbsverzerrung einerseits und zu einer künstlichen Verteuerung des Marktpreisniveaus andererseits führt. Protektionistische Maßnahmen wie der europäische Mindestpreis auf chinesische Solarmodule verfolgen das Ziel, die wenigen verbleibenden und nicht wirtschaftlich agierenden europäischen Modulhersteller zu schützen, vernachlässigen allerdings mit desaströser Auswirkung den „Downstream“-Bereich der industriellen Wertschöpfungskette.

Einige wenige europäische Modulhersteller werden temporär am Leben gehalten, während Tausende von Installateuren, EPC-Unternehmen und Großhändlern europaweit gezwungen sind, ihre Geschäftstätigkeit einzustellen, weil das künstlich hochgehaltene Mindestpreisniveau eine wirtschaftliche Realisierung von Projekten nicht mehr zulässt und eine Netzparität, wie sie in vielen Ländern außerhalb Europas erreicht ist, in weite Ferne rücken lässt.

Parallel dazu etablieren sich neue asiatische Modulhersteller aus Ländern wie Taiwan, Malaysia, Indien etc., auf deren Produkte keine Schutzzölle erhoben werden. Aus produktionsstrategischer Sicht ist dies nicht effizient, da die Modulherstellungskosten nur über Skaleneffekte weiter im Sinne der Netzparität gesenkt werden können.

Die führenden chinesischen Modulanbieter wachsen weiterhin profitabel, haben aber ihre Strategien an das veränderte Marktumfeld angepasst. Dies findet in Form einer Dezentralisierung der globalen Produktion, technologischen Innovationen oder auch geänderten Vertriebsstrategien statt.

 

Solarserver: Welche Strategien verfolgen die chinesischen Marktteilnehmer konkret?

Frank Niendorf: Konkret bedeutet die oben angesprochene strategische Neuausrichtung der chinesischen Marktteilnehmer folgendes:

-   Produktion: Einige der führenden Modulhersteller verlagern einen Teil der Modulproduktion näher in Richtung der Märkte. Dies geschieht entweder durch die Übernahme bestehender Produktionskapazitäten, den Aufbau neuer Modulfabriken oder durch OEM-Partnerschaften. Dies ermöglicht zwar den geforderten Local Content, treibt aber dennoch die Produktionskosten aufgrund der fehlenden Skaleneffekte in die Höhe.

-   Technologische Innovationen: Um den künstlich hoch gehaltenen Modulpreisen einen Mehrwert gegenüberzustellen, haben die chinesischen Anbieter im Bereich der so genannten SMART-Module die Technologieführerschaft übernommen. Hierbei handelt es sich um leistungsoptimierte Module, welche insbesondere bei Verschattung oder nicht optimaler Südausrichtung von Dächern einen 10 – 20 % höheren Output erzielen.

-   Vertriebsstrategien: Einige der chinesischen Marktteilnehmer haben ihren dreistufigen Vertrieb (Hersteller, Großhändler, Installateur) auf einen zweistufigen Vertrieb (Direktverkauf vom Hersteller an den Installateur) umgestellt, um die Großhandelsmarge für sich zu behalten.

Im August 2014 eröffnete Jinko Solar eine Photovoltaik-Modulfabrik in Südafrika mit einer jährlichen Produktionsleistung von 120 Megawatt
Im August 2014 eröffnete Jinko Solar eine Photovoltaik-Modulfabrik in Südafrika mit einer jährlichen Produktionsleistung von 120 Megawatt


Solarserver: Wie wirken sich die Schutzzölle im globalen Kontext aus, und welche Folgen haben die EU-Mindestpreise auf den Europäischen Markt? Wie beurteilen Sie die Entwicklung des europäischen Marktes im Vergleich zu den anderen Kontinenten?

Frank Niendorf: Die Auswirkung der Schutzzölle ist eine Verlagerung des globalen PV-Marktes, weg von Europa und hin zu neuen Märkten ohne solche Schutzzölle, wo bei 25 – 30 % geringeren Modulpreisen PV-Anlagen ohne signifikante Subventionierung, also bei Netzparität, realisiert werden.

Der ehemals führende europäische Markt, welcher noch vor 2 - 3 Jahren 70 – 80 % des Weltmarktes ausmachte und eine Technologieführerschaft inne hatte, hat gegenüber den neuen Wachstumsmärkten wie China, USA, Japan, Südamerika, Afrika signifikant an Bedeutung verloren und wird Ende 2014 nur noch geschätzte 10 – 20 % des Weltmarktes ausmachen, was eine dramatische Entwicklung aus europäischer Perspektive ist. Bei weiterem Festhalten an Schutzzöllen wird die Tendenz weiter rückläufig sein.

 

Solarserver: Welche europäischen Länder haben die besten Perspektiven?

Frank Niendorf: Innerhalb Europas konzentriert sich aktuell die gesamte Branche auf den englischen Markt, welcher 2014 mit weitem Abstand der größte europäische Ländermarkt sein wird. Auch wenn England nicht unbedingt als das strahlungsintensivste europäische Land bekannt ist, zeichnet es sich durch eine gut durchdachte Fördergesetzgebung und einen gut funktionierenden Kapitalmarkt aus, der im Vergleich zu vielen anderen Ländern die Finanzierung nicht als Engpass erscheinen lässt.

Alle anderen europäischen Ländermärkte sind aufgrund reduzierter Fördermaßnahmen und der protektionistischen Maßnahmen der EU deutlich geschrumpft oder sogar zum Stillstand gekommen, was sich mittlerweile paradoxerweise sogar negativ auf die schutzbedürftigen europäischen Modulhersteller und deren europäischen Umsatzanteil auswirkt.

 

Solarserver: Wie steht es nach der EEG-Reform um die Wirtschaftlichkeit der Photovoltaik in Deutschland?

Frank Niendorf: Das Freiflächensegment in Deutschland ist bis auf einige Ausnahmen fast vollständig zum Stillstand gekommen, da Freiflächenanlagen bei dem den chinesischen Anbietern auferlegten hohen Mindestpreisniveau und den deutlich höheren Produktionskosten der nicht-chinesischen Anbieter wirtschaftlich nicht mehr attraktiv sind.

Im Bereich der Aufdachanlagen sind Neuinvestitionen für private wie auch kommerzielle Nutzer noch wirtschaftlich darstellbar, wenn auch mit deutlich reduzierten Renditen.

Ohne die künstliche Verteuerung der chinesischen Module, sprich, wenn die führenden chinesischen Anbieter auf dem außereuropäischen Modulpreisniveau in Europa anbieten dürften (20-30 % niedriger), würde sich das europäische Marktumfeld trotz EEG-Reform deutlich positiver darstellen.

 

Solarserver: Im Wettbewerb, der durch starken Preisdruck gekennzeichnet ist, spielen Innovationen und Kostensenkung eine bedeutende Rolle. Wo setzt Jinko Solar hier an?

Frank Niendorf: Jinko Solar zeichnet sich seit vielen Jahren durch die Kostenführerschaft in der Branche aus. Dies ist die Basis für das fünfte profitable Quartal in Folge und eine gesunde Bilanz.

Es war seit jeher der Fokus unseres Chairmans, dass diese Kostenführerschaft nicht auf Kosten unserer Qualität geht, sondern aus schlanken Strukturen, einer vorausschauenden Einkaufsstrategie und guten Investitionsentscheidungen resultiert.

Unser Unternehmensziel ist seit jeher, den globalen PV-Markt beim Erreichen der Netzparität zu unterstützen. Hierfür ist eine qualitätsorientierte Kostenführerschaft die Grundlage.

Auch in Europa werden wir dieses Ziel gemeinsam mit unseren lokalen Partnern erreichen. Nur leider etwas zeitverzögert im Vergleich zu den anderen Regionen.

Solarmodulproduktion bei Jinko Solar.
Solarmodulproduktion bei Jinko Solar.


Solarserver: Herzlichen Dank für diese Informationen, Herr Niendorf.

Das Interview führte Solarserver-Chefredakteur Rolf Hug.