Anmerkung der Redaktion

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Hermann Scheers energethischer Imperativ

Hermann Scheer, Präsident der Europäischen Vereinigung für Erneuerbare Energien EUROSOLAR e.V. und Vorsitzender des World Council for Renewable Energy (WCRE), Träger des Alternativen Nobelpreises, Abgeordneter des Deutschen Bundestags.
Hermann Scheer, Präsident der Europäischen Vereinigung für Erneuerbare Energien EUROSOLAR e.V. und Vorsitzender des World Council for Renewable Energy (WCRE), Träger des Alternativen Nobelpreises, Abgeordneter des Deutschen Bundestags.

Was würde sich Hermann Scheer von all jenen wünschen, die nach seinem schnellen Tod um ihn trauern - von den vielen Menschen in Deutschland und auf der ganzen Welt, die ihm bei seinen unzähligen Vorträgen zugehört haben? Seine zahlreichen Leser und die vielen Menschen, die er inspiriert hat, einen Solarverein zu gründen, ein Bürgerwindrad zu bauen, ein Kleinwasserkraftwerk zu reaktivieren oder eine Biogasanlage zu errichten…

Zunächst würde er sich wünschen, dass wir alle weitermachen mit den vielfältigen lokalen Projekten, mit denen sich die Energieautonomie erst entfalten kann. Die Gedenkfeier zu seinen Ehren in Berlin hat jedoch zu mehr aufgerüttelt. Neben seiner inspirierenden Kraft, durch die Menschen überall auf der Welt aktiv geworden sind, hat Hermann Scheer immer wieder vor zu viel Euphorie gewarnt. Denn Politik für erneuerbare Energien ist kein Naturgesetz. Sie muss immer wieder neu erkämpft werden - und zwar gegen mächtige Interessen.

 

 

Ein klarer Blick auf gefährliche und teure Großprojekte

Es gibt kaum einen gesellschaftlichen Bereich, der so schwer zu durchschauen ist, wie die Energiewirtschaft. Natürlich ist es leicht, gegen Atomkraft zu sein. Weil wir erfahren haben, welche Folgen ein Unfall wie in Tschernobyl hat. Weil wir wissen, dass Endlagerung über Jahrtausende unmöglich ist wie das Salzbergwerk Asse schon nach wenigen Jahren zeigt. Aber wie sind die scheinbar fantastischen Projekte für Solarstrom aus der Wüste (Desertec) oder die CO2-Abscheidung und Einlagerung bei Kohlekraftwerken (CCS) zu bewerten? Hermann Scheer ermöglicht uns mit dem kurz vor seinem Tod erschienenen Buch "Der energethische Imperativ" zum letzten Mal einen klaren, unverfälschten Blick auf die Energiefrage.

Der Löwenanteil seiner unermüdlichen Arbeit in den letzten Jahren bestand darin aufzuklären, uns mündig zu machen gegenüber den fabelhaften Verheißungen und Mythen der großen Energiekonzerne. Zum Beispiel Desertec: Viele Akteure für den Ausbau erneuerbarer Energien waren befremdet, dass Hermann Scheer dieses Projekt als Fata Morgana bezeichnet hat. Wie konnte der weltweit wichtigste Kämpfer für die Sonnen-Strategie dagegen sein? Gegen ein Vorhaben, das doch endlich die großen Energiekonzerne mit den erneuerbaren Energien versöhnen soll – so die Hoffnung vieler. Die Erklärung ist vielschichtig, aber im Kern ganz einfach:

Erstens hat Hermann Scheer die Erfahrung gemacht, dass den Ankündigungen der Konzerne für den Ausbau erneuerbarer Energien nicht zu trauen ist. Seit Jahren werben die Konzerne damit, in die Erneuerbaren zu investieren. Fehlanzeige – mit Ausnahme weniger Vorzeigeprojekte, die fleißig zum Marketing benutzt werden. Hermann Scheer nennt das „Greenwashing“, weil die Konzerne gleichzeitig zu diesen Verheißungen für Laufzeitverlängerungen der Atomkraftwerke und für den Neubau großer Kohlekraftwerke kämpfen.

Zweitens soll die Fata Morgana des Desertec-Projekts dazu dienen, den rasanten dezentralen Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland auszubremsen. Die Perspektive klingt großartig: vermeintlich billiger Strom aus der Wüste statt angeblich teurem Strom von Deutschlands Dächern.

"Der energethische Imperativ" ist das vierte große Zukunftsbuch von Hermann Scheer nach seinen bahnbrechenden Büchern "Sonnen-Strategie" (1993), "Solare Weltwirtschaft" (1999) und "Energieautonomie" (2005), die alle in zahlreiche Sprachen übersetzt worden sind. In diesem neuen Buch beleuchtet der Autor die verschiedenen Konzepte und Vorschläge und deren unterschiedliche Erfolgsaussichten nach politischen, technologischen, wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Gesichtspunkten. Er identifiziert Erfolgswege und deren Gründe ebenso wie Abwege und Umwege, Ausflüchte und Brückensperren. Scheers Bewertungs-Maßstab ist die Beschleunigung des Energiewechsels. Dafür zeigt er nicht nur die kurzen und schnellen Wege zum Energiewechsel, sondern auch, wie und durch wen sie aufgeschlossen und erweitert werden können.

 

 

Vorrang für die Erneuerbaren

Nichts ist größeres Gift für alte und neue Großkraftwerke als der weitere Ausbau dezentraler Windkraftwerke- und Solaranlagen, weshalb von den Konzernen alle Anstrengungen darauf gerichtet werden, das Erneuerbare-Energien-Gesetz „marktkonform“ zu gestalten, wie es der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (bdew) nennt. Im Klartext würde das heißen: den Vorrang der Netzeinspeisung erneuerbarer Energien abzuschaffen. Aber Klartext wird meist nur in Hinterzimmern gesprochen, z.B. wenn unter Ausschluss der Öffentlichkeit ein Vertrag mit der Bundesregierung über Laufzeitverlängerungen für Atomkraftwerke geschlossen wird. Tagsüber wird uns (Wüsten-)Sand in die Augen gestreut.

Dass die Konzerne kein Interesse an dem möglichen beschleunigten Ausbau erneuerbarer Energien haben – weder aus der Wüste noch aus der Nordsee und schon gar nicht bei uns im Land – wird allein daran deutlich, dass die Familien in Deutschland mehr in erneuerbare Energien investiert haben als die finanzmächtigen großen Energiekonzerne zusammen! Es wird auch daraus ersichtlich, dass der Bau der verheißungsvoll angekündigten Off-Shore-Windparks in der Nordsee seit Jahren aufgeschoben wird und für den problemlos möglichen Bau von Windparks an Land seitens der Konzerne nichts getan wird.

Wohlfeile Erklärungen lauten dann, dass die Windräder erst ins Meer gestellt werden könnten, wenn große neue Netztrassen Richtung Süddeutschland ausgebaut würden. Dabei könnte ein Großteil dieser Netzproblematik dadurch gelöst werden, dass die norddeutschen Atomkraftwerke planmäßig vom Netz gehen und dort keine weiteren neuen Kohlekraftwerke gebaut werden. Nicht Windstrom verstopft die Netze, sondern Atomstrom, zu dessen Ende sich die Konzerne in einem Vertrag mit der Bundesregierung verpflichtet hatten (und dafür bereits geldwerte Vorteile in Milliardenhöhe erhalten haben).

 

EEG ist der Schlüssel zur Autonomie

Aus diesen Gründen hat Hermann Scheer immer wieder davor gewarnt, sich beim Ausbau erneuerbarer Energien von den Konzernen abhängig zu machen. Er hat für Energieautonomie gestritten, weil die Markteinführung erneuerbarer Energien nur möglich ist, wenn statt weniger Konzerne eine Vielzahl von Akteuren investieren können – von Familien und Bürgerinitiativen bis hin zu Stadtwerken. Der Schlüssel dafür ist das von Hermann Scheer durchgesetzte Erneuerbare-Energien-Gesetz mit Einspeisevorrang, Abnahmepflicht der Netzbetreiber und kostendeckender Vergütung.

Hermann Scheers Vermächtnis ist daher vor allem ein Appell zur Mündigkeit. Wir sollen weiter nach der Wahrheit hinter den Verheißungen suchen, die Wirklichkeit hinter der grünen Fassade erforschen und öffentlich machen. Verschwörungstheorien werden dabei nicht gebraucht, die Fakten liegen auf der Hand: von den Strukturen der Energiewirtschaft bis zur Möglichkeit eines beschleunigte Ausbaus erneuerbarer Energien.

 

Den energethischen Imperativ lesen und öffentlich diskutieren

In den Debatten der kommenden Monate, in denen es um nicht weniger als die Rettung der Kernbestandteile des EEG gehen wird, steht uns das Buch von Hermann Scheer zur Seite: Wir sollten den energethischen Imperativ lesen und öffentlich diskutieren anstatt uns an der geschickt inszenierten Energiedebatte des bdew zu beteiligen – der nächsten Propagandaaktion namens „Energie ist nicht schwarz-weiß“ (in der vorgeblich offen über den Energiemix der Zukunft diskutiert werden soll). Hermann Scheer hätte sich in diesen Tagen erneut auf den Weg gemacht, die Nebelkerzen und Falschinformationen zu enttarnen und das „Greenwashing“ der Konzerne zu entlarven. Nun kommt es auf uns an. Er würde sich von uns wünschen, dass wir uns dieser Herausforderung stellen – ohne dabei den Konflikten auszuweichen.

 

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Dr. Fabio Longo, Rechtsanwalt, ist Vorstandsmitglied bei EUROSOLAR Deutschland e.V. und Autor des Buches "Neue örtliche Energieversorgung als kommunale Aufgabe", das eine verfassungsrechtliche Grundlegung der Energieautonomie auf kommunaler Ebene enthält (siehe Buchbesprechung auf dem Solarserver: http://xlurl.de/JVX6Yo).