Gleich vier Umspannwerke mit einem Investitionsvolumen von 90 Millionen Euro baut die Windbauer-Gruppe im Nordosten des Landkreises Mecklenburgische Seenplatte, um die eigenen und mehrere weitere Wind-, Solar- und Batterieparks ans Netz zu bringen. “Wir sind Infrastrukturentwickler und haben deshalb immer den Netzanschluss mitgedacht”, sagt Windbauer-Geschäftsführer und -Gründer Mathias Niedzwetzki. Er selbst hat 2012 seine erste Windturbine errichtet und führt heute die Unternehmensgruppe gemeinsam mit seinem Sohn Martin Niedzwetzki.
40 Leute beschäftigt die Gruppe bei den erneuerbaren Energien und 30 weitere in der Landwirtschaft. Denn zum Firmenverbund gehört auch ein 4000-Hektar-Landwirtschaftsbetrieb am Stammsitz in der 500-Einwohner-Gemeinde Bartow. Auf dessen Flächen gedeihen neben Windrädern und Solarparks unter anderem auch Bio-Rinder, die ganzjährig draußen in Mutterkuhherden aufwachsen.
2 Gigawatt Infrastruktur
Vater und Sohn Niedzwetzki denken somit als Landwirte einerseits lokal, andererseits aber auch richtig groß. “Wir können insgesamt rund 2 Gigawatt Infrastruktur darstellen”, rechnet der ältere der beiden vor. Und wenn er Infrastruktur sagt, dann meint er fast das volle Programm der Energiewende: Windenergie, Photovoltaik, Batterien und Stromnetz.
Im Nordwesten von Bartow stehen bereits seit einigen Jahren vier Windtubinen mit dem Windbauer-Schriftzug auf der Gondel. Im Südosten wachsen gerade neue Betontürme in die Höhe. Und im Nordosten der Gemeinde hat die zur Windbauer-Gruppe zählende Solarfarmer GmbH mit weiteren Kooperationspartnern im vorigen Jahr eine der größten PV-Freiflächenanlagen Deutschlands mit 275 MW aufgebaut.
Batteriespeicher als nächster Schritt in Bartow
Aktuell wartet man auf die Genehmigung für Batteriespeicher. Insgesamt 550 Megawatt an Großbatterien sollen als Vier-Stunden-Speicher ausgelegt und somit in der Lage sein, rund zwei Gigawattstunden Strom zu puffern. Nicht nur grünen Strom aus den umliegenden EE-Anlagen, sondern auch graue Elektronen aus dem 50-Hertz-Netz, wenn das Netz Entlastung braucht und die Preisschwankungen am Strommarkt Rendite versprechen. Ein Teil der Batteriecontainer soll unmittelbar am neuen Umspannwerk in der Gemeinde Bartow platziert werden, zu dessen Einweihung die freiwillige Feuerwehr am Samstag Bratwürste und Kuchenbuffet servierte.
Der erste Bauabschnitt der Anlage besteht zunächst aus vier baugleichen 63-kVA-Trafos, die in zwei Gruppen angeordnet sind. Sie transformieren die 33 Kilovolt (kV) aus den umliegenden Erneuerbare-Energie-Anlagen auf die 110-kV-Ebene. Über ein 4,5 Kilometer langes Hochspannungs-Erdkabel, das noch verlegt werden muss, soll der Strom zum Netzknoten in Iven fließen, wo die Windbauern zwei weitere Umspannwerke errichten, die direkt an die 380-kV-Leitung von 50 Hertz angeschlossen sind. Eines transformiert den 110-kV-Strom, der aus Bartow ankommt, auf die Höchstspannung; das andere kann die Spannung aus weiteren Erneuerbare-Energien-Anlagen direkt von 33 kV auf 380 kV anheben.
Einspeisenetz-Verbund Bartow liefert nach Bedarf
Pünktlich zur Einweihung am 25. April fegt über Norddeutschland ein strammer Westwind und zugleich strahlt die Sonne in weiten Teilen Deutschlands von einem fast wolkenlosen Himmel. Der Spotmarktpreis an der Leipziger Strombörse steht über Stunden tief im Minus. In mehreren Windparks am Horizont rund und um Bartow dreht sich nichts mehr. Die Turbinen wurden wegen Netzengpässen oder Marktsättigung abgeschaltet. Wenn hier die Großbatterien und Umspannwerke bald in Betrieb sind, soll es künftig viel weniger Zeiten geben, in denen sich die an das Einspeisenetz angeschlossenen Windräder nicht drehen oder die Solarparks abgeschaltet werden müssen.
Mit diesem Hinweis begegnet Mathias Niedzwetzki auch einem häufigen Vorwurf von Bürgerinitiativen, die es auch hier gibt und die gern darauf verweisen, dass der Strom aus der dünn besiedelten Region über die vorhandenen Netze schon jetzt oft nicht in die Zentren abtransportiert werden könne: “Wir machen genau das, was die Bürgerinitiativen von uns fordern: Wir speisen den Strom dann ein, wenn er gebraucht wird.”
Außerdem sollen erhebliche Strommengen künftig in Bartow selbst verbraucht werden. Die Visionen dafür haben die Niedzwetzkis mit der Gemeinde entwickelt. So soll an der Autobahn A 20, die durch die Kommune führt, ein Schnellladepark entstehen, der auch Elektro-LkW versorgen kann. Und man habe hier auch bereits ein grünes Gewerbegebiet und Sondergebiet zum Bau eines Rechenzentrums ausgewiesen, erklärt Niedzwetzki senior. Dessen Abwärme könnte dann wiederum ein Wärmenetz im Ortskern des Dorfes versorgen. “Wir müssen den Strom hier in der Region nutzen”, sagt er.
Sektorenkopplung in der Landwirtschaft
Und auch die eigene Landwirtschaft will der studierte Agraringenieur deshalb schnellstmöglich elektrifizieren. In fünf Jahren solle auf dem Landgut Bartow kein Traktor mehr mit Diesel fahren, gibt er als Ziel aus. Riesigen Mähdreschern, die mit 40 Tonnen Gewicht den Boden über Gebühr verdichten, prophezeit er ein baldiges Aussterben als fossile Dinosaurier. Kleine, autonom fahrende elektrische Erntemaschinen seien diesen in vielerlei Hinsicht überlegen. “Wir werden dann jährlich 400.000 Liter Diesel sparen”, sagt der Windbauer, was letztlich auch zur regionalen Wertschöpfung beitrage: “Denn Diesel kommt ja nicht aus dem Wasserhahn.”
Autor: Guido Bröer | www.solarserver.de © Solarthemen Media GmbH