Für den Fachverband Biogas, der gestern seine Jahresbilanz 2025 vorgestellt hat, ist klar: “Yes, we can!” – Wenn denn die Rahmenbedingungen stimmen würden, ließen sich in den kommenden Jahren erhebliche Potenziale für Biogas und Biomethan, also auf Erdgasqualität aufbereitetes Biogas, erschließen. So lautet angesichts der Debatte um das GMG die Kernbotschaft des Verbands, der sowohl Betreiber von Biogasanlagen als auch deren Hersteller vertritt.
Nach Zahlen des Fachverbands waren Ende 2025 in Deutschland 9.315 Biogasanlagen in Betrieb, die Substrate vor Ort verstromen. Weitere 290 Anlagen bereiten Biogas zu Biomethan auf, um es ins Erdgasnetz einzuspeisen. Deutlich gewachsen um rund 10 Prozent ist in den vergangenen drei Jahren die installierte elektrische Leistung der vor Ort verstromenden Anlagen. Sie beträgt jetzt 6.816 Megawatt (MW). Derweil hat sich die sogenannte Bemessungsleistung kaum verändert und liegt bei 3.316 MW. In der Differenz von 3.500 MW zwischen den beiden Zahlen zeigt sich die zunehmende Überbauung bzw. Flexibilisierung. Zusätzliche Blockheizkraftwerke (BHKW) ermöglichen Anlagen eine bedarfsgerechte Stromerzeugung. „Diese Tendenz zeigt, dass die Biogasanlagen immer flexibler werden und dadurch eine immer wichtigere Rolle für das Stromnetz spielen“, erklärt der Präsident des Fachverbands Biogas, Thomas Karle.
Wie aber kommt es dann, dass Websites, wie electricitymaps.com und andere, die auf Basis der Daten vom europäischen Netzbetreiberverband ENTSO-E aktuelle Anteile der verschiedenen Energieträger in den nationalen Stromnetzen präsentieren, für die Bioenergie einen Tag und Nacht fast gleichbleibenden Beitrag als Grundlast ausweisen? – Für Karle ist das ein irritierendes Ärgernis, so machte er auf Solarthemen-Anfrage deutlich. “Was derzeit mit diesem grünen Band dargestellt wird. ist tatsächlich nicht der Realität entsprechend.” Manuel Maciejczyk, Geschäftsführer im Fachverband erläuterte, die ungenaue Darstellung sei auch in der mangelnden Digitalisierung der Netze begründet. Die ENTSO-E-Visualisierungen bezögen sich auf Echtzeitdaten, deren Auflösung aber nicht ausreichend sei. Der Verband bemühe sich derzeit um genauere Daten von Direktvermarktern.
Wofür reicht das Biogas?
Insgesamt hat die Branche im letzten Jahr in Deutschland 29 Terawattstunden (TWh) Biogasstrom erzeugt, was dem Bedarf von 8,8 Millionen Haushalten entspreche. Die bei der Stromerzeugung in BHKWs anfallende Wärmemenge lag 2025 bei 32,3 TWh, wovon laut einer Umfrage des Verbandes knapp 58 Prozent außerhalb der Biogasanlage genutzt wurden. „Diese Leistung wird in der aktuellen Diskussion um das Potenzial von Biogas häufig übersehen“, bedauert Karle. „Jede Kilowattstunde Biogaswärme vermeidet potenziell eine Kilowattstunde Erdöl und verringert den Bedarf an Erdgas.“
Denn in der Politik liegt der Fokus derzeit klar auf dem für das Gasnetz veredelten Biomethan. Sollen doch gemäß den Eckpunkten der Bundesregierung für das Gebäudemodernisierungsgesetz wachsende biogene Anteile im Erdgasnetz dafür sorgen, dass sich auch ohne 65-Prozent-Regel Deutschlands Klimaschutzziele im Wärmesektor einhalten lassen. Wer ab 2029 eine neue Gasheizung einbauen lässt, soll mindestens 10 Prozent Bio-Brennstoff oder Wasserstoff im Gas nachweisen müssen. Der Anteil soll stufenweise in den Folgejahren ansteigen – wobei die Koalition bislang nicht festgelegt hat, wie steil diese sogenannte “Bio-Treppe” konstruiert werden soll. Für alle bestehenden Gasheizungen soll als weiteres Instrument eine “Grüngasquote” den Brennstoff etwas klimafreundlicher machen. Die Quote soll allerdings erst ab 2028 greifen und dann zunächst nur bei einem Prozent liegen. Für die Vertreter des Biogasverbands steht fest, dass sich diese ersten Stufen der Koalitionspläne locker bewältigen lassen.
Nur wenig Biomethan für Wärmenutzung
Denn tatsächlich hätten die 290 Biomethananlagen bereits im vergangenen Jahr zusammen 12,8 TWh erzeugt. Zusammen mit den aktuell importierten 3,5 TWh an Biomethan könnten kurzfristig 16,3 TWh Biomethan genutzt werden, was 6,3 Prozent des aktuellen Erdgasverbrauchs von Wohnungen in Deutschland entspreche. Wobei diese Mengen auch in der Industrie und teils auch im Verkehr verbraucht werden. Nur 1,07 TWh gingen nach Erkenntnissen des Fachverbands 2025 in die reine Wärmenutzung. Der Großteil werde vielmehr für den Verkehr und die Stromerzeugung in BHKW eingesetzt.
Es erfordert dennoch keiner höheren Mathematik, um nachzuvollziehen, dass in der Mischkalkulation die Kombination von “Bio-Treppe” und “Grüngasquote” zunächst keiner großen zusätzlichen Biogas-Menge bedarf.
Wobei selbst die Biogasbranche, die sich grundsätzlich erfreut über die Änderungen des GMG zeigt, die Politik vor dem falschen Schluss warnt, die Biogasquoten könnten anstelle des Hochlaufs von Wärmepumpen und Wärmenetzen eine echte Wärmewende ersetzen. Der stellvertretende Vorsitzende des Fachverbands Biogas, Christoph Spurk, sagt: “Wir werden mit Sicherheit nicht an der Stelle die Wärme bereitstellen, wo dies über eine Wärmepumpe günstiger und einfacher realisiert werden kann. Und gerade im Neubau ist das Thema, glaube ich, auch durch.”
Der Hauptgeschäftsführer des Fachverbands Biogas ergänzt: “Wir sehend die beste Nutzung von Biomethan nicht in der Erzeugung von 60 Grad warmem Wasser in der Gastherme. Insgesamt wird der Anteil der Gasheizungen natürlich stark abnehmen – so oder so.”
Zuwachs von Biomethan-Aufbereitungen
Fakt ist, dass in den vergangenen zwei Jahren der Zuwachs an Biomethan-Anlagen sprunghaft von 246 auf 290 gestiegen ist. Die Experten des Fachverbands vermuten, dass dieses auch mit der Ende 2025 ausgelaufenen Gasnetzzugangsverordnung (GasNZV) zu tun habe, die einige Anlagenbetreiber:innen motiviert haben könnte, noch vorher ans Netz zu kommen. Die GasNZV regelt unter anderem den vorrangigen Zugang von Biomethananlagen ans Gasnetz. Nachfolgeregelungen sollen dies grundsätzlich weiterhin sicherstellen, liegen aber künftig in der Verantwortung der Bundesnetzagentur.
Potenzial für Biomethan
Geht es nach dem Fachverband, dann soll sich die Bedeutung von Biomethan als Energieträger in den kommenden Jahren vervielfachen. Allein das inländische Potenzial beziffert er auf 150 TWh, also ein dutzendmal so hoch wie heute. Wobei fast die Hälfte dieser Menge aus synthetischem Methan bestehen soll, das man aus abgeschiedenem CO2 der Aufbereitungsanlagen in Verbindung mit Wasserstoff aus der Elektrolyse erneuerbaren Stroms herstellen könne.
Daneben sieht der Verband für Biomethan und Biogas ein gewaltiges Import-Potenzial zwischen 285 bis 428 TWh. Also nochmal das Doppelte bis Dreifache, der in Deutschland von ihm angenommenen Menge. Auch damit versucht der Branchenverband der Kritik von Umweltverbänden und Forschungsinstituten entgegenzutreten. Die sehen in den Ideen der Koalitionsfraktionen für “Grüngasquote” und “Bio-Treppe” auch deshalb eine “Mogelpackung” (Greenpeace), weil Biomethan ein zu knappes Gut sei.
In einer Studie des Wuppertal-Instituts (WI) und des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IDW) im Auftrag der Umweltorganisation Bellona Deutschland heißt es: “Auch Biomethan steht nur begrenzt zur Verfügung und ist langfristig keine robuste Lösung.” Die beiden Institute halten zwar eine Beimischung von Biomethan – im Gegensatz zu Wasserstoff – für “sinnvoll und vertretbar”, aber selbst dies nur zeitlich und räumlich begrenzt. Begründung: Erdgas-Leitungen würden auf reinen Wasserstoff umgestellt oder stillgelegt. Außerdem brauche man die heutigen Biogasanlagen zukünftig zunehmend für die Flexibilisierung im Stromsystem. WI und IDW bilanzieren: “Das heutige Biogas steht daher voraussichtlich nicht stärker als heute für die Biomethan-Produktion zur Verfügung.”
Autor: Guido Bröer | www.solarserver.de © Solarthemen Media GmbH