Interkontinentales Ökostromnetz soll Europas Strombedarf mit erneuerbaren Energien decken

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Dass regenerative Energien helfen können, eine Hauptursache des Klimawandels zu vermeiden, die Produktion von CO2 bei der Stromerzeugung, ist nicht neu. Schließlich verursache allein die Stromerzeugung weltweit fast die Hälfte der Emissionen des Klimakillers Kohlendioxid aus fossilen Brennstoffen, so die Universität Kassel in einer Pressemitteilung. Doch der Kasseler Wissenschaftler Dr.-Ing. Dipl. Phys. Gregor Czisch verfolge diese Grundgedanken auf einem anderen Weg als üblich: Ein Stromnetz über ganz Europa, aber auch zu den Nachbarn in Afrika und Asien, soll die Quellen der regenerativen und teils dezentralen Stromerzeugung in Form eines ein übergreifenden Stromnetzes miteinander verbinden und den Strombedarf in Europa decken.
Eingespeist würde nach den Vorstellungen von Czisch der regenerative Strom aus Wind- und Wasserkraft, Sonnenenergie oder Biomasse, die dort genutzt werden sollen, wo es grundsätzlich oder saisonal am besten ist – etwa die Windenergie in Nordeuropa, der Wüstenstrom in der Sahara oder die Biomasse in Zentraleuropa. So ließe sich Strom großräumig durch Wind und Sonne erzeugen, von Norwegen bis Nordafrika, von Asien bis Andorra. Czisch will das alles miteinander verbinden und damit auch die Schwankungen bei Wind und Sonne ausgleichen.
Doktorarbeit über „Szenarien zur Versorgung Europas und seiner Nachbarn mit Strom aus erneuerbaren Energien“
Gregor Czisch ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Elektrische Energietechnik/ Rationelle Energiewandlung, das von Prof. Dr. Jürgen Schmid geleitet wird. Czisch hat unter anderem in seiner Doktorarbeit „Szenarien zur zukünftigen Stromversorgung, kostenoptimierte Variationen zur Versorgung Europas und seiner Nachbarn mit Strom aus erneuerbaren Energien“ untersucht, welche Möglichkeiten sich aus technischer und wirtschaftlicher Sicht in Zukunft zur Deckung des europäischen Energiebedarfs anbieten. Eine aussichtsreiche Option besteht für ihn in der Nutzung regenerativer Energien in ihrer ganzen Vielfalt. „Das ist technisch bereits möglich und volkswirtschaftlich längerfristig voraussichtlich sogar günstiger als die konventionelle Stromversorgung“, so Czisch, „Die viel debattierten Vermeidungskosten zur Eindämmung des Klimawandels könnten sich bei geschickter Nutzung der regenerativen Energien sogar als wirtschaftliche Vermeidungsgewinne entpuppen“. So stünden die Solar- und Windkraftwerke ebenso wie die Hochspannungs-Gleichstromübertragung (HGÜ) zur Verfügung. Die HGÜ werde bereits seit Jahrzehnten auf allen Kontinenten genutzt, meist um regenerative Energie aus Wasserkraft ohne große Verluste in entfernte Verbrauchszentren zu leiten. In seiner Arbeit hat Czisch anhand verschiedener Szenarien Möglichkeiten einer weitgehend CO2-neutralen Stromversorgung für Europa und seine nähere Umgebung untersucht. Ziel war, jeweils die wirtschaftlich optimale Lösung zu finden, wobei das Szenariogebiet etwa 1,1 Milliarden Einwohner und einen Stromverbrauch von knapp 4.000 Terawattstunden pro Jahr (TWh/a) umfasst.

Entwicklungsperspektiven für die ärmeren Nachbarstaaten der EU und Europas
Czisch, der unter anderem als Referent für den „Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderung“ (WBGU) tätig war, sieht seine wissenschaftliche Arbeit als gute Grundlage für wichtige politische und technologische Zukunftsentscheidungen. Die Szenarien zeigten, dass mit internationaler Kooperation selbst bei konservativen Annahmen eine rein regenerative Stromversorgung möglich sei, die wirtschaftlich ohne Probleme zu realisieren wäre. Eine wesentliche Aufgabe der Politik läge darin, die internationale Zusammenarbeit zu organisieren und Instrumente für eine Umgestaltung der Stromversorgung zu entwickeln. Dabei ergäben sich nicht nur ein sinnvoller Weg zu einer CO2-neutralen Stromversorgung, sondern auch ausgezeichnete Entwicklungsperspektiven für die ärmeren Nachbarstaaten der EU und Europas. Die Ergebnisse ließen sich – angepasst an die jeweiligen Besonderheiten – auch auf andere Weltregionen übertragen.

Unterstützung von den Grünen, den Beiräten des WBGU und vom Energiekonzern EnBW
Bei den deutschen Grünen, von den Beiräten des WBGU, aber selbst beim Energiekonzern EnBW werde inzwischen argumentativ auf die Arbeiten des Kasseler Wissenschaftlers zurückgegriffen und ein transeuropäisches Ökostromnetz angedacht, heißt es in der Pressemitteilung der Kasseler Universität. Das freut Czisch, denn während der langjährigen Forschung an seinen Szenarien für eine Vollversorgung Europas und seiner Nachbarn mit Strom aus erneuerbaren Energien und ganz ohne Kohlen- und Atomenergie habe er immer in Hinblick auf die Möglichkeit einer baldigen Umsetzung gearbeitet. Die positive Resonanz in jüngster Zeit mache diesen Schritt greifbarer.
Eine Kurzfassung der Dissertation und die Dissertation sind abrufbar unter
https://kobra.bibliothek.uni-kassel.de/handle/urn:nbn:de:hebis:34-200604119596
Lesen Sie zu diesem Thema auch den Solar-Report „Solarstrom aus der Wüste statt Wüste in Deutschland: Erneuerbare Energien im transeuropäischen Verbund“ und verfolgen Sie die Diskussion über den Wüsten-Strom unter http://www.solarserver.de/solarmagazin/interview_index.html und http://www.solarserver.de/solarmagazin/standpunkt.html.

13.04.2007 | Quelle: Fachbereich Elektrotechnik/ Informatik/IEE-RE | solarserver.de © EEM Energy & Environment Media GmbH

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