Multi-Megawatt-Photovoltaik in der Ukraine: Die Großkraftwerke Ohotnikovo und Perovo von Activ Solar

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von Christian RoselundPhotovoltaik-Zubau erreicht neue Dimensionen
Das Wachstum der weltweiten Solar-Industrie ist oft nichtlinear. In den letzten zehn Jahren wuchsen einzelne nationale Märkte aufgrund ihrer Solarstrom- Einspeisevergütungen exponentiell, die Photovoltaik-Zubauzahlen schnellten von Jahr zu Jahr in schwindelerregende Höhen und brachen dann hin und wieder ein.
Manchmal ist das Wachstum dieser Branche jedoch weder linear noch exponentiell. In vielen Teilen der Welt hat sich die Branche entwickelt, und Förderinstrumente wurden eingeführt, als niemand damit rechnete. Das Wachstum erreichte ganz neue Dimensionen.
Es ist wichtig, dies festzuhalten, denn Technologien zur Nutzung erneuerbarer Energien müssen mehr als linear wachsen, damit die Probleme in Bezug auf die Erderwärmung durch den Klimawandel gelöst werden können.
Im Dezember 2011 ging der letzte Abschnitt (20 MW) einer Solarstromanlage in Betrieb, die mit einer Fläche von 200 Hektar und insgesamt 100 MW Nennleistung das größte zusammenhängende Photovoltaik-Kraftwerk Europas ist. Ein paar Monate zuvor hatte Activ Solar auf derselben Halbinsel ein PV-Kraftwerk mit 80 MW in Betrieb genommen.
Beide Anlagen befinden sich nicht in Deutschland, Italien oder Spanien, sondern in einem Land, in dem es kurz zuvor nur 7 MW installierte Photovoltaik-Leistung gab.
Als “Anlage des Monats März 2012” stellen stellt der Solarserver die Photovoltaik-Anlage Perovo auf der sonnigen Halbinsel Krim (Ukraine) vor, die Activ Solar (Wien) im Dezember 2011 in Betrieb nahm.

Warum ausgerechnet die Ukraine?
Die Ukraine scheint ein ungewöhnlicher Standort für das größte europäische Photovoltaik-Kraftwerk zu sein. Im letzten Jahrzehnt beherrschte Westeuropa die globale Solar-Industrie. Abgesehen von Tschechien und der Slowakei, die bemerkenswerte Ausnahmen sind, verfügen die meisten östlichen Nachbarländer nur über eine sehr geringe installierte PV-Leistung.
In vielen mittel- und osteuropäischen Ländern ist die wirtschaftliche Entwicklung wichtiger als die Senkung der Treibhausgas-Emissionen. Diese Länder sind noch immer bemüht, ihre westlichen Nachbarn einzuholen. In Bulgarien beispielsweise wurden ehrgeizige Projekte angekündigt, aber nur wenige davon umgesetzt.
Bei näherer Betrachtung kann die Ukraine ein sehr attraktiver Photovoltaik-Standort sein. Das Land ist ein Netto-Stromexporteur; Es erzeugt jedoch viel Strom aus importierten Brennstoffen, zum Beispiel Erdgas aus Russland. Diese Importe waren sehr umstritten, da Russland ukrainischen Unternehmen vorwarf, Erdgas, das für den europäischen Markt bestimmt war, ohne Genehmigung zu beziehen. Das führte dazu, dass Gazprom im Januar 2006 seine Gaslieferungen durch das Land zeitweise stoppte.
Außerdem darf nicht vergessen werden, dass die Ukraine etwa die Hälfte ihres Stroms mit veralteten Atomkraftwerken erzeugt, und dass 1986 in Tschernobyl die bis dahin weltgrößte Nuklearkatastrophe stattfand.

Attraktive Einspeisevergütung
Da die Ukraine nicht über genügend eigene fossile Energiequellen verfügt und stark von deren Import abhängig ist, setzen ukrainische Politiker verstärkt auf erneuerbare Energien. Bereits 1996 setzte das Land sich zum Ziel, bis 2010 eine installierte Windenergie-Leistung von 190 MW zu erreichen. Im Juli 2008 wurden Einspeisevergütungen für Strom aus Wind, Biomasse, Wasserkraft und Photovoltaik-Anlagen eingeführt, die im April 2009 sogar erhöht wurden.
Evgeny Varyagin, der bei Activ Solar für die Solarparks in der Ukraine zuständig ist, schreibt die Attraktivität der Photovoltaik in diesem Land der Einspeisevergütung zu. Dazu kommen weitere Vorteile wie die Unternehmenssteuer-Befreiung, die Mehrwertsteuer-Befreiung für bestimmte Importe sowie eine 75-prozentige Grundsteuer-Befreiung für Anlagen zur Nutzung erneuerbarer Energien. Dies alles führte dazu, dass Ernst & Young die Ukraine auf ihrem weltweiten Attraktivitäts-Index für erneuerbare Energien auf Platz 32 einstufte, für Solar-Technologien sogar auf Rang 23.

Sonnige Halbinsel Krim
Wenn die Ukraine für die Photovoltaik-Projektentwicklung attraktiv geworden ist, gilt dies für die Halbinsel Krim gleich doppelt: Sie liegt im Süden des Landes und hat natürliche Strahlungsbedingungen, die mit denen Norditaliens oder Spaniens vergleichbar sind. Die jährliche Sonneneinstrahlung liegt zwischen 1.200 und 1.400 Kilowattstunden pro Quadratmeter (kWh/m2).Außerdem werden solche Anlagen in dieser Gegend gebraucht, da die Krim weit entfernt von den bestehenden ukrainischen Kraftwerken ist. Über zwei Hochspannungsleitungen werden ungefähr 90 % des Strombedarfs der Halbinsel vom Festland herübertransportiert. Varyagin geht davon aus, dass 40 % des Stroms bei der Übertragung verloren gehen. Durch die Touristenströme und den großflächigen Einsatz von Klimaanlagen sei der Stromverbrauch in den Sommermonaten groß – ideale Voraussetzungen für die Stromerzeugung mit Photovoltaik.

Erster Projektabschnitt: Rodnikovoye
Vor dem Bau der Photovoltaik-Anlagen in Ohotnikovo und Perovo installierte Activ Solar zunächst ein 7,5 Megawatt-Kraftwerk in Rodnikovoye. Das Unternehmen finanzierte es selbst, um zu beweisen, dass es in der Lage ist, Photovoltaik-Großkraftwerke in der Ukraine zu bauen und an das Netz anzuschließen.
Das war in der Ukraine möglicherweise schwieriger als in anderen Ländern. Varyagin hebt einen großen Unterschied zwischen der ukrainischen und den westeuropäischen Einspeisevergütungen hervor: Photovoltaik-Projektentwickler in der Ukraine können sich erst nach Fertigstellung einer Anlage für die Einspeisevergütung bewerben.
“In Deutschland, Italien oder Spanien zum Beispiel erhält man zuerst die Zusage für die Einspeisevergütung, unterschreibt eine Strombezugsvereinbarung und beginnt dann mit dem Bau“, so Varyagin. „Hier ist es anders, weil die Regierung zu 100 % sicher sein muss, dass der Solarpark auch gebaut wird. Und erst wenn er fertig ist, erhält man die Einspeisevergütung.“

Zweiter Projektabschnitt: die Arbeit mit den Behörden
Wie bei allen großen Photovoltaik-Projekten stand am Anfang der Entwicklung der Anlagen in Ohotnikovo und Perovo die Genehmigung durch mehrere öffentliche Regulierungsbehörden. In der Ukraine gehören dazu auch die Behörden für Feuerschutz, Hygiene und Gesundheit, staatliche Baubehörden, das Energieministerium der autonomen Republik Krim, der örtliche Dorfrat und Arbeitsschutz-Behörden.
Activ Solar hatte zunächst Bedenken, dass die Verhandlungen mit post-kommunistischen Behörden für ein westliches Unternehmen schwierig sein könnten. Activ Solar erhielt die Baugenehmigungen jedoch wesentlich schneller als in vielen anderen Ländern wie den USA, wo ein Genehmigungsverfahren für Anlagen dieser Größe Jahre dauern kann.
Im November 2011, lange vor der ersten Phase des Ohotnikovo-Projekts, erhielt Activ Solar den Pachtvertrag für das Grundstück in Perovo. Laut Varyagin ist dies in der Ukraine einer der schwierigsten Schritte. Die Behörden müssen davon überzeugt werden, dass ein bestimmtes Grundstück für das Vorhaben gebraucht wird, und welche Vorteile ein Solarpark für die Gemeinde hat.
Nach dem Pachtvertrag kommt das Einholen der Genehmigungen bei verschiedenen staatlichen Behörden. Die ukrainische Regierung hat laut Varyagin ein großes Interesse daran, solche Projekte zu genehmigen.
„Heute sind staatliche Behörden sehr daran interessiert, Projekte wie Perovo zu genehmigen, und zeigen sich kooperativ“, sagt Varyagin.
Er geht jedoch davon aus, dass die Genehmigungsverfahren künftig noch effizienter werden. „Am Anfang dauerte es lange, weil Rodnikovoye der erste Solarpark in der Ukraine war“, so Varyagin.
 „Ich bin ganz sicher, dass das Verfahren bei unseren künftigen Projekten viel schneller geht, weil die Regierungsbehörden schon wissen, was ein Photovoltaik-Kraftwerk ist.”
Das PV-Kraftwerk wurde über die russische Sberbank und die VTB-Gruppe finanziert.

Schwierigkeiten beim Bau
Auch in der Bauphase gab es Probleme: Da das Solargeschäft in der Ukraine noch neu sei, so Varyagin, gebe es zu wenige ausgebildete Arbeitskräfte, vor allem Ingenieure, Projektassistenten und Projektmanager. Es sei nach wie vor schwierig, qualifiziertes Personal für Verwaltung, Planung, Betrieb und Wartung zu finden.
Eine weitere Schwierigkeit war der Zoll auf der Halbinsel Krim, durch den sämtliche importierten Teile gebracht werden mussten. Pro Tag können hier rund 50 LKW-Ladungen abgefertigt werden. Oft kamen an einem Tag jedoch über 70 LKW, was den Ablauf für Activ Solar und andere Unternehmen störte.
“Das war ein Problem. Inzwischen haben wir Maßnahmen zur schnellen Abfertigung unseres Zubehörs eingeführt, die die tägliche Arbeit des Zollamts nicht beeinträchtigen.“

Zeitplan zu 99 % erfüllt
Der Bau sei letztlich eine Frage der Projektorganisation gewesen, so Varyagin. Er begann im Mai 2011, und es habe keine großen Probleme gegeben. Varyagin schätzt, dass der Zeitplan zu 99 % erfüllt wurde.
Die letzten Bauabschnitte in Ohotnikovo und Perovo wurden zwischen Sommer und Winter 2011 fertiggestellt. Im Juni war der erste Abschnitt in Ohotnikovo mit 20 MW fertig, der zweite folgte im August, als auch der erste Teil der Perovo-Anlage abgeschlossen wurde. Activ Solar nahm den letzten 20-MW-Abschnitt in Ohotnikovo im Oktober 2011 in Betrieb. Das Kraftwerk hat damit eine Gesamtleistung von 80 MW.
Im November und Dezember 2011 stellte das Unternehmen die nächsten vier Abschnitte in Perovo fertig. Damit waren beide Anlagen mit insgesamt 180 MW Nennleistung in nur neun Monaten fertig.Das Photovoltaik-Kraftwerk Ohotnikovo ist eine doppelreihige Freiflächenanlage, während Perovo aus einzelnen Reihen besteht. In beiden Anlagen kommen poly- und monokristalline PV-Module zum Einsatz. Perovo besteht zu 25 % aus monokristallinen, und zu 75 % aus polykristallinen Modulen.
In Perovo wurden 120 deutsche Wechselrichter-Stationen mit Leistungen zwischen 500 kW und 1 MW eingebaut. Außerdem ist ein fortschrittliches schlüsselfertiges Überwachungssystem in die Stationen integriert.

Weitere PV-Anlagen auf der Krim und in Odessa geplant
Nachdem die Kraftwerke fertig gebaut waren, unterschrieb Activ Solar Vereinbarungen über den Verkauf des dort erzeugten Solarstroms. Der Strom aus der Perovo-Anlage wird bis Ende 2029 an das staatliche Stromversorgungsunternehmen Energorynok für 0,46 Euro je Kilowattstunde verkauft.
Der Stromertrag der Perovo-Anlage wird von dem Team bestätigt, das bei Activ Solar für Betrieb und Wartung zuständig ist. Laut Varyagin liefere die Anlage so viel Solarstrom wie erwartet, manchmal sogar mehr.
“Wie erwartet, gibt es immer Verbesserungsmöglichkeiten. Heute arbeiten wir schon sehr schnell, wenn es um Planung, Bau, Inbetriebnahme usw. geht. Unsere größte Aufgabe besteht in der Finanzierung unserer Projektpipeline“, sagt Varyagin.
Activ Solar hat vor, weitere PV-Kraftwerke auf der Krim und in Odessa (Ukraine) zu bauen. 2012 könnten trotz des derzeitigen Wirtschaftsklimas weitere große Projekte auf den Weg gebracht werden, so Varyagin. „Ich glaube, dass wir gute Chancen haben, die Solar-Gemeinschaft dieses Jahr zu überraschen, weil wir einige Großprojekte in der Pipeline haben.“

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