Dr. Ignacio Campino, designierter Vorstand der DESERTEC Foundation: Südamerika hat die Möglichkeit, einen Quantensprung zu machen und auf erneuerbare Energien zu setzen, die auch selbst vermarktet werden können

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Ergänzend zu einem aktuellen Artikel in der "Welt am Sonntag" hat die DESERTEC Foundation ein Interview mit Dr. Ignacio Campino geführt, dem aus Chile stammenden designierten weiteren Vorstand der DESERTEC Foundation.
Im Interview spricht Dr. Campino über seine künftigen Schwerpunkte im Vorstandsteam sowie die Rolle Südamerikas beim Klimaschutz und der weltweiten Energiewende.

Herr Campino, als Vorstandsbeauftragter für Nachhaltigkeit und Klimaschutz bei der Deutschen Telekom sind Sie mit 65 Jahren aus dem Unternehmen ausgeschieden – eigentlich könnten Sie nun Ihre Freizeit genießen. Was reizt Sie so sehr am Thema DESERTEC, dass Sie sich entschieden haben, sich ab August für die DESERTEC Foundation zu engagieren?
Campino: Zunächst ist ein bestimmtes Alter nicht unbedingt ein Grund, um aufzuhören. Mein Berufsleben war bisher auf Ressourceneffizienz und nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen ausgerichtet. Als ich vor fast einem Jahr bekannt gab, dass ich in diesem Jahr die Deutsche Telekom verlasse, bin ich von verschiedenen Kollegen und Organisationen angesprochen worden, ob ich nicht bereit wäre, weiter beruflich tätig zu bleiben –  was ich in der Tat vorhatte. Als ich hörte, dass die DESERTEC Foundation auf der Suche nach einem weiteren Vorstand war, habe ich mich um die Stelle beworben und der Aufsichtsrat hat mich bestellt. Ich freue ich mich sehr auf die neue Aufgabe.
Ich verfolge die Aktivitäten der DESERTEC Foundation von Anfang an. Als ich 2009 die Nachricht der Gründung von DESERTEC aus der Presse entnahm, war ich buchstäblich elektrisiert. Als Chilene und Liebhaber der Atacama-Wüste konnte ich mir die Nutzung der Sonne zur Energiegewinnung in der Wüste sofort vorstellen. Und nun bin ich glücklich, selbst einen Beitrag leisten zu dürfen, um diese Idee in den Wüstenregionen der Erde voranzutreiben.

Welche Erfahrungen bringen Sie mit und wie können Sie diese die Arbeit der DESERTEC Foundation bereichern?

Campino: Seit 17 Jahren bin ich als Mitarbeiter der Deutschen Telekom im internationalen Klimaschutzprozess der Vereinten Nationen an der Suche nach einem globalen Abkommen zur Reduktion der CO2-Emissionen engagiert. Ich habe fast alle Klimaschutzkonferenzen der Vereinten Nationen besucht und verstanden, dass neben dem Einsatz für ein internationales Abkommen, konkrete Lösungen für die Dekarbonisierung der Energieversorgung entwickelt und zum Einsatz gebracht werden müssen. In diesen Jahren habe ich ein weitreichendes Netzwerk von Fachleuten und Entscheidern aufgebaut, die ich nun für DESERTEC nutzen möchte.
Ich verstehe sehr gut, wo die Hindernisse liegen und bin fest davon überzeugt, dass konkrete Lösungsansätze, wie DESERTEC sie vorschlägt, helfen könnten, die Blockaden zu lösen.

Welche Perspektiven sehen Sie für die DESERTEC Foundation und auf welche Schwerpunkte werden Sie im Vorstandsteam Wert legen?

Campino: Klimaschutz ist ein globales Thema, das nicht ein Land alleine lösen kann. Doch die Prämisse der seit rund zwei Jahrzehnten stattfindenden UN-Klimakonferenzen, dass der Beginn umfassender Klimaschutzmaßnahmen von einem weltweiten Konsens aller Staaten abhängig sein muss, führt uns in eine gefährliche Sackgasse. Die Welt emittiert heute mehr CO2 als je zuvor, während internationale Konferenzen kaum Fortschritte erreichen und die Einleitung der nötigen Schritte immer wieder verschoben werden. Dabei haben wir genügend sozio-ökonomische und sicherheitspolitische Argumente, um Menschen in Schlüsselregionen der Welt zu überzeugen, jetzt zu handeln!
Das DESERTEC-Konzept setzt auf heute verfügbare Technologien und es ist ein Lösungsansatz, der in vielen Regionen der Welt umgesetzt werden kann. Die DESERTEC Foundation hat bereits ein Netzwerk von Koordinatoren in 12 verschiedenen Ländern aufgebaut, um dort für die Umsetzung des Konzeptes zu werben. In Asien wurde erst kürzlich eine vom Japan-Koordinator der DESERTEC Foundation in die Wege geleitete Kooperation mit der Japan Renewable Energy Foundation (JREF) in Tokyo geschlossen. Nach Vorbild von DESERTEC soll der Bau eines „Asian Super Grid“ vorangetrieben werden, das ermöglichen soll, die besten Standorte für erneuerbare Energien in Ost-Asien zu erschließen und die Verbrauchzentren mit sauberem Strom zu versorgen.
Im Vorstandsteam gemeinsam mit meinen Kollegen Dr. Thiemo Gropp werde ich den von ihm eingeschlagenen Kurs der weltweiten Verbreitung von DESERTEC konsequent fortführen. Als gebürtiger Chilene steht Südamerika natürlich besonders in meinem Fokus. Dort will ich für Wüstenstrom werben und helfen, eine südamerikanische DESERTEC Initiative voranzubringen.
Grundsätzlich muss ich feststellen, dass sich die Idee der Nutzung der Sonnenenergie im Sinne von DESERTEC im Aufwind befindet. Für den Vorstand wird es nun wichtig sein, in den Regionen verstärkt aktiv zu werden, in denen die DESERTEC Foundation einen wesentlichen Beitrag zur Schaffung der notwendigen Rahmenbedingungen leisten kann.

Welche Rolle kann Südamerika beim Klimaschutz und der weltweiten Energiewende spielen und was kann die DESERTEC Foundation dabei positives bewirken?

Campino: Die Wirtschaft in vielen südamerikanischen Ländern floriert, die Bevölkerung wächst und die Menschen streben gerechterweise nach einem höheren Lebensstandard. Dies verlangt nach einer ausreichenden Energieversorgung. DESERTEC bietet die Möglichkeit, den Durst nach Energie zu stillen, ohne CO2-Emissionen zu verursachen. Diese Länder müssen nicht den Umweg der alten Industrienationen gehen. Sie haben die Möglichkeit, einen Quantensprung zu machen und auf neue Technologien zu setzen, die sie auch nach erfolgreicher Einführung selbst vermarkten können.
Man muss nicht nur auf die Atacama-Wüste schauen, es gibt genügend Regionen in Südamerika, die für die Nutzung von erneuerbaren Energien gut geeignet sind. Es wird aber an vielen Stellen harte Arbeit werden, die regionale Bevölkerung zu überzeugen, dass Erneuerbare eine gute Lösung sind. Insgesamt werden sie in Südamerika wenig genutzt. Dies hat nicht nur mit einer skeptischen Haltung gegenüber neuen Technologien, sondern auch mit den lokalen Rahmenbedingungen zu tun.
DESERTEC will nicht nur umweltfreundliche Energie, sondern auch Entwicklungsmöglichkeiten für die regionale Bevölkerung schaffen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass im Zuge des Baus von Solarkraftwerken Schulen zur Ausbildung junger Menschen im Bau und Installation von kleineren Solaranlagen für private Haushalte entstehen könnten. Man könnte aber auch an die Entsalzung von Meereswasser denken. Die kommende Rio+20 Konferenz zur "Nachhaltigen Entwicklung" wird natürlich Südamerika in den Fokus der Weltöffentlichkeit rücken und dadurch könnten neue Chancen für klimafreundliche Energiequellen entstehen.

Weitere Informationen
Das Ziel der DESERTEC Foundation ist die weltweite Umsetzung des DESERTEC-Konzepts, einer Lösung für Klimaschutz, Energiesicherheit und Entwicklung in der die energiereichsten Standorte der Welt genutzt werden, um nachhaltigen Strom aus erneuerbaren Energien zu produzieren.  Die sonnenreichen Wüsten dieser Welt spielen in diesem Lösungsvorschlag eine zentrale Rolle. In Europa, dem Nahen Osten und Nordafrika hat die gemeinnützige Stiftung bereits jahrelange Erfahrung gesammelt in der Verbreitung von Wissen in Gesellschaft und Politik über die ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Vorteile eines Übergangs zu erneuerbaren Energien.
Durch Projekte in Marokko, Ägypten und Tunesien sowie durch die Gründung des DESERTEC University Networks unterstützt die DESERTEC Foundation Wissenstransfer und Zusammenarbeit im Bildungsbereich. Die Stiftung fördert den Austausch und die Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft, wie beispielsweise durch die Gründung der Industrieinitiative Dii GmbH. Inzwischen ist die DESERTEC Foundation mit rund 30 Mitarbeitern sowie regionalen Netzwerk-Koordinatoren und einer großen Gemeinschaft von Unterstützern rund um den Globus aktiv. Weitere Informationen unter: www.desertec.org/de/

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