Direktvermarktung von Windstrom: Praktische Umsetzung kontrovers diskutiert

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Mit einer installierten Leistung von über 20.000 Megawatt (MW) stellt die Windkraft mittlerweile ein Siebtel der insgesamt in Deutschland vorhandenen Kraftwerkskapazität zur Stromgewinnung. Die Möglichkeit zur Direktvermarktung von Windstrom wird deshalb seit geraumer Zeit diskutiert, zum Beispiel im Rahmen einer Kopplung der Vergütungssätze an Spotmarktpreise. Konzepte zur konkreten Umsetzung sind bislang jedoch Mangelware, berichtet der Europressedienst Bonn (EuPD). Ansätze scheiterten an unterschiedlichen Interessen der Marktteilnehmer sowie fehlender Transparenz seitens der Politik. Anforderungen und Möglichkeiten der Direktvermarktung von Windstrom wurden erörtert auf der Fachveranstaltung „Einbindung der Windenergie in den Strommarkt“ in Hannover.
Die Veranstaltung, die organisiert wurde vom Haus der Technik, einem Außeninstitut der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen, gab rund 60 Experten Gelegenheit, die unterschiedlichen Vorstellungen aus Betreiber- und Stromversorgersicht kennen zu lernen.

Genauere Prognosen erforderlich
Wenn die installierte Windenergie-Kapazität, wie die Deutschen Energie Agentur (dena) prognostiziert, bis zum Jahr 2020 auf 48.000 Megawatt steigen sollte, werde die Unsicherheit bei der Netzplanung und Kalkulation der Strompreise für die Netzbetreiber zunehmen, so der EuPD. Daher werde die Erhöhung der Prognosegenauigkeit für die Windstärken als eine Voraussetzung für eine Direktvermarktung genannt.
Planungsschwierigkeiten ergäben sich zum Beispiel daraus, dass der Wind in Küstenregionen stärker weht als in den Ballungszentren, wo der meiste Strom verbraucht wird. Höhere Prognosesicherheit für die Netzplanung fordern nicht nur die E.on-Netz AG und Vattenfall Europe Transmission, in deren Verbundnetz rund 80 Prozent der Windenergieleistung erzeugt werden. Auch RWE und EnBW werden bei der Preis- und Netzplanung im Zuge des im § 14.1 des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) geregelten horizontalen Ausgleichs mit höheren Einspeisemengen aus Windkraftwerken rechnen müssen. Ab dem Jahr 2009 wird sich dieses Problem verschärfen, da mit der Inbetriebnahme großer Offshore-Anlagen in der Nordsee zu rechnen ist.

Hohe Anlagenverfügbarkeit und exakte Prognosen sind Voraussetzungen der Direktvermarktung
Als Voraussetzung für ein Direktmarketing von Windstrom bezeichnen Experten neben exakten Prognosen eine hohe Anlagenverfügbarkeit sowie die optimale Zusammenstellung der Anlagen (Pooling). Bislang beruhten die Vorhersagen zur Bestimmung der voraussichtlichen Windstärke auf einem einzigen statistischen oder physikalischen Modell. Eine Erhöhung der Prognosegenauigkeit erhofften sich Wissenschaftler des Unternehmens energy & meteo systems durch eine regelbasierte Kombination mehrerer Modelle von führenden Wetterdiensten rund um den Globus. In einem Projekt in Zusammenarbeit mit der RWE Transportnetz Strom GmbH konnten Vorhersagefehler für den kommenden Tag schon auf unter fünf Prozent gesenkt werden. Laut Ulrich Focken, geschäftsführender Gesellschafter von energy & meteo systems, gilt es, auf dem Weg zur Direktvermarktung auch, die Verfügbarkeit der Anlagen zu sichern und Risiken zu minimieren, zum Beispiel durch eine funktionierende Zusammenstellung des Anlagenportfolios.
Planungssicherheit bezüglich der Verfügbarkeit der Anlagen kann über Auskünfte der Anlagenbetreiber erreicht werden, beispielsweise über ein Internetportal. Komplizierter gestaltet sich das so genannte Pooling, bei dem spezialisierte Dienstleister die Einspeisungen verschiedener Erzeuger in einem virtuellen Kraftwerk bündeln müssen. Nach Aussage von Focken sollten sich dafür mindestens 100 Anlagen zusammenschließen. Der Vorteil dieses Zusammenschlusses von Windparks liege nicht nur in der Nutzung von Größenvorteilen bei der Vermarktung, sondern auch in einer Verteilung des Risikos im Sinne eines Portfolioeffektes. Zu beachten sei jedoch, dass die Güte der Vorhersage nicht unbedingt von der Anzahl der Anlagen im Portfolio abhäng, sondern von den Regionen und ihren unterschiedlichen klimatischen Bedingungen.

Direktvermarktung erst nach Auslaufen des EEG?
Selbst wenn diese Voraussetzungen geschaffen werden bleiben die Windanlagenbetreiber pessimistisch und bewerteten die ersten Ansätze zur Direktvermarktung von Windstrom skeptisch. Uwe Leonhardt, Vorstandsvorsitzender der Umwelt Management AG, sieht unter den derzeitigen Gegebenheiten mehr Risiken als Chancen für die Direktvermarktung. Planungssicherheit, wie sie das EEG biete, kann die Direktvermarktung seiner Meinung nach nicht garantieren. Er befürchtet, dass eine Finanzierung von Neuprojekten erheblich erschwert wird. Eine Option stellt für ihn die direkte Vermarktung im Rahmen eines überregionalen Poolings nach dem Ablauf der 20-jährigen Förderung durch das EEG dar.

Effizienz der Direktvermarktung bereits im Ausland demonstriert
Diese Perspektive für Deutschland sieht auch Klaus Meier, Vorstand der WPD AG in Bremen. Für ihn stellt die Direktvermarktung zudem eine Option zur Erschließung von Auslandsmärkten dar. Erfahrungen deutscher Unternehmen auf diesem Gebiet könnten der Forderung anderer Nationen gerecht werden, die Windstromerzeugung in die konventionelle Energieerzeugung einzubinden, so Meier. Aus diesem Grund plädiert er dafür, einen Teil des Windstroms aus der EEG-Förderung herauszunehmen und eine Eigenvermarktung zuzulassen. Voraussetzungen seien allerdings, neben der Rechtssicherheit durch das EEG, die Transparenz des Systems, der freie Zugang zum Vermarktungssystem sowie eine realistische Chance auf Mehreinnahmen bei kalkulierbarem Risiko. In der Praxis wurde die Effizienz der Direktvermarktung bereits im Ausland demonstriert. In Spanien besteht beispielsweise eine Wahlmöglichkeit für die Betreiber von Anlagen zur Nutzung erneuerbarer Energien, mit Blick auf einen fixen und variablen Anteil der Vergütung. Der Vergleich mit dem südeuropäischen Land ist allerdings nur begrenzt möglich. In Spanien ist der Windenergiemarkt größtenteils unter der Kontrolle von Großunternehmen, während der deutsche Markt mittelständisch geprägt ist. Risiken können hierzulande schlechter aufgefangen werden.

Viele offene Fragen und kein akutes Interesse an der Direktvermarktung
Die Bundesnetzagentur konnte noch keine eindeutige Aussage darüber treffen, ob die Zuständigkeit für die Direktvermarktung in die Hände des Bundesumweltministeriums oder in die eigene Zuständigkeit fällt. Diese noch offene Frage zeigt abermals, wie weit Deutschland noch von der praktischen Umsetzung der in Hannover diskutierten Ansätze entfernt ist. Eines sei jedoch klar, betont der EuPD: Bei aktuellen Börsenstrompreisen zwischen 20 und 30 € pro Megawattstunde an der European Energy Exchange (EEX) in Leipzig, hätten viele Windparkbetreiber kein akutes Interesse an der Direktvermarktung von Windstrom. Denn die Gestehungskosten für Strom aus Windkraft betragen laut EuPD derzeit mindestens das Doppelte. Thomas Pieper, Head of Analysis der RWE Trading GmbH, schlägt auch aus diesem Grund vor, neben der Kopplung der jetzigen Vergütung an die Spotpreise ein paneuropäisches Zertifikatesystem für alle erneuerbaren Energien einzuführen, das eine marktgerechte Nutzung garantieren soll. Derzeit existiert mit dem Renewable Energy Certificate System (RECS) ein europäisches System, von einer Harmonisierung der Förderung auf EU-Ebene ist man allerdings noch weit entfernt. Dies gilt wohl auch für die Direktvermarktung von Windstrom.

01.03.2007 | Quelle: Europressedienst Bonn | solarserver.de © EEM Energy & Environment Media GmbH

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