Die Dynamik des Photovoltaik-Marktes verändert sich schnell

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Sam Wilkinson ist Photovoltaik-Analyst bei IMS Research und Hauptautor mehrerer neuerer Berichte über verschiedene Aspekte der weltweiten Photovoltaik-Industrie. Während seiner Zeit in der Photovoltaik-Gruppe wurde er Chefanalyst für Wechselrichter-, Solarzellen- und Modulmärkte. Er arbeitet eng mit weltweit führenden Herstellern zusammen und forscht intensiv über diese Märkte.
Erst vor Kurzem war er verantwortlich für die Erstellung von Forschungsberichten und Marktindizes für Systemintegratoren und EPC-Unternehmen (Planung, Lieferung und Bau) weltweit. Damit deckt IMS Research die Wertschöpfungskette nun noch besser ab.

Solar Server: Laut einem neueren Bericht geht IMS Research davon aus, dass der Markt der Photovoltaik-Kraftwerke 2011 floriert und vor allem First Solar davon profitiert. Die Kosten für kristalline Silizium-Module sinken stetig. Glauben Sie, dass First Solar im Markt der PV-Kraftwerke langfristig mit Billigmodulen auf der Basis von kristallinem Silizium mithalten kann?
Sam Wilkinson: Dazu muss ich zunächst Verschiedenes anmerken. Die Perspektive verändert sich im Moment sehr schnell, weil sich die Nachfrage in einer Reihe von PV-Märkten ändert und viel Unsicherheit in diesen Schlüsselmärkten besteht, insbesondere in Deutschland, Italien und Frankreich. Dort stehen die Einspeisevergütungen unter Beschuss.
In diesen Märkten stehen größere Veränderungen an, manche sind bedenklich, manche eher Gerüchte, und einige werden sicher eintreten. Während wir hinsichtlich der deutschen und französischen Vergütungssätze klar sehen, wissen wir immer noch nicht endgültig, was mit den italienischen passiert. Außerdem ist immer noch sehr unklar, wie der Markt auf die Kürzungen in Deutschland zum 1. Juli reagiert und ob dies vorher zu einer erhöhten Nachfrage führt.
Die tragischen Ereignisse in Japan haben viele Länder dazu gebracht, ihre Atomkraft-Programme zu überdenken. Sogar Deutschland hat angekündigt, seine Kernkraftwerke früher abzuschalten als geplant. Diese Vorkommnisse machen die regenerative Stromerzeugung umso wichtiger und könnten dazu beitragen, dass die Photovoltaik stärker gefördert wird.
Daher haben wir noch keine Gewissheit, wie es weitergeht – die Situation ist im Moment etwas unsicher. Aber ich betone, dass die USA und China langfristig die vielversprechendsten Märkte sind. Wir erwarten, dass sie in ein paar Jahren die größten sein werden und dort PV-Großkraftwerke wirklich geschätzt und bevorzugt werden.

Solar Server: Warum die USA? Dort gibt es doch keine Einspeisevergütung.
Sam Wilkinson: In den USA geht die Dynamik sehr stark in Richtung Großkraftwerke. Wenn wir die beiden Hauptakteure betrachten, First Solar und SunPower, werden wir schnell sehen, dass ihre Auftragsbücher allein für Großanlagen für die nächsten paar Jahre recht voll sind.
Und das sind nur zwei Unternehmen. Der US-Markt für Photovoltaik-Großkraftwerke wird in den nächsten paar Jahren den Weltmarkt antreiben.
Um Ihre Frage zu First Solar zu beantworten: Wir brauchen nur seine Gewinnspannen mit jenen seiner Wettbewerber zu vergleichen, die mit kristallinen Modulen arbeiten. Dann zeigt sich, dass First Solar noch genügend Spielraum bei der Preisgestaltung haben wird, wenn dies erforderlich sein sollte.

Solar Server: Können Sie auch etwas zu anderen führenden Nationen sagen, zum Beispiel China?
Sam Wilkinson: Die chinesische Regierung hat sehr klar zum Ausdruck gebracht, dass sie die Solarenergie fördern will. China hat auch dafür gesorgt, dass die Systempreise so stark  gesunken sind. Meiner Meinung nach besteht deshalb keine Gefahr, dass plötzlich zurückgerudert wird. Auch eine abrupte und nicht absehbare Änderung der Einspeisevergütung ist eher unwahrscheinlich, wie dies in einigen europäischen Märkten der Fall ist, die bisher den Weltmarkt angeführt haben.

Solar Server: Es wurde viel darüber gesprochen, dass die sinkenden Modulpreise im ersten Quartal 2011 möglicherweise zu einer Marktbereinigung führen.

Wie beurteilen Sie die Lage jetzt? Ist dieses Quartal so schwierig wie manche befürchtet haben?
Sam Wilkinson: Nun, IMS hat zum Beispiel vorausgesagt, dass sich etwas Ähnliches ereignen wird wie derzeit in Italien. Aber ich glaube, niemand hat genau vorhergesehen, was da jetzt geschieht. Und das hat dazu geführt, dass die Nachfrage wesentlich höher geblieben ist, als noch zu Jahrsbeginn vermutet.
Wir stellen fest, dass momentan in Italien noch ganz viele Anlagen an das Netz angeschlossen werden, damit die Betreiber von der extrem großzügigen Einspeisevergütung profitieren. Und die Lage dort ist bekannt.
Die Frage ist, was geschieht, wenn die italienische Einspeisevergütung geändert wird. Das gilt auch für Frankreich und Deutschland. Tschechien ist ja schon von der Bildfläche verschwunden. Einige neue Märkte werden einen Teil davon auffangen, aber ich weiß nicht, wie sie die hohe Nachfrage in den genannten Ländern ausgleichen können.

Solar Server: In Bezug auf eine Marktbereinigung scheint mir, dass sich manche Unternehmen – ohne Namen zu nennen – weiterhin halten, obwohl sie von Quartal zu Quartal Verluste schreiben. Was sagen Sie dazu?
Sam Wilkinson: Ich erinnere mich noch gut an ein Interview mit einem Hersteller vor ein paar Jahren. Er bezeichnete den Photovoltaik-Markt als das "Land der lebenden Toten". Das war 2009, als der Markt komplett einbrach und viele Hersteller in eine sehr schlechte finanzielle Lage gerieten.
Und er kommentierte: “Warum gibt es all diese Unternehmen noch?“ Sie werden von Quartal zu Quartal schwächer.
Offensichtlich gehen unterschiedliche Unternehmen verschieden damit um. Der PV-Markt ist ein sehr optimistischer Markt. Viele sehen sehr positiv in die Zukunft, und mit diesem Optimismus erwarten sie, dass die Zukunft etwas Besseres bringt.
Jetzt kommt allmählich etwas Bewegung in die Sache, eine Art endgültiges Scheitern einiger dieser zugrunde gehenden Unternehmen. Im Laufe des nächsten Jahres wird sich die Lage stabilisieren. Wie Sie bereits erwähnten: Ich nenne keine Namen, aber einige dieser Unternehmen haben es mit der Strategie geschafft: "Wenn Du sie nicht schlagen kannst, schließe dich ihnen an“. Und sie haben ihre Produktion nach Asien ausgelagert.

Solar Server: Sie sind gerade erst von der Photovoltaik-Messe SNEC in Shanghai zurückgekommen. Würden Sie uns Ihre Eindrücke über neue Entwicklungen bei der Modulherstellung in Asien und in den asiatischen Märkten schildern?

Sam Wilkinson: Jeder, der zu der Messe nach China fuhr und mit dem ich sprach, war überwältigt, wie viele chinesische Modul- und Solarzellenhersteller es gibt. Das wirft wichtige Fragen hinsichtlich der weltweiten Nachfrage im nächsten Jahr auf, wenn die Änderungen der Vergütungssätze in Europa wirksam geworden sind.
Da muss man sich wirklich fragen, ob im Markt Platz für so viele Modulhersteller ist. Zumal der Anteil der größeren wächst.

Solar Server: Haben wir in Bezug auf die Zukunft der weltweiten Photovoltaik-Industrie noch etwas vergessen, was Sie gerne unseren Lesern mitteilen möchten?
Sam Wilkinson: Nein. Ausgehend von dem, was ich über chinesische Modulhersteller gesagt habe, und wie die kleineren von ihnen um Marktanteile kämpfen – sie werden nach und nach von den führenden Herstellern aufgefressen – beobachten wir den sehr beeindruckenden Markteintritt großer, in der Elektronikbranche etablierter taiwanesischer und koreanischer Unternehmen wie Samsung, LG, Taiwan Semiconductor oder AUO. Sie betreten den Markt mit sehr viel Kapital und können schnell in großen Mengen zu niedrigen Kosten produzieren.

Das Interview führte der internationale Solarserver-Korrespondent Christian Roselund.

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