Mythos Bankability: Bankfähigkeit als Erfolgsgarant für die Photovoltaik-Projektfinanzierung in Deutschland

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Seit der Finanzkrise 2008/2009 entwickelt sich die so genannte Bankability zu einem weltweiten Schlüsselfaktor für die Finanzierung von Photovoltaik-Projekten. Damit sich deutsche Unternehmen klar von ihren internationalen Wettbewerbern differenzieren können, sind die Marktakteure gezwungen, die Finanzierungskriterien für PV-Projekte noch stringenter umzusetzen und Bankability aktiv zu managen, das heißt die Kriterien einzuhalten und bei Bedarf neu zu definieren.
Um herauszuarbeiten, welche Kriterien Kapitalgeber ihren Investitionsentscheidungen zugrunde legen und welche Bedeutung Bankability hierbei einnimmt, führten die COLEXON Energy AG und goetzpartners die Studie „Bankability als Erfolgsgarant für die PV-Projektfinanzierung in Deutschland“ durch. Der Solarserver veröffentlicht eine Kurzfassung mit freundlicher Erlaubnis von goetzpartners. Bankability: Mehr als eine bloße Philosophie
Ein erstes Ergebnis der Studie ist, dass die Einschätzung der Bankability durch die verschiedenen Zielgruppen deutlich zeigt, dass es dabei um mehr als um eine bloße Philosophie geht. Bankability ist ein Maßstab für die Attraktivität, Finanzierbarkeit, Preisstellung und Zukunftserwartung von PV-Projekten.

Die „Bankability-Hürde” managen und meistern
Da Bankability eng mit Qualität in Verbindung steht und Qualität ein Differenzierungskriterium ist, muss Bankability von allen betroffenen Parteien aktiv gemanagt werden, so das Fazit der Studie.
Dabei geht es darum, die Bankability-Hürde aufzubauen, zu erreichen und zu überwinden. Oder die Bankability-Kriterien sogar auf ein neues Niveau zu heben, damit sie wieder als Differenzierungskriterium taugen.
In der aktuellen Finanz- und Wirtschaftslage wird das Meistern der „Bankability-Hürde” für viele Marktteilnehmer noch einmal wichtiger und teilweise auch schwieriger werden, so die Studie.

Enormes Photovoltaik-Wachstum auf Dächern und Freiflächen
Photovoltaik-Projekte haben in den letzten Jahren in Deutschland einen regelrechten Boom erfahren, nicht zuletzt begünstigt durch vorteilhafte politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Als Haupttreiber des PV-Marktes zeichnet Deutschland seit 2004 für durchschnittlich 50 Prozent der globalen PV-Nachfrage verantwortlich. Zwischen 2008 und 2010 stiegen die Neuinstallationen in Deutschland jährlich sogar um mehr als 102 Prozent.
Obwohl das Wachstum in Deutschland vor allem durch das so genannte Aufdach-Segment getrieben wird (über 80 Prozent aller Neuinstallationen wurden 2010 auf Dächern installiert), ist Deutschland bislang auch der größte Markt für Freiflächenanlagen weltweit (>1MW). Mit 1,4 Gigawatt (GW) neu installierter Kapazität ist dieses Marktsegment aktuell größer als das gesamte Volumen der beiden künftigen Wachstumsmärkte USA und China zusammen – und dient somit als Vorbild für diese Märkte.Nicht einmal die Finanzkrise und geänderte regulatorische Rahmenbedingungen konnten diese Entwicklung bisher eindämmen: Finanzinvestoren haben nach wie vor großes Vertrauen in die deutsche PV-Industrie, da Deutschland der reifste Markt mit den weltweit erfahrensten Marktteilnehmern ist und über große Installationskapazitäten verfügt.

Bankability wird zum Schlüssel der Projektfinanzierung
Doch auf den zweiten Blick hat die Finanzkrise ihre Spuren hinterlassen. Zwischen 2008 und 2009 trockneten die Kreditmärkte als Folge des Zusammenbruchs bedeutender Spieler im Finanzmarkt quasi aus. Dies führte auch in der PV-Industrie zu strengeren Maßstäben bei der Kreditvergabe, und die Banken begannen, sich die Rosinen herauszupicken, also die interessantesten und qualitativ hochwertigsten Projekte.2009 wurden 162 Milliarden US-Dollar in erneuerbare Energien weltweit investiert, wobei sich die projektbasierte Finanzierung für die Nutzung erneuerbarer Energien auf 101 Milliarden US-Dollar oder 62 Prozent Anteil an den weltweiten Transaktionen belief.
Die Finanzierungskosten blieben auf mehr oder weniger gleichem Niveau: Einerseits wuchsen sie aufgrund ebenfalls gestiegener Liquiditätskosten. Auf der anderen Seite gingen sie zurück, da die Modulpreise aufgrund der hohen Lagerbestände sanken.
Der Maßstab bei allen: Bankability. Dieses Kriterium nimmt eine immer wichtigere Rolle ein und entwickelt sich zum Schlüsselfaktor für die Projektfinanzierung. Doch was bedeutet Bankability?

Unterschiedliches Verständnis von Bankability
Bisher wird Bankability noch unterschiedlich definiert:
• Für Banken steht ein stabiler Cashflow im Vordergrund, ebenso wie verlässliche Markt- und Rahmenbedingungen. Auf dieser Basis lassen sich Risiko und Erfolgswahrscheinlichkeit von Projekten gut einschätzen.
• Für Kapitalgeber ist Bankability ein Maßstab für die Rentabilität ihrer Investments oder ihre Portfolio-Strategien. Das Kapital kommt in der Regel von den Projektinitiatoren selbst oder von Dritten wie Projektentwicklern, Stadtwerken, institutionellen oder privaten Anlegern. In der Regel bevorzugen Investoren reife Projekte mit geringem Risiko. Einige setzen jedoch gezielt auf Projekte in einem frühen Stadium und somit riskantere Investitionen, entsprechend ihrem Geschäftsmodell. Die größte Rolle spielt jedoch ein verlässliches Markt- und Regulationsumfeld.
• Für Initiatoren von PV-Projekten ist in erster Linie die Kommunikation mit ihren Zielgruppen ausschlaggebend, um ihre Projekte und die Qualität der verwendeten Komponenten in das rechte Licht zu rücken. Hat das Projekt den Bankability-Status erreicht, wird Kapital günstiger und somit leichter zugänglich, und das zu finanzierende Projekt gewinnt entscheidend an Image und Relevanz.Das unterschiedliche Verständnis zeigt deutlich die Vielschichtigkeit der Bankability als Qualitätsmaßstab. Um sie als allgemeingültiges Kriterium zu etablieren, ist jedoch ein einheitliches Verständnis erforderlich, das die unterschiedlichen Interessen und Strategien der Marktteilnehmer vereint.

Dimensionen der Bankability

Beispielkriterien

1. Unternehmensprofil

Größe (z.B. Umsatz, Marktkapitalisierung), internationale Erfolge, Position in der Wertschöpfungskette (Produktion, Vertrieb), Rechtsform, Organisations- und Führungsstruktur, Alter des Unternehmens

2. Finanzielle Stärken

Wichtige Leistungsindikatoren (z.B. Bilanz), Provisionen, Aktionärsstruktur, Investoren, Investitionen

3. Produktion und Produkttechnologie

Produktionsstätten, Größe und Ausstattung (Hersteller, Wartungszeiträume), Betriebsstoffe, Produktionsleistung und -volumen, Auslastung, Qualitäts- und Umweltmanagement, Zertifikate, Kosteneinsparungspotenzial, Hersteller, vertikale Integration

4. Leistungsnachweis

Projektportfolio, Erfolge / Referenzen, Umsetzung, Produktionsbeschleunigung und -effizienz

5. Verkauf und Service

Zuverlässigkeit der Lieferung, Schadenquote und Führungsprozess, Vertriebsnetzwerk und -kanäle, Produktgarantien, Haftungen, Versicherungen

6. Wahrnehmung der Bankability

Wahrnehmung, Ruf, Markenname, Erfahrung, Know-how. Qualifiziertes Personal, (exklusive) Partnerschaften mit Banken, Investoren usw.

Abb. 4: Dimensionen der Bankability-Kriterien für Marktteilnehmer

Bankability auf dem Weg zum Standard; Differenzierungsvorteil geht verloren

Da PV-Module bei Solarprojekten die wichtigste Rolle spielen, genießen sie im Rahmen der Projektplanung die höchste Aufmerksamkeit. Der PV-Modulmarkt wird zunehmend international, mit verstärkter Ausrichtung der Wertschöpfungskette auf China. Dies liegt an den Kostenvorteilen und der Ausnutzung von Skaleneffekten in der Produktion sowie dem Bestreben chinesischer Hersteller, ihre Vertriebskanäle internationaler auszurichten.
Mehr und mehr führende chinesische Hersteller schaffen es inzwischen, die Bankability-Hürde zu überwinden, und streben danach, sich zu differenzieren. Sie wollen mit westlichen Wettbewerbern Schritt halten und ihre Margen steigern. Bankability ist also auf dem besten Weg, international zum Standard zu werden. Der Differenzierungsvorteil für Unternehmen, die Bankability bereits in den Kinderschuhen für sich entdeckt haben, geht langsam verloren.

Was ist also zu tun?

Bankability hat zwar für alle Stakeholder eine unterschiedliche Bedeutung. Jedoch gilt es, die jeweiligen Kriterien zu erfüllen, um von Banken und Investoren auf die „weiße Liste" gesetzt zu werden und somit leichten Zugang zu notwendigem Kapital zu bekommen. Die Akteure kennen die Kriterien und müssen somit aktiv daran arbeiten, sie zu erfüllen oder diese sogar zu verschärfen und somit als Differenzierungskriterium im internationalen Wettbewerb zu nutzen.

Modulhersteller

Projektentwickler

Zertifizierung und Prüfung

·         Zertifizierung (z.B. TÜV, VDE, IEC, ISO)

·         Produkttests, die über den Standard hinausgehen (z.B. 2.000 Stunden in der Klimakammer)

·         Weitere freiwillige Tests (z.B. Öko-Test, PV+Test)

·         Teilnahme an der Entwicklung branchenweiter Prüfkonzepte

Beziehungen

·         Beziehungen zu Sponsoren und Investoren ó Werbeveranstaltungen und Bankability-Events

·         Entwicklung neuer Kommunikationsstrategien

·         Exklusive Partnerschaften mit Premium-Modulherstellern / Marken

Vertriebsaspekte

·         Ständiger Fokus auf Erfolge (langfristige Ertragsdaten)

·         Etablierte und neue Modultypen mischen

·         Marktengpässe erkennen, um neue Module zu platzieren

·         Werbeveranstaltungen und Bankability-Events mit Banken und Investoren

Vertriebsaspekte

·         Ständiger Fokus auf Erfolge (Projektportfolio)

·         Marktengpässe erkennen, um Projekte zu platzieren

 

Weitere Aspekte

·         Stetige Verbesserung von Effektivität und Effizienz

·         Finanzielle Zähigkeit beweisen

Weitere Aspekte

·         Originalhersteller-Strategien, um kleinere Hersteller zu platzieren

Markteintrittsstrategie

·         Erfolge entwickeln: Treuhandkonto als Sicherheit, selbstfinanzierte Projekte, Projektrückkauf

Markteintrittsstrategie

·         Bottom-Up-Strategie: sich einen Namen im Geschäftsfeld private Solarstromanlagen machen, in dem Bankability weniger wichtig für die Finanzierung ist

Abb. 5: Strategien zum aktiven Bankability-Management durch Modulhersteller und Projektentwickler


Zur Methodik der Studie
Die Studie wurde durchgeführt von der COLEXON Energy AG und goetzpartners, in Zusammenarbeit mit dem Institut für Wirtschaft und Ökologie (IWÖ-HSG) der Universität St. Gallen, dem Centre for Sustainability Management (CSM) der Leuphana Universität Lüneburg und dem Nordic International Management Institute (NIMI) in China.
Ergänzend zur Analyse bestehender Marktdaten und Projekterfahrungen basiert die Studie auf 20 Tiefeninterviews mit Experten in Deutschland und China zwischen September 2010 und Januar 2011. Befragt wurden Investoren, Projektentwickler, Serviceanbieter, Modulhersteller und Banken.

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