Versorger erwärmen sich für Solarthermie

Das Fundament für den 2000 Kubikmeter großen Solar- und Multifunktionsspeicher der Stadtwerke Ludwigsburg-Kornwestheim ist bereits fertig. Foto: Guido Bröer§Seit vielen Jahren ist das solare Wärmenetz der Stadtwerke Crailsheim Ziel von Besuchergruppen. Eine Exkursion des 3. Forums Solare Wärmenetze brachte auch zahlreiche Vertreter von Versorgungsunternehmen hierher. Foto: Guido Bröer§Solarthermieanlage von Vattenfall in Köpenick. Foto: Guido Bröer
Deutschlands Stadtwerke entdecken die Solarthermie. Zunehmend entstehen auch in urbanen Räumen große Kollektoranlagen für die Fernwärme. Stabile Wärme­preise, Langlebigkeit und Klimaschutz sprechen aus Sicht der Versorger für die Technologie.
Deutschlands Stadtwerke entdecken die Solarthermie. Zunehmend entstehen auch in urbanen Räumen große Kollektoranlagen für die Fernwärme. Stabile Wärme­preise, Langlebigkeit und Klimaschutz sprechen aus Sicht der Versorger für die Technologie.
Seit dem 21. Juni liegt die Baugenehmigung für Deutschlands bald größte Solarthermieanlage vor. Nun können auf dem Ludwigs­bur­ger Römerhügel die Bagger anrücken. Solarkollektoren mit einer Gesamtflä­che von 14.800 Quadratmetern wird der Hersteller Arcon-Sunmark hier in den kommenden Monaten platzieren.
Bezogen sich in den vergangenen Jahren die meisten Meldun­gen über neue solare Wärmenetze auf ländliche Solar-Bioenergiedörfer von Bürger­ener­gie­gesellschaf­ten, so beweist das Ludwigsburger Projekt nun endgültig, dass auch klassische Fernwärmebetreiber in urbanen Ballungsräumen Solarthermie als nachhaltige und kostengünstige Wärmequelle entdeckt haben.
Die Reihe der Stadtwerke, die Multimegawatt-Anlagen planen, bauen und betreiben, wird immer länger. Allein in diesem Jahr wurden und werden neben Ludwigsburg noch mindestens drei weitere Anlagen im Megawattmaßstab  von Stadtwerken fertiggestellt: in Erfurt 1700 m2, Halle 5000 m2 und (siehe Seite 10) in Bernburg 8600 m2. Weitere konkrete Planungen sind aus Städten wie Greifswald, Kempen, Hennigsdorf, Neubrandenburg und Potsdam be­kannt, während sich eine ganze Reihe weite­rer Stadtwerke mit ihren Plänen noch bedeckt halten. Die Teilnehmerlisten einschlägiger Veranstaltungen, wie des „Forums Solare Wärmenetze“, das Anfang Juni zum dritten Mal in Stutt­gart stattfand, sprechen jedenfalls für ein stark wachsen­des und immer konkreteres Interesse der kommunalen Fern­wärmeversorger an der Solarthermie.
Seit vielen Jahren ist das solare Wärmenetz der Stadtwerke Crailsheim Ziel von Besuchergruppen. Eine Exkursion des 3. Forums Solare Wärmenetze brachte auch zahlreiche Vertreter von Versorgungsunternehmen hierher. Foto: Guido Bröer
Vorreiter der Entwicklung waren Kommunen wie Neckarsulm (5700 m2) und Crailsheim (7400 m2), deren Stadtwerke innerhalb von Forschungs- und Demonstrationsprojekten mit großzügiger öffentlicher Unterstützung schon Anfang der 2000er Jahre sehr große Solarthermieanlagen mit Sai­sonal­spei­chern für Öko-Quartiere errichte­ten. Die Anlagen beweisen bis heute, dass Solarthermie gerade im großen Maßstab technisch ausgereift und eine lang­fristig sichere Investition ist. Viele Probleme, die von kleineren Anlagen bekannt sind, wie etwa die Stagnation des Solarkreislaufs bei Überschuss­wär­me im Sommer, können bei fernwärmegekoppelten Anlagen oder solchen mit Langzeitwärmespeicher gar nicht erst auftreten.
Trotz der guten Erfahrungen entstanden nach der Pionierphase Anfang der 2000er Jahre kaum neue große Solarthermieprojekte in Deutschland, während das Nachbarland Dänemark einen regelrechten Solarthermieboom in der Fernwärme erlebte.
Überzeugende Erträge
Der Wendepunkt kam erst mit der 8300-m2-Anlage der Stadtwerke Senftenberg, die 2016 ans Netz ging und seitdem die einst prognostizierten Ertragserwartungen Jahr für Jahr übe­r­trifft. Dass hier im Jahr 2018 angesichts des Rekordsommers sogar ein Viertel mehr Solarwärme ins Netz eingespeist wurde als vorausgesagt, mag nicht verwun­dern. Die Betriebswirte in Versorgungsunternehmen interessieren sich indessen mehr dafür, wie sich dies auswirkt auf die kalkulierten Wärmekosten. Pro solare Megawattstunde schnitt die Senftenberger Anlage nach Berechnungen des Herstellers Ritter XL in den ersten beiden vollen Heizperioden um 12,4 Prozent besser ab als vorausberechnet. Bei heutigen, weiter gesunke­nen Anlagenpreisen, beim üblichen Bundeszuschuss von 45 Prozent und bei einer kalkulierten Nutzungsdauer von 25 Jahren ergäbe sich laut Rolf Meißner von Ritter XL für die Senftenberger Anlage ein empirischer Wärmepreis von 1,72 Cent pro Kilowattstunde einschließlich aller Nebenkosten.
Bislang bewahrheitet sich also die Devise des Senftenberger Stadtwerke-Chefs Detlef Moschke, der ein ums andere Mal betont, die Solaranlage allein aus wirtschaftlichen Gründen gebaut zu haben. Das macht den Unterschied zu früheren Demonstrationsprojekten, wo es weniger um Ökono­mie als um Ökologie ging. Und gerade mit seiner rein wirtschaftlichen Argumentation macht Moschke Kollegen in der Versorger-Bran­che hellhörig. Exkursio­nen des Fernwärmeverbandes AGFW nach Senf­ten­berg sind stets ausgebucht.
Energiekonzern ist zufrieden
Auch Berlin-Köpenick, wo der Vattenfall-Konzern direkt neben seinem Heiz­werk seit einem Jahr eine 1000-m2-Flachkollektoranlage des dänischen Marktführers Arcon-Sunmark be­­treibt, hat sich inzwischen zur Pilger­stätte für Fern­wärmeexperten ent­wickelt. Im Unterschied zu Senftenberg, wo die Kollektoren während des weit überwiegenden Teils ihrer Betriebsstunden in den mehr als 95 Grad heißen Vorlauf des zentralen Wärmenetzes einspeisen, fließt die Solarwärme in Köpenick ausschließlich in den kühleren Rücklauf.
Solarthermieanlage von Vattenfall in Köpenick. Foto: Guido Bröer

Vorlaufeinspeisung ist bei Fernwärmebetreibern zwar in der Regel belieb­ter, der Effizienz der Kollektoren sind die niedrigeren Arbeitstempe­ra­turen im Rücklauf freilich zuträglich. Und so kann auch Thomas Jänicke-Klingen­berg, bei Vattenfall unter anderem verantwort­lich für die beschlossene Dekarbonisierung der Fern­wärme, auf sehr gute Betriebser­geb­­nisse ver­wei­sen. 520 Megawattstunden (MWh) statt der er­war­­teten 440 MWh lieferte das Köpenicker Solarfeld im ersten Betriebs­jahr. Es lag damit 18 Prozent über den Prognosen. 
Die Themen, die den Energiekon­zern Vattenfall umtreiben, der sein Berliner Wärmenetz bis 2030 kohlefrei und bis 2040 erdgasfrei betreiben will, ste­hen auch bei anderen Wärmeversor­gern auf der Tagesordnung. Nach Vorgaben aus Brüssel müssen alle Fernwärmenetzbetreiber ab 2020 Jahr für Jahr den Anteil von erneuerbaren Energien im Netz um mindestens 1 Prozent steigern. Solarthermie steht deshalb bei immer mehr Versorgern auf der Agenda.
In städtischen Ballungsräumen erscheint zwar das Finden geeig­neter Flächen fast immer als Problem. Allerdings gibt es dafür bei systematischer Flächensuche und frühzeitiger Beteiligung der maßgeblichen Behör­den oft gute Lösungen. Für kleinere Anlagen findet sich – ähnlich wie in Köpenick – häufig schon auf Flächen der Ver­sorger ein Plätzchen. So konnten die Stadtwerke Erfurt im Mai in unmit­telbarer Nachbarschaft bestehender Fernwärmeleitun­gen gleich zwei Solar­thermie­anlagen einweihen. Mit einer Vakuumröhrenkollektoranlage (1155 m2) von Ritter XL und einem Flachkollektorfeld (550 m2) des öster­reichischen Anbieters Solid wollen sie testen, welche Technologie für künftig geplante, wesentlich grö­ßere Solarprojekte in Frage kommt.
Auch in Halle wird die Stadtwerke-Tochter Energieversorgung Halle (EVH)  für die Solarisierung ihres Fernwärmenetzes eine eigene Fläche von rund einem Hektar verwenden, die bislang als Freilager für Materialien genutzt wurde. Für 374 Großflächenkollektoren ist da­rauf Platz, die zusammen eine Bruttokollektorfläche von 5091 m2 haben werden. Der Kommunalversorger sieht darin nur einen Anfang: „Die Größe der Anlage und deren Bedeutung für den Fernwärmebedarf bieten eine optimale Möglichkeit, für weitere Projekte Erfahrungswerte zu erwerben“, heißt es von Seiten der Stadtwerke-Pressestelle.
Integration in den Grüngürtel
Von den Stadtwerken Ludwigsburg-Kornwestheim, die jetzt die 14.800 m2 große Solarthermieanlage bauen, wur­de das Flächenthema besonders ele­gant gelöst. Die 1088 Kollektoren pflanzen sie auf einer Altlasten-Fläche un­weit ihres seit 10 Jahren existie­renden Biomasse-Heizwerkes. Nicht nur die kurze Anbindeleitung spricht für diesen Standort. Vielmehr dient die künftige bunte Wiese zwischen den Kollek­toren sogar als Lückenschluss für den geplanten Grüngürtel rings um Ludwigsburg. In dessen Verlauf wird auch ein Spazierweg mit Energielehr­pfad am Kollektorfeld ent­lang geführt.
Dass im fortgeschrittenen Planungsstadium plötzlich streng ge­schütz­­te Zaun- und Mauer­eidechsen auf der geplanten Solarfläche entdeckt wurden, durchkreuzte zwar die Zeitplä­ne. Die Verant­wortli­chen nahmen es allerdings als Herausforderung. Für die Reptilien wur­den in der Nähe neue Habi­tate aus Steinen und Altholz geschaffen. So konnte nach gelungener Umsiedlungsaktion jetzt die ersehnte Baugenehmigung an die Stadtwerke erteilt wer­den. Und nach den Unterkünften der wärmeliebenden Rep­­ti­lien wird die Sonne bald auch menschliche Habitate beheizen.
Text und Fotos: Guido Bröer

Dieser Artikel erschien zuerst in der Zeitschrift Energiekommune 7/2919 in einem Sonderteil des Projektes Solnet 4.0 (twitter.com/solnetz)
5.7.2019 | Quelle: Energiekommune | solarserver.de © EEM Energy & Environment Media GmbH

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