Tiefengeothermie ist in Kommunen auf gutem Weg
Foto: DMT GroupDerzeit ploppen häufiger als zuvor Meldungen zur Tiefengeothermie auf: So baut die Innovative Energie für Pullach GmbH (IEP) für 80 Millionen Euro eine zweite Geothermie-Bohrstelle. Aus einer Tiefe von vier bis fünf Kilometern will das Unternehmen künftig 120 Grad heißes Tiefenwasser fördern. In Neuruppin wollen die Stadtwerke ab Frühjahr 2027 einen Großteil der Fernwärme mit Geothermie erzeugen. Sie investieren rund 32 Millionen Euro in das Projekt, um bis zu 9.000 Haushalte zu versorgen. Die GeoHardt GmbH, ein Gemeinschaftsunternehmen der beiden Energieversorger EnBW und MVV, hat den Standort für ein neues Tiefengeothermie-Heizwerk in Schwetzingen bekanntgegeben. Und es gibt eine Reihe weiterer Beispiele.
Beschleunigung bei Geothermie
Den gewachsenen Zuspruch bestätigt auch Florian Stanko vom Bundesverband Geothermie. 40 Jahre habe es gedauert, um ab 1984 in ganz Deutschland 45 Tiefengeothermieanlagen an den Start zu bringen. Doch nun seien in kurzer Zeit rund 180 Aufsuchungserlaubnisse für geothermische Projekte beantragt worden. „Die werden nicht alle erfolgreich sein“, sagt Stanko. Die große Zahl zeige aber eine deutliche Dynamik. „Ein positiver Trend ist zu erkennen.“
Kommunales Bergrecht sichern
Eine bergrechtliche Aufsuchungserlaubnis ist ein exklusives Recht nach dem Bundesberggesetz (BBergG). Sie erlaubt, in einem festgelegten Gebiet nach bestimmten Bodenschätzen wie Erdöl, Erdgas, Lithium oder eben Erdwärme zu suchen und diese dann auch zu nutzen. In der Regel beantragen Stadtwerke und Tiefengeothermieunternehmen eine solche Erlaubnis. Anträge direkt von Kommunen sind eher selten, aber auch sie sind möglich. So kann eine Kommune sich etwa das Bergrecht sichern, um Voruntersuchungen wie die Seismik oder die deutlich günstigere Gravimetrie vornehmen zu lassen. Der Vorteil: die Kommune sichert sich damit die Flächen. Es kann sonst passieren, wenn zum Beispiel die kommunale Wärmeplanung auf ein Potenzial für die Tiefengeothermie hindeutet, dass sich ein Unternehmen die Bergrechte sichert und die Stadt oder Gemeinde keinen Zugriff mehr darauf hat.

Dieser Artikel ist original in der Zeitschrift Energiekommune erschienen. Bestellen Sie jetzt ein kostenloses Probeabo mit drei Ausgaben!
Tiefe Geothermie erfordert hohe Investitionen
Tiefengeothermie kann sehr wirtschaftlich und attraktiv für die Fernwärmeversorgung sein. Das zeigen etwa die vielen Projekte der Stadtwerke München schon seit einigen Jahren. Doch kleinere Stadtwerke, die noch keine Erfahrung haben, oder Kommunen, die solche Projekte anstoßen wollen, sehen sich bei der Tiefengeothermie mit großen Herausforderungen konfrontiert. Schon eine 3-D-Seismik, die meist erforderlich ist, um eine genaue Einschätzung des Untergrunds zu erhalten, kostet – je nach Größe des Aufsuchungsfeldes – einige Millionen Euro. Und beim eigentlichen Tiefengeothermie-Projekt ist ein niedrig zweistelliger Millionenbetrag zu investieren.
Rolf Bracke will daher lieber von einem „Frühphasen-Trend“ bei der Tiefengeothermie sprechen. Er leitet zusammen mit Prof. Mario Ragwitz die Fraunhofer-Einrichtung für Energieinfrastrukturen und Geotechnologien IEG. Zuvor baute er schon seit 2003 das Internationale Geothermiezentrum Bochum auf, das 2020 in das IEG überführt wurde.
Geothermie oft als einzige regenerative Option
In der Frühphase, zu der er Machbarkeitsstudien zählt, seien die Investitionen überschaubarer, erläutert Bracke gegenüber Energiekommune. Und hier sei unbedingt von einem Trend zu sprechen. Immer mehr Stadtwerke, Wärmegesellschaften und Kommunen befassten sich mit der Tiefengeothermie, so Bracke. Und das machten sie nicht nur für die Galerie, sondern mit großer Ernsthaftigkeit. Denn die Tiefengeothermie sei häufig die einzige nennenswerte regenerative Option zur Wärmeversorgung. „Viele Stadtwerke merken inzwischen, dass Wasserstoff für sie keine Lösung ist“, betont Bracke.
Allerdings ist der Wissensstand – etwa zu den geologischen Strukturen – nicht überall gleich. Und auch die Anfangsinvestitionen sind ein Problem. Eine Bohrung, die nicht erfolgreich ist und über die keine ausreichende Wärme zu fördern ist, kann für ein kleines Stadtwerk existenzgefährdend sein. Um dem entgegenzuwirken, gibt es inzwischen Absicherungen. So bietet die KfW Bank zusammen mit der Münchener Rück ein Programm zur Absicherung des Fündigkeitsrisikos – das soll die Risiken solcher Projekte deutlich abschwächen.
Bracke fände aber einen revolvierenden Fonds besser. Der würde mit Geld vom Bund oder einem Land ein Tiefengeothermieprojekt vorfinanzieren. Ist es erfolgreich, so könnten die Betreiber der Anlage, zum Beispiel ein Stadtwerk, die Kosten selbst übernehmen und das Geld in den Fonds zurückfließen lassen, sagt Bracke.
So habe es die KfW bereits in Ostafrika erfolgreich gemacht. Und die IEG habe auf ähnliche Weise mit Unterstützung des Landes Nordrhein-Westfalen im Aachener Raum die Chance, die Tiefengeothermie zu entwickeln. Im nächsten Schritt könnten dann Unternehmen, die im Wärmesektor tätig sind, das Projekt von seinem Forschungsinstitut übernehmen, erläutert Bracke.
Noch zu wenig Wissen über Tiefengeothermie
Eine zweite Hürde, um die Tiefengeothermie zum starken Trend zu machen, ist die Unerfahrenheit. In Deutschland gebe es Hunderte eher kleine kommunale Unternehmen. Denen fehle bei der Tiefengeothermie die Expertise, so Bracke. Er sieht dafür vor allem zwei Lösungswege. Unternehmen könnten sich zusammentun, um gemeinsam ein Unternehmen zu gründen, das die Tiefengeothermie erschließen könne. Als Beispiel für ein solches Unternehmen, das bislang in anderen Wirtschaftsbereichen aktiv ist, nennt er den Stadtwerkeverbund Trianel. Eine andere Möglichkeit sieht er in „nationalen Champions“, großen Unternehmen wie Eon und Iqony, die solche Projekte realisieren und kommunalen Gesellschaften die Wärme verkaufen könnten.
Beide Konzerne sind gerade in ein Projekt im Ruhrgebiet eingestiegen. Mit von der Partie sind außerdem die Deutsche Erdwärme, die Fernwärmeversorgung Niederrhein und die Hertener Stadtwerke. Ziel des Vorhabens ist die Dekarbonisierung der Wärmeversorgung der Metropolregion Ruhr. Die Projektbeteiligten planen – unter dem Vorbehalt der fusionskontrollrechtlichen Freigabe durch die Kartellbehörden – die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens, das das geothermische Potenzial in der Region für die Fernwärme erschließen soll. Zuvor stehen allerdings zunächst die ersten Untersuchungen an.
Der Masterplan Geothermie des Ministeriums für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen unterstreicht das Potenzial aus der Tiefe. Er geht davon aus, perspektivisch bis zu 20 Prozent des gesamten Wärmebedarfs in Nordrhein-Westfalen durch Geothermie zu decken.
Folge man den Landesplänen und auch den für die Bundesebene formulierten Zielen, so führe dies zu Hunderten von Bohrungen, sagt Bracke. Das sei keineswegs unmöglich. Schon in den 1960er Jahren seien in Deutschland jedes Jahr 800.000 Meter gebohrt worden – auf der Suche nach Erdgas. Und jetzt sei es wichtig, für die Tiefengeothermie in einer Phase der Industrialisierung des Bohrens hineinzukommen, erklärt Bracke. Das führe zu Kostensenkungen. Und es ermögliche auch den Portfolio-Gedanken, der letztlich auch eine gute Alternative zu Versicherungen sei: Wenn ein Gemeinschaftsunternehmen Dutzende von Bohrungen vornehme, sei es kein ökonomisches Problem, falls wenige davon nicht erfolgreich seien.
Tiefe Geothermie ist häufiger möglich als gedacht
Bracke ist außerdem davon überzeugt, dass an vielen Stellen in Deutschland die Tiefengeothermie erschlossen werden könne. Wenn die geologischen Strukturen dafür nicht ohne Weiteres geeignet seien, dann eben über andere Verfahren wie das Enhanced Geothermal System (EGS). An einem solchen arbeitet die IEG gerade bei einem Projekt in Schweden. Bracke ist es wichtig, dass die Tiefengeothermie in mehr kommunalen Wärmeplanungen eine Rolle spielen sollte. Häufig werde die Technologie recht schnell aussortiert, weil das Wissen bei kommunalen Akteuren und auch Dienstleistern nicht ausreiche, um das Potenzial im Untergrund einzuschätzen.
Stanko sieht ebenfalls die Notwendigkeit gut aufzuklären. „Die Tiefengeothermie scheint nicht naheliegend.“ Doch der Bundesverband Geothermie gehe von einer Lernkurve aus. Dabei hält er es auch für sinnvoll, wenn sich Stadtwerke untereinander mehr austauschen würden. Stattdessen habe er den Eindruck, dass Tiefengeothermieprojekte in manchen Fällen als eine Art Betriebsgeheimnis behandelt würden.
Doch mit dem Geothermiebeschleunigungsgesetz sei der Trend zur Nutzung der Technologie unterstützt worden, so Stanko. Insofern sei die politische Unterstützung ausreichend. Doch die insgesamt „erratische Energiepolitik“ sei „Gift“. Durch das geplante Gebäudemodernisierungsgesetz sei die Verunsicherung bei Hauseigentümer:innen und Stadtwerken gewachsen. Investitionen würden dadurch behindert.
Autor: Andreas Witt | www.solarserver.de © Solarthemen Media GmbH

Dieser Artikel ist original in der Ausgabe 7/2026 der Zeitschrift Energiekommune erschienen. Energiekommune ist der Infodienst für die lokale Energiewende. Er erscheint monatlich. Bestellen Sie jetzt ein kostenloses Probeabonnement mit drei aktuellen Ausgaben!