Interview mit Karin Rühling: „Die Solarthermie werden wir noch lange brauchen“

Zu sehen ist Karin Rühling, die den Fachbereich Wärmeversorgung der Professur für Gebäudeenergietechnik und Wärmeversorgung an der TU Dresden leitet und sich im Interview zur Kombination Solarthermie und Wärmepumpe äußert.Foto: privat
Dr.-Ing. Karin Rühling leitet den Fachbereich Wärmeversorgung der Professur für Gebäudeenergietechnik und Wärmeversorgung an der TU Dresden.
Anfang Mai, während des Solarthermie-Symposiums in Bad Staffelstein, hat Christian Maaß (Leiter der Abt. II im Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz), der per Zoom zugeschaltet war, den Stellenwert der Solarthermie aus der Sicht der Bundesregierung erläutert. Karin Rühling, die ihn damals befragte, nimmt dazu Stellung.

Frau Rühling, ist die Anforderung, dass jede neue Heizung, die ab dem 1. Januar 2024 eingebaut wird, zu 65 % durch erneuerbare Energien gespeist werden soll, realistisch?

Karin Rühling: Ich finde es sportlich. Für Ein- und Zweifamilienhäuser, die neu gebaut oder rekonstruiert werden, liegt die Luft-Wasser-Wärmepumpe nahe. Ob es aber gelingt, beim Neubau von Mehrfamilienhäusern diese Anforderung zu erfüllen, ist fraglich. Denn diesem Vorhaben sind Grenzen gesetzt durch die erforderlichen Volumenströme der Außeneinheiten inklusive der Beachtung der Geräuschentwicklung. Und in die Erde können wir nicht überall bohren, sodass auch die Sole-Wasser-Wärmepumpe nicht immer als Alternative in Frage kommt. In der Regel ist nicht genügend Fläche vorhanden, um die erforderliche Anzahl von Bohrungen zu setzen und Erdsonden zu installieren. Noch fraglicher wird es, wenn die 65-Prozent-Klausel auch auf die grundlegende Sanierung angewendet wird. Vor allem dann, wenn sich an der Wärmeverteilung im Haus noch nichts geändert hat. Es hat nicht viel Sinn, alten Systemen einfach neue Wärmeerzeuger aufzupfropfen.

Noch bis vor wenigen Jahren wurden Neubauten überwiegend mit Heizkörpern ausgerüstet, die eine hohe Vorlauftemperatur brauchen. Das würde den Strombedarf der Wärmepumpen in die Höhe treiben.

Rühling: Deshalb bietet sich als Alternative die Konstellation Biomasse und Solarthermie an. Aber auch dieser Lösung sind aufgrund der begrenzten Dachfläche der Mehrfamilienhäuser Grenzen gesetzt. Also wird man einfach große Photovoltaikanlagen auf den Mehrfamilienhäusern installieren und Mieterstrom realisieren. Dieser Strom wird aber vor allem die Hausgeräte versorgen und nichts zur Wärmewende beitragen, abgesehen vom Überschussstrom, der dann vielleicht in die Heizpatrone des Trinkwarmwasserspeichers fließt.

Solarthermie und Wärmepumpe sind eine ideale Kombination

Sie haben Herrn Maaß gefragt, ob wir es uns leisten können, die Solarthermie auszuschließen, wenn wir über die 65-Prozent-Hürde kommen wollen. Besteht die Gefahr, dass die Solarthermie in Zukunft überflüssig wird?

Rühling: Nein, eigentlich nicht. Denn im urbanen Bereich können wir aus den eben genannten Gründen nicht genügend Wärmepumpen einsetzen, um allein damit die Gebäude zu beheizen. Die Solarthermie bietet sich als Wärmequelle für die Wärmepumpe an. Das ist aus meiner Sicht die ideale Kombination, denn im Sommer kann die Wärmepumpe abgeschaltet werden und im Winter kann tagsüber genügend solare Wärme gespeichert werden, um in den Nachtstunden neben der direkten Nutzung als Wärmequelle die Wärmepumpe zu unterstützen.

Die Kombination von Solarthermie und Wärmepumpe wird aber selbst von der Solarthermiebranche nicht nachdrücklich gefordert. Und die Photovoltaik übt einen starken Konkurrenzdruck aus.

Rühling: Die Kombination Solarthermie und Wärmepumpe ebenso wie Solarthermie und Biomasse sind für mich ideale Kombinationen. Den Solarstrom sollten wir vorrangig für die Erzeugung von „wirklich grünem Wasserstoff“ verwenden. Die Solarthermie wird also nicht überflüssig. Wir werden sie noch lange brauchen. Aber es sind Anstrengungen erforderlich, um sich in Zukunft zu behaupten. Ein Selbstläufer wird es nicht.

Sie haben in Bad Staffelstein auch die vergegenständlichte Energie angesprochen, die in den installierten Gasthermen steckt. Wir haben Millionen von Gasbrennwertthermen, die nicht älter als zehn Jahre sind.

Rühling: Die Bundesregierung hat noch bis vor eineinhalb Jahren die Gasbrennwerttechnik gefördert, die jetzt eigentlich durch das 65-Prozent-Kriterium überflüssig wird. Es wäre nicht nur Vergeudung von Geld, sondern auch Vergeudung von vergegenständlichter Energie und von Materialien, wenn wir diese Gasbrennwertthermen jetzt verschrotten würden. Wir sollten sie durch die Kombination mit der Solarthermie ertüchtigen. Dann können wir den Übergang schaffen, dass diese Gasthermen noch einige Jahre lang zumindest mit einem Anteil erneuerbare Energie in Betrieb sind.

Gastherme mit Solarthermie eine sinnvolle Zwischenlösung

Die Kombination der Gastherme mit der Solarthermie wäre also eine sinnvolle Zwischenlösung?

Rühling: Ja. Auch Herr Maaß hat versprochen, darüber nachzudenken. Es ist eine Zwischenlösung, bis die Gastherme nachhaltig ersetzt werden kann entweder durch einen Biomassekessel oder durch eine Wärmepumpe. Oder durch eine Kombination aus Solarthermie, Wärmepumpe und Photovoltaik. Das sind Lösungen, die Schritt für Schritt durchgeführt werden können. Die Solarthermie erfordert relativ geringe Investitionen und braucht wenig Fläche. Dann können wir auch in die Bestandswohnungen zeitnah einen ersten erneuerbaren Energieanteil einbringen.

Gewinnen wir dadurch Zeit?

Rühling: Ja, denn wir können die Zeit und die verfügbaren finanziellen Mittel nutzen, um die Heizungssysteme zu ertüchtigen und entsprechende Niedertemperatur-Heizflächen einzubauen. Wenn wir nach einer Übergangszeit Wärmepumpen ergänzen, sind dann ganzjährig hohe Leistungszahlen möglich. Wenn wir es aber andersherum versuchen – also sofort Wärmepumpen einbauen, nur weil sie diese 65-Prozent-Anforderung erfüllen – dann erreichen wir wegen der „alten Heizkörper“ eine ganz schlechte Leistungszahl, vor allem im Winter. Solarthermie ist für den notwendigen Zwischenschritt erforderlich. Sie kann nach wie vor ihre Funktion in der Trinkwassererwärmung und der Heizungsunterstützung erfüllen. Trinkwarmwasserspeicher brauchen wir auch hinterher noch, und Heizungspufferspeicher benötigt jede Wärmepumpe. Das sind Investitionen in die Zukunft. Dazu kommt, dass die Solarthermie einen höheren Wirkungsgrad erreicht, wenn wir die Heizungsanlage in Richtung Niedertemperatur umgebaut haben.

Solarthermie für die Trinkwassererwärmung in Fernwärmenetzen

Was bedeutet das für die Investitionen, die geleistet werden müssen?

Rühling: Für Luft-Wasser-Wärmepumpen werden Preise zwischen 25.000 und 40.000 € aufgerufen. Davor werden viele zurückschrecken. Für eine Solarthermieanlage geht es ab etwa 5.000 € los. Herr Maaß hat auch unter diesem Preisaspekt und natürlich unter der Maßgabe Zwischenlösung für „junge“ Erdgas-Brennwertkessel gesagt, dass das Thema Solarthermie für ihn eine Herzenssache ist und dass er darüber nachdenken will. Wir werden ihn auf jeden Fall beim Wort nehmen. Natürlich bleiben wir offen für verschiedene Technologien, und natürlich soll die Solarthermie keinen Sonderbonus bekommen. Und was mir eine Herzenssache ist: Die Solarthermie für die Trinkwassererwärmung werden wir auch in Fernwärmenetzen noch finden. Denn die Fernwärmenetze können im Sommer nur mit immensen Verlusten betrieben werden. Besser wäre es teilweise, diese Fernwärmenetze im Sommer außer Betrieb zu setzen und sie autark mit solar erwärmtem Trinkwasser zu versorgen. Dann wird es noch einmal einen Schub für die Solarthermie geben.

In diesem Jahr fand das 32. Symposium Solarthermie und innovative Wärmesysteme im Kloster Banz unter der fachlichen Leitung von Dr. Karin Rühling von der TU Dresden statt.

Diesen Beitrag hat das Redaktionsteam des Solarthermie-Jahrbuchs verfasst. Sie können das Solarthermie-Jahrbuch unter diesem Link bestellen.

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