Solarthermie-Industrie: Täglicher Kampf ums Material

Industrieroboter setzt eine Glasscheibe als Frontabdeckung auf einen Solarthermie-KollektorFoto: Solvis
Nicht nur, aber auch Solarglas ist derzeit Mangelware in der Solarthermie-Industrie.
Weltweit ist die Logistik gestört, Lieferketten brechen zusammen. Auch Rohstoffe für die Produktion von Solarwärme-Kollektoren in Deutsch­land erhalten die Hersteller zurzeit nur mit Verzögerungen. Besonders schwierig gestaltet es sich, elektronische Komponenten, Speicher und Ausdehnungsgefäße für die Solarthermie-Anlage zu bekommen. Die Solarthemen-Redaktion hat sich bei Unternehmen der Solarthermie-Industrie in Deutschland umgehört.

„Es ist ein täglicher Kampf um die Beschaffung von Materialien“, so lautet eine der Stimmen, die die Solarthemen bei einer Befragung zur aktuellen Lage der Solarthermie-Industrie in Deutschland eingefangen haben. Hierzulande fertigt nach wie vor eine Reihe von Firmen Solarkollektoren und -absorber. Darunter befinden sich große Heiztechnikhersteller wie Bosch oder Wolf. Auch Viessmann produziert eigene Kollektoren, allerdings in einem Werk in Frankreich. Neben den großen Heiztechnik-Vollsortimentern gibt es auch mittelständische Spezialisten für Solarkollektoren bis hin zu ganz kleinen Unternehmen mit nur wenigen Mitarbeitern.

Die Solarthemen haben im Juni die deutschen Kollektorhersteller zum Thema Lieferketten befragt. Dabei scheinen die Unternehmen sehr unterschiedlich betroffen zu sein. Einige berichten von massiven Problemen, so wie der Vakuumröhrenspezialist FK Solartechnik, der derzeit kein Material erhält und nicht lieferfähig ist. Andere sind von vereinzelten Verzögerungen betroffen.

Vakuumröhren aus China

Besonders Vakuumröhrenhersteller haben es schwer, da die meisten ihre Vakuumröhren aus China beziehen. In Deutschland verarbeiten sie diese weiter zu Kollektoren. Da die gesamte Logistikkette derzeit nicht richtig funk­tio­niert, kann es vorkommen, dass die Röhren zwar in Deutsch­land ankommen; aber dann fehlt womöglich ein Lkw, um die Röhren in das Werk zu transportieren. So ist es zum Beispiel bei Bosch Thermotechnik schon vorgekommen.

Narva ist einer der wenigen Hersteller, die außerhalb Chinas Vakuumröhren für Solarkollektoren produzieren. Das Werk befindet sich im sächsischen Brand-Erbisdorf in der Nähe von Freiberg. Bei Narva ist die Lage entspannt: „Da wir auf west- und mitteleuropäische Lieferanten zurückgreifen, befinden wir uns gegenwärtig in einer sicheren Liefersituation“, sagt Entwicklungsingenieur Tom Beier.

Bei Kupfer für Solarabsorber schwanken die Lieferzeiten

Auch sind es sehr unterschiedliche Materialien, bei denen es zu Lieferschwierigkeiten kommt. Die beiden Absorberspezialisten Solab (eine Ausgründung von Solvis) und Ruperti Werkstätten beklagen Probleme beim Kupfer. „Beim Kupfer schwanken die Lieferzeiten sehr“, sagt Georg Wendlinger, Technischer Leiter der Ruperti Werkstätten. Auch Viessmann stellt Absorber her und hat laut Pressesprecher Wolfgang Rogatty beim Kupfer die größten Engpässe.

Verzögerungen bei der Absorberfertigung wirken sich innerhalb der Lieferkette der Solarthermie-Industrie unmittelbar aus. Wolf etwa produziert keine eigenen Absorber und ist von Zulieferungen abhängig. Wolf-Vertriebsleiter Torsten Müchler sagt, dass nicht nur Absorber, sondern sämtliche Materialien von Lieferverzögerungen betroffen seien. Mal sei es Glas, mal Aluminium und mal seien es eben die Absorber. Doch Müchler sagt auch: „Wir sind lieferfähig.“ Wenn es früher aber Lieferzeiten von nur zwei Arbeitstagen gegeben habe, müsse man heute mit Wochen, manchmal gar Monaten rech­nen. Das betreffe nicht nur Kollektoren, sondern alle Heiztechnikprodukte des Unternehmens.

Solarglas ist knapp

Der Hersteller von Solar-Luftkollektoren Gram­mer Solar hat besonders mit dem Nachschub an Glas zu kämpfen. „Am schwierigsten ist die Situation bei Solarglas. Teilweise auch bei Dämm- und Dichtstoffen“, sagt Rudolf Ettl, Leiter der Solarlufttechnik bei Grammer.

Hingegen gehört beim Hersteller Solar-Technologie-International (STI) das Dichtmaterial EPDM zur Mangelware, auch Rahmenprofile sind knapp. Und Solvis klagt über Probleme bei Halbzeugen wie Blechen oder Aluprofilen.

„Wir haben Ende 2021 genügend Aluminium geordert“, sagt Michael Ganslmeier, Geschäftsführer von Citrinsolar. „Aber der Zufluss ist nicht ganz so, wie er sein sollte.“ Besonders schwierig sei die Situation in der Speicherfertigung, einem weiteren Standbein von Citrin. Beim Stahl gibt es große Preisschwankungen. Das gelte sowohl für den normalen Stahl als auch für Edelstahl. Das mache die Fertigung „sehr schlecht planbar“, so Ganslmeier. Da es zurzeit eine sehr hohe Nachfrage nach Wärmespeichern gibt, verschärft das die Situation weiter.

Sogar Pappe und Paletten fehlen

Der Vakuumröhrenkollektor-Hersteller Ritter Energie- und Umwelttechnik steht ebenfalls vor der Herausforderung von Zulieferschwierigkeiten. „Das kann jedes Material sein, von Verpackungsmaterial über Produktionsmaterial bis hin zu Paletten. Es ändert sich laufend“, sagt Marketing-Referent Benjamin Buortmes.

Der Spezialist für Vakuum-Luftkollektoren Airwasol hat zwar laut Geschäftsführer Thorsten Siems keine Probleme, ausreichend Rohmaterial für die Kollektorfertigung zu bekommen. Fehlen würden aber Elektrokomponenten. Auch bei Bosch Thermotechnik sind Kabelbäume und Pumpen momentan ein viel größeres Problem. Das betrifft die Produktion von Frischwasserstationen und Wohnungsübergabestationen, die Bosch ebenfalls in Wettringen fertigt.

Akotec, ein Spezialist für Vakuumröhrenkollektoren, setzt Vakuumröhren von Narva ein. „Wir haben bisher keine Lieferschwierigkeiten. Wir bekommen alles“, sagt Geschäftsführerin Karin Sprenger. Das Unternehmen bietet aber nicht nur Solarkollektoren, sondern komplette Solarthermie-Anlage, an. Dazu ist Akotec auf den Zukauf von Speichern, Pumpengruppen und Ausdehnungsgefäßen angewiesen. Bei diesen Komponenten gebe es Wartezeiten von bis zu sechs Monaten, so Sprenger. Auch STI verkauft komplette Solaranlagen. Geschäftsführer Hendrik Stengel verweist darauf, dass auch Solarregler schwer zu bekommen sind.

Bei Thüsolar, einem kleinen Spezialisten unter anderem für Sonderformate, liegt der Engpass in der Fertigung derzeit ganz woanders: Geschäftsführer Jörg Thielicke sagt, dass er ausreichend Material hamstere. Allerdings hat er nicht genug Personal für die Fertigung seiner Solarkollektoren und Wärmespeicher.

Preise steigen

Bei alledem schnellen nicht nur die Lieferzeiten in die Höhe; auch die Preise ziehen deutlich an. Volker Wartusch, Geschäftsführer von Solab, gibt zum Beispiel an, dass die Solarabsorber des Unternehmens um 25 Prozent teurer geworden seien. Bei den Solarkollektoren wirke sich der Anstieg nicht ganz so stark aus. Die meisten Hersteller haben die Preise im Rahmen der Inflationsrate angepasst, bei einigen sind es aber auch zweistellige Steigerungen.

14.7.2022 | Autor: Jens Peter Meyer
© Solarthemen Media GmbH

Diesen Beitrag hat das Redaktionsteam des Solarthermie-Jahrbuchs verfasst. Sie können das Solarthermie-Jahrbuch unter diesem Link bestellen.

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