Holger Schneidewindt: Für Prosumer ist es oft zu komplex

Solarthemen: Sie haben nun 15 Jahre für die Verbraucherzentrale gearbeitet. Hat sich das für Sie im Rückblick gelohnt?
Holger Schneidewindt: Ja, auf jeden Fall. Ich hatte immer das Gefühl, bei der Verbraucherzentrale eine sinnvolle Arbeit zu leisten. Besonders spannend war der Bereich des Energierechts, den wir heute unter dem Begriff „Prosumer-Rechte“ verstehen. Als ich anfing, war dieser Bereich noch weitgehend unerforscht, ein fast unbestelltes Feld, und entwickelte sich schnell weiter. Die Bedeutung wuchs rasant, sowohl national als auch auf EU-Ebene. Es war eine großartige Gelegenheit, an einem so dynamischen Thema mitzuarbeiten.
Was waren in den letzten Jahren die wichtigsten Themen in diesem Bereich für Sie?
Ein zentrales Thema war definitiv die Rolle der Verbraucher als „aktive Verbraucher“, wie es in der EU-Erneuerbare-Energien-Richtlinie formuliert wurde. Verbraucher sind mit den Geräten und Technologien, die sie in ihren Haushalten nutzen, immer relevanter geworden. Sie erzeugen zum Beispiel Strom mit Photovoltaikanlagen. Aber sie können jetzt auch Flexibilitäten bieten, etwa durch das Steuern von Geräten wie Wärmepumpen oder Batteriespeichern. Diese Technologien sind nicht nur für den Endverbraucher von Interesse, sondern auch für den Gesetzgeber, die Regulierungsbehörden und Netzbetreiber. Dabei haben wir eine sehr weite Definition von Prosumern. Das sind nicht nur die Betreiber:innen von PV-Anlagen, sondern auch all jene, die ihre eigene Wärme erzeugen und mit einem Wärmespeicher über Flexibilität verfügen. Dies eröffnet viele interessante Geschäftsmodelle und rechtliche Fragestellungen, sei es im Bereich des Energierechts, aber auch bei Fragen zu Garantien und Verbraucherschutz.
Ist das Prosumieren in den letzten Jahren einfacher geworden? Wo gab es die größten Veränderungen?
Das ist eine spannende Frage. Es ist sicherlich günstiger geworden. Bei Photovoltaikanlagen und Batteriespeichern sind die Preise in den letzten Jahren deutlich gesunken. Andererseits gibt es bei Technologien wie der Wärmepumpe einen Preisanstieg, was den Einstieg für viele Verbraucher erschwert. Aber die Frage, ob es wirklich einfacher geworden ist, bezieht sich auch auf den regulatorischen Rahmen. Ein Beispiel ist §14a EnWG, also das Energiewirtschaftsgesetz. Der Paragraf soll die Integration steuerbarer Verbrauchseinrichtungen ins Stromnetz regeln. Hier gibt es gewisse Verpflichtungen, etwa zum Messen und zur Nachweisführung. Diese Prozesse sind schon sehr komplex. Viele Verbraucher, mich eingeschlossen, entscheiden sich daher, diese Technologien nicht zu stark zu vernetzen oder zu automatisieren, um keine unnötigen Komplikationen zu verursachen – besonders wenn es um die Messtechnik geht.
Was ist mit der Steuerbarkeit?
Das wird immer mehr zum Thema. Wir haben die Diskussion rund um Einspeisespitzen – etwa mit einem ängstlichen Blick auf Pfingsten 2025. Daraus leiten sich die Forderungen nach einer umfassenden Steuerung ab. Und das kann die Situation für Prosumer möglicherweise erschweren. Die steuerbaren Verbrauchseinrichtungen wie Wärmepumpen, Wallboxen und Batteriespeicher in Kombination mit PV-Anlagen sind in dem Zusammenhang schon wichtig. Sie sind Hoffnungsträger und Problembären in einem. Doch es gibt noch viele ungelöste Fragen. Und bei der aktuellen Diskussion über den Smart Meter Rollout und die praktische Umsetzung von § 14a EnWG zeigt sich, wie schwierig und verzögert die technische Realisierung ist. Ich halte das für unausgegoren. Der Austausch zwischen Installateuren, Hausbesitzern, Netzbe- treibern und Messstellenbetreibern ist derzeit nicht immer optimal, was den Installationsprozess erschwert.
Das klingt so, als ob die größte Hürde für Verbraucher, sich aktiv in diesem Bereich zu engagieren, die Komplexität ist. Ist diese vor allem rechtlicher oder technischer Natur?
Die Pflichten sind im Erneuerbare-Energien-Gesetz und im Energiewirtschaftsgesetz festgelegt. Es wird auch vorgegeben, dass die Umsetzung über ein intelligentes Messsystem erfolgen soll. Und die Steuerbox ist weitgehend durch die Anschlussbedingungen der Netzbetreiber geregelt. Es handelt sich also um rechtliche und regulatorische Anforderungen, die dann auch technisch umgesetzt werden müssen. Diese technische Umsetzung ist jedoch sehr anspruchsvoll. Ein Beispiel dafür ist das Zusammenspiel zwischen Messstellenbetreibern und Anschlussnehmern, das oft zu Problemen führt. Wenn der eine Partner nicht in der Lage ist, eine bestimmte Technik zu implementieren, wird der andere vorübergehend von den Pflichten befreit – aber das ist keine langfristige Lösung. Der rechtliche Rahmen ist für viele nicht einfach zu verstehen, vor allem, wenn man sich auch noch mit Zusatzdienstleistungen und Preisobergrenzen auseinandersetzt.
Hat sich mit dem Gesetz zum Neustart der Digitalisierung der Energiewende, dem GNDEW, viel verändert? Und was ist jetzt zu erwarten?
Das GND 1.0 hat in der Tat viele Änderungen mit sich gebracht. Und nun droht eine erneute Novelle, mit der noch mal sehr viel verändert werden könnte. Das würde auch die Prosumer betreffen. Es ist damit zu rechnen, dass dies bald nach der Bundestagswahl konkretisiert werden könnte, da die Netzbetreiber in diese Richtung lobbyieren. Ein entscheidendes Problem bleibt jedoch die Unsicherheit über die Rechtslage, die ja auch von allen erst mal verstanden sein muss. Es gibt viele Akteure, die bei der Installation von Prosumer-Anlagen zusammenarbeiten müssen – vom Installateur über den Netzbetreiber bis hin zum Messstellenbetreiber. Es bleibt eine Herausforderung, dass alle Beteiligten genau wissen, was zu tun ist und wie die Technik hinterherkommt.
Also ist die technische Umsetzung aktuell die größte Herausforderung bei Steuerung und Digitalisierung?
Ja, genau. Die Technik ist der Bottleneck. Die gesamte Steuerungskette zwischen den verschiedenen Beteiligten funktioniert noch nicht reibungslos. Hier gibt es viele Schnittstellenprobleme, und die technischen Anforderungen sind extrem hoch. Auch die Kommunikation zwischen den Systemen läuft nicht immer problemlos. Deshalb bleibt es sehr schwierig, diese komplexen Prozesse in die Praxis umzusetzen.
Was könnte man aus rechtlicher und politischer Sicht tun, um die Situation zu vereinfachen?
Das ist eine schwierige Frage. Deutschland hat sich entschieden, über das intelligente Messsystem zu steuern, was ein Alleinstellungsmerkmal im Vergleich zu anderen Ländern darstellt. Es geht bei uns nicht nur um das einfache Zählen von Strom, sondern auch um die Steuerung der Geräte über diese Hardware – und das ist eine enorme Herausforderung. Datenschutz und Kommunikationsanforderungen machen die Umsetzung noch schwieriger. Es gibt sicherlich auch alternative Ansätze, bei denen man beispielsweise direkt die Wechselrichter oder Wärmepumpen ansteuert und das intelligente Messsystem außen vor lässt. Doch diese Diskussion wird hierzulande nicht geführt. Und solange Deutschland an diesem speziellen Modell festhält, bleibt die Umsetzung sehr komplex, sowohl rechtlich als auch technisch. In der Theorie ist es der richtige Ansatz, aber ob er wirklich praktisch umsetzbar ist, bleibt fraglich. Es ist sehr frustrierend, dass es so schwerfällt, diese Herausforderungen zu überwinden.
Was sehen Sie für die Zukunft der Verbraucherzentrale und die Rolle Ihrer Kolleginnen und Kollegen in den nächsten 10 bis 15 Jahren?
Ich denke, die kommenden Jahre werden wirklich spannend. Vielleicht erleben wir es noch vor der Rente, dass wir sagen können, die Energiewende ist abgeschlossen – oder zumindest auf einem sehr guten Weg. Vielleicht haben wir dann ausreichend Wind- und Solarenergie in Deutschland, das europäische Stromnetz funktioniert gut, und vielleicht haben wir auch auf der Speicherseite Fortschritte gemacht – sei es mit industriellen Batteriespeichern oder Wasserstoff.
Aber noch gibt es viele Herausforderungen, die wir überwinden müssen. Ich fände es großartig, wenn wir in 10 bis 15 Jahren tatsächlich einen Großteil der Energiewende erfolgreich umgesetzt hätten. Heute sagen viele, wir seien auf der Zielgeraden, aber der Weg ist immer noch lang und die Herausforderungen bleiben spannend. Es gibt noch viele Stellschrauben, an denen gedreht werden muss – besonders im Bereich der Prosumer-Anlagen. Auch die Regelungen zu § 14a EnWG müssen noch weiterentwickelt werden.
Ein weiteres großes Thema werden die Stromtarife sein, vor allem die dynamischen Tarife, die momentan immer wieder diskutiert werden. Die Frage ist, ob sie sich wirklich durchsetzen oder ob nicht vielleicht weniger dynamische, aber variablere Tarife die bessere Lösung sind. Auch hier gibt es noch viele Fragen, die beantwortet werden müssen. Es bleibt spannend, und ich bin überzeugt, dass sich in den nächsten Jahren noch viele wichtige regulatorische Anpassungen ergeben werden, die die Verbraucherschützer unbedingt begleiten müssen.
Interview: Andreas Witt | © Solarthemen Media GmbH