Agri-PV für Industrie und Landwirtschaft: Nestlé nimmt „Cow-PV“-Anlage in Biessenhofen in Betrieb

Auf dem Foto sind beigebraune Kühe liegend auf einer Wiese zu sehen, im Vordergrund unscharf Löwenzahnblüten, im Hinter eine Freiflächen-PV-Anlage.Foto: Nestlé Deutschland
Weidefläche der Agri-PV-Anlage in Biessenhofen: Die aufgeständerten Module ermöglichen die parallele Nutzung für Stromerzeugung und Landwirtschaft gemäß DIN SPEC 91434.
Die Nestlé Deutschland AG nutzt nun eine Agri-Photovoltaik-Anlage mit 4,5 MWp Leistung. Das Projekt kombiniert Stromerzeugung, Weidewirtschaft und industrielle Wärmewende. Der Solarstrom wird vor Ort für Wärmepumpen und Produktionsprozesse genutzt.

Agri-PV als Baustein der industriellen Energiewende

Am Nestlé Nutrition Werk in Biessenhofen ist eine Agri-Photovoltaik-Anlage (Agri-PV) mit einer installierten Leistung von 4,5 Megawattpeak (MWp) in Betrieb gegangen. Umgesetzt wurde das Projekt gemeinsam mit BayWa r.e. und dem lokalen Bio-Landwirtschaftsbetrieb.

Die Anlage umfasst rund 7.800 PV-Module auf einer Fläche von 4,74 Hektar und ist direkt an das Werk angebunden. Nach Angaben des Unternehmens kann sie etwa 25 Prozent des Strombedarfs des Standorts decken. Das entspricht in etwa dem Jahresstromverbrauch von 2.000 Einfamilienhaushalten. Überschüsse werden ins öffentliche Netz eingespeist.

Die Kombination aus Eigenstromversorgung und Elektrifizierung ist Teil einer umfassenderen Strategie: Neben der PV-Erzeugung setzt der Standort verstärkt auf industrielle Wärmepumpen und die Nutzung von Abwärme. Ziel ist es, fossile Energieträger – insbesondere Erdgas – schrittweise zu ersetzen.

Technische Auslegung: PV-Integration in die Landwirtschaft

Die Besonderheit der Anlage liegt in der Doppelnutzung der Fläche. Die Module sind in etwa zwei Metern Höhe montiert, sodass die Fläche weiterhin als Kuhweide genutzt werden kann. Gleichzeitig profitieren die Tiere von Verschattung und Witterungsschutz. Der Reihenabstand von 3,30 Metern ermöglicht auch den Einsatz landwirtschaftlicher Maschinen. Die Anlage erfüllt somit die Anforderungen der DIN SPEC 91434, die die landwirtschaftliche Hauptnutzung bei Agri-PV definiert.

Parallel wurde ein neuer Stall mit automatisierter Melktechnik errichtet. Die Kombination aus Weidehaltung und digital gesteuertem Stallbetrieb soll eine effiziente Bewirtschaftung bei gleichzeitiger Einhaltung von Tierwohlstandards ermöglichen.

Wärmepumpen und Abwärmenutzung im industriellen Maßstab

Ein zentraler Aspekt des Projekts ist die Kopplung der PV-Anlage mit der Wärmewende am Standort. Bereits seit 2024 ist eine industrielle Wärmepumpe in Betrieb, die Prozessabwärme nutzt und über ein internes Wärmenetz Wasser mit rund 60 Grad Celsius (°C) bereitstellt. Weitere Wärmepumpen für höhere Temperaturbereiche (bis 90 °C) sowie zusätzliche Speicher und Kälteanlagen sind geplant. Zwei Wärmespeicher mit jeweils 100 Kubikmetern Kapazität sorgen für Flexibilität im Betrieb.

Nach Unternehmensangaben lassen sich mit den ersten beiden installierten Wärmepumpen jährlich mehr als 3.000 Tonnen CO₂ einsparen. Der Einsatz von lokal erzeugtem Solarstrom erhöht dabei die Effizienz und reduziert die Abhängigkeit von externen Energiebezügen.

Erste Betriebsergebnisse: Eigenverbrauch und Netzeinspeisung

Bereits im Testbetrieb zeigt die Anlage messbare Effekte: Im März konnten rund 14 Prozent des Strombedarfs des Werks durch die PV-Anlage gedeckt werden – trotz saisonal geringer Einstrahlung und gedrosseltem Betrieb.

Die Kombination aus Eigenverbrauch und Netzeinspeisung entspricht aktuellen Trends im industriellen PV-Ausbau. Laut Branchenanalysen gewinnt die direkte Stromnutzung vor Ort zunehmend an Bedeutung, insbesondere angesichts volatiler Strompreise und steigender Anforderungen an Versorgungssicherheit.

Markteinordnung: Agri-PV gewinnt an Bedeutung

Agri-Photovoltaik gilt als wachsender Teilmarkt innerhalb der Photovoltaik. Studien wie die vom Fraunhofer-Institut Solare Energiesysteme ISE sehen für Agri-PV in Deutschland ein Potenzial im mehreren hundert Gigawatt-Bereich, selbst bei restriktiver Flächenauswahl.

Für Industrieunternehmen bietet das Konzept zusätzliche Vorteile: Flächen in Werksnähe können energetisch genutzt werden, während gleichzeitig Akzeptanz bei landwirtschaftlichen Partnern entsteht. Voraussetzung bleiben jedoch klare regulatorische Rahmenbedingungen, insbesondere beim Netzanschluss und der Flächenbewertung.

Fazit und Ausblick

Das Projekt in Biessenhofen zeigt, wie sich Agri-PV, industrielle Eigenversorgung und Wärmepumpentechnologie kombinieren lassen. Für energieintensive Standorte kann dieses Modell zur Reduktion von Emissionen und Energiekosten beitragen.

Ob sich solche Konzepte breit durchsetzen, hängt jedoch von wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und Genehmigungsprozessen ab. Mit zunehmender Elektrifizierung der Industrie dürfte die Nachfrage nach lokal erzeugtem Solarstrom weiter steigen.

Quelle: Nestlé Deutschland AG | www.solarserver.de © Solarthemen Media GmbH

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