KI-Rechenzentren im Rhein-Main-Gebiet: Energiehunger trifft auf Widerstand

Das Foto zeigt den Blick auf die Server eines Rechenzentrums mit Fokus in die Mitte des Bildes und Unschärfe links und rechts.Foto: Evgen3D / stock.adobe.com
KI-Rechenzentren verschlingen enorme Strommengen – und befeuern die Debatte um neue Erdgaskraftwerke.
Im Rhein-Main-Gebiet entstehen gerade riesige neue Rechenzentren für KI-Anwendungen – doch ihre Energieversorgung ist umstritten. Da die Stromnetze den enormen Bedarf kaum decken können, setzen Betreiber auf eigene Erdgaskraftwerke. Die stoßen jedoch zunehmend auf Bürgerproteste und erste Ablehnungen in Kommunalparlamenten. Welche Alternativen gibt es – und welche Rolle können erneuerbare Energien spielen? Ein Gastbeitrag von Hans-Josef Fell.

Bürgerproteste in Maintal: Betreiber stoppt das Projekt

Nach Bürgerprotesten hat der US-Betreiber EdgeConneX den Bau eines Erdgaskraftwerks zum Betrieb eines Rechenzentrums in Maintal bei Frankfurt am Main vorläufig gestoppt. Das Unternehmen wolle das Projekt nicht gegen den Widerstand der Bevölkerung und der Stadtverordnetenversammlung durchsetzen.

Die lautstarken Proteste während der Stadtverordnetenversammlungen richteten sich nicht gegen das Rechenzentrum selbst, sondern gegen die Dimension des Projekts sowie gegen das Erdgaskraftwerk mit einer Leistung von 170 Megawatt. Dieses sollte errichtet werden, um die Stromversorgung bis zum Anschluss an das Stromnetz im Jahr 2037 sicherzustellen.

Die Anwohner und der Gemeinderat kritisieren die Dimension des Kraftwerks, die CO₂-Emissionen sowie die Giftemissionen aus dem Schornstein, die ihre Gesundheit erheblich belasten könnten. So soll das Erdgaskraftwerk jährlich 600.000 Tonnen CO₂ ausstoßen und eine Leistung von 170 Megawatt haben. Der örtliche Netzbetreiber sieht für solch riesige Anschlussleistung derzeit keine Anschlussmöglichkeit an das Stromnetz, weshalb der Betreiber ein eigenes Kraftwerk plant.

Die Tageshöchstlast im Netzgebiet der Stadt Frankfurt am Main liegt im Sommer bei über 850 Megawatt (MW). Damit würde allein dieses Rechenzentrum in Maintal eine massive Zunahme des Strombedarfs in der Region bedeuten. Rechenzentren machen Schätzungen zufolge bereits heute rund 40 % des Frankfurter Stromverbrauchs aus.

Auch Groß-Gerau lehnt Erdgaskraftwerk ab

EdgeConneX will auch in Groß-Gerau ein Rechenzentrum und ein ähnliches großes Erdgaskraftwerk mit einer Leistung von 120 Megawatt plus Ersatzdieselgeneratoren bauen. Auch die Stadtverordnetenversammlung von Groß-Gerau südlich von Frankfurt am Main hat dieses Projekt mit ähnlichen Gründen wie in Maintal abgelehnt.

In Groß-Gerau wurden von der Bürgerinitiative zudem die zusätzliche Hitzebelastung der Umgebung sowie weitere Argumente genannt.

Burghausen: Biogas statt fossiles Erdgas

Auch im niederbayerischen Burghausen am Standort von Wacker Chemie AG gibt es Diskussionen über die zwei im Gespräch befindlichen neuen Erdgaskraftwerke, die im Rahmen der von Ministerin Reiche angestrebten Erdgasausschreibungen dort entstehen könnten. Am 28. April 2026 luden die Grünen zu einer Veranstaltung „Biogas statt fossiles Erdgas“ ein. Als Referenten wurden Walter Danner, ein Biolandwirt, Ökologe und Betreiber von Biogasanlagen, und ich eingeladen.

Thematisiert habe ich in Burghausen die gesundheitlichen Auswirkungen der Erdgaskraftwerke auf die Bevölkerung, aber auch ihre schädlichen Wirkungen auf das Klima der Erde und die Abhängigkeiten von Erdgaslieferungen aus autokratischen Regimen.

Erdgaskraftwerke sind für Anwohner eine hohe Gesundheitsbelastung

Bei der Verbrennung von Erdgas entstehen Stickoxide (NOₓ), die Vorläufer von Smog sind, sowie geringe Mengen an Schwefel, Quecksilber und Feinstaub. Auch wenn die Emissionen geringer sind als bei Kohlekraftwerken, belasten sie dennoch die Gesundheit der Anwohner erheblich.

Laut dem Environmental Defence Fund (EDF) aus den USA emittieren Gasturbinen zudem gefährliche Luftschadstoffe. Diese umfassen 188 Schadstoffe, die bekanntermaßen unter anderem Krebs, neurologische Schäden, Nierenschäden und Fortpflanzungsschäden verursachen können. Besonders schädlich sind diese Luftschadstoffe für Säuglinge und Kleinkinder, die durch die Belastung Hirnschäden und Entwicklungsstörungen erleiden können.

Zu den gefährlichen Luftschadstoffen, die von Gasturbinen freigesetzt werden, gehören Formaldehyd, polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), Benzol, Toluol, Xylole und weitere. Die toxikologische Bewertung von Formaldehyd, einem dieser Schadstoffe, stellt fest, dass dessen Einatmen beim Menschen Krebs verursachen kann (PDF) und dass die Exposition zu Auswirkungen von Atemnot und Bronchitis bis hin zu Reproduktions- und Entwicklungstoxizität und noch schwerwiegenderen Folgen führen kann. Die nationale Bewertung der Luftschadstoffe der US-Behörde gibt an, dass etwa die Hälfte des landesweiten durchschnittlichen Krebsrisikos (PDF) durch das Einatmen von Luftschadstoffen auf Formaldehyd zurückzuführen ist. Die „Chemical Exposure Action Map“, ein separates Kartierungsprojekt des EDF, zeigt, wie Gemeinden in den gesamten Vereinigten Staaten kumulativ gefährlichen Schadstoffen aus verschiedenen Quellen ausgesetzt sind.

Erdgas verantwortet Todesfälle – Erneuerbare Energien kaum

Dass die Emissionen aus fossilen Energieerzeugungen erhebliche vorzeitige Todesfälle verursachen, ist bekannt. Erdgas emittiert zwar weniger Luftschadstoffe als Kohle oder Erdöl, dennoch sind die Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit enorm und massiv schlimmer als die von Erneuerbaren Energien. In Bezug auf die Klimawirkungen ist Erdgas mindestens so schädlich wie Kohle und Erdöl.

Am besten wird dies im Vergleich der vorzeitigen Todesfälle aufgrund der Nutzung der verschiedenen Energiequellen deutlich, wie sie Tech for Future aufgelistet hat.

Die Todesopfer pro erzeugter Terawattstunde Elektrizität durch Unfälle und Luftverschmutzung – ohne Klimaerwärmung sind demnach:

• 32,72 Tote durch Braunkohle
• 24,62 Tote durch Steinkohle
• 18,40 Tote durch Erdöl
• 4,63 Tote durch Biomasse
• 2,80 Tote durch Erdgas
• 0,04 Tote durch Windkraft
• 0,02 Tote durch Wasserkraft
• 0,02 Tote durch Solarenergie
• 0,02 Tote durch Geothermie
• 0,01 Tote durch Kernkraft

Noch deutlicher werden die schlimmen Auswirkungen, wenn die Toten durch Klimaerwärmung (Hitzewellen, Extremwetter u.a.) dazu gezählt werden:

Todesopfer pro Terawattstunde inklusive Klimaerwärmung:

  • 293 Tote/TWh durch Braunkohle
  • 205 Tote/TWh durch Steinkohle
  • 199 Tote/TWh durch Erdöl
  • 188 Tote/TWh durch Erdgas
  • 57 Tote/TWh durch Biomasse
  • 17 Tote/TWh durch Solar
  • 9 Tote/TWh durch Geothermie
  • 6 Tote/TWh durch Wasserkraft
  • 4 Tote/TWh durch Windkraft
  • 3 Tote/TWh durch Kernkraft

Die Untersuchung rechnet hier die Emissionen aus fossiler Herstellungsenergie für Anlagen für Erneuerbare Energien ein. Diese werden zunehmend in vielen Fabriken, vor allem in China, emissionsfrei hergestellt, wodurch die ohnehin bereits geringen, durch Erneuerbare Energien verursachten Todesfälle infolge von Klimaauswirkungen in den kommenden Jahren weiter abnehmen werden.

Insgesamt zeigen diese Untersuchungen aber, dass der Betrieb und der Neubau auch von Erdgaskraftwerken alleine aus Gründen des Gesundheitsschutzes unverantwortlich ist.

Erdgaskraftwerke zementieren gefährliche Energieabhängigkeiten

Aber auch aus ökonomischen und sicherheitspolitischen Gründen ist die Energieabhängigkeit von autokratisch regierten Ländern, insbesondere auch den USA, sehr gefährlich.

Das Institute for Energy Economics and Financial Analysis (IEEFA) stellte gerade in seinem neuesten Bericht erschreckende Abhängigkeiten insbesondere bei Flüssigerdgas (LNG) fest:

„Europa wird im Jahr 2026 zwei Drittel seiner LNG-Importe aus den USA beziehen, da die Abhängigkeit zunimmt. Die IEEFA prognostiziert, dass die EU bis 2028 80 % ihrer LNG-Importe aus den USA beziehen könnte. Europas Abhängigkeit von LNG gefährdet die Energiesicherheit und hat die Länder hohen Gaspreisen und neuen Formen von Versorgungsengpässen ausgesetzt. Die europäischen Importe von russischem LNG erreichten in den ersten drei Monaten des Jahres 2026 einen Quartalsrekord. Russland bleibt der zweitgrößte LNG-Lieferant der EU.“

Deutschland droht also die nächste Energiekrise, wenn Präsident Trump in seiner bekannten willkürlichen Art und seinen Wutreaktionen Deutschland oder der EU die LNG-Lieferungen abstellen will, so wie es einst Putin mit den russischen Erdgaslieferungen über Pipelines machte.

Bundeskabinett beschließt neue Erdgaskraftwerke mit 10 Gigawatt Leistung

Es ist also gesundheitlich wie auch aus Sicherheitsgründen unverantwortlich, neue Erdgaskraftwerke auszuschreiben, wie es das Bundeskabinett gerade beschlossen hat. Diese sind zudem sehr teuer. Fünf Milliarden Euro pro Jahr dürften die neuen Gaskraftwerke laut DIHK kosten. Bezahlen sollen das die Stromkunden über eine Umlage. Laut DIHK könnte der Strompreis dafür um 2 Cent/kWh steigen.

Dass die Bundesregierung aus Union und SPD den Entwurf zur Kraftwerksstrategie (StromVG) von Ministerin Reiche fast unverändert beschlossen hat, ist nicht verantwortbar. Es gibt genug Alternativen wie Batteriespeicher, Biogasanlagen, Wasserkraftanlagen und weitere. Diese wären kostengünstiger, gesundheitsschonender, mit heimischen Energien versorgt und damit krisensicher. Diese Alternativen werden aber, wenn der Kabinettsbeschluss tatsächlich Gesetz wird, wegen hoher bürokratischer Anforderungen gegenüber den Erdgaskraftwerken nicht zum Zuge kommen.

Gesundheitsministerin Warken schweigt zum Neubau krankmachender Erdgaskraftwerke

Händeringend sucht die Bundesregierung unter Ministerin Warken nach einer Reform der Gesundheitsfinanzierung. Sie findet nur Ansätze, die die Versicherten und Unternehmen finanziell höher belasten, bei gleichzeitigem Verringern der Leistungen. In solchen Denkmustern kann es keine Lösungen geben.

Lösungen kann es nur geben, wenn es weniger Kranke gibt und nicht, wenn man nur die Gelder zur Finanzierung der Krankenkassen und öffentlichen Kassen umschichtet. Doch Ministerin Warken hat kein Veto gegen die Pläne ihrer Kabinettskollegin Reiche eingelegt, um krankmachende neue Erdgaskraftwerke zu verhindern. Sie trägt damit die Verantwortung dafür, dass es keine Gesundheitspolitik gibt, die darauf ausgerichtet ist, die Gesunderhaltung der Bevölkerung zu verbessern. Sie wird damit den davongaloppierenden Krankheitskosten einen weiteren Schub geben.

Alternativen zu Erdgas: Atomkraft oder Erneuerbare Energien?

Atomkraftwerke, wie sie z. B. Google für Rechenzentren in den USA anstrebt, sind keine Alternative. Sie sind zu teuer, brauchen für Planung und Bau viele Jahre, sind potenziell sehr gefährliche Terroristenziele, verschärfen die ungelöste Atommüllentsorgungsfrage und sind zudem gesundheitsschädlich.

Die Gesundheitsgefahren von Atomkraft wurden gerade in einer neuen Studie aus den USA aufgezeigt: Das Leben in der Nähe von Atomkraftwerken ist dort mit einer höheren Krebssterblichkeit verbunden.

Erneuerbare Energien für Rechenzentren?

Der Entwickler der beiden größten Projekte für Erneuerbare Energien in Australien kündigte gerade an, extrem günstige Stromangebote für Rechenzentren zu Preisen von unter 50 US-Dollar/MWh anzubieten – weniger als die Hälfte des Preises vergleichbarer Angebote und viermal günstiger als Erdgas.

Natürlich hat Australien mit den weiten Wüstenflächen vor allem im Westen optimale Bedingungen für die Erzeugung riesiger kostengünstiger Mengen Solar- und Windstrom – versorgungssicher gemacht mit Batterien. Damit kann Deutschland nicht mithalten. Doch der billige Preis von nur einem Viertel gegenüber Erdgasstrom lässt aufhorchen. Es sollten sich auch hier Anbieter von Erneuerbaren Energien Gedanken machen, ob und wie man mit Erneuerbaren Energien billiger als Erdgasstrom die Rechenzentren beliefern könnte.

Bürgerproteste als Chance gegen neue Erdgaskraftwerke

Die Beispiele Maintal und Groß-Gerau zeigen, dass sich bürgerlicher Protest lohnen kann, um die aberwitzigen Erdgaspläne von Ministerin Reiche und den US-Techgiganten zu durchkreuzen. Ich kann nur empfehlen, dass sich überall, wo solche neuen Erdgaskraftwerke in ersten Vorschlägen auftauchen, bürgerliche Protestbewegungen formieren und die Gemeinden ihr Veto einlegen. Allein der Gesundheitsschutz der Bevölkerung ist Grund genug.

Noch ist die im Bundeskabinett beschlossene Kraftwerksstrategie (StromVG) zur Ausschreibung von neuen Erdgaskraftwerken nicht im Bundestag und Bundesrat verabschiedet. Auch dort formieren sich Widerstände. Je früher sich Bürgerproteste vor Ort in den Gemeinden gegen Planungen für neue Erdgaskraftwerke formieren, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie verhindert werden können und saubere, billigere Alternativen mit Erneuerbaren Energien zum Zuge kommen. Die Bürgerproteste im hessischen Groß-Gerau und Maintal sollten uns Ansporn sein.

Über den Autor
Hans-Josef Fell ist Präsident der Energy Watch Group, ein unabhängiges, gemeinnütziges, globales Netzwerk von Wissenschaftler:innen und Parlamentarier:innen, das er 2006 gegründet hat. Er war 1998 bis 2013 MdB für Bündnis/Die Grünen und ist Mit-Autor des Entwurfs des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) von 2000.

Quelle: Hans-Josef Fell | www.solarserver.de © Solarthemen Media GmbH

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