EU-Debatte über chinesische Wechselrichter verschärft Diskussion um Cybersicherheit

Das Bild zeigt einen Mensch mit Kapuze vor vier Bildschirmen, mit Rücken zum Betrachter, vor leuchtenden, holographischen Symbolen, alles in Blautönen.Illustration: Massimo-Torado / stock.adobe.com
Mit der Digitalisierung der Energiewirtschaft wachsen die Anforderungen an Cybersicherheit und den Schutz kritischer Infrastruktur.
Steigende Modulpreise, geopolitische Spannungen und neue Vorgaben zur Cybersicherheit prägen derzeit den Photovoltaik-Markt. Die Diskussion um mögliche Einschränkungen chinesischer Hardware in europäischen Energieprojekten wirft Fragen zu Versorgungssicherheit, Marktpreisen und KRITIS-Schutz auf. Marktkommentar von Martin Schachinger.

Cybersicherheit bei Photovoltaik-Anlagen

Dass es nicht ratsam ist, Photovoltaik-Anlagen und andere Energieerzeuger offen und ohne Sicherheitsvorkehrungen über das Internet zu überwachen und zu steuern, ist uns allen schon lange klar. Andererseits müssen diese Erzeuger – wie auch große Verbraucher – innerhalb der Netzinfrastruktur im Sinne der Netzstabilität zunehmend regel- und zur Not abschaltbar sein, auch das dürfte Konsens sein. Allein die Maßnahmen, die zum Thema Cybersecurity und Schutz der kritischen Infrastruktur, abgekürzt KRITIS, zu ergreifen sind, sollten nicht vorschnell, sondern nach reiflicher Überlegung und fach- und sachdienlicher Prüfung festgelegt werden.

PV-Komponenten und Preisentwicklung

Zunächst aber ein Blick auf die Preisentwicklung der Komponenten einer Photovoltaik-Anlage, die noch nicht im Fokus von Datenschützern und Cyberkriminalität stehen, zumindest solange keine abschaltbaren Moduloptimierer an einem ungeschützten Gateway im Spiel sind.

Nach wie vor klettern die Preise von Solarmodulen in beinahe allen Kategorien jeden Monat ein paar Prozentpunkte nach oben, so auch im Mai wieder. Insbesondere sind hier die hohen Leistungsklassen betroffen, deren Produktionsoutput begrenzt scheint. Vielleicht hat man sich auch zu viel versprochen von der Effizienzsteigerung durch neue Zellformate und -technologien. Der Kunde erwartet nun im Dachsegment Leistungen nahe der 500-Watt-Grenze. Diese Produkte sind aber nicht in beliebiger Menge verfügbar. Den Rest regeln Angebot und Nachfrage – die Preise für hocheffiziente Module steigen. Mittlerweile haben sie das Niveau, welches ich im Januar bereits prognostiziert hatte, sogar übertroffen – wenngleich einen Monat später als erwartet.

Nachfrage und internationale Marktfaktoren

Man fragt sich nun, wie lange das Spiel noch weitergehen kann. Die Nachfrage zumindest in Deutschland geht gegenüber dem Vormonat bereits zurück und liegt insgesamt in den ersten 4 Monaten des Jahres etwa 12 Prozent unter der Nachfrage im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Nun ist Deutschland schon lange nicht mehr ausschlaggebend für die Preisentwicklung von Solartechnik im internationalen Umfeld. Ob sich der Trend noch bis weit in den Sommer hält oder bald umkehrt, hängt maßgeblich von der Entwicklung an den internationalen Krisenherden und der damit verbundenen Energiepreissteigerung ab. Entspannt sich die Lage dort, entspannen sich auch die Produktions- und Transportpreise.

EU-Fördermittel und chinesische Wechselrichter

Etwas, das den aufsteigenden Preistrend in dem weitestgehend von chinesischen Erzeugnissen geprägten Photovoltaik-Markt auch längerfristig umkehren könnte, ist der Ausschluss dieser Produkte aus europäischen Großprojekten. Natürlich würde sich diese Einschränkung nur im globalen Umfeld senkend auf die Preise auswirken. Lokal hätten wir mangels preiswerter Alternativen mit einem deutlichen Preisanstieg bei der Hardware zu kämpfen. Allein diese Tatsache sollte schon gehörig zu denken geben und alternative Konzepte herbeiführen. Genau gesagt handelt es sich auch nicht um ein generelles Verbot, aber die Finanzierung durch den Einsatz von EU-Fördermitteln wird bei Projekten mit Wechselrichtern solcher Anbieter blockiert.

Kritische Infrastruktur und Blackout-Risiken

Es tauchen im Zusammenhang mit dem Ausschluss chinesischer Hardware nun viele Fragen auf, allen voran: Handelt es sich um einen sinnvollen Schritt oder ist es eher eine Panikreaktion und weit über’s Ziel hinausgeschossen? 

Die chinesischen Hersteller sind natürlich alles andere als begeistert – deren Regierung drohte der EU bereits mit Gegenreaktionen bis hin zu einem Handelskrieg. Es lägen überhaupt keine Beweise für ein Gefährdungspotenzial durch chinesische Hard- und Software vor, war die Antwort. Freilich ist das Ganze sehr hypothetisch, aber im Hinblick auf die erwiesenermaßen wackligen Allianzen im internationalen Wettstreit der Großmächte dürfen wir auch nicht naiv sein und die Augen vor potenziellen Gefahren verschließen. Die Möglichkeit, über einen von innen oder außen initiierten großflächigen Blackout ins Chaos gestürzt zu werden, ist bei zunehmend dezentraler Energieversorgung durch viele Millionen Erzeugungsanlagen in Europa real vorhanden, Abwehrstrategien sind zu entwickeln.

NIS-2-Richtlinie und KRITIS-Anforderungen

In diesen Zusammenhang gehört auch die Die NIS-2-Richtlinie, ein EU-Gesetz zur Cybersicherheit. Sie verpflichtet Unternehmen und Institutionen in kritischen Sektoren zu hohen Sicherheitsstandards, strengen Risikomanagementmaßnahmen und umfangreichen Meldepflichten bei Cybervorfällen. In Deutschland sind bereits mehr als tausend KRITIS-Betreiber registriert. Mit der NIS-2-Novellierung steigt die Anzahl betroffener Unternehmen auf über 30.000 und betrifft damit große Teile der gesamten deutschen Wirtschaft, nicht nur der (Erneuerbaren-) Energiewirtschaft.

Standards für steuerbare Hardwarekomponenten

Der deutsche Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) fordert daher, die Resilienz und den Schutz kritischer Infrastrukturen deutlich zu stärken. Ob ein kategorischer Ausschluss außereuropäischer Hardware aber das Mittel zum Zweck sein kann, wage ich stark zu bezweifeln. Der Schritt der EU scheint eher wieder Klientelpolitik zu sein. Auf Druck der Energieriesen kann darüber ein besserer Schutz der etablierten Monopolstrukturen aufgebaut, die weitere Verbreitung preiswerter dezentraler Lösungen eingedämmt werden. Die heimische Photovoltaik-Industrie schützt man damit zumindest nur halbherzig, denn die ist auch auf chinesische Bauteile angewiesen. 

Solche extremen Maßnahmen sind ein Schnellschuss, da man sich wohl nicht mit der ganzen Komplexität des Themas beschäftigen will – einer, der aber nach hinten losgeht. Auch in europäischen Wechselrichtern ließen sich Bauteile zur schädlichen Kommunikation nach außen verstecken. Auch deutsche Energiemanagement-Software ist nicht unbedingt besser vor Hackerangriffen geschützt als chinesische. Was erarbeitet werden muss, sind allgemein anzuwendende Software-Standards für in Frage kommende Systeme, sowie entsprechende Dokumentationspflichten und zusätzliche Zertifizierungen für die steuerbaren Hardwarekomponenten. Diese Normen existieren schon in weiten Teilen und können flächendeckend angewendet werden, ohne dass Produkte aus gewissen Regionen der Welt ausgegrenzt werden müssen.

Über den Autor
Martin Schachinger ist studierter Elektroingenieur und seit mehr als 30 Jahren im Bereich Photovoltaik und regenerative Energien aktiv. 2004 machte er sich selbständig und gründete die Online-Handelsplattform pvXchange.com.

Quelle: Martin Schachinger / pvXchange.com | www.solarserver.de © Solarthemen Media GmbH

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