Solarthemen: 30 Jahre Journalismus zu erneuerbaren Energien

Zwei Portraitbilder links und rechts von Andreas Witt und Guido Bröer. In der Mitte ein Ausschnitt vom Titelbild der Solarthemen-Ausgabe 600, 30 Jahre nach Start des Medienprojektes.Fotos: Corinna Dammeyer (l.) und Ingmar Heinemann (r.)
Andreas Witt (links) und Guido Bröer (rechts) haben gemeinsam vor 30 Jahren im Juni 1996 die Solarthemen gegründet. Jetzt ist die 600. Ausgabe erschienen.
In dieser Woche ist die 600. Ausgabe der Solarthemen erschienen - 30 Jahre nach Gründung des Informationsdienstes im Juni 1996. Wie die beiden Journalisten und Gründer Andreas Witt und Guido Bröer ihre Arbeit sehen, beantworten sie im Interview mit Wencke Meckenstock.

Anfang 1996 kaufen sich zwei Diplomjournalisten in Dortmund ein teures Layoutprogramm, kontaktieren einen Grafiker und fangen an, eine Zeitschrift zu planen. Die erste Bewährungsprobe kommt früh: Auf der Messe Renergie, die im Juni 1996 in Hamm stattfand, bringen Guido Bröer und Andreas Witt eine erste achtseitige Probeausgabe heraus und begleiten anschließend das Messegeschehen mit täglichen Vierseitern. Interviews tagsüber, Texten abends, und ein ungeduldiger Drucker, der kurz nach Mitternacht die Druckdatei für den nächsten Morgen abholt. Ihr selbst gesetztes Ziel: 100 Abonnent:innen, um weiterzumachen. Sie erreichen etwa 30 – aber genug Zuspruch, um nicht aufzuhören. „100 Leute haben uns auf die Schulter geklopft”, sagt Guido Bröer. „Das hat uns am Ende gereicht.”

Die erste reguläre Ausgabe der Solarthemen erscheint dann im Oktober 1996. Die Redaktion sitzt im Dort­mun­der Union-Gewerbehof, die Aboverwaltung program­miert Bröer selbst, eingetütet wird per Hand – einmal stellen sie ihr Auto quer vor einen Post-Lkw, der gerade ohne ihre Zeitschriften losfahren will. Später zieht die Redaktion ins gemeinsam gekaufte Haus nach Bad Oeynhausen, Babyphones auf dem Schreibtisch, dann in eine alte Textilfabrik, schließlich in eine ehemalige Löhner Kneipe, die versteigert wird. Dort sitzen sie bis heute – ohne Zapfanlage. Dreißig Jahre und 600 Ausgaben später sprechen Bröer und Witt über Visionen und Rückschläge, über Journalismus zwischen Haltung und Neutralität, über eine Branche, die die Welt verändert hat.

Journalismus für eine Nische

Guido Bröer: Wir haben erneuerbare Energien ernst genommen, weil es damals Leute gab, die Visionen hatten. Einer davon war Hermann Scheer, SPD-Politiker und später Träger des Alternativen Nobelpreises. Andreas hatte Ende der 80er Jahre ein Praktikum bei ihm gemacht. Von daher waren wir vertraut mit der Community, die schon damals sagte: Langfristig wird die Welt nur mit 100 Prozent erneuerbaren Energien funktionieren.

Andreas Witt: Und es gab tatsächlich bereits eine aufkommende Branche – nicht nur Photovoltaik, sondern auch Windenergie und Solarthermie. Wir haben für unsere Geschäftsidee ein paar Puzzleteile zusammengesteckt: unser journalistisches Handwerk und das Wissen, dass es in anderen Branchen längst Informationsdienste gab, was bei den Erneuerbaren fehlte. Uns war wichtig, dass die Branche eine möglichst objektive Darstellung der Entwicklungen erhält. Das macht die Solarthemen aus – damals wie heute.

Witt: Mir war immer klar, dass erneuerbare Energien eine wichtige Rolle einnehmen werden. Ich bin aus jenem Praktikum bei dem von Scheer gegründeten Verein Eurosolar gegangen mit der Auffassung: Ich will Journalismus machen, keine Vereinsarbeit. Meine positive Haltung kann man Aktivismus nennen – aber du kannst trotzdem eine journalistische Haltung zu deiner Arbeit haben. Der Erneuerbare-Energien-Branche hilft es nicht, wenn du nur durch ihre eigene Brille schreibst.

Bröer: In meiner Diplomarbeit hatte ich mich intensiv mit der Rolle von Journalisten auseinandergesetzt. Ei­n Journalismus, dem alles egal ist – im Sinne einer Pseudoneutralität –, damit konnte ich nie etwas anfangen, der gleitet leicht ins Zynische ab. Es gibt Werte, die ein Journalist unterschreiben sollte: ein Bekenntnis zur Demokratie, zu einer intakten Umwelt, zum Erhalt der Lebensgrundlagen. Vor diesem Hintergrund ist es für mich absolut akzeptabel, Teil einer Bewegung zu sein. Entscheidend ist, dass man nicht zum Sprachrohr wird.

Berichterstattung zu erneuerbaren Energien

Bröer: Das Neue muss sich immer noch rechtfertigen dafür, dass es neu ist – das Alte wird zu wenig hinterfragt. Wenn man Dinge wertfrei nebeneinander stellt, Aussage neben Gegenaussage, in einem falsch verstandenen journalistischen Verständnis des Raushalten-Wollens, hat man einen Teil seines Jobs nicht getan. Bei unseren Lesern können wir davon ausgehen, dass sie vieles selbstständig einordnen können. Fachmedien sind für mich wie Lokaljournalismus: Du berichtest für eine überschaubare Community, die jederzeit an der Realität überprüfen kann, ob Du Blödsinn schreibst. Alle unsere Leser sind ja auf ihrem jeweiligen Gebiet viel schlauer als wir. Wir helfen ihnen aber, den Überblick zu behalten und up to date zu bleiben.

Witt: Wobei unsere Leserschaft nie nur in eine Richtung gedacht hat. Wir hatten insbesondere in den frühen Jahren aus dem ganzen politischen Spektrum Leser, die uns regelmäßig gelesen haben. Manchmal bekamen wir die Rückmeldung: „Bei euch erfahre ich, was unser Koalitionspartner so denkt” – weil wir mit allen gesprochen und über alle Positionen berichtet haben.

Bröer: Auch große Energieversorger waren früh unter den Abonnenten, damals machten die ja teils noch Front gegen die Energiewende.

Bedeutung der Photovoltaik-Industrie

Bröer: Man muss differenzieren. Während in den Jahren nach 2011 die PV-Pleitewelle durch Deutsch­land rollte, wurden gleichzeitig enor­me Kapazitäten in China aufgebaut. Weltweit war das kein Rückschlag für die Solarindustrie, sondern eine enorme Boomphase, die bis heute anhält.

Witt: Die politischen Entscheidungen haben beschleunigt, dass Produktionskapazitäten nach China abgewandert sind. China hat seine Unternehmen massiv subventioniert – mit günstigen Krediten und heimischen Ab­satz­märkten. Hierzulande wurden zugleich die Einspeisevergütungen stark gesenkt, mit dem Argument, die Chinesen könnten ja billiger produzieren. Das hat die hiesige Industrie auf Dauer nicht überlebt. Was Europa verpasst hat, war eine konsequente Industriepolitik auf der Produktionsseite.

Witt: Die haben wir jetzt. Etwa 90 Prozent der weltweiten PV-Produktion liegt in China – bei Zellen und Wafern wahrscheinlich noch mehr. Ähnliches gilt für Batterien. Auf europäischer Ebene sind die Ziele formuliert, der Green Deal soll die Resilienz stärken. Aber realisiert werden müssten solche Industrieprogramme über die Mitgliedsländer. Und da passiert wenig.

Kommunen als Motoren der Energiewende

Witt: Kommunen waren immer wichtig. Nehmen wir meine Heimatstadt Bad Oeynhausen: Schon seit den 90ern gibt es einen Energieberater für kommunale Gebäude. Es hängt oft vom Engagement Einzelner ab. In den Kommunen, wo Menschen sich besonders einsetzen, kommt die Energiewende schneller voran. Das betrifft heute weniger die Photovoltaik, die eine individuelle Entscheidung von Hauseigentümer:innen ist. Es betrifft eher neue, kapitalintensive Wärmetechnologien wie Tiefengeothermie oder Flusswasserwärmepumpen – dort entscheidet die Haltung vor Ort.

Bröer: Energie ist seit der industriellen Revolution ein kommunales Thema – Stromnetz, Stadtgas, Fernwärme haben sich aus lokalen Inseln entwickelt. Mit der Konzessionsvergabe verdienen Kommunen Geld und auch ihre Stadtwerke machen im Energiesektor Gewinne. Erst mit der kommunalen Wärmeplanung scheint mir aber das Bewusstsein zu wachsen, dass Energie auch eine Aufgabe der kommunalen Daseinsvorsorge ist. Und was ich für eine wirklich neue Betrachtungsweise halte, ist die Frage kommunaler Wertschöpfung: Wenn ich meine Energie in der Region selbst erzeuge, statt Geld für importierte Brenn- und Kraftstoffe abfließen zu lassen, schafft das Arbeitsplätze und hält den Wertschöpfungskreislauf lokal. Das ist über den Klimaschutz hinaus ein starkes Argument – das aber noch nicht bei allen Bürgermeistern wirklich angekommen ist.

Bröer: Zumindest ist das Potenzial zur Demokratisierung da aufgrund des dezentralen Charakters der Erneuerbaren. Ob es immer so läuft, steht auf einem anderen Blatt. Auch mit erneuerbaren Energien lässt sich – ich sage mal ein böses Wort – Energiekolonialismus betreiben: wenn Großprojekte vor Ort stehen, aber nur auswärts Geld damit verdient wird. Der Gesetzgeber hat sich Ausgleichsmechanismen ausgedacht, Umverteilung von Gewerbesteuern, Abgaben aus Windpark-Erlösen. Aber das müsste nicht sein, wenn das Eigentum vor Ort läge.

Witt: Stadtwerke, die den Wärmesektor erschließen wollen, haben keine klaren Rahmenbedingungen mehr. Die Debatte ums Gebäudeenergiegesetz hat viel Unsicherheit erzeugt. Da­zu kommt ein Finanzierungsproblem: Die Bundesförderung für effiziente Wärmenetze läuft schleppend. Gerade für Newcomer ist das schwierig.

Bröer: Für Handwerker ist ein großes Problem die immer komplexer werdende Energiewelt. Hausbesitzer erwarten Beratung – zu Photovoltaik, Batteriespeicher, E-Mobilität, Wärmepumpe, Energiemanagementsystem. Früher musste man als Installateur die Funktionsweise einer Solarthermieanlage erklären oder vorrechnen, wie sich eine PV-Anlage in 20 Jahren amortisiert. Heute ändern sich die Rahmenbedingungen schnell und das Zusammenspiel der Systeme ist kompliziert.

Unabhängigkeit als wichtiges Ziel

Witt: Wir haben mit den Solarthemen als komplett werbefreiem Produkt begonnen – finanziert allein durch Abonnenten. Anzeigen kamen später. Unser Grundsatz war: Wir machen unser journalistisches Produkt, und wer damit seine Zielgruppe erreichen will, kann gerne bei uns werben. Wir haben uns aber nicht vor deren Karren spannen lassen. Es gab immer wieder Unternehmen, die sagten: Wir schalten eine Anzeige, wenn ihr den und den Artikel schreibt. Das haben wir nicht gemacht.

Bröer: Dass ein Verlag von Journalisten geführt wird, ist im Medienbereich selten. Das ist aber vielleicht auch das Geheimnis, warum wir heute 30 Jahre feiern und manche ehemalige Mitbewerber nicht. Unser Abonnentenstamm ist stabiler als Anzeigenerlöse. In unserer fluktuierenden Branche sind Marketingbudgets extrem volatil.

Bröer: Erstens die Sektorenkopplung – das Zusammenwachsen von Strom, Wärme, Mobilität.

Witt: Zweitens die weitere Kostendegression: Die Lernkurven bei erneuerbaren Technologien folgen einem Pfad, den Wissenschaftler lange vorhergesagt haben – und der läuft weiter nach unten, auch wenn falsch gesetzte Rahmenbedingungen das erschweren könnten.

Bröer: Dazu passt der alte Spruch, dass die Steinzeit nicht aus Mangel an Steinen zu Ende gegangen ist. Ja, die Energiewende hat inzwischen eine Eigendynamik. Aber die Widerstände aus dem fossilen Energiesektor sollte man auch heute nicht unterschätzen.

Witt: Das hat private Gründe. Aber manchmal ist es auch gut, sich nicht nur in der Hauptstadt-Bubble zu bewegen. Als wir von Dortmund hierher zogen, lag das auf halber Strecke zwischen Bonn und Berlin – was damals noch eine Rolle spielte. Energiepolitik findet auch heute nicht nur in Berlin statt, sondern auch etwa in Düsseldorf und Brüssel – und wir liegen dazwischen. Und das A & O für gute journalistische Arbeit – Kommunikation – lässt sich auf vielen Kanälen organisieren.

Interview: Wencke Meckenstock| www.solarserver.de © Solarthemen Media GmbH

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