Hitzewellen in Mitteleuropa: Warum Unternehmen ihr Energiemanagement neu denken müssen
Foto: Luise ReichertDie anhaltenden Hitzewellen in Mitteleuropa machen sichtbar, was Fachleute seit Jahren beobachten: Der Klimawandel hat direkte und spürbare Auswirkungen auf das Stromsystem und damit auf Versorgungssicherheit, Preise und den Energieeinsatz in Unternehmen. Sie verändern, wann und wie viel Strom erzeugt wird, wie stark Netze belastet werden und wie Unternehmen ihr Energiemanagement betreiben.
„Wir sehen, dass Hitzeperioden nicht nur eine Frage des Wetters sind, sondern zu einem relevanten Faktor für Energieerzeugung, Netzauslastung und Stromverbrauch werden“, sagt Roland Kuras, Geschäftsführer der österreichischen Power Solution Energieberatung GmbH. Für Unternehmen bedeutet das: Energiemanagement wird komplexer, eröffnet aber auch neue Chancen, wenn man Daten, Flexibilität und Effizienz zusammen denkt.
Klimawandel verstärkt Volatilität im gesamten Stromsystem
Der Klimawandel wirkt sich auf diverse Energieträger aus, von fossilen über Erneuerbare. Ein Beispiel: Wasserkraft ist die zentrale Erzeugungsquelle in Österreich. Im Jahr 2025 hat sie über 50 Prozent der Bruttostromerzeugung ausgemacht. Weniger Niederschlag, schmelzende Gletscher und trocken-heiße Sommer führen jedoch dazu, dass Wasserkraftwerke zeitweise weniger Energie liefern. So lag im Juli 2026 die Wasserkraftproduktion um rund 40 Prozent unter dem Vorjahreswert. Gleichzeitig stoßen aber auch fossile Kraftwerke in Hitzewellen an Grenzen, etwa wenn Kühlwasser in geringeren Mengen zur Verfügung steht.
„Das bedeutet nicht, dass wir eine Schwächung der Erneuerbaren sehen, sondern eine höhere Sensibilität des Gesamtsystems gegenüber Wetterextremen“, ordnet Kuras ein. „Die erneuerbaren Energien sind und bleiben das wesentliche Instrument für die Energiewende und das Rückgrat der Stromversorgung in Österreich. Aber wir müssen besser verstehen, wie sich Erzeugung und Verbrauch unter Klimaveränderungen verschieben und wie wir damit umgehen.“
Breiter Energiemix, europäische Kooperation und Flexibilität als Antwort
Steigende Volatilität in der Stromerzeugung, ein deutlich wachsender Strombedarf und veränderte Lastprofile etwa durch mehr Klimatisierung in Hitzewellen, stellen das Energiesystem vor neue Anforderungen. Gleichzeitig werden Verbrauchsspitzen schwerer planbar und der Ausgleich zwischen Erzeugung und Nachfrage wird zur zentralen Systemaufgabe.
Reagieren lässt sich darauf mit drei Bausteinen: Einem breiten, gut abgestimmten Energiemix, europäischer Kooperation und mehr Flexibilität im System. Ein diversifizierter Mix aus Wasserkraft, Windkraft und Photovoltaik nutzt unterschiedliche Erzeugungsprofile und reduziert Abhängigkeiten von einzelnen Quellen. Das europäische Verbundnetz hilft, regionale Schwankungen auszugleichen und Versorgungssicherheit gemeinsam abzusichern. Und Flexibilität, etwa durch Speicher, von Batteriesystemen über Pumpspeicher bis zu thermischen Speichern, sowie durch flexible Verbraucher, entkoppelt Erzeugung und Verbrauch zeitlich und entlastet Netze in Spitzenzeiten.
„Die gute Nachricht ist: Wir kennen die Bausteine eines stabilen, erneuerbaren Energiesystems: Wasser, Wind, Photovoltaik, Speicher sowie starke Verbund- und Verteilnetze“, so Kuras. „Die Herausforderung liegt heute weniger in der Technik, sondern in der Koordination und im Umgang mit Volatilität.“
Energiemanagement im Unternehmen: Komplexer, aber chancenreich
Was sich im Gesamtsystem zeigt, spüren Unternehmen direkt in ihrem Energiemanagement. Es geht nicht mehr nur um den Arbeitspreis pro Kilowattstunde, sondern um eine Reihe von zusammenhängenden Faktoren. Grundsätzlich gliedern sich Energiekosten dabei in drei Bereiche: Marktpreis, Netzkosten sowie Abgaben und Steuern. Besonders die Netzkosten gewinnen an Bedeutung, weil neben der verbrauchten Energiemenge zunehmend auch Leistungsbereitstellung, Lastspitzen und netzdienliches Verhalten berücksichtigt werden.
„Unternehmen, die Energie weiterhin als fixe Kostenposition behandeln, lassen wesentliche Gestaltungsspielräume liegen“, sagt Kuras. „Wer Lastprofile kennt, Flexibilitäten identifiziert und auf Preis- und Netzsignale reagiert, kann Kosten senken und Risiken reduzieren, ohne die Versorgungssicherheit zu gefährden.“
Ein Beispiel für solche Spielräume ist der Sommer-Nieder-Arbeitspreis der E-Control: Wenn Unternehmen Verbräuche in Zeiten mit geringerer Netzbelastung und niedrigerem Arbeitspreis verlagern, können sie von reduzierten Netzentgelten – derzeit nur auf Netzebene 7 – profitieren. Künftig werden dynamischere Tarife und stärker ausdifferenzierte Netzentgelte weitere Anreize für flexibles und netzdienliches Verhalten setzen.
Hitze, Kühlung und Effizienz: Gebäude als wichtiger Hebel
Hitzewellen verändern auch die Verbrauchsstrukturen in Unternehmen. Klimatisierung und Kühlung gewinnen an Bedeutung, Lastspitzen verschieben sich in die heißesten Stunden des Tages. Neben effizienter Kälteerzeugung rücken klassische, oft unterschätzte Maßnahmen in den Vordergrund: Verschattungsanlagen, baulicher Sonnenschutz und thermische Speicherkonzepte können verhindern, dass sich Gebäude stark aufheizen und reduzieren so den Strombedarf für Kühlung.
„Jede Kilowattstunde, die durch kluge Gebäudekonzepte gar nicht erst benötigt wird, entlastet das Unternehmen, das Netz und damit unser Energiesystem“, sagt Kuras. „Man muss das Rad nicht neu erfinden: Thermische Speicher, Eisspeicher oder simple Verschattungsmaßnahmen sind keine neuen Erfindungen, aber sie gewinnen unter den Bedingungen des Klimawandels an strategischer Bedeutung.“
Daten als Ankerpunkt für Entscheidungen
Zentrale Voraussetzung für all diese Ansätze ist eine belastbare Datengrundlage. Unternehmen müssen wissen, wann, wo und wofür sie Energie verbrauchen, wie sich Lasten verteilen und wie stark äußere Faktoren wie das Wetter diese beeinflussen. Ohne gut aufbereitete Energiedaten bleiben viele Potenziale ungenutzt.
Für Unternehmen gilt also: Energiedaten gut aufbereiten, vorausschauend planen und flexibel bleiben. Also Lastgänge, Spitzen und Temperaturabhängigkeiten transparent machen, Szenarien für Verbrauch und Tarife entwickeln und technische wie organisatorische Flexibilitäten aktiv nutzen.
„Klimawandel und Energiewende nehmen Unternehmen nicht die Verantwortung ab, sondern erhöhen den Steuerungsbedarf“, so Kuras. „Wer seine Energiedaten im Griff hat, kann Volatilität nicht nur aushalten, sondern aktiv nutzen. Für geringere Kosten, mehr Versorgungssicherheit und einen nachhaltigen Beitrag zum Klimaschutz.“
Quelle: Power Solution | solarserver.de © Solarthemen Media GmbH